Ich würde so gerne ein Freiburg-Fan sein

Das Überraschungsteam der bisherigen Bundesligasaison 2016/17 ist nicht RB Leipzig, auch nicht Hertha BSC, die TSG Hoffenheim oder der Effzeh. Nein, diese Auszeichnung gebührt dem SC Freiburg, der als Aufsteiger mit 30 Punkten auf Platz 9 steht – und damit vier Punkte vor Schalke und Gladbach. Die Mittel sind klein, der Kader ist regelmäßig Selbstbedienungsladen für die Großen der Liga und auch die Randlage im Südwesten stellt keinen Standortvorteil dar – trotz gut 226.000 Freiburgern.

Und dennoch trotzt der Sportclub ein wenig den Mechanismen des verrückten Fußballgeschäfts, geht mit Christian Streich in die zweite Liga und kommt direkt zurück. Der Trainer ist nicht nur ein sympathisches Unikat, sondern auch fachlich top, wie sich in dieser Saison wieder zeigt. Das Schwarzwald-Stadion ist mit 24.000 Plätzen nicht groß, aber fast immer ausverkauft. Das Einzige, was fehlt: ein regelmäßiges Fan-Blog (oder?).

Mir ist dieser Verein in seiner Bescheidenheit grundsympathisch und ich fände einen Punktverlust der Schwarz-Gelben gegen den SC weniger schlimm als gegen jeden anderen Ligakonkurrenten. Ja, ich ertappe mich sogar dabei zu überlegen wie es wäre, Freiburg-Fan zu sein. In Tagen wie diesen wäre es leichter, die Breisgau-Kicker zu lieben als den eigenen Verein – wenn man die Wahl hätte. Es wäre leichter, als einer der Kleinen das Modell RB Leipzig zu verurteilen. Auch wenn das Argument, der BVB sei als KgaA irgendwie das Gleiche wie RB natürlich hanebüchen ist. Man könnte angesichts des Tabellenplatzes auch die Transferpolitik der Rot-Schwarzen feiern – und hätte nicht immer die Zahl 55 Millionen im Hinterkopf.

Die Bedeutung der Borussia für die Stadt Dortmund, die Region und die internationale Fangemeinde übertrifft wahrscheinlich die des SC Freiburg für sein Umfeld. Doch die unvergleichliche schwarz-gelbe Fankultur hat Schaden genommen. Es gibt keinen Grund, arrogant gegenüber den 24.000 Stadiongängern und 10.000 Mitgliedern der Breisgauer zu sein.

Natürlich: einmal Schwarz-Gelber, immer Schwarz-Gelber. Nicht nur, weil Freiburg noch weiter entfernt von meinem Wohnort im Osten der Republik ist als Dortmund. Meinen sympathischen Zweitverein gibt es ohnehin schon, er spielt um die Ecke in der Regionalliga Nordost. Aber wenn ich heute zum Fußballfan werden würde, sähe es vielleicht anders aus.

Trotzdem hoffe ich auf drei Punkte morgen – und ein faires Spiel, bei dem sich gern auch die Gastgeber achtbar präsentieren dürfen. Christian Streich hat ein Luxusproblem in der Innenverteidigung – wer spielt neben Söyüncü – und rechnet sich Chancen auf etwas Zählbares aus. Auf der anderen Seite dürfen wir vor allem gespannt sein, ob Sokratis in die Startelf zurückkehrt und Schürrle eine erneute Chance bekommt.

Das nächste Spitzenspiel folgt sogleich

Nachdem die Spitze und der Keller der Bundesliga etwas statisch geworden sind – und vor allem da ich das Spiel des Dritten gegen den Zweiten nicht live sehen konnte – soll es hier gleich um den Pokalknaller am Dienstag gehen. Schließlich treffen im ehemaligen Neckarstadion die beiden Spitzenteams der Rückserie aufeinander. Und geht es nach den Ergebnissen 2016, sind die Gastgeber Favorit. Der VfB hat bisher alles gewonnen und neun Punkte geholt, die Borussia ’nur‘ sieben.

