The Catch-up: Moukoko und Chelsea

Was passiert beim BVB? Nach knapp zwei Wochen Ruhe bei Any Given Weekend gibt es das eine oder andere zu besprechen. Nicht dass sich Borussia Dortmund in der Zwischenzeit neu erfunden hätte. In der Bundesliga haben die Schwarz-Gelben zweimal gewonnen: sehr glücklich in Frankfurt und wenig überraschend, zumal nach einer frühen Führung, zu Hause gegen Bochum. Beide Partien können nicht als Anzeichen für einen Trend in die eine oder andere Richtung oder eine Stabilisierung der Borussia gewertet werden.

Spannend wird in dieser Hinsicht Wolfsburg: Historisch gesehen ist der BVB klarer Favorit, hat die letzten acht Partien gegen den VfL gewonnen und 14-mal nicht verloren. Doch was zählt ist jetzt und in der jüngsten Vergangenheit haben sich Niko Kovacs Wölfe in der Bundesliga stabilisiert: In den letzten fünf Spielen gab es drei Unentschieden, gefolgt von zwei Siegen. Es gibt wenig Anzeichen, dass diese Partie ähnlich wie gegen Bochum laufen wird.

Warten auf die Unterschrift

Aus dieser letzten Begegnung der Schwarz-Gelben, dem kleinen Nachbarschaftsduell gegen den VfL, können wir jedoch eines mitnehmen: Youssoufa Moukoko zeigt langsam auch im Profibereich, warum er jahrelang als Dortmunder Wunderkind galt. Zu einem Tor wie dem Lupfer über Riemann beim 3:0 gehört jede Menge Selbstvertrauen und das war vermutlich eine der Eigenschaften, die Youssoufa in dieser Saison noch nicht im Übermaß hatte. Nun stehen auf dem Konto des in zwölf Tagen 18-Jährigen sechs Tore in zwölf Einsätzen. Das sind noch keine Haaland-Zahlen; es lässt einen aber sehnsüchtig darauf hoffen, dass sich Moukoko und der Verein bald auf eine Vertragsverlängerung verständigen.

Gestern wurde das Achtelfinale der Champions League ausgelost, nachdem sich der bereits qualifizierte BVB im letzten Vorrundenspiel Unentschieden von Kopenhagen getrennt hatte. Die Schwarz-Gelben treten als Gruppenzweiter zunächst zu Hause gegen den FC Chelsea an. Ein attraktives Los – vor allem, weil wir es mit den Londonern im Europapokal noch nicht zu tun hatten. Mit Graham Potter ist dort ein interessanter Trainer am Werk, der den Verein nach den Turbulenzen des Frühjahrs wieder zum Erfolg in der Premier League und international führen soll. Natürlich sind bei den Blues auch noch die Ex-Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang und Christian Pulisic beschäftigt. Auf die Borussia wartet zweifellos eine schwere Aufgabe, bei der die Schwarz-Gelben nicht favorisiert sind. Es fühlt sich aber nicht aussichtslos an – dafür fehlt Chelsea noch die Konstanz in den Ergebnissen. Doppelt zufrieden mit dem Los können wir sein, wenn man guckt, wen Leipzig und die Bayern erwischt haben.

BVB erfindet Job für Terzic

Gute Nachrichten und drei Fragezeichen: Edin Terzic verlängert seinen Vertrag bei Borussia Dortmund bis 2025, wird aber nicht Teil des künftigen Trainerteams von Marco Rose, sondern rückt auf den neu geschaffenen Posten des „Technischen Direktors“ – ein Jobtitel, mit dem ich noch nie viel anfangen konnte. Glücklicherweise hat der BVB die Fragen der Fans vorausgeahnt und so gibt Edin Terzic der Vereinswebseite ein Interview, in dem er recht ausführlich auf seine Tätigkeit eingeht.

