War das schon der Fußball-Moment des Jahres?

Samstag, 7. Januar, gegen neun Uhr abends: Es ist tatsächlich geschafft. Sheffield Wednesday schlägt Newcastle United in der 3. Runde des FA-Cups mit 2:1. Der Drittligist, einer der ältesten noch existierenden Fußballvereine überhaupt, schmeißt den Premier League-Vertreter und mutmaßlich reichsten Club der Welt raus. Bekanntlich hält der De-Facto-Staatsfonds PIF aus Saudi-Arabien seit Oktober 2021 80 Prozent der Anteile an Newcastle. Eulen gegen Sportswashing – herrlich!

Es ist fast ein wenig fragwürdig, bei einer für einen League One-Club perfekten Mannschaftsleistung zwei Spieler gesondert hervorzuheben. Aber man kommt auch schwer darum herum. Doppel-Torschütze Josh Windass hatte bisher eine wechselhafte Spielzeit, doch sein Treffer in den Winkel zum 2:0 nach einem perfekten Pass in seinen Lauf von George Byers wird den Owls-Fans noch lange in Erinnerung bleiben. Sein erstes Tor könnte allerdings einen Hauch Abseits gewesen sein, genau wie der Anschlusstreffer der Magpies – doch im FA-Cup gibt es VAR nur in den Premier League-Stadien.

Endlich Nummer 1: Cameron Dawson

Der zweite Mann, den man besonders erwähnen muss, war die Nummer 1. Cameron Dawson, 27, Torhüter, stammt aus der Jugend von Sheffield Wednesday. In seinen ersten Profi-Jahren in Hillsborough war er nie unumstritten. Anfangs reichte es nicht zum Stammtorwart, dann konnte er die Position dank einiger Unsicherheiten nicht halten. Erst der Umweg zum damaligen Viertligisten Exeter City, wohin Dawson eine Saison lang ausgeliehen war, wurde zur Erfolgsgeschichte.

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Fußball, wie er sein sollte

Scottish Championship, 18. Spieltag / Partick Thistle 3 Ayr United 2

Samstag, 17. Dezember: Während in Katar Kroatien und Marokko ein bedeutungsloses Spiel um Platz 3 bestreiten, richten sich meine Augen auf Glasgow; genauer gesagt auf den Livestream der schottischen Zweitliga-Begegnung zwischen Partick Thistle und Tabellenführer Ayr United. Die jüngsten Turbulenzen rund um Thistle, den Club aus dem Glasgower Stadtteil Maryhill, habe ich im vorhergehenden Artikel nachgezeichnet. Jetzt war ich gespannt, wie sich die neue Gemeinsamkeit im Streben nach einem fangeführten Verein auf dem Platz auswirken würde.

Tatsächlich ist es selten leicht zu beurteilen, wie sich Probleme abseits des Feldes am Spieltag auswirken. Was ich sagen kann: Die rot-gelb gekleideten Gastgeber überzeugten mit einer starken, engagierten Leistung in einer überaus ansprechenden Partie, die ich in der zweitklassigen Championship nicht erwartet hätte. Die vereinseigenen Kommentatoren des Streams wollten sogar den besten Auftritt der Jags in dieser Saison gesehen haben. Was angesichts der Ergebnisse vor allem im November nicht verwundert.

Tolle Tore vom Tabellenführer, drei Punkte für den Fünften

In der Zentrale war der dienstälteste Thistle-Akteur Stuart Bannigan zu jeder Zeit präsent, die Innenverteidigung hatte den gefürchteten Angreifer des Tabellenführers Dipo Akinyemi und dessen Sturmkollegen Mark McKenzie weitestgehend im Griff – mit einer folgenschweren Ausnahme. Rechtsverteidiger Harry Milne avancierte mit einem Tor und einem Assist zum Mann des Spiels – tatkräftig unterstützt vom Mann für die Standards Kyle Turner, der Milne unter anderem die Ecke vor dem 1:1 servierte.

