Peter Hermann geht – BVB verliert Erfahrung

Co-Trainer Peter Hermann und Borussia Dortmund gehen ab sofort getrennte Wege. Der 70-jährige Star-Assistent bat den Verein aus gesundheitlichen Gründen um die Auflösung seines Vertrages – der BVB hat dem Wunsch selbstverständlich entsprochen. Dass es nicht etwa wegen Differenzen im Trainer-Team zum Bruch kam, darf man aus der Tatsache schließen, dass Hermann seine Karriere ganz beendet.

Edin Terzic wird in der Pressemitteilung des Vereins wie folgt zitiert:

Peter Hermann hinterlässt auf der Co-Trainer-Position im fachlichen wie im menschlichen Bereich für uns alle eine sehr große Lücke. Darüber hinaus wird er mir als Freund und Weggefährte an meiner Seite fehlen. Aus vollem Herzen: Danke, Peter

via Kicker Online

Es sind warme Worte, die ehrlich klingen und es gibt auch absolut keinen Grund, an ihnen zu zweifeln. Worüber ich allerdings bis in die WM-Pause hinein am Rätseln war, ist die Frage, worin genau der Input von Peter Hermann bestand. Ich bin sicher, er wird seinen Anteil an der Arbeit des Trainer-Teams gehabt haben, aber Details dazu sind nie wirklich bekannt geworden. Wenn man ihn gelegentlich im Fernsehen auf der Trainerbank sitzen sah, wirkte er stets ruhig und war selten in Diskussionen mit Edin Terzic oder anderen Teammitgliedern zu sehen. Das kann und wird vermutlich Zufall gewesen sein. Doch geben eben auch die bewegten Bilder keinen Aufschluss darüber, wie eingebunden Hermann wirklich war.

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Was war denn da los? Gedanken zur BVB-Hinrunde

Nennen wir es nicht Analyse! Es wäre für einen mehr oder weniger Außenstehenden anmaßend zu behaupten, man könne diese wechselhafte, aber zum Ende hin doch enttäuschende Hinserie 2022/23 vollständig erklären. Besonders skeptisch bin ich gegenüber zum Monokausalen tendierenden Ansätzen: Es lag nicht nur am Trainer, nicht nur am Haaland-Weggang, nicht nur an den Herren Watzke oder Sammer. Hilfreich ist eher, Konstanten und Kontinuitäten über die generell inkonstante Saison hinweg aufzudecken – oder sogar saisonübergreifend.

Trainer und Taktik

Es ist der älteste Reflex im modernen Fußball: Läuft es für einen Club schlecht und bringen Startelf-Variationen keine schnellen Erfolge, wird das am Trainer festgemacht. Selten ganz zu Unrecht, doch genauso selten lassen sich die Fehler des Trainers zu einer hinreichenden Erklärung zusammenfügen. Wer jetzt schon wieder Edin Terzic loswerden möchte, sollte sich bewusst machen, dass auch unter den Trainern Favre und Rose keine Konstanz beim BVB herrschte. Es gab bei jedem der drei letzten Dortmunder Trainer Phasen und Aspekte, die besser waren als bei den anderen, und es gab eher schwierige Momente.

Edin Terzic kommt in dieser Saison auf einen Punkteschnitt von 1,74 über alle Wettbewerbe; in seiner ersten Amtszeit lag der Wert bei glatt 2. Für Marco Rose stehen 1,85 Punkte zu Buche, für Lucien Favre 2,01. Letzterer Wert erinnert uns an die guten Zeiten unter dem Schweizer, ehe die Ergebnisse im letzten Halbjahr zu unbeständig wurden. Ich bin ein Freund davon, Trainer – wie alle anderen am Fußball Beteiligten – an den Ergebnissen zu messen, da wir trotz aller Medien zu wenig von der Arbeit und der vereinsinternen Situation jenseits des Spieltags mitbekommen, um daraus Schlüsse zu ziehen. Die Unterschiede bei der Punkteausbeute der drei Genannten sind allerdings zu gering, um einen von ihnen zum besten BVB-Trainer der letzten Jahre zu küren. Schließlich darf man die Fluktuationen im Kader und auf der Verletztenliste auch nicht ganz außer Acht lassen.