Was Jürgen Kramny, ein Mann aus dem Nachwuchsbereich, seit seinem ersten Spiel als Cheftrainer, dem 1:4 in Dortmund, geschafft hat, ist beachtlich. Nicht dass der Zeitraum seither schon für eine abschließende Bewertung ausreicht. Aber die kritischen Worte unseres Ex-Spielers und früheren VfB-Sportdirektors Fredi Bobic wirken da einigermaßen unverständlich. Bei allen Defiziten, die die Stuttgarter in den letzten Jahren auf vielen Ebenen aufwiesen, haben sie nun einen – derzeit – erfolgreichen Trainer mit Stallgeruch.

Für den BVB wird es darauf ankommen, sich die Schwierigkeit der Aufgabe zu vergegenwärtigen. Allzu große Sorgen braucht man sich in diesem Punkt wohl nicht zu machen: Thomas Tuchel wird sicher die bestmögliche Mannschaft aufs Feld schicken und es verstehen, sie auf ein Pokal-Viertelfinale einzustimmen. Das 0:0 in Berlin hatte ein Gutes: Verletzte waren nicht zu beklagen.

Die Schwarz-Gelben werden auf einen Gegner treffen, der seine mannschaftliche Geschlossenheit wiedergefunden hat und zuletzt – dem BVB nicht unähnlich – mit einer torgefährlichen Offensive defensive Schwächen im Ergebnis kompensieren konnte. Das gelang allerdings auswärts noch besser als zu Hause.

Keine Rede kann davon sein, dass Neu-Schwabe Kevin Großkreutz für dieses Spiel gegen seine große Liebe frei bekommt. Als Rechtsverteidiger hat er sich nach seiner Rückkehr aus der Türkei in die VfB-Startelf gespielt und durchaus überzeugt. Vor dem Pokalhit sagt er nun: „Ich brenne auf das Spiel und werde alles raushauen, damit wir die Überraschung schaffen.“ Und in Stuttgart sei er super aufgenommen worden. Es ist ihm zu gönnen. Genau wie seinem Verein, wenn er sich an den eigenen Haaren aus dem Ligasumpf ziehen sollte.

Im Pokal ist das Viertelfinale hoffentlich Endstation. Obwohl es zuvor mit ziemlicher Sicherheit ein spannender Abend werden dürfte.

Die Luft vor dem Start

Was da nun genau in der Luft liegt – wer will das schon sagen? Der Bundesliga-Saisonauftakt 2015/16 beschert Borussia Dortmund ein Abendspiel gegen die andere Borussia, den amtierenden Tabellendritten und Champions League-Teilnehmer. Und es ist verdammt schwer abzuschätzen, wie die Schwarz-Gelben mit einem Gegner solchen Kalibers zurechtkommen.

Die bisherigen Partien unter Thomas Tuchel haben sich gut angelassen, es gab kein Gegentor in den Pflichtspielen. Aber natürlich sind Wolfsberg und Chemnitz nicht der Maßstab, um schon irgendwelche Aussagen zu tätigen. Wer sich unvoreingenommen auf den neuen Trainer einlässt, kommt dennoch zu dem Schluss, dass dieser einen positiven Eindruck macht. Niemand braucht einen zweiten Klopp, denn eine Kopie ist meist nicht so gut wie das Original. Dass ‚die BVB-Fans‘, ‚die Westfalen‘ oder ‚die Ruhrpott-Bewohner‘ nur einen Typ wie Kloppo akzeptieren, war schon immer eine bloße Zuschreibung von außen. Sichtbar ist dagegen: Tuchel lässt mehr den Ball zirkulieren, verschiedene Formationen erproben und hat bisher Erfolg.

Gegen Mönchengladbach wird natürlich gerade die scheinbar gefundene defensive Stabilität auf die Probe gestellt. Es ist bekannt, dass ich vor allem auf den Außenpositionen der Viererkette die Schwachstellen vermute. Lukasz Piszczek und Marcel Schmelzer dürften zunächst mal auflaufen, denn Erik Durm hat auch am Donnerstag noch nicht trainiert. Dudziak steht derzeit wohl noch hinter Schmelle. Es bleibt nur zu hoffen, dass Thomas Tuchel genau hinschaut.