Ja, die Gäste aus Ayr erzielten zwei tollen Tore von der Strafraumgrenze ins lange Eck, einmal das 0:1 von links durch Akinyemi, später das 2:2 von rechts durch den eingewechselten Logan Chalmers. Doch die Jags gaben im Firhill Stadium den Ton an und sorgten dafür, dass diese Partie echte Werbung für den schottischen Fußball war – sogar für den zweitklassigen. Wie viele Pässe und Flanken von außen segelten da durch den Strafraum, bei denen man den Atem anhielt? Wie lebhaft war dieses Spiel, nicht nur dank der beweglichen Außenstürmer Lawless und Fitzpatrick? Steven Lawless war es auch, der den Ball in der 55. Minute zum letztlich entscheidenden 3:2 ins Tor zimmerte. Es war ihm zu gönnen, nachdem sich sein Eifer zuvor nicht in jeder Szene ausgezahlt hatte.

Denn klar, auf diesem Niveau geht auch mal ein Ball verloren und die Passquoten liegen eher nicht über 80 Prozent. Aber dafür sah man erfreulich wenig Ball-hin-und-her-Geschiebe und auch kein klassisches Kick-and-rush, sondern viel Fußball, wie man ihn sehen will. „Thoroughly entertaining 90 minutes„, wie BBC Scotlands Chick Young fand. Dazu braucht es trotz eines fußballerisch absolut würdigen Finales keine WM in Katar. Partick Thistle hat mit dem Erfolg gegen den Tabellenführer bei nun noch fünf Punkten Rückstand den Anschluss an die Spitze der Championship wieder hergestellt. Die Konkurrenten auf den Plätzen 2 bis 4 haben allerdings noch jeweils ein Spiel mehr zu absolvieren.

Fanverein, aber richtig!

Für uns in Deutschland stellt sich diese Frage erst seit ein paar Jahrzehnten: Wie schaffen wir es, dass wir als Fußballfans in unseren Vereinen demokratisch mitbestimmen können? Auf dem Papier war und ist die Lösung ganz einfach: Wir brauchen einen e.V., einen eingetragenen Verein, mit Vorstandswahlen durch die Mitglieder. Also das Modell, das bei Fußballclubs in der Bundesrepublik lange Zeit das einzig übliche war. Und selbst bei einer ausgegliederten KgaA wie Borussia Dortmunds Fußballern gibt es immerhin noch die Mitbestimmung über die Gremien des Ursprungsvereins und den Aufsichtsrat.

Doch wir haben hierzulande zunehmend abschreckende Beispiele: Zuvorderst RB Leipzig, aber auch die Abhängigkeit von einzelnen Geldgebern bei echten Vereinen auf verschiedenen Ebenen der Liga-Pyramide sowie die um sich greifende Ausgliederung von Fußball-Abteilungen, die nicht automatisch zum kompletten, aber meist zum teilweisen Verlust von Demokratie führt. Auch in Deutschland sind daher schon sogenannte Phönix-Clubs wie der HFC Falke in Hamburg entstanden, die basisnah in den untersten Ligen mit dem Spielbetrieb beginnen.

In England sind die Besitzverhältnisse im Fußball bekanntlich traditionell weniger Fan-nah. Clubs bis tief hinein ins Amateur-Lager haben mehrheitlich Eigentümer, die letztendlich auch die Entscheidungsgewalt haben. Mit unserem e.V. vergleichbare fangeführte Vereine entstehen überwiegend aufgrund finanzieller Schwierigkeiten oder gar Pleiten. Oder weil ein Besitzer den Club mal eben von London nach Milton Keynes umziehen lässt, wie im Fall des FC Wimbledon, der offiziell heute MK Dons heißt, aber eigentlich im von Fans neu gegründeten AFC Wimbledon weiterlebt. Meist übernehmen Fan-Organisationen jedoch Vereine im Non-League-Bereich, also unterhalb der Profi-Ligen, oder sie müssen ihre große Liebe sogar mit Hilfe eines Phönix-Clubs wiederbeleben.

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Zwei reiche Männer und ein Stadion

Die 345.000-Einwohner-Stadt Coventry in Englands West Midlands hat genau ein Fußballstadion, das den Ansprüchen eines Zweitligisten genügt. Mehr braucht sie auch nicht, denn es gibt im Fußball der Männer stadtweit nur einen Profiverein: Coventry City, die „Sky Blues“. Für den wurde die 2005 unter dem Namen Ricoh Arena eingeweihte Spielstätte hauptsächlich gebaut; der Gesamtkomplex umfasst aber auch ein Einkaufszentrum, eine Kongresshalle, ein Hotel und ein Casino. Inzwischen heißt das Stadion nach einem neuen Sponsor „Coventry Building Society Arena“.