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91 Ecken, null Tore

Diese Statistik wird rund um Borussia Dortmund gerade heiß diskutiert. Kein Wunder, lässt sich an ihr doch endlich mal festmachen, woran es bei den Schwarz-Gelben unter anderem hapert. Die meisten anderen Probleme sind nicht so einfach an Zahlen abzulesen. Mit 91 Eckbällen liegt der BVB weit vorne in der Bundesliga – nur der FC Bayern hat mehr. Mit keinem daraus direkt resultierenden Tor steht man natürlich ganz hinten.

Es ist tatsächlich schwer zu ertragen, wenn eine von Julian Brandts Ecken mal wieder nur bis zum Gegenspieler am ersten Pfosten kommt. Wenn wer auch immer den Ball planlos irgendwo in den Strafraum schlägt. Oder das Spielgerät bei den seltenen Versuchen einer alternativen Variante nicht mal die Gefahrenzone erreicht. Doch wie relevant ist die Eckenstatistik im Gesamtkontext der Saisonleistung? Wie viele Tore nach Eckbällen sind eigentlich normal?

Keine Erfolgsgarantie

In der aktuellen Ausgabe des schottischen Fußball-Magazins Nutmeg (Nr. 25, S. 40f.) hat Autor Vinny Ferguson dies mit Hilfe von Dave Carbery untersucht – für die letzten fünf Spielzeiten in den fünf europäischen Top-Ligen (England, Spanien, Italien, Deutschland und Frankreich) sowie die EM 2016 und die WM 2018. Die Resultate sind eher ernüchternd – nicht nur für alle Schlüsselrassler und „Oooooh“-Rufer. Nur nach knapp 3,93 Prozent aller Ecken fällt innerhalb von fünf Ballberührungen ein Tor. Und „Ecke-Kopfball-Tor“ klappt sogar nur in 0,36 Prozent der Fälle!

Wenn statistisch nicht mal jedem 25. Eckball ein Treffer folgt, muss man auch die Kritik an den aktuellen Zahlen des BVB etwas relativieren. Normalerweise hätten die Schwarz-Gelben demnach in dieser Saison in der Liga drei Tore mehr erzielen müssen. Wie viele zusätzliche Punkte das bedeutet hätte, hängt natürlich von den jeweiligen Spielen ab. Tabellenführer wäre der BVB damit eher nicht, etwas besser stünde er aber wohl da. Ob das Grund genug für einen eigenen Ecken-Trainer ist, wage ich zu bezweifeln – üben dürfen die schwarz-gelben Jungs aber schon.

Schwarz-gelbes Status-Update

30 Spieltage vorbei, 4 to go – höchste Zeit für ein Update in Sachen Borussia Dortmund, nachdem ich die letzten Spiele alle nur teilweise verfolgen konnte. Es bleibt eine Spielzeit des Auf und Abs. Mit einigen extremen Ausschlägen – Partien, wegen denen man die Schwarz-Gelben als bipolar bezeichnen könnte. Wie kriegt man sonst das 1:4 gegen die Leipziger Fußball-Konstrukteure und das 6:1 gegen Wolfsburg zusammen? Es fällt zumindest schwer – trotz aller Form- und Qualitätsunterschiede bei den Gegnern.

Aus Borussen-Sicht darf 2021/22 lieber früher als später enden. Gefühlt haben schon jetzt das Thema Neuaufbau und aktuelle Transfergerüchte einen höheren News-Stellenwert als das kommende Auswärtsspiel beim FC Bayern. Im Fokus steht derzeit die künftige BVB-Abwehr, die u.a. aus den deutschen Nationalspielern Niklas Süle und Nico Schlotterbeck bestehen könnte. Doch zum einen hat der 22-jährige Noch-Freiburger Schlotterbeck gestern gegenüber Sky eine Einigung mit dem BVB oder einem anderen Verein ausdrücklich dementiert und will sich erst nach Saisonende festlegen. Zum anderen hat das Beispiel Götze/Schürrle gezeigt, das aus einem dynamischen Nationalmannschafts-Duo nicht unbedingt ein schwarz-gelber Volltreffer wird.

