Was war denn da los? Gedanken zur BVB-Hinrunde

Nennen wir es nicht Analyse! Es wäre für einen mehr oder weniger Außenstehenden anmaßend zu behaupten, man könne diese wechselhafte, aber zum Ende hin doch enttäuschende Hinserie 2022/23 vollständig erklären. Besonders skeptisch bin ich gegenüber zum Monokausalen tendierenden Ansätzen: Es lag nicht nur am Trainer, nicht nur am Haaland-Weggang, nicht nur an den Herren Watzke oder Sammer. Hilfreich ist eher, Konstanten und Kontinuitäten über die generell inkonstante Saison hinweg aufzudecken – oder sogar saisonübergreifend.

Trainer und Taktik

Es ist der älteste Reflex im modernen Fußball: Läuft es für einen Club schlecht und bringen Startelf-Variationen keine schnellen Erfolge, wird das am Trainer festgemacht. Selten ganz zu Unrecht, doch genauso selten lassen sich die Fehler des Trainers zu einer hinreichenden Erklärung zusammenfügen. Wer jetzt schon wieder Edin Terzic loswerden möchte, sollte sich bewusst machen, dass auch unter den Trainern Favre und Rose keine Konstanz beim BVB herrschte. Es gab bei jedem der drei letzten Dortmunder Trainer Phasen und Aspekte, die besser waren als bei den anderen, und es gab eher schwierige Momente.

Edin Terzic kommt in dieser Saison auf einen Punkteschnitt von 1,74 über alle Wettbewerbe; in seiner ersten Amtszeit lag der Wert bei glatt 2. Für Marco Rose stehen 1,85 Punkte zu Buche, für Lucien Favre 2,01. Letzterer Wert erinnert uns an die guten Zeiten unter dem Schweizer, ehe die Ergebnisse im letzten Halbjahr zu unbeständig wurden. Ich bin ein Freund davon, Trainer – wie alle anderen am Fußball Beteiligten – an den Ergebnissen zu messen, da wir trotz aller Medien zu wenig von der Arbeit und der vereinsinternen Situation jenseits des Spieltags mitbekommen, um daraus Schlüsse zu ziehen. Die Unterschiede bei der Punkteausbeute der drei Genannten sind allerdings zu gering, um einen von ihnen zum besten BVB-Trainer der letzten Jahre zu küren. Schließlich darf man die Fluktuationen im Kader und auf der Verletztenliste auch nicht ganz außer Acht lassen.

Was sich sagen lässt: Edin Terzic hat den BVB in dieser Saison nicht verbessert. Er ist mit derselben Punktzahl wie Marco Rose im Gegensatz zu diesem in der Champions League weitergekommen. Allerdings ohne peinliche Pleiten und in einer auf dem Papier etwas schwereren Gruppe. In der Bundesliga steht die Borussia mit Platz 6 und 25 Punkten schlechter da als nach 15 Spieltagen unter Rose (Platz 2, 31 Punkte). Der größte, auf den ersten Blick auffällige, Unterschied: die Zahl der erzielten Tore. In der letzten Spielzeit waren es zu diesem Zeitpunkt in der Liga 36, jetzt 25 (Gegentore: 23, nun 21). Nun hatte der BVB 2021/22 Erling Haaland unter Vertrag. Der konnte wegen zweier Verletzungen zwar nur an neun der ersten 15 Ligaspiele mitwirken, erzielte in diesen Partien jedoch elf Tore und bereitete fünf weitere vor. In der Champions League waren es drei eigene Treffer in drei Partien, im Pokal vier in zwei.

Es ist also schwer, die Bedeutung von Haaland für Roses Dortmund zu überschätzen – und völlig klar, dass Edin Terzic nicht die gleichen Möglichkeiten im Sturm hat. Spätestens mit der Erkrankung von Sebastien Haller war vorauszusehen, dass die Borussia massive Probleme haben würde, eine ähnliche Torgefährlichkeit auszustrahlen wie letzte Saison – trotz aller sonstigen Talente in der Offensive.