Doch die Sky Blues hatten immer ein Problem: Die CBS Arena, unter Fußballfans häufig noch schlicht „Ricoh“ genannt, gehörte ihnen nie. Der Club hätte sich das gut 32.600 Zuschauer fassende Stadion Anfang des Jahrtausends einfach nicht leisten können. Zunächst gehörte es über die Betreibergesellschaft ACL der Stadt Coventry und einer wohltätigen Stiftung; der Fußballverein war Hauptmieter. 2013 sollte sich eines der Mantras von Fußball-Finanzexperte Kieran Maguire vom Price of Football Podcast bewahrheiten: Wenn ein Verein nicht Eigentümer seines Stadions ist, steht er im Krisenfall schlecht da.

Zwischen den Besitzern des Stadions und denen des Fußballclubs – damals wie heute der Londoner Hedgefonds SISU – gab es Streit um die Miete und die Einnahmen vom Spieltag, die an die Stadiongesellschaft gingen. Es waren nicht die einzigen Turbulenzen rund um den Verein – sie führten aber letztendlich zum Auszug der Sky Blues aus der Ricoh Arena. Da es in der Stadt wie gesagt keine ernstzunehmende Ausweichmöglichkeit gab, zog man für die Heimspiele ins 53 Kilometer entfernte Sixfields Stadium des zwischen dritter und vierter Liga pendelnden Northampton Town FC um – mit einer Kapazität von nicht mal 8000. Die Fans der Sky Blues waren gelinde gesagt nicht begeistert. Sowohl für SISU als auch den Stadtrat – das letztlich für die Arena zuständige Gremium – hagelte es Kritik.

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Achtet auf diesen Trainer!

Erling Haaland konnte man recht früh anmerken, dass er ein Weltstar werden würde – womöglich schon vor seinem Wechsel zum BVB. Es gibt auch Fußballspieler, die ihr frühzeitig sichtbares Potenzial nicht in einer großen Karriere verwirklichen, aber bei Manchem weiß man es einfach. Wie ist das bei Trainern? Natürlich kann man auch Trainer-Talente früh erkennen, wenn man sich in der Branche auskennt und vielleicht sogar etwas mit den Lehrgängen zu tun hat. Doch der Erfolg eines Trainers scheint von mehr Variablen abhängig zu sein als der eines Spielers.

Einer, bei dem ich sehr zuversichtlich bin, ist Kieran McKenna. Seit Dezember letzten Jahres ist der 36-Jährige Cheftrainer des englischen Drittligisten Ipswich Town und steht mit den „Tractor Boys“ derzeit auf dem direkten Aufstiegsplatz 2, mit vier Punkten Vorsprung auf den Dritten (der Tabellenvierte Portsmouth hat noch zwei Spiele mehr auszutragen und könnte punktemäßig gleichziehen). Es ist McKennas erste Stelle als Chef auf der Bank. Zuvor war er im Trainerteam von Manchester United tätig, unter anderem als Assistent von Jose Mourinho. Begonnen hat seine Karriere als Nachwuchstrainer bei den Spurs und Man United.

Taktikfuchs mit guten Voraussetzungen

McKenna gilt als akribischer Arbeiter und taktisch sehr versiert. In dieser Saison scheint er sein Potenzial in Ipswich voll zu realisieren. Man muss dazusagen, dass er an der Portman Road auch sehr gute Bedingungen vorfindet: Der Spieleretat gehört mutmaßlich zu den höchsten in der League One. Beim Marktwert des Kaders liegt Town laut Transfermarkt.co.uk auf dem fünften Platz. Der Verein hat seit Frühjahr 2021 neue amerikanische Besitzer, die einiges richtig machen: Wichtige Stellen werden mit guten Leuten besetzt und der Community-Aspekt, die Einbindung in die Stadt, ist nicht nur ein Lippenbekenntnis (mehr dazu in diesem Beitrag vom März).

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Minimalisten oder Langweiler?

So richtig können sich auch die Fans von Preston North End noch nicht entscheiden: Was ist das nur für eine Saison, die der englische Zweitligist bisher spielt? Die Zahlen sind bemerkenswert: Nach acht Spieltagen in der Championship (und vor der Partie gegen Burnley am Dienstagabend) stehen die „Lilywhites“ mit elf Punkten auf Platz 10 – im komfortablen Mittelfeld und nur zwei Punkte hinter Play-Off-Platz 6. Diese Platzierung haben sie jedoch mit nur zwei (!) erzielten Toren erreicht – weil sie nur ein einziges kassiert haben. Fünf torlose Unentschieden, zwei 1:0-Siege und eine 0:1-Niederlage stehen bisher zu Buche.