Worin sich BVB und Bayern ähneln

Der Blick auf den FC Bayern lohnt sich vielleicht nicht hinsichtlich tagesaktueller Fakten wie Personalsituation oder Ergebnisprognosen. Vergleicht man jedoch die bisherige Spielzeit des Tabellenersten und -zweiten, zeigen sich interessante Parallelen. Beide Klubs sind in den nationalen wie internationalen Pokalwettbewerben deutlich hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben. Beide Klubs stehen in der Bundesliga auf dem Tabellenplatz, mit dem sie am Ende zufrieden wären. Aber in der Summe überwiegen wohl die negativen Eindrücke, die kritischen Stimmen. So dass im Umfeld der Bayern genauso wie in Dortmund Umbauten im Kader angemahnt werden.

Trotz manch verpasster Ziele dürften beide Vereinsführungen den Trainern Marco Rose und Julian Nagelsmann das Vertrauen für 2022/23 aussprechen. Weil man sie jeweils für dynamisch, progressiv sowie für Verfechter eines attraktiven Spielstils hält. Und deshalb an höhere Erfolgsaussichten im zweiten Anlauf glaubt. Gesprochen wird auch über den Verbleib der jeweiligen Stürmer-Stars, wobei die Bayern bei Robert Lewandowski natürlich bessere Karten haben als der BVB bei Erling Haaland.

Nun will es der Spielplan so (und vielleicht wollten es auch die Spielplaner), dass der FC Bayern am 31. Spieltag, natürlich am Samstagabend um 18.30 Uhr, gegen die Borussia die Meisterschaft perfekt machen kann. Dazu reicht den Hausherren aufgrund der überlegenen Tordifferenz im Grunde ein Punkt. Doch es wäre für die Roten in einer höhepunktarmen Saison wohl ein Ersatz-Highlight, wenn der gewohnte Meistertitel wenigstens mit einem Sieg zuhause gegen den vermeintlichen Rivalen aus Dortmund eingefahren würde. Deswegen ist es außerordentlich unwahrscheinlich, dass den Schwarz-Gelben dort ausgerechnet jetzt der erste Punktgewinn seit acht Jahren gelingt. Da müssen wir jetzt auch noch durch.

Sind hier die guten Investoren?

Der Krieg in der Ukraine und die aus ihm folgenden Sanktionen gegen russische Oligarchen wie Roman Abramowitsch haben in England eine Debatte verstärkt, die durchaus schon geführt wurde, aber noch nicht mit der nötigen Intensität: Welche Voraussetzungen sollte der Besitzer/die Besitzerin eines Fußballklubs erfüllen müssen und wie sollten die Besitzverhältnisse generell strukturiert sein? Der Fall Newcastle United und noch mehr die jetzige Ungewissheit um Chelsea könnten – bei all den schrecklichen Hintergründen – den positiven Effekt haben, dass diese Diskussion nun unwiderruflich in Gang kommt.

Gibt es noch das „gute Geld“ im englischen Fußball? Bekanntlich existieren im Mutterland des Sports im Profibereich schon lange ganz andere Strukturen als in der deutschen Bundesliga oder gar im hiesigen Vereinswesen. Doch inzwischen ist auch der wohlhabende und -wollende, aus der Region stammende Klubbesitzer früherer Prägung rar. Die Besitzverhältnisse in den oberen Ligen sind internationaler geworden; eine Affinität zum Heimatort eines Vereins müssen viele Klubführungen erst von sich aus herstellen. Manche überzeugen dabei, manche weniger.