Die Idee, ein solches Stellenprofil im Verein zu schaffen, sei bei einer gemeinsamen Saisonanalyse mit den anderen BVB-Verantwortlichen entstanden, so Terzic. Erst im Laufe dieses Prozesses hätten er und die anderen erkannt, wie gut dieses Profil auf ihn selber passe. Dem kann man vollumfänglich glauben, es gibt aber keine zwingenden Gründe dafür. Hört man die Meldung zum ersten Mal, könnte man ja denken, die Borussia mache genau das, wovon ich sie im letzten Artikel für die jüngere Vergangenheit freigesprochen habe: für verdiente (Ex-)Angestellte einen Versorgungsposten schaffen.

Kooperation mit Kehl, Zorc und Addo

Das Terzic-Interview kann diesen Verdacht nicht direkt entkräften. Denn was sind nun die Aufgaben des künftigen Technischen Direktors? Er wird „fest“ in die Kaderplanung involviert und soll versuchen,„Spieler für den BVB zu begeistern“. Er wird „ein weiterer Ansprechpartner“ für das Nachwuchsleistungszentrum, der„wie Otto Addo auch direkt an der Schnittstelle zwischen Nachwuchs und Profis“ arbeitet. Außerdem soll Terzic Kontakt zu an andere Vereine verliehenen Profis und deren Trainern halten. Eine Aufgabe, die aller Ehren wert ist, aber wohl nicht den Großteil seiner Arbeitszeit in Anspruch nehmen wird. Edin Terzic fasst sein Aufgabenfeld abschließend so zusammen:

Im Grunde werde ich in Zukunft der Co-Trainer von Michael Zorc und Sebastian Kehl sein (lacht).

Es sind Tätigkeitsfelder, die sich mit denen der genannten BVB-Mitarbeiter überschneiden oder nicht besonders zeitintensiv sein dürften. Nun ist gegen Aufgabenteilung nichts einzuwenden, solange die Zusammenarbeit effektiv und harmonisch abläuft. Und hier dreht sich die Interpretation ins Positive: Vielleicht bräuchte der BVB nicht unbedingt einen Technischen Direktor, aber es spricht einiges dafür, dass Edin Terzic durch seine Persönlichkeit und seine vom Fragesteller im Interview nochmal aufgezählten Kompetenzen doch etwas im Verein bewegen kann. Auch zusammen mit anderen und vielleicht besser als im Trainerteam. Auch wenn sein Posten etwas konstruiert wirkt. Den Segen der Fans wird er spätestens mit diesem Satz haben:

Ich hatte nullkommanull Lust, Borussia Dortmund zu verlassen.

Rose-Terzic-Conundrum

Es gibt wohl kaum einen BVB-Fan, der nicht spätestens jetzt Edin Terzic mag: Nach Pokalsieg und Platz 3 in der Liga hat die Borussia endlich wieder einen erfolgreichen und netten Trainer mit Stallgeruch. Doch nach aktuellem Stand rückt Terzic im Juli wieder ins berühmte zweite Glied – hinter Marco Rose und neben dessen Co-Trainer Alexander Zickler und Rene Maric. Die genaue Aufteilung der Kompetenzen – sollte es bei dieser Konstellation bleiben – ist noch nicht bekannt.

Viel ist bereits über dieses mögliche Set-up geschrieben worden. Es ist ungewöhnlich, spricht aber Bände über die Vereinsbindung von Edin Terzic. Man kann eher das Risiko von schnell aufkeimender Unruhe sehen oder die positive Seite: eine eigentlich komfortable Situation für den BVB. Sollte es wirklich wann auch immer ganz schlecht mit Marco Rose laufen, bräuchte der logische Ersatzmann wenig Anlaufzeit. Ich persönlich denke nicht, dass Rose in ein paar Monaten das Führen einer Mannschaft verlernt hat.