Angesichts dieser Zahlen überrascht es wenig, dass sich die Fans und Trainer Ryan Lowe fragen, woher die Treffer kommen sollen. Folgerichtig ist aber auch, dass im August mit dem 26-jährigen Innenverteidiger Liam Lindsay ein Aktiver von North End bei der Wahl zum Championship-Spieler des Monats nominiert wurde. Die Transferpolitik ist wie bei vielen Clubs stets ein Diskussionsthema in Preston. Grundsätzlich folgt man hier der Maxime, die ohnehin vorhandenen Verluste strikt zu begrenzen und eher konservativ zu wirtschaften. Im Dezember 2020 habe ich vor einem Aufeinandertreffen von PNE und Derby County mal die Philosophie der beiden Vereine verglichen. Seither hat sich vor allem in Derby einiges verändert, nicht zuletzt die Liga-Zugehörigkeit.

Finanzielle Zurückhaltung als Familienerbe

In Preston gab es auf persönlicher Ebene einen großen Einschnitt: Vor knapp einem Jahr ist Clubbesitzer Trevor Hemmings mit 86 Jahren verstorben. Er lebte zwar hauptsächlich auf der Isle of Man, hatte aber regelmäßig Kontakt zum starken Mann im Vorstand, Peter Ridsdale. Einen harten Umbruch hat es nach dem Tode Hemmings noch nicht gegeben. Neuer Vorstandsvorsitzender ist Hemmings‘ Sohn Craig; im Austausch mit ihm trifft Ridsdale weiterhin wesentliche Entscheidungen den sportlichen Bereich betreffend.

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Schafböcke nach neun Monaten gerettet

Ein Happy End. Nur im Fußball, aber immerhin. Der Traditionsverein Derby County, gegründet 1884 und einst erfolgreich unter dem großen Brian Clough, hat einen neuen Besitzer, der die ersten drei Buchstaben seines Nachnamens mit der Trainerlegende gemeinsam hat. David Clowes beziehungsweise sein Unternehmen Clowes Developments hat heute die Übernahme der „Rams“ vollendet und somit den Klub aus den East Midlands aus der Insolvenz geholt.

Die ganze Vorgeschichte findet ihr im letzten Beitrag. Zwei Tage nach dem ursprünglich angepeilten Mittwoch hat die existenzbedrohende Situation nun ein Ende gefunden. Die Abwicklung des Deals sei beispiellos komplex gewesen, betonte Andrew Hosking, einer der Insolvenzverwalter – sicherlich nicht ganz ohne den Hintergedanken, die Länge des Verfahrens zu rechtfertigen, das im September 2021 begonnen hatte.

Clowes schreibt den Fans

Doch das Ende scheint nun beinahe ideal. Ein erfolgreicher und gleichzeitig bodenständiger Unternehmer aus der Region als Eigentümer – viel besser wird es im englischen Profifußball abseits der wenigen fangeführten Vereine nicht. David Clowes hat in einem offenen Brief an die Fans um Geduld gebeten. Er und sein Team bräuchten noch Zeit, um sich ein Bild von innen zu verschaffen, Gespräche zu führen und dann im Anschluss womöglich Veränderungen vorzunehmen.

Dort, wo es schnell gehen muss, soll es schnell gehen: Die Rams brauchen rund vier Wochen vor Saisonstart dringend Spieler – mehr als eine gute Handvoll Profis stehen derzeit nicht unter Vertrag. Natürlich wurden im Hintergrund schon Gespräche vor allem mit vertragslosen Spielern geführt. Es könnten also schon bald erste Vollzugsmeldungen folgen. Alle Transfers müssen einem Business Plan gehorchen, auf den sich die neuen Besitzer mit den Insolvenzverwaltern und dem Ligaverband EFL geeinigt haben. Das heißt: Neuzugänge können nur registriert werden, wenn Transfersumme, Spielergehalt und Beraterkosten vorgegebene Beträge nicht überschreiten. In diesem Rahmen steht es Derby County aber wieder frei, die Transfers zu tätigen, die der Trainer und andere künftig sportlich Verantwortliche für nötig halten.