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Was der BVB jetzt tun müsste…

… aber größtenteils nicht kann. Auf der einen Seite ist es paradox: Da ist Borussia Dortmund mit fünf Punkten Vorsprung Zweiter und im Pokal haben die Schwarz-Gelben ebenfalls gute Karten. Aber trotzdem reden wir – nicht nur hier – davon, was alles besser werden muss. Denn das ist nun mal das Los als vermeintlich zweite Kraft in Deutschland: Schon wieder neun Punkte Rückstand auf die Bayern und das vorzeitige Aus in einer machbaren Champions League-Gruppe kannst du schwer als vollen Erfolg verkaufen. Und schon am Samstag geht es weiter: Die Schwarz-Gelben fahren nach Frankfurt – zur Eintracht, die sich zum Ende der Hinserie auf den sechsten Platz vorgearbeitet und wettbewerbsübergreifend in den letzten zehn Partien nur einmal verloren hat. Was muss, was kann die Borussia ändern, um in Liga, Pokal und Europa League auf Kurs zu bleiben?

Schneller werden

Der BVB hat schnelle Spieler in seinen Reihen. Allen voran in seiner Verbindung von Geschwindigkeit und Effektivität natürlich Erling Haaland. Aber auch Giovanni Reyna und Youssoufa Moukoko können mit ihrer Top Speed punkten – wenn sie denn fit sind. In der Offensivabteilung stehen weitere Akteure, die so manchem Gegenspieler davonlaufen können. Das Problem: Wichtigen Defensivleuten passiert es auch mal, dass ihnen jemand davonläuft. Mats Hummels, der ohnehin keine fehlerfreie Hinserie spielte, ist nicht (mehr) der Schnellste. Axel Witsel ist in der zügigen Rückwärtsbewegung immer wieder überfordert. Die Außenverteidiger Schulz und Meunier schaffen es nicht, schnell genug zurückzulaufen und dann noch entscheidend eingreifen zu können, ob auf dem Flügel oder weiter innen.

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Knackiger Auftakt für den BVB

Selbst wenn ich den Termin vorher nicht auf dem Schirm hatte: Nun ist er raus, der neue Bundesliga-Spielplan, und selbstverständlich wie jedes Jahr Thema bei Any Given Weekend. Diesmal gibt es wohl keine zwei Meinungen, dass Borussia Dortmund ein eher anspruchsvolles Auftaktprogramm zugeteilt bekommen hat. Die ersten fünf Spieltage sind:

  1. Eintracht Frankfurt (H)
  2. SC Freiburg (A)
  3. TSG Hoffenheim (H)
  4. Bayer Leverkusen (A)
  5. Union Berlin (H)

Der BVB startet daheim – das ist sicher ein Vorteil. Allerdings landeten die fünf Gegner in der vergangenen Saison alle unter den Top 11 der Liga. Und noch mehr Respekt flößen die Ergebnisse dieser fünf Partien ein: Aus ihnen holten die Schwarz-Gelben 2020/21 nur vier Punkte. Klar, neue Saison, neuer Trainer, neue Spieler, neues Glück. Doch zumindest der Blick in die jüngste Vergangenheit spricht dafür, dass die Borussia hier von Anfang an hellwach sein muss.

Als Nächstes habe ich für ein paar Sekunden nach dem Derby gesucht, bis es mir wieder einfiel. Aber dafür spielt der BVB Mitte Dezember, am 15. Spieltag, mal wieder im Ruhrstadion in Bochum. Der Meister kommt am Spieltag zuvor nach Dortmund. Der alte Club des neuen Trainers Marco Rose lädt schon am 6. Spieltag zum Borussen-Duell. Sehr angenehm: Auch das letzte Spiel am 14. Mai bestreiten die Schwarz-Gelben zu Hause, gegen Hertha BSC.

Man sollte die Bedeutung des Spielplans nicht überhöhen, aber gerade nach einem Trainerwechsel stellt solch ein Saisonauftakt eine Herausforderung dar. Bis dahin vergehen allerdings noch einige Tage, ein Länderspiel in Wembley und sicher einige Transferaktivitäten.