Die Zahlen sprechen für sich

Terzic wiederum hat in dieser Saison gezeigt, dass er es drauf hat. Gegenüber März, als bei Any Given Weekend ein erster Artikel zur Frage „Rose oder Terzic?“ und eine Zwischenbilanz zu Edins Zeit als Chef-Trainer erschien, hat sich seine Statistik klar verbessert. Inzwischen liegt sein Punkteschnitt deutlich vor dem von Favre in dieser Bundesliga-Saison (1,96 zu 1,73). Es war jedoch keine freie Fahrt für Terzic und die Mannschaft. Ja, der BVB hat mit großem Abstand die zweitmeisten Tore (75) geschossen. Doch das kurz nach seinem Amtsantritt von Terzic geäußerte Credo, ihm sei es wichtiger, die Mannschaft schieße ein Tor mehr als der Gegner als eins weniger zu kassieren, hat sich am erfolgreichen Ende der Saison nicht mehr so deutlich in der Spielweise niedergeschlagen. Da ließ die Borussia – ob freiwillig oder nicht – öfter als früher den Gegner spielen und konterte sich im Idealfall zum Tor. Trotzdem, und das ist entscheidend, gelangen in der Rückserie mehr Treffer als in der ersten Saisonhälfte (42/33).

Wichtig, wenn auch nicht in jeder Partie offensichtlich: Der neue Trainer erreichte die Spieler wohl besser als Lucien Favre. Dafür gibt es keinen Beweis, es lässt sich aber aus Äußerungen schließen. Akustisch steht ohnehin außer Frage, wer sich im Stadion besser Gehör verschaffte. Die Anfeuerung durch Terzic war in der Regel über die volle Länge der BVB-Spiele auch vor dem Fernseher vernehmbar. Wie groß der Anteil des Trainers an der Rückkehr Jadon Sanchos und später von Marco Reus zu alter Form war, lässt sich schwer beantworten, doch sie vollzog sich unter Terzics Führung und war ein entscheidender Faktor.

Edin Terzic wie auch Marco Rose kommen in Interviews und auf Pressekonferenzen nett und jovial rüber. Natürlich sprach Terzic besser Deutsch als Lucien Favre und konnte daher pointierter und ausführlicher antworten. Doch er ließ sich ebenfalls nicht gerne in die Karten schauen und es sich nicht nehmen, wiederkehrende Standardfragen auch mal nicht zu beantworten. Kein Traum für (Boulevard-)Journalisten, aber gut nachvollziehbar für Fans.

Die Lösung des Trainer-Rätsels: Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Scheitert Rose, kommt Terzic. An Terzic wird Rose nicht scheitern. Eine schwächere Phase mit einem schwächer besetzten Verein lässt Rose nicht ungeeignet als BVB-Trainer werden. Schon bald werden die Spieler-Transfergerüchte wieder spannender sein als das Rose-Terzic-Conundrum.

Das Ende der guten alten Zeit: Neven geht

Sportlich ist es eine Randnotiz, die wahrscheinlich keine großen Auswirkungen haben wird: Neven Subotic verlässt nun endgültig Borussia Dortmund und wechselt zum französischen Erstligisten AS St. Etienne – dem Rekordmeister, der derzeit im Abstiegskampf steckt. Nach „Kicker“-Informationen bekommt der BVB doch eine Ablöse von 500.000 Euro für den 29-jährigen Innenverteidiger. Eine Summe, die natürlich dennoch daraufhin deutet, dass man Neven keine Steine in den Weg legen wollte.

So weit die harten Fakten. Doch weit kommt man mit denen in diesem Fall nicht. Es stimmt natürlich, dass Neven Subotic trotz seines kurzen Comebacks unter Peter Bosz den Schwarz-Gelben auf dem Platz nichts mehr geben konnte, was sie nicht schon hatten. Das Reinknien mit voller Identifikation reichte eben nicht. Aber es ist trotzdem ein Schlag, wenn ein Spieler mit genau diesen Merkmalen uns nun verlässt. Die Borussia muss sich fragen: Wie viele solche Menschen haben wir noch in unseren Reihen? Die sich auch abseits vom Platz derart engagieren – karitativ oder beim Feiern mit den Fans.

Der Weggang von Neven, der nach dem Köln-Intermezzo im letzten Frühjahr nun endgültig zu sein scheint, bedeutet aber noch mehr. Er markiert das endgültige Ende der Klopp-Ära, das endgültige Ende der Leichtigkeit und Andersartigkeit, die damit verbunden war. Natürlich ist der BVB nun schon seit mehreren Jahren ein fast normaler Topklub. Und hatte zuletzt mehr Krisen zu überstehen als viele andere. Aber manche Erinnerungen verbinden wir eben doch mit Personen und nicht nur mit dem abstrakten Verein.