Terzic hat seine Aufstellungen variiert – manchmal erzwungenermaßen, manchmal aus taktischen oder Leistungsgründen. Fragwürdiger schienen gelegentlich seine Wechsel während einer Partie. Womit wir bei den Fragezeichen wären, die man durchaus hinter einige Aspekte der Arbeit des Trainers setzen muss. Zwar schien Terzic eine präferierte Spielweise zu haben, basierend auf viel Ballbesitz und schnellem Rückgewinn bei Verlust des Spielgeräts. Das dafür charakteristische frühe Anlaufen und hohe Stehen gelang aber nicht immer oder führte zu Schwierigkeiten in der Rückwärtsbewegung. Der Trainer schaffte es auch nicht, mit taktischen Kniffen für mehr Kreativität in der Offensive zu sorgen. Dortmunder Angriffe kamen zu häufig durchs Zentrum und waren letztlich zu sehr von individueller Qualität und Fehlern des Gegners abhängig – was es vor allem gegen starke Gegner mit starken Trainern schwierig machte.

In meinen Augen wäre es zu harsch, von einem fehlenden „Plan B“ oder fehlenden Matchplänen gegen einzelne Teams zu sprechen. Es lief nicht immer alles gleich unter Terzic und nicht immer alles gut. Ein taktisches Genie scheint er jedenfalls nicht zu sein. Die Frage, ob die Mannschaft in den schlechteren Partien nicht die richtigen Vorgaben bekam oder von einem vereinbarten, vielleicht sinnvollen Matchplan abwich, lässt sich nicht seriös beantworten. Sicher entsprachen die Vorgaben des Trainers nicht dem, was die schwarz-gelben Jungs in Leipzig, an der Alten Försterei oder in Wolfsburg zeigten. Aber natürlich können wir als Fans nicht beantworten, wie gut umsetzbar die Taktik von Terzic und seinem Team in den jeweiligen Begegnungen war. Generell würde mich in diesem Zusammenhang die Rolle von Peter Hermann interessieren, der ja wegen seiner großen Erfahrung geholt worden ist. Wie viel hat er eigentlich zu sagen, wie viel Einfluss nimmt er auf die Trainingsarbeit und aufs Spielgeschehen? Man hört wenig von ihm und über ihn.

Mannschaft, Kader und die M-Frage

Es gibt Spieler, die Edin Terzic besser gemacht hat oder die unter ihm zumindest ihr Niveau steigern konnten. Das ist nicht unbedingt das Gleiche. Julian Brandt floriert unter Terzic, hat Aspekte seines Spiels verändert (weniger einfache Fehlpässe, mehr Defensivarbeit, mehr Durchsetzungsvermögen offensiv) und wurde neben Jude Bellingham zum Dreh- und Angelpunkt des Dortmunder Spiels nach vorne. Youssoufa Moukoko, ein unbestreitbares Talent, hat vor allem von der Spielpraxis profitiert, die ihm der Trainer gegeben hat. Diese war aber eine Folge der bescheidenen Auftritte von Anthony Modeste, dem Terzic lange die Treue hielt – wofür man bis zu einem gewissen Grad Verständnis haben sollte.

Ansonsten stagniert die Entwicklung der Mannschaft weitgehend. Die Borussia hat ein paar Tore weniger kassiert, aber auch viel Geld für neue Innenverteidiger ausgegeben. Mats Hummels hat sich klar gesteigert, Nico Schlotterbeck war eher unbeständig und Niklas Süle wurde zuletzt rechts hinten gebraucht. Im Mittelfeld hat sich Salih Özcan nach einer Verletzung und anschließend gutem Beginn inzwischen im Mittelmaß eingependelt. Jude Bellingham sticht aus dieser Mannschaft heraus. Das ist nichts Neues – seine Entwicklung zu einem Weltklassespieler scheint unaufhaltsam. Mo Dahoud fehlt.

In der Offensive haben Donyell Malen und Karim Adeyemi ihren Durchbruch in schwarz-gelb noch nicht geschafft. Anthony Modeste scheint spielerisch nicht zu diesem BVB zu passen; bringt aber auch seine Leistung bei allem sicher vorhandenen Willen nicht auf den Platz. Sebastien Haller fehlt – nochmal alles erdenklich Gute an dieser Stelle!

