Eine Niederlage, die Mut macht

Im Fußball gibt eine Niederlage null Punkte – wenn der Sieger alle Regeln befolgt hat. So hat auch der englische Drittligist Shrewsbury Town aus Barnsley nichts Zählbares mitgenommen. Und doch wird die 1:2-Niederlage beim Tabellenzweiten als Fortsetzung des Aufschwungs gewertet, den „Salop“ endlich geschafft hat. Viereinhalb Monate, nachdem der 37-jährige Sam Ricketts als Trainer übernahm, der zuvor nur ein halbes Jahr Erfahrung bei einem Fünftligisten vorweisen konnte.

Vor dem Spiel in Barnsley hatte Shrewsbury zehn Punkte aus den letzten fünf Partien geholt und sich sechs Punkte von der Abstiegszone absetzen können. Es hatte jedoch einige Zeit gebraucht, bis die Shrews endlich in Schwung kamen. Seit meinem letzten Beitrag über den Verein Ende 2018 waren sie zunächst bis auf die Abstiegsplätze abgerutscht und einige Fans hatten bereits einen erneuten Trainerwechsel gefordert. Doch nun erweisen sich einige der Deals, die Ricketts im Januar während der Transferperiode über die Bühne brachte, doch noch als echte Schritte nach vorne. Etwa der aus dem Nachwuchs von Manchester United fest verpflichtete Innenverteidiger Ro-Shaun Williams. Vor allem aber der bis zum Saisonende vom Zweitligisten Stoke City ausgeliehene junge Stürmer Tyrese Campbell, dem in Barnsley dieses Tor gelang:

Ja, das Spiel ging am Ende noch verloren. Die Shrews hätten aber sehr wohl gewinnen können, wie auch Barnsleys deutscher Trainer, der Ex-Hannoveraner Daniel Stendel zugab. Mehrere Eins-gegen-eins-Situationen hatten die Offensivkräfte der Gäste, darunter eine weitere Szene von Campbell.

Nun beträgt der Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang 21 drei Spieltage vor Schluss ’nur‘ noch fünf Punkte. Doch man traut es Shrewsbury Town allemal zu, am Ostermontag zuhause gegen Oxford United die Rettung faktisch klar zu machen – obwohl die Gäste aus der Uni-Stadt gerade einen sehr guten Lauf haben und als 12. noch drei Plätze besser da stehen.

Schön wär’s, denn Shrewsbury ist ein ruhiger, familiärer Klub ohne Schulden. Man gibt jungen Leuten inklusive dem Trainer eine Chance. Große Sprünge sind zwar nicht drin, auch das Stadion bietet nur knapp 10.000 Zuschauern Platz. Aber wenn ein solches Modell Erfolg hat, kann man sich heutzutage nur freuen.

Werbeanzeigen

Am Anfang des langen Wegs zurück

Ipswich Town ist abgestiegen. Das war absehbar. Nicht mal Boris Johnson hätte den Fans des Zweitligisten in den letzten Wochen noch etwas anderes versprechen. Nach dem gestrigen 1:1 zu Hause gegen Birmingham City haben die Tractor Boys 13 Punkte Rückstand auf den rettenden Platz 21 bei vier verbleibenden Spielen, damit ist man auch Tabellenletzter.

Wie konnte es so weit kommen beim Klub aus der Grafschaft Suffolk? Der einst unter dem großen Bobby Robson 1981 den UEFA-Cup gewann und in England zweimal hintereinander Vizemeister wurde? Aktuell spielt Ipswich die 17. Saison in der zweitklassigen Championship hintereinander, ist mit dieser Liga vertrauter als jeder andere aktuelle Teilnehmer. Doch nun ist der Abstieg in die Drittklassigkeit besiegelt – wo Town zum letzten Mal 1957 spielte.

Der Klubbesitzer

Wenn sich Ipswich-Fans über das große Ganze äußern, über die Hauptgründe für den jetzigen Absturz, dann fällt unweigerlich der Name Marcus Evans. Ist ja auch nicht verwunderlich, denn ihm gehört der Fußballklub seit 2007. Evans hat außerdem ein weltweit operierendes Unternehmen, das Events organisiert. Seit er Ipswich Town führt, hat er sich für einen Klubbesitzer und Vorsitzenden arg rar gemacht. Zwar ist er nicht selten bei den Spielen anwesend, aber Interviews gab er lange Zeit keine. Einmal im Jahr wandte er sich in den Vereinsmedien an die Fans.

Erst seit kurzem scheint sich Evans‘ Haltung gegenüber der Öffentlichkeit zu ändern. Ende Januar gab er der regionalen East Anglian Daily Times und ihrem Schwesterblatt Ipswich Star ein Interview – das erste gegenüber unabhängigen Medien seit seiner Übernahme des Vereins. Seine Sprachlosigkeit rechtfertigte er mit der Überzeugung, dass der Trainer die entscheidende Person in einem Fußballklub sein solle. Deswegen habe er auch immer erfahrene und starke Trainer verpflichtet. Zu den letzten gehörten Roy Keane, Paul Jewell und Mick McCarthy. Der Letztere verlor allerdings gegen Ende völlig den Draht zu den Fans, die der Stagnation in Ipswich überdrüssig waren. Weiterlesen „Am Anfang des langen Wegs zurück“

From Niki to Nicky

It’s the third minute of stoppage time. Your team has been down to ten men and under pressure for the longest part of the game. But now, in the final seconds, your substitute crosses from the right for your fan favourite to head in a late, late winner. This has just happened to Exeter City in their away game at Notts County, the bottom team of League Two. Unsurprisingly it sent the 660 away fans into raptures. Most of them probably had a long trip from the Exeter area to Nottingham. And the Grecians were on the receiving end of late goals on a number of occasions in the recent past.