Wer von den Verbliebenen der damaligen Zeit weckt denn noch ähnliche Emotionen bei den Fans wie Neven Subotic? Lukasz Piszczek oder Marcel Schmelzer? Nicht wirklich. Nuri Sahin oder Shinji Kagawa? Haben durch ihre Abschiede an Glanz verloren und den nach ihrer Rückkehr nicht wieder mitgebracht. Roman Weidenfeller? Ist wohl doch schon zu weit in seiner Karriere fortgeschritten.

Und welche der neuen Spieler können uns begeistern? Derzeit fallen mir drei ein. Zwei davon sind im Aufbautraining bzw. verletzt: Marco Reus und Maximilian Philipp. Der Dritte, Christian Pulisic, ist zum Glück (wieder) fit, aber liefert in dieser Spielzeit eben auch nicht jede Woche Topniveau.

Borussia Dortmund nach Neven Subotic muss sich daher seine eigene Story erst wieder erarbeiten. Den jetzigen Kader verbinden immer weniger gemeinsame Erinnerungen. Die, die da sind, verblassen. Alte Freundschaften wirken nach außen manchmal wie Seilschaften, die beim Aufbau einer neuen Identität für den BVB 2017/18 eher hinderlich sind. Derzeit schreiben die Schwarz-Gelben zwar Schlagzeilen, aber keine Geschichten, die eine längere Zeit überdauern. So wie die von Neven Subotic.

Jürgen Klopp wird ein Roter

Dortmunds Trainer-Legende hat einen neuen Verein: Jürgen Klopp ist in Liverpool eingetroffen, um bei den „Reds“ einen Dreijahresvertrag zu unterschreiben. Seine Vorstellung steht morgen Vormittag an. Für den lukrativen und ohne Zweifel reizvollen Job in der Premier League unterbricht Kloppo also sein Sabbatical und wird ein Roter – und das nicht in der Bundesliga. Für seine nach wie vor große Fangemeinde unter den BVB-Anhängern ist das sicher leichter erträglich.

Ohnehin kann man das Engagement gut nachvollziehen: Ein sportlich ins Trudeln gekommener Traditionsklub mit ebenfalls großer Fangemeinde, der finanziell  durchaus Potenzial hat – das kann man sich als offener, selbstbewusster Trainer schon mal antun. Jürgen Klopp beherrscht die englische Sprache sehr ordentlich und ist ohne Zweifel in der Lage, Aufbruchstimmung zu erzeugen. Trotzdem wird es natürlich sehr spannend zu sehen sein, wie er mit den hohen Erwartungen, den Stars und den Medien zurechtkommt. Das kann klappen, muss aber nicht.

Besonders interessant und in der britischen Presse bereits thematisiert ist die Frage, welche Kompetenzen Klopp in der Transferpolitik bekommt. Beim FC Liverpool gibt es ein sechsköpfiges ‚Komitee‘, bestehend aus Scouts, Geschäftsführer, einem Eigentümervertreter, einem ‚Analysten‘ und – immerhin – dem Trainer. Dieses Gremium entscheidet über alle Transfers und stand zuletzt in der Kritik. Ob sich auch der neue Trainer hier der Mehrheitsmeinung unterwerfen muss, ist noch nicht bekannt.

Ein prominenter deutscher Trainer in England – das Thema wird uns in den nächsten Monaten und hoffentlich Jahren noch öfter beschäftigen. Ich werde nun zwar nicht zum Liverpool-Fan werden – meine Präferenzen lassen sich neuerdings ja hier im Blog ablesen – aber verfolgen werde ich den Werdegang von Jürgen Klopp in England ganz bestimmt. Viel Glück, Kloppo!