Liegt der Status Quo nun vorrangig an Formation und Taktik oder an der Qualität der Spieler? Und was ist mit dem M-Wort? Haben die Akteure auf dem Feld immer die richtige Mentalität und stimmt der Zusammenhalt in der Mannschaft? Beides ist von außen schwer einzuschätzen, was die ständige Wiederholung dieser Diskussion eigentlich obsolet macht. Niemand aus dem Team wirkt über 90 Minuten desinteressiert und abwesend. Was nicht ausschließt, dass in Phasen die Konzentration oder das Selbstvertrauen fehlen. Über Grüppchenbildung oder andere Probleme im Kader wissen wir so gut wie nichts. Kann es dann so schlimm sein? Eher nicht.

Was die Qualität des Kaders angeht, sind Fragezeichen unvermeidlich. Jeder weiß, dass Borussia Dortmund seit Jahren ohne großen Fortschritt an den Außenverteidiger-Positionen herumdoktert. Es gibt dafür Spieler, die aus Leistungs- oder anderen Gründen weitgehend bis komplett außen vor sind (Passlack, Schulz). Es gibt die, an deren Qualität es größere Zweifel gibt (Meunier, bisher Rothe, als RV auch Wolf), es gibt Rafa Guerreiro, der neben seiner Verletzungsanfälligkeit auch defensive Schwächen hat und dann ist da noch der Langzeitverletzte Mateu Morey. Auf diesen Positionen gelingt den BVB-Verantwortlichen seit Jahren kein Befreiungsschlag, so dass zwangsläufig die schwarz-gelben Innenverteidiger unter besonderem Druck stehen, da ja auch die „6“ nicht immer stabilisierend wirkt.

Allgemein scheint Borussia Dortmund in der Transferpolitik die Kreativität früherer Jahre zu fehlen. Mit der Strategie, relativ junge und relativ kostspielige deutsche Nationalspieler zu verpflichten, haben die Schwarz-Gelben schon seit Jahren nur sehr bedingt Erfolg. Ob Karim Adeyemi wirklich in eine Reihe mit André Schürrle und Mario Götze Pt. 2 gehört, ist noch unklar. Seine ersten fünf Monate im BVB-Trikot waren jedoch nicht vielversprechend. Natürlich schau(t)en sich Sebastian Kehl, Michael Zorc, Aki Watzke und das Scouting-Team auch anderweitig um. Doch früher war man in dieser Hinsicht einfach origineller, was sicher auch mit der Person Sven Mislintat in Zusammenhang stand, oder zumindest mutiger wie bei Jadon Sancho und Jude Bellingham.

Nun ist Originalität bei Neuverpflichtungen natürlich kein Wert an sich. Aber der BVB hat gerade nach den Verlusten in der Pandemie nicht das Geld, sich fertige Topspieler zu holen. Weswegen man nicht Karim Adeyemi grundsätzlich in Frage stellen sollte – schließlich kann er sich noch entwickeln. Man darf sich aber fragen, ob es richtig war, zu diesem Zeitpunkt für einen Spieler aus der österreichischen ersten Liga so viel Geld auszugeben. Ja, auch Haaland kam aus Salzburg; ja, Adeyemi hat letzte Saison auch international getroffen – doch es bleiben Zweifel.

Die Verletzten-Misere

Der BVB ist finanziell im Vergleich zu den superreichen Clubs eingeschränkt. Am Trainer wird im Nichterfolgsfall immer gezweifelt. Doch fraglos wären die Schwarz-Gelben in einer besseren Lage, wenn das Pech mit verletzten und kranken Spielern nicht von der letzten Spielzeit auf die aktuelle übergegangen wäre. Wie würden Malen, Adeyemi, Brandt oder Reyna mit einem fitten Sebastien Haller zusammenspielen? Welche Impulse würde die Kreativität von Mo Dahoud der Offensive geben und würde dessen Rückkehr nicht auch eine Entlastung von Jude Bellingham bedeuten? Und sollten Malen und Adeyemi trotzdem ihr Potenzial trotzdem nicht abrufen, gäbe es nicht mit Jamie Bynoe-Gittens eine solide Alternative?