BVB 2020/21: Die Spielernoten

Abwechslungsreich war sie, diese schwarz-gelbe Spielzeit – darauf können sich wohl alle Beobachter einigen, egal ob sie ansonsten eher das letztendliche Erreichen aller offiziellen Ziele oder den großen Abstand zum Meister hervorheben. Einig sind sich alle sicher auch darin, dass wir eine solche Saison fast ohne Fans nicht wieder brauchen – um das sicherzustellen, sind wir alle gefragt. Bei den Leistungen der BVB-Spieler ist eine große Bandbreite festzustellen. Im Zeugnis werden nur die berücksichtigt, die über alle Wettbewerbe mindestens zehn Einsätze und 400 Spielminuten absolviert haben. Die Notenskala reicht von 1 bis 10 (Topwert).

Tor

Roman Bürki: Der Schweizer wirkte unsicherer als in den Spielzeiten zuvor. Das ist aber ein eher subjektiver Eindruck. Die Zahl grober Patzer blieb sehr überschaubar. Bürki war allerdings auch kein Stabilitätsfaktor und hielt vor allem die Bälle, die man halten muss. Die paar Auftritte, die er am Ende der Saison noch hatte, waren wiederum überzeugend. 5 P.

Marwin Hitz: Ende Januar ersetzte der drei Jahre ältere Schweizer Hitz seinen Landsmann Bürki im Tor. Einige Unterschiede waren festzustellen: Hitz versuchte tatsächlich, weitestgehend ohne Abschläge und nur mit Pässen und Abwürfen auszukommen. Das sah manchmal etwas riskant aus, blieb allerdings ohne größere negative Folgen. Dafür leistete sich der Schweizer in den ersten Wochen einige Missgeschicke. Danach stabilisierte er sich, ohne eine große Zahl von Glanztaten zu vollbringen. Ein Qualitätsunterschied zu Bürki? Schwer festzumachen. 5 P. Weiterlesen „BVB 2020/21: Die Spielernoten“

Das Ende der Super League und die Folgen

Das Scheitern war spektakulär: Nur zwei Tage, nachdem zwölf europäische Topvereine die Gründung einer Super League angekündigt hatten, ist das Projekt an einer Mauer des Widerstands zerbrochen. Alle sechs englischen Clubs haben sich zurückgezogen, ebenso Atletico und Inter. Am ehesten stehen noch Real Madrid und Juventus, die Clubs der mutmaßlichen Initiatoren Florentino Perez und Andrea Agnelli, hinter dem Plan. Doch Agnelli hat nun laut Reuters eingeräumt, dass die Super-Liga ohne die englischen Vertreter nicht funktionieren wird. Dass dieser Coup so schnell in sich zusammenfallen würde, hätten wohl nicht mal die kühnsten Optimisten gedacht. Auch ich hatte mit einer monatelangen, auch juristischen Auseinandersetzung gerechnet. Ausschließen kann man inzwischen, dass es sich nur um ein Manöver zur Ablenkung von der Champions League-Reform handelte – aufgrund des Vorgehens der Verschwörer erscheint das heute absurd.

Die wenigsten Fans werden alle Gegner der Super League sympathisch finden. Es war dennoch wichtig, dass sie alle zusammenstanden: Alexander Ceferins UEFA, Gianni Infantinos FIFA, Boris Johnsons Regierung, die nationalen Fußballverbände, darunter der DFB mit Fritz Keller und Rainer Koch, der BVB, FCB und PSG, die eine Einladung zur ESL ausschlugen, viele der betroffenen Spieler sowie natürlich und vor allem die Fans, gerade auch die der beteiligten Clubs. Alle haben eine klare, kompromisslose Botschaft an die Vereinsverantwortlichen der ESL gesendet; niemand ist von der harten Linie abgewichen. Wie lange diese Solidarität gehalten hätte, werden wir nun nicht erfahren – zum Glück. Bei allem, was den normalen Fan von den genannten anderen Akteuren trennt: Es ist gut zu wissen, dass es zumindest einen Minimalkonsens über die Grundwerte des Sports gibt. So bleibt auch ein wenig Hoffnung erhalten, dass Fußball das „beautiful game“ bleiben oder wieder werden wird.