Egal ob Statement oder Kalkül, Hauptsache Reus

Gestern hatte der BVB-Medienpartner „Ruhr Nachrichten“ über eine entscheidende Annäherung in den Vertragsgesprächen zwischen Borussia Dortmund und seinem Topspieler Marco Reus berichtet. Nur einen Tag später wurde wahr, was viele Schwarz-Gelbe nicht mehr zu glauben gewagt hatten: Unsere Nummer 11 bleibt in Dortmund, verlängert bis 2019 und verzichtet im neuen Vertrag auf eine Ausstiegsklausel. Das Papier gilt sogar für die zweite Liga. Obendrein vermeldet der Verein an seine Aktionäre, dass nun kein Spieler mehr eine Ausstiegsklausel nutzen kann.

Für den BVB ist die Meldung, dass der wichtigste und effektivste Offensivmann bleibt, eine wegweisende Entscheidung in schweren Zeiten. Genau die ‚Experten‘, Journalisten und gegnerischen Fans, die der Borussia zuletzt keine Chance mehr gegeben hatten, Reus zu halten, weil der ja für angeblich 25 Millionen Euro wechseln könne, dürften diejenigen sein, die in seiner Vertragsverlängerung pures Kalkül sehen. Wer aber ernsthaft behauptet, Marco habe gar keine anderen Optionen mehr gehabt, macht sich lächerlich. Egal ob es stimmt, dass Real Madrid ihm auf jeden Fall das doppelte Gehalt wie der BVB geboten hätte. Egal, ob die Bayern, die sich interessiert zeigten ohne klar Stellung zu beziehen, ihn noch wollten. Wichtig für uns ist nur: Wir haben ihn und sie nicht.

Marco Reus wird in Zukunft noch sehr viel mehr Geld in Dortmund verdienen als bisher. Zusammen mit den Großsponsoren bzw. Anteilseignern Opel und Puma soll laut „Kicker“ ein Paket für den Superstar geschnürt worden sein. Gerüchten zufolge liegt das Jahresgehalt bei bis zu 10 Millionen. Das ist unglaublich viel, relativiert sich aber dennoch, wenn man an die jüngste Kapitalerhöhung der Borussia Dortmund KgaA denkt. Ob Reus anderswo viel mehr hätte verdienen können, was manche Kritiker ja auch bezweifeln, ist sowieso nur ein Aspekt. Der Spieler hat sich in einer sportlich schwierigen Situation mit ungewissen Zukunftsaussichten für diesen Verein entschieden. 98 Prozent der BVB-Fans dürfte das Identifikation genug sein.

Ohne Marco wäre der BVB im Sommer nach einem Neuaufbau womöglich nur noch gehobener Bundesliga-Durchschnitt gewesen. Mit ihm kann die Saison 2014/15 vielleicht bald als eine unrühmliche Zwischenepisode ad acta gelegt werden. Natürlich muss erst der Klassenerhalt geschafft werden, natürlich hat unsere Nummer 11 nach seinen Verletzungen und der kollektiven Verunsicherung noch keine Topform. Doch heute ist ganz im Klopp’schen Sinne ein weiterer Tag der Freude! Cheers!

Kehl gibt Binde ab – es kann nur einen Nachfolger geben

Sebastian Kehl hat am Mittwoch im BVB-Trainingslager in Bad Ragaz seinen Rücktritt als Kapitän erklärt – für die Meisten überraschend, nur die sportliche Führung war schon seit Saisonende eingeweiht. Auf der Pressekonferenz nannte er als Hauptgrund die „Fürsorge“, den Wunsch, seinem Nachfolger noch ein Jahr zur Seite stehen zu können. Im Sommer 2015 soll bekanntlich Kehls Karriere in Dortmund enden. Sportliche Gründe – sprich: der fehlende Stammplatz – hätten dagegen keine Rolle gespielt.

