Pleite, Pannen und gar nicht so viel Pech im Borussia-Park

1.Bundesliga, 15. Spieltag / Mönchengladbach 4 BVB 2

Frühes Gegentor – check! Standard-Gegentor – check! Noch ein frühes Gegentor? Ja, wirklich – check! Ausgerechnet im Borussen-Duell, ausgerechnet am letzten Spieltag vor der langen Winterpause, liefert der BVB eine Pannen-Parade ab, in der viele saisontypische Schwächen nochmal kulminieren. Und dabei gelingt den Schwarz-Gelben sogar das erste Liga-Tor nach einer Ecke!

Die Borussia startete nicht schläfrig, worauf Julian Brandt nach der Partie zurecht hinwies. Vielmehr flogen die schwarz-gelben Jungs regelrecht aus den Startblöcken, pressten mit fünf, sechs Mann hoch in der gegnerischen Hälfte und ließen die Gastgeber nicht zur Entfaltung kommen – für vier Minuten. Nach bereits zwei Dortmunder Abschlüssen war es der buchstäblich erste Gladbacher Angriff, der zum 1:0 führte. Logisch, dass die beiden Ex-Dortmunder Julian Weigl und Jonas Hofmann die Verantwortlichen waren. Mit präzisen langen Pässen und gutem Laufweg überspielten sie die aufgerückte Hintermannschaft und Hofmann traf ins linke Eck.

Missglückte Taktik des BVB

Es sollte nicht die einzige Szene dieser Art bleiben. Die Spielidee des BVB war wohl, die auch nicht immer sattelfeste Gladbacher Defensive von Beginn an zu stressen und auf ein frühes Tor zu drängen. Das hat der Borussia in der Vergangenheit ja schon öfter gut getan. Nur bedeutete das teils wirklich intensive, frühe Pressing, dass die eigene Abwehrreihe schnell selbst einem Stresstest ausgesetzt wurde, wenn die Gastgeber sich mal freispielen konnten. Was ihnen im Verlauf der ersten Hälfte zunehmend besser gelang. Im schnellen Rückzug ist Dortmund häufig unsortiert und anfällig für Fehler – das nutzten die Gladbacher immer wieder gut aus.

Objektiv gesehen war die erste Halbzeit ein aufregendes, sehr gut anzuschauendes Fußballspiel. Ein Moment von hoher Qualität führte in der 19. Minute zum Ausgleich. Jude Bellingham fand mit einem präzisen langen Ball hinter die Abwehr Julian Brandt, der nach toller Ballmitnahme das 1:1 machte. Natürlich Bellingham und Brandt – momentan die beiden einzigen echten Lichtblicke unter den Feldspielern.

Der Spielstand hielt nicht lange. Sieben Minuten später bekam Gladbach einen Freistoß von rechts unweit des Strafraums zugesprochen. Hofmann flankte auf den Kopf des starken Bensebaini, der ja angeblich im Fokus des BVB steht, und der trifft zum 2:1. Das 3:1 ein paar Minuten später war dann wieder ein klassischer Konter, ein Alleingang von Thuram, bei dem Schlotterbeck als letzter Verteidiger den falschen Laufweg wählte und so nichts mehr ausrichten konnte. Man muss es klar sagen: Es war ein rabenschwarzer Tag für die Dortmunder Viererkette. Vor allem für das Duo in der Innenverteidigung, den nicht für die WM nominierten Mats Hummels und den nominierten Schlotterbeck, wobei ihnen die Kollegen Süle und Guerreiro außen auch wenig halfen.

Spaß trotz Rückstand in Halbzeit 1

Andererseits ließen sich die Schwarz-Gelben vom Zwei-Tore-Rückstand in der ersten Halbzeit nie entmutigen, drängten weiter nach vorne und die Gladbacher phasenweise hinten rein. Und die wahre Borussia kam zu Chancen, scheiterte aber an Jan Olschowsky, dem dritten Keeper der Gastgeber, und am eigenen Unvermögen. Trotzdem gelang letztlich ein Abschluss der ersten 45 Minuten, der Hoffnung machte: das schon angesprochene erste Tor nach einer Ecke. Nico Schlotterbeck, sonst einer der größten Underperformer in Hälfte 1, traf, nachdem Olschowsky den Kopfball von Süle in seine Richtung abgewehrt hatte.