Viele werden erst mal gespannt zwischen die Pfosten schauen. Alles andere als eine Entscheidung für Roman Bürki wäre dort eine Überraschung und eher kontraproduktiv. Noch spannender ist deshalb, ob Weigl, Castro oder Bender neben Ilkay Gündogan ran dürfen. Entscheidend für den Spielverlauf könnte sein, ob Henrikh Mkhitaryan seine ausgezeichnete Frühform gegen das Favre-Team konservieren kann und zum kongenialen Partner von Marco Reus wird.

Gladbach sah im Pokalspiel bei St. Pauli zunächst gar nicht gut aus, um dann in der zweiten Hälfte umso überzeugender zurückzukommen und die Partie keine Minute mehr aus der Hand zu geben. Echte Formvorteile kann sich der BVB also nicht ausrechnen. Ja, die andere Borussia hat Christoph Kramer und Max Kruse verloren – aber das waren zuletzt zumindest nicht die Spieler, die den schwarz-gelben Jungs die meisten Probleme bereitet haben. Und mit Drmic sowie vor allem Lars Stindl haben Max Eberl und Lucien Favre echte Qualität ins Team geholt. In der Abwehr, wo bei den Gästen ein paar Spieler fehlen, wird voraussichtlich Chelsea-Leihgabe Andreas Christensen sein Liga-Debüt geben. Dennoch: Hier könnten die Gladbacher verwundbar sein.

Ein besseres Topspiel hätte sich die DFL für den ersten Spieltag nicht aussuchen können, das muss man den Verantwortlichen lassen. Hohes Tempo, viele Offensivaktionen und gehörige Spannung – es würde doch sehr verwundern, wenn wir nicht alle diese Attribute zu sehen bekommen.

Alles zu Chemnitz aus Chemnitz

Am Sonntag zur ungewohnt frühen Anstoßzeit um 14.30 Uhr steht für Borussia Dortmund das erste und hoffentlich nicht letzte Spiel in dem Wettbewerb an, in dem man in der Vorsaison am erfolgreichsten war. In der 1. Runde des DFB-Pokals geht es zum Chemnitzer FC. Da ich die 3. Liga auch vor dem Abstieg unserer zweiten Mannschaft nur sporadisch verfolgt habe, kann ich zum kommenden Gegner aus dem Stegreif nicht mehr beisteuern als dass einmal ein gewisser Chris Löwe von dort zum BVB kam. Ganz anders sieht das bei Sebastian vom neuen Blog „Fußball in Sachsen“ aus. In diesem beschäftigt er sich mit den höher-, aber auch den niedrigerklassigen Klubs aus dem Bundesland. Er lebt in Chemnitz und kennt sich mit dem örtlichen Drittligisten bestens aus, auch wenn er selber kein Fan ist. Freundlicherweise hat er für „Any Given Weekend“ ein kleines Briefing zum CFC verfasst.

Brütende Hitze, ein lautes, ausverkauftes Stadion, schwere Beine beim BVB und mit der nötigen Portion Glück könnte der CFC die Sensation schaffen. Realistisch betrachtet ist der Drittligist krasser Außenseiter. Der Start in die neue Saison läuft durchwachsen, die Mannschaft hat sich noch nicht gefunden. Mut macht die jüngere Pokalgeschichte mit dem Vorjahreserfolg gegen Mainz 05.