Man muss die Aussagen nicht komplett für bare Münze nehmen, darf aber trotzdem annehmen, dass Sebastian sie im Sinne der Mannschaft getroffen hat. Es ist sicher nicht falsch, jetzt in diesem Punkt auf die Zukunft zu setzen und einem Spieler mehr Gewicht zu verleihen, der auch regelmäßig spielt. Als Nachfolger liegen selbstverständlich Kehls Vertreter Mats Hummels und Roman Weidenfeller nahe, die nun auch noch Weltmeister sind. Dass gar niemand anders in Frage kommt, muss man nicht so sehen: Neven Subotic und Sven Bender hätten ebenfalls das Format für die Rolle. Letztendlich aber doch nicht das geeignete Temperament.

Eigentlich kann es am Ende doch nur einen geben: Mats Hummels. Weidenfeller hat drei Nachteile: Er ist kein Feldspieler, keine zukunftsweisende Option und er ist rhetorisch einfach schwächer als Hummels – nicht nur auf Englisch. Auch als Repräsentant scheint Mats besser geeignet zu sein. Und ein klein wenig ist da natürlich die Hoffnung, dass es ihn mit der nochmals gesteigerten Wertschätzung noch ein Weilchen länger in Dortmund hält. Die Entscheidung wird in der Hauptsache Jürgen Klopp treffen – vermutlich rechtzeitig vor dem Start der Pflichtspiele.

Sebastian Kehl war jedenfalls ein nahezu vorbildlicher Kapitän, dessen Entscheidung zum Rücktritt sicher nicht mit Freude aufgenommen wurde – so viel konnte man seinen Worten entnehmen. Wünschen wir ihm alle eine tolle, erfolgreiche Saison zum Abschied! Danke, Sebastian!

 

Unerwartet wundervoll

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Aaron Hunt von Werder Bremen war bisher kein Lieblingsspieler von mir. Ich fand es bezeichnend, dass er in einer scheinbar indifferenten Mannschaft mit seinen Qualitäten als Lichtblick galt. Außerdem wirkte er bei den wenigen Gelegenheiten, zu denen man als Fan eines anderen Vereins mal einen Einblick bekam, tendenziell arrogant. Ich würde nicht sagen, dass ich Hunt abgestempelt hatte, aber er passte doch in das Werder-Bild, das in den letzten zwei Jahren bei mir entstanden war – einem Verein, dem ich früher sehr zugetan war.

Nun gewinnt eben jener Klub gestern nicht nur 2:0 beim ‚Glubb‘, der vor seiner Niederlage in Dortmund blendend in die Rückserie gekommen war. Nein, es zeigt sich auch, dass Aaron Hunt ein Großer ist. Ein Sportsmann, wie man ihn heute kaum noch für möglich hält. Es ist das eine, wenn man wie der Nürnberger Kiyotake zugibt, den Ball noch berührt zu haben, bevor er ins gegnerische Toraus rollt. Das ist eine sehr faire Geste. Aber Schiedsrichter Gräfe zu sagen, dass ein gepfiffener Elfmeter keiner war, den man selber herausgeholt hat, das ist ganz großer Sport.

Ja, es stand bereits 2:0 und es war im Fernsehen zu sehen, dass es tatsächlich eine klare Fehlentscheidung von Gräfe gewesen wäre. Trotzdem steckt auch Bremen noch im Abstiegskampf, jedes Tor kann am Ende entscheidend sein und Aaron Hunt scheint sich tatsächlich sehr schnell zu seinem Geständnis entschieden zu haben. Und deshalb rührt sein Verhalten auch langjährige Fußballfans. Weil in Zeiten, in denen das Erfolgsstreben mit Tunnelblick nicht nur an der Spitze des deutschen Fußballs als Nonplusultra ausgegeben wird, solche Zeichen überraschend sind und die Schönheit des Spiels und der Sportlichkeit wieder in Erinnerung rufen. Danke Aaron Hunt!

Der 15.000-Tage-Mann

Sportdirektor Michael Zorc hat seinen Vertrag bei Borussia Dortmund verlängert. Das war allgemein erwartet worden, ist aber dennoch bemerkenswert, wenn man auf ‚Susis‘ Jahrzehnte in schwarz-gelb zurückblickt. Ende der 70er Jahre kam er als Jugendspieler zum Verein und ist bis heute dabei geblieben. Wenn sein Vertrag im Juni 2019 ausläuft, wird er 41 Jahre  – oder knapp 15.000 Tage – in Diensten des BVB gestanden haben. Gut möglich, dass das dann noch nicht alles ist.