David Clowes macht in seiner Botschaft an Fans und Angestellte des Vereins auch Hoffnung, dass Vieles, was bei den Rams in der Vergangenheit gut gelaufen ist, erhalten bleibt: Die Jugendakademie soll weiter zur höchsten Kategorie gehören, die gemeinnützige Arbeit des „Community Trust“ in Derby und Umgebung fortgeführt werden. Und Clowes will auch die Frauenmannschaft, Derby County FC Women, ein eigener Verein, aber eng mit den Männern assoziiert, weiter unterstützen. Das alles hört sich für lang leidende Fans sehr positiv an. Einfach wird der Weg zurück aber sicher nicht – für den Verein, der noch vor wenigen Jahren ans Tor zur Premier League klopfte und sich nun einen Kader für die dritte Liga basteln muss. Es könnte heute trotzdem ein entscheidender, womöglich historischer Schritt gelungen sein.

Weiche Landung in Sicht? Neue Hoffnung für Derby County

Seit fast zwei Jahren geht es für die „Rams“ abwärts. Nicht stetig, aber bisher unaufhaltsam. Genau das ist das besonders Schmerzhafte für die Fans: Immer wieder keimte Hoffnung auf, schien sich etwas zu bewegen. Und immer wieder wartete man vergebens. Die sportliche Talfahrt von Derby County begann bereits in der Saison 2020/21: Unter Trainer-Novize Wayne Rooney konnten sich die Rams erst am letzten Spieltag vor dem Abstieg retten. Nicht geholfen hatte in jener Saison ein weiches Transferembargo aufgrund von Verfehlungen der Vereinsführung im finanziellen Bereich. Alles zur Situation im letzten Sommer könnt ihr in meinem damaligen Artikel nachlesen.

Der damalige Klubbesitzer Mel Morris galt selber als Derby-Fan und hatte sich in den Jahren zuvor immer mal wieder in die Arbeit der Angestellten eingemischt. 2021 wollte er den Klub verkaufen. Zwei Übernahmeversuche waren bereits gescheitert (siehe den oben verlinkten Artikel). Dann folgte das Szenario, das die Fans nicht für möglich gehalten hätten und das Morris alle Sympathien gekostet hat: Der Eigentümer meldete für die Rams Insolvenz an. Allerdings nicht für das Stadion Pride Park, das er sich ein paar Jahre zuvor quasi selbst verkauft hatte.

Mit 21 Minuspunkten gegen den Abstieg

Die Konsequenz: In der abgelaufenen Saison wurden den Rams zunächst 12 Punkte für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens abgezogen. Als Insolvenzverwalter wurde die Firma Quantuma eingesetzt. Sie konnte nicht verhindern, dass im November ein weiterer Neun-Punkte-Abzug aufgrund von Verstößen gegen die Regeln zur Profitabilität und Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit dem Stadionverkauf erfolgte. Mit insgesamt 21 Minuspunkten war der Klassenerhalt der Rams schon mitten in der Saison in weite Ferne gerückt. Nicht, dass Wayne Rooney, sein Assistent Liam Rosenior und die Mannschaft nicht alles versuchten: Bis ins neue Jahr hinein hatten sie den enormen Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz so weit reduziert, dass der Klassenerhalt zumindest denkbar erschien. Die Fans zogen mit und feierten den fast aussichtslosen Kampf ihres Teams.

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Rote Bullen bringen’s nicht

Die einzig wahren Bullen im Fußball sind keine mit Taurin vollgepumpten Mast-Exemplare, sondern Hereford-Rinder – die Wappentiere des aus der gleichnamigen Stadt stammenden Fußballvereins. Über Hereford FC – die „Bulls“- habe ich bereits mehrfach geschrieben – hier etwas über die Geschichte des Phönix-Vereins, hier das letzte Update von 2020. Gerade dieser Tage ist es wieder an der Zeit für einen Blick in den Westen Englands, in die ländlich geprägte Grafschaft Herefordshire. Wo der Hereford United Supporters Trust, die Fan-Stiftung der Bulls, weiterhin daran arbeitet, genügend Mitglieder und Unterstützer zu finden, um die magische Grenze von 50 Prozent der Vereinsanteile zu erreichen, so dass der Club in Zukunft wahrhaft Fan-geführt ist. Die anderen 50 Prozent sollen im Besitz der restlichen Anteilseigner bleiben.