Trotz der drei Gegentore zuvor war es eher die zweite Hälfte, die dem BVB zu denken geben muss. Nachdem man Ähnliches schon zu Beginn der Partie erlebt hatte, dauerte es nun nur 40 Sekunden, bis es wieder hinter dem am Ergebnis weitestgehend schuldlosen Kobel klingelte. Koné durfte aus gut 16 Metern ungestört abziehen; eine Traube von Schwarz-Gelben versperrte Kobel die Sicht, so dass dieser nicht rechtzeitig runter und ins lange Eck kam. Der schwarz-gelben Defensive fehlte es gestern an Ordnung, Konsequenz, Schnelligkeit – also an so ziemlich allem, was gegen die starke Gladbacher Offensive nötig gewesen wäre.

Genauso bedenklich ist, was danach noch kam – nicht mehr viel vom BVB. Der Schock über den erneuten frühen Gegentreffer schien tief zu sitzen. Bei immer noch reichlichem eigenen Ballbesitz fiel den Gästen nur noch wenig Kreatives ein. Der Wechsel zur zweiten Halbzeit – Hazard für Reyna – verpuffte komplett, ebenso wie alle späteren Einwechslungen. Die Gladbacher hatten dagegen noch einige Gelegenheiten und einmal sogar den Ball im Netz – nach VAR-Eingriff wurde das Tor aber zurückgenommen, weil Thuram Hummels im Laufduell am Fuß getroffen hatte.

Daten sind die halbe Wahrheit

Den Daten nach hätte die schwarz-gelbe Borussia diese Partie nicht verlieren müssen. Viele der wesentlichen Offensiv-Statistiken sprechen für den BVB – die erzielten Tore nicht. An die Gäste geht etwa die Expected Goals-Wertung: 2,64:3,68. Doch schon zur Pause stand man hier bei 2,95. Der Rest des Wertes ergab sich aus einer einzigen Szene: Modestes gehaltener Schuss aus kürzester Distanz nach einer Ecke in der 65. Minute. Schwarz-Gelb führte auch bei der Zahl der Torschüsse (11:19). Davon kamen zehn aufs Tor, vier mehr als bei Gladbach. Fotmob verzeichnete sechs Großchancen für den BVB, womit die Gäste ebenfalls vorn lagen.

Es ist also letztendlich genauso eine Niederlage der Offensive wie der Defensive – und eine Niederlage, die erst durch die zweite Hälfte richtig schmerzhaft wurde. Es fehlt vorne wie hinten, an Kreativität wie letztlich auch an Drive. Dass eine eher verteidigende Mannschaft mehr läuft als der Gegner ist normal – aber darf der Unterschied wirklich knapp 9,5 Kilometer betragen wie gestern (118,72:109,26 km)? Und sollte man wirklich mit einer Taktik des teilweise extremen Pressens in ein Spiel gegen ein Team mit richtig schnellen und fähigen Offensivkräften gehen? Wir müssen noch mehr reden – über dieses Spiel wie über die gesamte Hinserie. In den nächsten Tagen hier – wie mit Sicherheit auch anderswo.

Die Aufstellung: Kobel – Süle, Hummels (78. Papadopoulos), Schlotterbeck (59. Modeste), Guerreiro – Bellingham, Can (59. Özcan) – Reyna (46. Hazard), Brandt, Malen (71. Adeyemi) – Moukoko. Gelbe Karten: Hummels, Guerreiro. Tore: Brandt, Schlotterbeck

Ein Kommentar zu „Pleite, Pannen und gar nicht so viel Pech im Borussia-Park

  1. Ich bin sehr gespannt auf die weitere Analyse. Bei mir macht sich mittlerweile Ernüchterung breit. Die Pause durch die WM kommt da gerade recht.

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