Die Sternstunde des CFC liegt dagegen weit zurück. 1967 wurde die einzige DDR-Meisterschaft eingefahren, damals noch als FC Karl-Marx-Stadt. Platz 12 der ewigen DDR-Oberligatabelle spiegelt das Kräfteverhältnis und Abschneiden der anschließenden Jahre wider. Dreimal stand der FCK zudem im FDGB-Pokalfinale, konnte dieses aber nie gewinnen. Seit dem 13.6.1990 firmiert der Verein als Chemnitzer FC. Weiterlesen „Alles zu Chemnitz aus Chemnitz“

Tuchels großer Tag

Can you feel the energy? Es lag ein Britzeln in der Luft, als BVB-Trainer Thomas Tuchel am Mittwoch über sein erstes Heimspiel im Westfalenstadion sprach. Der Mann hat richtig Lust auf den Job und die Stimmung, die ihn morgen Abend erwartet. Vor vermutlich 65.000 Zuschauern, bei einem Europa League-Qualifikationsspiel gegen den Wolfsberger AC.

Mir geht es genauso. Bei allem, was in der 2. Halbzeit des gewonnenen Hinspiels noch nicht stimmte: Tuchel hat Recht, wenn er sagt, dass die Borussia die Partie verdient gewonnen hat. Morgen wird sie sich den Einzug in die Play-Offs nicht nehmen lassen. Ob die Aufbruchsstimmung die nächsten Wochen, die ersten Pflichtspiele in allen Wettbewerben überdauert, wissen wir noch nicht. Aber der Kader hat die Qualität – und nicht nur auf der Bank sitzt jemand, der Bock auf Siege mit dem BVB hat.

Ein tolles Beispiel für die Anziehungskraft, die dieser Verein hat, ist die Vertragsverlängerung von Pierre-Emerick Aubameyang bis 2020. Ja, er dürfte eine kräftige Gehaltsaufbesserung bekommen haben. Aber anderswo hätte er noch mehr verdient und womöglich sogar noch höher gespielt. Dass er in Dortmund ein sehr gutes Standing bei den Fans hat, dürfte zu seiner Entscheidung ebenso wie die Aussichten auf einen Stammplatz beigetragen haben. Für die Borussia ist sein Bleiben jedenfalls eine exzellente Nachricht.

Ansonsten steht der Verein dank des neuen und des alten Trainers wenig überraschend noch mehr als sonst im Fokus der (Medien-)Öffentlichkeit. Es gibt Dinge, über die gesprochen wird, weil über sie gesprochen werden muss: Etwa die Frage, ob noch ein Stürmer geholt oder andere Spieler abgegeben werden sollten. Es gibt die Dinge, über die gesprochen wird, obwohl nicht über sie gesprochen werden müsste – etwa, wann Jürgen Klopp im P1 aufschlägt oder wo Kevin Großkreutz bald Karneval feiert. Und dann sind da noch jene Dinge, über die nicht gesprochen wird, obwohl es eigentlich getan werden sollte: die Qualität der Außenverteidiger. So bleibt wieder mal nur die Hoffnung, dass die, die da sind, uns endlich eines besseren belehren.

Morgen fehlen Erik Durm und Neven Subotic wohl noch verletzungsbedingt. Was Thomas Tuchel die Wahl der Viererkette vereinfachen wird. Bald wird er härtere Entscheidungen treffen müssen, auch in der Torwartfrage. Auf der Position wird derzeit noch rotiert, morgen spielt wieder Roman W. Aber Tuchel lässt sich bisher von Fragen nicht unter Druck setzen, geht die Sache undogmatisch und entspannt an. Möge es lange so bleiben. Wer weiß, wie man sich einst an das erste Heimspiel des Trainers zurückerinnern wird.

In Dortmund gibt es keine Ferngläser

Der „Kicker“ hat sich in seiner Montagsausgabe mal wieder ausführlich mit dem BVB beschäftigt: eine provokante Titelseite, ein spannendes Hummels-Interview und ein Blick in die nähere Zukunft der Schwarz-Gelben werden geboten. Das mag auch mit dem bevorstehenden ‚Topspiel‘ gegen Bayern München zu tun haben, aber ebenso liegt es am Interesse, das Deutschlands wahrscheinlich beliebtester Fußballverein mittlerweile wieder hervorruft.