Perez & Co inszenieren sich als Wohltäter

Ihre juristischen Hausaufgaben mag die ESL ja gemacht haben – zumindest glaubten ihre Vertreter das, aber die Wucht der öffentlichen Meinung wurde grandios unterschätzt. Die Solidarisierung ihrer eigenen Spieler und Trainer mit den Gegnern des Projekts, die ganz klaren Drohungen der nationalen wie internationalen Verbände sowie der britischen Regierung und die wütenden Fanproteste haben einen Verein nach dem anderen zum Einknicken gebracht. Als die erste Karte weggezogen wurde, war es nur eine Frage der Zeit, bis das Kartenhaus zusammenstürzte.

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European Super Greed

Es wird konkret: Zwölf Fußballvereine, oder eher -unternehmen, haben sich letzte Nacht öffentlich dazu bekannt, eine European Super League (ESL) gründen zu wollen – und zwar so bald wie möglich. Es handelt sich um Manchester City und United, FC Liverpool, FC Chelsea, Arsenal, Tottenham Hotspur, Real und Atletico Madrid, FC Barcelona, AC Milan, Inter sowie Juventus Turin. Zu diesen zwölf sollen drei weitere Clubs stoßen – alle diese Gründungsmitglieder wären in der ESL ständig dabei, also buchstäblich unabsteigbar. Fünf weitere Vereine könnten sich Jahr für Jahr qualifizieren; wer sich bewährt, der soll in den folgenden Jahren einfacher reinkommen. Diese Regelung ist jedoch noch nicht im Detail ausgearbeitet.

Die kompletten bis dato bekannten Details gibt es heute überall zu lesen, etwa im Kicker. Den Qualifikationsmodus schon fertig zu denken, wäre auch reichlich verfrüht – schließlich gibt es massiven Widerstand gegen die ESL von Verbänden, darunter UEFA und FIFA, Vereinen, Regierungen und Fans. Bis zum öffentlichen Bekenntnis der zwölf Gründungsmitglieder bin ich davon ausgegangen, dass das erneute Auftauchen der Pläne zu diesem Zeitpunkt die Opposition gegen die Reform der Champions League schwächen sollte. Schließlich steckte in derem schon beinahe durchverhandelten neuen Modus neben einer Inflation der Spielezahl auch die Qualifikation per Koeffizient drin: Zunächst zwei Teams sollten nicht nach aktueller sportlicher Leistung, sondern aufgrund früherer ‚Verdienste‘ ausgewählt werden. Diese Tatsache war zurecht zutiefst unpopulär bei den Fans, wird aber durch den „closed shop“ einer European Super League mit 15 Dauer-Teilnehmern völlig in den Schatten gestellt.

Das breitenwirksame Bekenntnis zur ESL macht eine Rückkehr der Abtrünnigen zu Gesprächen über die Champions League nun schwierig. Ist es also mehr als ein Täuschungsmanöver? So sehr es nach einem ernsthaften Unterfangen aussieht: Den zwölf Clubs dürfte klar gewesen sein, dass sie es mit einer im Fußball noch nie da gewesenen Front der Ablehnung zu tun bekommen werden. Blieben alle anderen Player konsequent, würden die ESL-Teilnehmer aus allen anderen Wettbewerben ausgeschlossen, vor allem den nationalen Ligen und Pokalwettbewerben. Außerdem dürften Spieler, die in der ESL auflaufen, keine Länderspiele mehr bestreiten. Sind die Beteiligten bereit für diese Konsequenzen oder hoffen sie doch auf eine Eingung mit der UEFA, auf einen Kompromiss, der noch über die geplante UCL-Reform hinausgeht? Weiterlesen „European Super Greed“