Auch andere Clubs haben Ausfälle zu verkraften, doch bei der Borussia kam es die letzten anderthalb Jahre schon knüppeldick. Der Verein hat mit Veränderungen in den Abteilungen Medizin und Fitness reagiert. Vieles, was in dieser Spielzeit passiert ist, hat nichts mit falscher Belastungssteuerung zu tun. Es bleibt abzuwarten, ob sich das neue Personal nachhaltig positiv auswirkt. Und natürlich, ob den BVB das nicht beeinflussbare Verletzungspech auch mal wieder verlässt. Bei aller berechtigten Kritik in anderen Punkten: Man kommt nicht daran vorbei, die Ausfallliste in eine Betrachtung dieser Hinserie mit einzubeziehen.

Welche Konsequenzen muss der BVB ziehen?

Terzic raus? Wer das schon jetzt fordert, ist ein Kind der Schnelllebigkeit des modernen Fußball-Geschäfts und der sozialen Medien. Edin Terzic hat die bisherigen 15 Bundesliga-Spieltage nicht so beendet, wie man sich das im BVB-Umfeld vorstellt. In Champions League und Pokal ist er auf Kurs, trotz ein paar weniger Wackler. Seine erste Amtszeit endete erfolgreich. Kann man ihn dann jetzt nach einem halben Jahr schon wieder absetzen? Auch jenseits aller Sentimentalität ist das schwer begründbar. Schon Marco Roses Zeit wurde früh beschnitten. Terzic ist noch nicht mal halb so lang auf seinem Posten.

Borussia Dortmund schwebt nicht in Abstiegsgefahr wie streckenweise in der letzten Saison unter Jürgen Klopp. Der BVB ist zwei Punkte von den Champions League-Plätzen entfernt. Edin Terzic hat schon einen deutlich größeren Rückstand aufgeholt. Natürlich war Terzic in dieser Saison zusammen mit den Spielern allein verantwortlich für den „Absturz“ auf Rang 6. Und natürlich strapazieren die Stagnation und Inkonstanz der Schwarz-Gelben die Nerven der Fans, die einfach Bock auf Fortschritt haben. Auch deshalb ist man wohl schneller geneigt, auf etwas Neues zu hoffen als dem Alten zu vertrauen.

Ich will mich da insofern nicht ausnehmen, als dass auch ich nicht sicher bin, ob das mit Edin Terzic und dem BVB funktioniert. Es kann noch klappen. Doch was passiert, wenn im Frühjahr die CL-Plätze ernsthaft in Gefahr geraten? Das Nicht-Erreichen der Champions League gilt im BVB-Umfeld ja als absolutes No-Go. Finanziell und die Qualität des Kaders betreffend ist das nachzuvollziehen. Möglich ist, dass Hans-Joachim Watzke selbst bei Edin Terzic die Reißleine zieht, wenn die nicht verhandelbaren Saisonziele unerreichbar zu werden drohen. Möglich ist auch, dass man dem Trainer auf jeden Fall die ganze Saison gibt und sich dann mal wieder zusammensetzt. So eine Saison-Evaluation ist natürlich vollkommen nachvollziehbar und im Erfolgs- wie Misserfolgsfall angebracht. Ob man aber schon während der Saison jemand finden würde, der diesen Kader besser macht, wage ich zu bezweifeln.

Womit wir beim Einzigen wären, was die Vereinsführung schon vorher machen könnte. Natürlich öffnet sich im Januar das Transferfenster. Punktuelle Verstärkungen wären dann denkbar. Wenn es auch Abgänge gibt, wenn es sich um Leihspieler handeln würde oder wenn sich irgendwo noch ein Geldtopf auftut. Viele Hoffnungen sollte man sich nicht machen, doch vielleicht geht mit etwas Kreativität etwas. Die dem BVB aber wie gesagt nicht nur auf dem Spielfeld oft zu fehlen scheint.

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