Ob dieses Standing angesichts der katastrophalen Hinserie und der damit verbundenen bevorstehenden Zeit ohne Champions League noch zu retten ist – das ist der Subtext des Artikels. Wie schwer wiegt es wirklich, dass die Borussia sich möglicherweise erst mal in der Reihe der Bayern-Verfolger hinten anstellen muss? Langjährige Fans werden damit besser und vielleicht sogar gut umgehen können. Sie haben verinnerlicht, was ein stets erfolgsverwöhnter Bayern-Anhänger nie verstehen musste: Die Möglichkeit des Scheiterns und die Unterstützung trotz aller Widrigkeiten, bis in die Beinahe-Insolvenz.

Deswegen wird uns und diesen Verein ein unerwarteter Rückschlag nicht auseinanderbringen – egal ob die Saison noch in der Europa League und vielleicht sogar mit einem Sieg in Berlin endet oder nicht. Vielleicht wird diese halb verkorkste Spielzeit auch mal als Katalysator für eine erneute Erneuerung bekannt sein. Einige Anzeichen sprechen dafür, dass Jürgen Klopp, Michael Zorc und Aki Watzke gewillt sind, künftig wieder mehr auf den eigenen Nachwuchs zu bauen. Jeremy Dudziak dürfte da nur der Anfang gewesen sein. Möglicherweise braucht es die Erlebnisse der letzten Monate auch, um in einer Tiefenanalyse des Kaders zur Einsicht zu gelangen, dass andere Positionen als bisher gedacht zu den Problemzonen der Schwarz-Gelben gehören – Stichwort Außenverteidiger. Weiterlesen „In Dortmund gibt es keine Ferngläser“

Volle Kapelle gegen Stuttgart

Dieser launige Ausdruck von Jürgen Klopp aus der Pressekonferenz vor dem Stuttgart-Spiel bedeutet keineswegs, dass Borussia Dortmund am Freitagabend seinen vollen Kader zur Verfügung hätte. Vielmehr wollte der Trainer zum Ausdruck bringen, dass niemand, der dem BVB körperlich und spielerisch weiterhelfen kann, geschont wird – etwa wegen eines Champions League-Spiels.

Es gibt jedoch eine Reihe von Spielern, die definitiv nicht auflaufen können. Die Grippewelle hat Dortmund immer noch im Griff. Erik Durm und Kuba sind nach wie vor betroffen; Mats Hummels fehlt ebenfalls schon einige Tage und scheint eher kein Thema für Freitag zu sein. Dagegen könnten sich die Optionen im zentralen Mittelfeld dank der möglichen simultanen Rückkehr von Sven Bender und Sebastian Kehl schlagartig erhöhen. Sollten sie topfit sein, könnten sie eine Alternative darstellen – ansonsten gibt es wenig Änderungsbedarf bzw. -möglichkeiten.

Der VfB Stuttgart ist trotz Huub Stevens neuerdings Tabellenschlusslicht, ohne in den letzten Partien katastrophal aufgetreten zu sein. Immerhin ging es auswärts nach Köln und Hoffenheim sowie zu Hause gegen Gladbach und Bayern. Trotzdem fehlt den Schwaben die spielerische Rafinesse, die der BVB zuletzt hier und da wieder gezeigt hat. In dieser Hinsicht ist jedoch der Winter-Neuzugang fürs Mittelfeld Serey Dié zu beachten, der vom FC Basel kam. Dagegen müssen die Gastgeber am Freitag auf Kapitän Christian Gentner verzichten, der gesperrt ist und auch noch Vater wird.

Jürgen Klopp erwartet morgen einen aggressiven VfB auf einem schlechten Platz. Für die Borussia muss beides kein Nachteil sein. Aggressivität kann sich auch in Fehlern äußern, gerade bei schwierigem Untergrund. Die Schwarz-Gelben haben dagegen bereits in Freiburg bewiesen, dass sie mit solchen Voraussetzungen zurechtkommen können. Dagegen steht für die Stuttgarter bisher ein einziges Rückserien-Tor zu Buche.

