Fußball ohne Bellingham, aber mit Standard-Tor

1.Bundesliga, 17. Spieltag / FSV Mainz 05 1 BVB 2

Borussia Dortmund siegt in der Nachspielzeit in Folge eines Eckballs; nach einer zweiten Halbzeit, in welcher der Gegner stärker wurde und sich die Schwarz-Gelben schwer taten, gute Chancen zu kreieren. Vieles davon hört sich bekannt an, aber eben nicht alles. „Auswärtssieg in Mainz nach einem Standard-Tor in beinahe letzter Minute“ klingt jedenfalls mehr als passabel.

Um mal wieder traditionell mit der Aufstellung zu starten: Dass Edin Terzic erneut Donyell Malen und Karim Adeyemi auf den offensiven Außenpositionen starten ließ, darf man getrost als umstrittene Entscheidung bezeichnen. Leistungstechnisch war das nicht einfach zu begründen. Ob Spieler, in die der Verein besonders viel investiert hat, einen Bonus haben oder Terzic einfach noch vorsichtig mit Bynoe-Gittens und Reyna ist, wissen wir auch nicht.

Startelf in der Diskussion

In der Partie war Malen erneut unauffälliger als Adeyemi. Letzterer ist zwar unterhaltsamer und wirkt aktiver, aber wo bleibt die Effizienz? Ich will ihm wirklich keine Absicht unterstellen, aber warum spielt Adeyemi nicht öfter rechtzeitig ab? So wie es ist verpuffen seine schnellen Läufe und gelegentlich (gestern 2 von 4) erfolgreichen Dribblings, wenn er irgendwann doch hängenbleibt. Seine immerhin vier Torschüsse in Mainz erfolgten aus eher weniger erfolgversprechenden Positionen (Expected Goals-Gesamtwert: 0,22).

Die andere personelle Überraschung war nicht, dass Niklas Süle ins Team kam, sondern wen er ersetzte. Nicht etwa Nico Schlotterbeck – der stand an Niklas‘ Seite in der Startelf, sondern Mats Hummels, der nur noch zu einem Ultra-Kurzeinsatz nach dem späten 1:2 kam. Im Nachhinein ist diese Entscheidung absolut nachvollziehbar und der defensiv schwache Auftritt von Nico gegen Augsburg verziehen. Zwar verteidigten Süle und Schlotterbeck nicht alles weg, aber sie hatten ihren Anteil daran, dass die Mainzer Torabschlüsse aus wirklich gefährlichen Positionen stark begrenzt blieben. Gegen die schnellen Offensivleute der Gastgeber hatte Edin Terzic wohl Geschwindigkeitsnachteile bei Mats Hummels vermutet.

85 Minuten ein BVB-Spiel nach Schema F

Die Begegnung begann und endete mit einem Knall. „Typisch BVB“ dachte man sich schon in der zweiten Minute, als der Mainzer Jae-Sung Lee am kurzen Pfosten attackieren und zur Führung einköpfen konnte. Karim Adeyemi bekam den Ball nicht, Julian Ryerson verlor das direkte Duell mit Lee. Doch der Norweger konnte seinen Fehler fast umgehend wieder gutmachen. Wahrscheinlich mit etwas Wut auf sich selbst im Bauch hielt er auf der anderen Seite aus zentraler Position einfach mal drauf – und der Mainzer Fernandes fälschte den Ball entscheidend ab.

In der Folge sahen wir eine Partie, die einem vom Schema her bekannt vorkommt: Die Borussia erspielte sich eine deutliche Überlegenheit; die Gastgeber ließen sie gewähren und standen zunehmend tief. Während Schwarz-Gelb zunächst noch zu einigen Torannäherungen kam, gestaltete sich das mit fortlaufender Dauer schwieriger. Die erste Halbzeit gehörte von den Spielanteilen und Chancen her noch eindeutig dem BVB, während es in Hälfte 2 ausgeglichener wurde, ehe die 05er eine Zeit lang sogar mehr und die besseren Gelegenheiten hatten.

Man kann das sehr gut anhand eines Diagramms zum xG-Wert über den Spielverlauf hinweg nachvollziehen. Bis zur Pause steigerten die Mainzer ihre Expected Goals nach der Führung nur noch um 0,01, während der BVB nach dem schnellen Ausgleich noch um 0,5 zulegte. Nach dem Wiederanpfiff hatten beide Seiten kleinere Chancen, so dass der Dortmunder Vorsprung beim xG-Wert zunächst erhalten blieb. Doch ab der 70. Minute waren den Daten zufolge nur noch die Mainzer gefährlich und zogen mit Schwarz-Gelb gleich – ehe die Borussia in der 93. Minute mit einem Standard zuschlug (kann man da jetzt schon „wieder mal“ schreiben?).

Hey Jude, ohne dich ist’s schwer, doch zum Glück haben wir Haller

Trotz der Fortschritte in einem Bereich, der die sportlich verantwortlichen Schwarz-Gelben in der Winterpause beschäftigt hatte, muss man sich über andere Dinge weiter Gedanken machen. Gerade auch für die Zukunft bedeutsam ist die wenig überraschende Erkenntnis, dass es dem BVB ohne Jude Bellingham an Ideen und manchmal auch einfach an Initiative im Spiel nach vorne mangelt. Marco Reus und Mo Dahoud hätten da womöglich ein wenig Abhilfe schaffen können – einer von beiden saß am Mittwoch die ganze Spielzeit über auf der Bank.

Richtig waren natürlich die Einwechslungen von Bynoe-Gittens, Reyna und Sebastien Haller – auch wenn sie sich erst spät auszahlen sollten. Nach seinem Pflichtspiel-Debüt für den BVB konnte Haller bei seinem zweiten Auftritt den ersten Assist beisteuern. Dessen Art machte berechtigte Hoffnung darauf, dass wir nun eine Nummer 9 im Kader haben, wie man sie sich nur wünschen kann: ein mit physischer Präsenz ermöglichter wuchtiger Kopfball in Richtung langer Pfosten, wo Giovanni Reyna diesmal nur noch abstauben musste.

Die 05er spielten es so, wie man es gegen Dortmund eben macht. Sie hatten die Qualität für eigene Vorstöße, die dann in der zweiten Halbzeit meist zielstrebiger wirkten als die der Schwarz-Gelben und auf alle Fälle schneller vorgetragen wurden. Für einen Torerfolg reichte die Qualität nur einmal. Gregor Kobel konnte drei von vier zielgenauen Schüssen halten. Abgesehen von Lees Treffer war nur einer der Abschlüsse anspruchsvoll für den Keeper. Trotzdem und wie schon gesagt: Mit einem Auswärtssieg in Mainz sollte man vollauf zufrieden sein. Man darf sich nur nicht der Illusion hingeben, dass dieser Auftritt einen Erfolg am Sonntag bei den formstarken Leverkusenern wesentlich wahrscheinlicher gemacht hat. Das wird mit Sicherheit eine schwierige Aufgabe.

Die Aufstellung: Kobel – Ryerson, Süle, Schlotterbeck, Guerreiro – Özcan, Can (62. Reyna) – Adeyemi (77. Wolf), Brandt (90.+4 Hummels), Malen (62. Bynoe-Gittens) – Moukoko (62. Haller). Tore: Ryerson, Reyna

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s