Nach seinen Erfolgen als Spieler, nach 156 Profitoren, gelang Zorc nach einer für den gesamten Verein schwierigen Phase der Aufstieg zum absoluten Top-Manager an der Seite von Jürgen Klopp. Das Erfolgsduo funktioniert und harmoniert prächtig, obwohl Zorc ein deutlich ruhigerer Zeitgenosse als der Trainer ist. Oder vielleicht gerade weil es ihm seine Wesensart ermöglicht, beharrlich im Hintergrund zu arbeiten. Die Vereinstreue und die Verbundenheit mit der Borussia, die Susi ausstrahlt, sind ohnehin großartig und etwas nun wirklich nicht mehr Alltägliches im Fußballgeschäft.

Unser Sportdirektor hat nun die längste Vertragslaufzeit von allen führenden Vereinsverantwortlichen. Das macht absolut Sinn und sichert Kontinuität selbst für den Fall, dass sich Jürgen Klopp und ‚Aki‘ Watzke einmal anders orientieren sollten.

Abschied der großen Männer

Die Fußball-Szene erlebt dieser Tage einen beispiellosen Abschiedsreigen. Spieler und Trainer von höchster Reputation sagen „auf Wiedersehen“ und verdrängen für einige Tage Transfergerüchte und Champions League-Finale aus den Schlagzeilen. Besonders betroffen ist einer der weltweit bekanntesten Vereine, Manchester United. Trainer-Legende Sir Alex Ferguson gab letzte Woche seinen Rückzug zum Saisonende bekannt, der ’stille Star‘ Paul Scholes tritt in diesem Monat bereits zum zweiten Mal zurück und nun hat auch United’s ehemaliger Topseller David Beckham bekanntgegeben, seine Karriere bei PSG nicht fortzusetzen. Beim (wenn auch nicht sportlich) großen Konkurrenten FC Liverpool verabschiedet sich nach dieser Spielzeit ‚One-Club-Man‘ Jamie Carragher.

Und in Deutschland? Vieles spricht dafür, dass Bayern-Trainer Jupp Heynckes nach dem CL-Finale leise „servus“ sagt, ob mit oder ohne Titel, ob mehr oder weniger freiwillig. Seit gestern wissen wir, dass auch Thomas Schaaf geht. Zumindest weg aus Bremen. Und wenn man nur die Klubzugehörigkeit betrachtet, schlägt Schaaf sogar Sir Alex um Längen: 41 Jahre war er als Spieler und Trainer beim SV Werder – das sind 15 Jahre mehr als der Schotte in Manchester waltete. Natürlich war Ferguson von der Zahl und Art der Titel her erfolgreicher – und bekommt auch einen deutlich angemesseneren Abgang beschert.

Man kann selbstverständlich darüber diskutieren, ob in Bremen nach 14 Jahren Cheftrainer Schaaf die Zeit für einen Wechsel gekommen war. Man darf allerdings auch darauf hinweisen, dass der ruhige gebürtige Mannheimer nicht allein verantwortlich für die verfehlte Transferpolitik der letzten Jahre war – meiner Meinung nach der Hauptgrund für die miserable Saison 2012/13. Und aus welchem Grund musste der ‚Strategiegipfel‘, bei dem die Zukunft von Werder besprochen wurde, zwischen dem vorletzten und letzten Spieltag stattfinden, wenn es eine wahrscheinliche Option war, sich vom langjährigen Trainer zu trennen? So einvernehmlich dürfte es nicht zugegangen sein, wenn das Ergebnis ist, dass Schaaf beim letzten Saisonspiel nicht mehr auf der Bank sitzt.

Werder Bremen war ein Verein, den ich immer zu den Guten gezählt habe. Die Wahl des neuen Trikotsponsors war bereits mehr als unglücklich. Nun endet eine missratene Spielzeit auch noch mit einer Stillosigkeit.