So scheinen die Chancen für den sage und schreibe dritten BVB-Sieg in Folge nicht so schlecht zu stehen, auch wenn es gegen den VfB wirklich nicht immer rund lief. Vorbedingung: Ähnliche Aufmerksamkeit wie zuletzt, gepaart mit Selbstbewusstsein.

Kein Karneval vor Rosenmontag

Borussia Dortmund steht trotz Feierlaune unter den eigenen Fans nach der Reus-Verlängerung zunächst vor der Aufgabe, am Freitagabend den Gästen aus Mainz ein fröhliches Karnevalswochenende zu vermiesen. Nach wie vor gehört der Klub aus der Landeshauptstadt zu den sympathischsten der Liga und leistet erstaunlich gute Arbeit. Doch nach dem Abschied von Thomas Tuchel läuft es in dieser Saison noch nicht reibungslos. Europa League- und Pokal-Aus, schwankende Leistungen in der Liga – wohin die Reise mit dem neuen Trainer Kaspar Hjulmand geht, bleibt abzuwarten.

Der Däne hat viel ausprobiert. Jürgen Klopps Aussage in der heutigen Pressekonferenz, dass er nicht wisse, welche Formation er von Mainz zu erwarten habe, klingt plausibel. Bei der Heimniederlage gegen die Hertha handelte es sich um ein 4-2-3-1, das dem der Borussia ähnelte. Eine Änderung am Freitag dürfte dennoch nicht unwahrscheinlich sein.

Neben dem Spanier Jairo, der vom aus Gelsenkirchen ausgeliehenen Christian Clemens ersetzt werden dürfte, stehen den Mainzern auch Moritz und Nedelev nicht zur Verfügung. Am gravierendsten dürfte die Gäste jedoch der Ausfall des jungen Torwart-Shooting-Stars Loris Karius treffen, der gesperrt ist. Für ihn kommt zum ersten Mal von Beginn an die griechische Nummer 2 im Kasten, Stefanos Kapino, zum Einsatz. Außerdem könnten die Schwarz-Gelben dem aus eigenem Haus verliehenen Jonas Hofmann gegenüberstehen.

Jürgen Klopp hat das Hinspiel in der Coface-Arena als den eigentlichen Beginn der Dortmunder Talfahrt ausgemacht – damals gab es eine dumme 0:2-Niederlage nach dem Gala-Auftritt gegen Arsenal. Vor der Chance zur Wiedergutmachung hat sich die schwarz-gelbe Stimmung aufgehellt. Personell stehen dem Trainer offensiv jede Menge Alternativen zur Verfügung; nur Kuba könnte mit einer Nasennebenhöhlenentzündung ausfallen. Kevin Großkreutz, zuletzt defensiv eingesetzt, fehlt ebenfalls. Dazu gesellen sich mit dem kranken Durm sowie Kehl und Bender, die noch nicht im Mannschaftstraining sind, weitere Defensivspieler. Es dürften also erneut Schmelzer und Piszczek außen sowie Sahin und Gündogan im zentralen Mittelfeld beginnen.

Kann die Borussia das Ausmaß an Selbstbewusstsein und Freude am Spiel aus Freiburg bewahren, wäre Mainz 05 ein Gegner, der uns derzeit liegen könnte. Mit einem Sieg mit drei Toren Differenz würde der BVB an den Gästen vorbeiziehen; mit jedem Sieg würde eine tolle schwarz-gelbe Woche gekrönt und gegenüber der Konkurrenz im Abstiegskampf ordentlich vorgelegt. Weniger sollte es aber auch nicht sein.

Ja, wir können absteigen

1. Bundesliga, 19. Spieltag / BVB 0 FC Augsburg 1

Es wird Zeit, sich mit diesem Gedanken vertraut zu machen: Leider ist es nicht so unwahrscheinlich, dass Borussia Dortmund nach 39 Jahren in der höchsten deutschen Fußballliga wieder mal absteigt. Zumindest nicht so unwahrscheinlich, wie die allermeisten Fans – und nicht nur schwarz-gelbe – bisher gedacht haben. Das ist der heutige Stand. Denn wenn man Winterpause-übergreifend die letzten Wochen betrachtet, gibt es nur zwei Klubs, die ähnlich schwach aufgetreten sind: Hertha BSC und Paderborn (auch wenn der VfB nur wenig besser war).