In der abgelaufenen Saison hat Hereford den zwölften Platz in der sechstklassigen National League North belegt, in der die Bulls auch 2020 schon spielten. Doch immerhin sah es lange so aus, als könnte der Sprung auf die Play-Off-Ränge (bis Platz 7) gelingen. Trainer ist nach wie vor der ehemalige Spieler Josh Gowling. Der steht jetzt vor der nicht einfachen Aufgabe, einen Kader für die nächste Saison zusammenzustellen, um einen neuen Anlauf zu starten. Damit ist er in der Liga nicht alleine. Im semi-professionellen Fußball sind längerfristige Verträge selten und so zerfallen Mannschaften am Saisonende regelmäßig zu einem großen Teil, vielleicht mit Ausnahme der Aufsteiger. Auch Tom Owen-Evans, einer der wenigen Spieler und Leistungsträger, die mehrere Jahre in Hereford kickten, hat den Verein nun verlassen.

Fans zahlen für Spieler

Ob Gowling Ersatz für ihn und andere findet, der einen Angriff auf die Play-Off-Plätze zulässt, hängt natürlich auch vom Budget ab. In der sechsten Liga, kurz nach einer Pandemie, ist das in der Regel nicht üppig, soll aber bei Hereford nicht unter dem der Vorsaison liegen. Vereine auf diesem Level, insbesondere Fan-geführte Vereine, versuchen gerne, ihre Finanzen mit Hilfe der Fans aufzubessern. Eine Reihe von Clubs hat sogenannte „Boost the Budget“-Kampagnen gestartet – mit dem klar definierten Zweck, die monatlichen oder einmaligen Spenden in den Spielerkader zu investieren.

Bei den Bulls hat man sich bei der Spendenkampagne ein Ziel von 50.000 Pfund gesetzt – bisher sind 18.880 zusammengekommen (Stand 1. Juni). Zwei Ligakonkurrenten – beides Fan-geführte Vereine – sind schon weiter. Darlington FC aus der nördlichen Grafschaft County Durham hat unglaubliche 137.000 Pfund eingesammelt – hier ist die Aktion bereits beendet. Und Chester FC aus dem Nordwesten Englands hat vier Wochen vor Ende der Kampagne bereits gut 58.000 der avisierten 75.000 Pfund beisammen.

Die Bullen von Hereford schwimmen also nicht gerade in Geld. Zu Beginn der Pandemie, im ersten Lockdown, sah man sich gezwungen, die Jugendakademie und die Frauenmannschaft auf Eis zu legen. Die Nachwuchsarbeit ist in der abgelaufenen Saison wieder angelaufen, allerdings nur in bestimmten Altersgruppen und mit Hilfe der mit dem Verein assoziierten gemeinnützigen Stiftung. Ein Frauen-Team ist unterdessen noch nicht in Sicht.

Große Schritte sind in Hereford derzeit nicht drin. Und trotzdem sind die Rinder von Hereford tausendmal schöner als irgendwelche roten Bullen. Schaut euch einfach das Vereinswappen an…

Sind hier die guten Investoren?

Der Krieg in der Ukraine und die aus ihm folgenden Sanktionen gegen russische Oligarchen wie Roman Abramowitsch haben in England eine Debatte verstärkt, die durchaus schon geführt wurde, aber noch nicht mit der nötigen Intensität: Welche Voraussetzungen sollte der Besitzer/die Besitzerin eines Fußballklubs erfüllen müssen und wie sollten die Besitzverhältnisse generell strukturiert sein? Der Fall Newcastle United und noch mehr die jetzige Ungewissheit um Chelsea könnten – bei all den schrecklichen Hintergründen – den positiven Effekt haben, dass diese Diskussion nun unwiderruflich in Gang kommt.

Gibt es noch das „gute Geld“ im englischen Fußball? Bekanntlich existieren im Mutterland des Sports im Profibereich schon lange ganz andere Strukturen als in der deutschen Bundesliga oder gar im hiesigen Vereinswesen. Doch inzwischen ist auch der wohlhabende und -wollende, aus der Region stammende Klubbesitzer früherer Prägung rar. Die Besitzverhältnisse in den oberen Ligen sind internationaler geworden; eine Affinität zum Heimatort eines Vereins müssen viele Klubführungen erst von sich aus herstellen. Manche überzeugen dabei, manche weniger.

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