In der Verfassung vom gestrigen Spiel kann der BVB gegen alle anderen Teams verlieren, sogar gegen die genannten. Bis zum Gegentor lief die Partie leidlich ordentlich, die Borussia ließ wie gegen Leverkusen wenig zu, auch wenn sie sich wieder einige Fehlpässe zu viel erlaubte. Die Außenverteidiger – und diese Wiederholung macht mürbe – waren offensiv nahezu wirkungslos. Aushilfe Kevin Großkreutz machte ein besonders schwaches Spiel und leitete mit einem Fehlpass auch das Gegentor ein. Trotzdem ist sein Ausfall mit einem Muskelbündelriss eine weitere Schwächung. Schmelzer schlug eine gelungene Flanke, dafür sah er beim 0:1 am Ende der Fehlerkette zusammen mit Nuri Sahin auch besonders dumm aus. Leider kamen auch Pässe und Flanken der offensiveren Kampl und Aubameyang nicht gut, waren häufig zu lang – bei Letzterem nichts neues.

Dennoch, die Rückkehr des schnellen Auba ist einer der wenigen Lichtblicke für die Borussia. Sein Lauf führte zu Jankers Platzverweis. Er hat auch schon bewiesen, dass er treffen kann. Es wäre mal einen Versuch wert, ihn neben Immobile in einem Zweier-Sturm einzusetzen. Dass der Italiener mit seinem Kopfball aus kurzer Distanz Torwart Manninger traf, ist verzeihbar. Es war eine Aktion aus vollem Lauf – immerhin kam er zum Abschluss.

Doch insgesamt blieb am Mittwoch der Eindruck, dass die Schwarz-Gelben derzeit zu viele Schwachstellen haben – Spieler, die ihr Potenzial nicht ausschöpfen und solche, die falsch eingeschätzt wurden und werden. Auch das Kollektiv gibt zu denken: Wie die Mannschaft nach dem Gegentor und erst recht nach dem Platzverweis gespielt hat, war schwer erträglich. Auch wenn es natürlich in der letzten Viertelstunde durch Augsburgs extreme Mauertaktik nicht einfach war.

Der Abstieg ist also eine reale Gefahr. Und doch gibt es noch genügend Chancen, ihn zu verhindern. Nur zwei Punkte ist Platz 15 entfernt, auf dem der nächste Gegner SC Freiburg steht. Und der VfB spielt gegen den FC Bayern. Da es derzeit spielerisch aber an fast allem hapert, ist dieser Trost kein echter. Vielleicht fehlt dem Team auch ein wenig das Gefühl des K.O.-Systems. Letztendlich bleibt dieser Erklärungsversuch wie die meisten anderen hilflos.

Jürgen Klopp und das Team müssen dennoch weiterarbeiten, mit den Spielern, die derzeit zur Verfügung stehen. Die Personaldebatten heben wir uns also noch ein Weilchen auf. Resigniert habe er nicht, versicherte der Trainer in der Pressekonferenz vor dem Freiburg-Spiel. Großkreutz steht sechs Wochen nicht zur Verfügung, ob Piszczek oder Durm rechtzeitig fit werden, um ihn zu ersetzen, steht noch nicht fest. Bei den Gastgebern, die von den Bürgern der Stadt Freiburg gerade das Ok für ein neues Stadion gekriegt haben, fällt unter anderem Offensivmann Admir Mehmedi aus – allerdings wussten die beiden Neuen vorne drin, Petersen und Möller Daehli, bisher durchaus zu gefallen. Für einen Auswärtssieg muss beim BVB noch einiges besser werden.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Großkreutz (60. Subotic), Sokratis, Hummels, Schmelzer – Sahin, Gündogan – Aubameyang, Reus (72. Kagawa), Kampl (72. Mkhitaryan) – Immobile

Elf Spieler für ein Halleluja

Nachdem Borussia Dortmund sich am Samstag in Leverkusen je nach Sichtweise ohne Gegentor oder spielerisch bescheiden aus der Affäre gezogen hat, ist für die kommende Partie am Mittwoch der Auftrag klar: Nun muss die Erlösung her. Zu schwach waren die Auftritte fernab des Westfalenstadions und zu groß die Zuversicht nach einer langen Winterpause, als dass man nun weniger als einen Heimsieg verlangen könnte.

Das Problem heißt Augsburg. Niemand kann bestreiten, dass der dortige FC seit dem Aufstieg absolut herausragende Arbeit geleistet hat. Und vor allem in der Hinserie dieser Saison einiges besser gemacht haben muss als der BVB, obwohl die Gäste natürlich nicht mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatten. Doch die Fuggerstädter hatten immerhin Abgänge vom Kaliber eines Andre Hahn zu verkraften; dafür haben sie sich unter anderem mit dem Ex-Borussen Markus Feulner verstärkt. Da dessen Mittelfeld-Kollege Alexander Esswein mit einer Muskelverletzung am Mittwoch fehlen wird, könnte auch der jüngst von Dortmund nach Augsburg zurück transferierte Ji Dong-Won seinem alten Team gegenüberstehen.

Der FCA steht nach einem 3:1 am Sonntag im heimatlichen Schneetreiben gegen die TSG Hoffenheim unglaublicherweise auf einem Punkteniveau mit dem direkten Champions League-Platz 3. Vom FC Bayern wurde zuletzt noch Pierre-Emile Hojberg ausgeliehen, der gestern bereits einen Scorerpunkt verbuchen konnte. Ergo: Die Augsburger haben sich rein durch ihre eigene Arbeit den Status einer neuen Kraft in der Liga gesichert. Ob die in drei Jahren noch genauso stark sein wird, ist ungewiss – aber die Möglichkeit besteht.

Um das jetzt so wichtige Momentum zu behalten, muss der BVB nun gegen diesen FCA gewinnen. Es gibt leichtere Aufgaben, aber auch einen Lösungsweg, den Trainer und Spieler von ihrem Potenzial her finden können. Gut 900 Gästefans kündigte Pressesprecher Sascha Fligge bei der Pressekonferenz zum Spiel an – die Lautstärke-Wertung dürfte also schon mal Schwarz-Gelb gewinnen, denn das Westfalenstadion ist ausverkauft. Klopp wiederum gab zu Protokoll, dass die Herangehensweise wie bei jedem Gegner eine andere sein werde als zuvor. Ein Rumprobieren werde es aber auch nicht geben, sondern „klare Aktionen“.

Es steht zu erwarten, dass die Augsburger deutlich defensiver postiert sein werden als gestern. Ohne spielerische Mittel wird es also nicht gehen. Der BVB muss die Umstellung meistern und das machen, was die Engländer so schön einfach als „get the ball down and play“ umschreiben. Da es heute keine schwarz-gelben Schlusskaufaktivitäten gegeben hat, stehen dafür ähnliche Namen wie zuletzt zur Verfügung. Aubameyang und Kagawa sind beide körperlich fit und könnten auflaufen, wenn Klopp will. Einen von diesen beiden würde ich deutlich präferieren.

Im zentralen Mittelfeld scheinen Sebastian Kehl und Sven Bender auf einem guten Weg zu sein, aber erst nächste Woche wieder für den Kader in Frage zu kommen. Bei Ilkay Gündogan stehen die Chancen für Mittwoch recht gut, während bei Kuba die Zweifel ein wenig und bei Piszczek noch etwas größer sind. Erik Durm könnte nach der Rückkehr ins Mannschaftstraining ebenfalls wieder zur Verfügung stehen. Meine elf Mann für die heikle Mission wären:

Weidenfeller – Durm, Sokratis, Hummels, Schmelzer – Gündogan, Sahin – Aubameyang, Reus, Kampl – Immobile.