Exeter City are one of just a few teams in the Football League which are controlled by their supporters via a supporter trust model. They have a youth academy renowned for producing talented players who often get their chance in the first team – before aiming higher and ending up in the Championship or even the Premier League. It can be frustrating for the manager and supporters, but for fan-owned clubs it’s a decent way to earn much-needed money.

So after losing long-time manager Paul Tisdale plus a couple of important players in summer and top striker Jayden Stockley in January, Exeter weren’t exactly favourites for promotion this season. But as it happens, as 7th they are just inside the play-off places  with eight games to go. Matt Taylor, a former Grecians player and now their manager, has apparently instilled a good spirit into this team. There have been blips and turns, but to be challenging for the play-offs is pretty remarkable.

I’ve been following the Grecians from a distance for some time now. Occasionally I manage to catch them via iFollow, the EFL’s live streaming service. And, at last, there’s a new fan podcast, the Big Bank Theory. This matchday, it was Twitter and live score app only for me. And now this: my namesake scores the winner in injury time. Nicky Law arrived at St. James Park last summer. The experienced midfielder has helped the team not only with his composure, but also with eight previous goals. His ninth could prove invaluable. Fantastic effort, Nicky!

Mit 38 von Los Angeles nach Derby

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres spricht die ganze Welt von Derby County. Vielleicht nicht ausnahmslos jeder Mensch, aber viele Fußballinteressierte und  Sportmedien nicht nur im Vereinigten Königreich dürften registriert haben, dass nach Frank Lampard erneut ein großer Name des englischen Fußballs zum Zweitligisten aus der 250.000-Einwohner-Stadt Derby in den East Midlands stößt.

Es ist natürlich kein Zufall, dass Linksverteidiger Ashley Cole zu Trainer Lampard kommt. Die beiden spielten lange zusammen bei Chelsea und in der Nationalmannschaft. Coles erster Klub war der FC Arsenal. Allerdings ist Cole nur zwei Jahre jünger als Lampard, nämlich 38. Alles deutete darauf hin, dass er seine Karriere in der MLS bei Los Angeles Galaxy ausklingen lassen würde. Doch nachdem im letzten Jahr sein Vertrag dort nicht verlängert wurde, zieht es ihn jetzt zurück in die Heimat, auch wenn es ’nur‘ die Championship ist.

Ashley Cole hatte vor einigen Jahren einen exzellenten Ruf in England, zumindest sportlich: Er galt als der beste Linksverteidiger des Landes. Doch wie kommt er nun mit 38 nach Derby? Durch ein klassisches „Old Boys network“? Die gemeinsame Vergangenheit mit Lampard half sicherlich. Aber natürlich wird auch von Coles sportlichen Vorzügen gesprochen. Natürlich ist er nicht mehr die 28-jährige Version. Aber er ließ verlauten, dass er auch nicht in jeder Woche einen Startelfplatz erwartet. Der Veteran wäre wohl schon zufrieden, wenn er den in dieser Saison zahlreicheren jungen Spielern etwas mit auf den Weg geben könnte. Eine Rolle als Coach, in Derby oder anderswo, erscheint nach dieser Saison möglich. Weiterlesen „Mit 38 von Los Angeles nach Derby“

Sternstunde im Mittelmaß

Ein Unentschieden wie ein Sieg, ein Unentschieden, das Standards setzt: So wurde im Umfeld von Shrewsbury Town das 1:1 vom Samstag aus der Ligapartie in Sunderland bewertet. Beim gefallenen Riesen aus dem Norden, der noch vor zwei Jahren in der Premier League spielte und selbst in der League One stets über 30.000 Leute ins Stadium of Light lockt.

Für die Gäste aus der 71.000-Einwohner-Stadt in der eher ländlichen Grafschaft Shropshire war das 1:1 ein Ausrufezeichen, ein Weckruf aus dem Mittelmaß. Am Ende der letzten Saison stand Shrewsbury Town überaus überraschend im Play-Off-Finale um den Aufstieg in die zweitklassige Championship – und blieb erfolglos. 2018/19 läuft es nach großen personellen Umwälzungen eher mäßig. Vor geraumer Zeit wurde John Askey entlassen; der neue Mann auf der Trainerbank hatte nicht an die Leistungen unter Vorgänger Paul Hurst anknüpfen können und zudem stets blass und distanziert gewirkt.

Es folgte eine positive Übergangsphase mit dem eigentlichen Torwarttrainer Danny Coyne in der Verantwortung und dem damaligen Leiter der Jugendakademie Eric Ramsay als Assistenten. Inzwischen sind beide Coaches der ersten Mannschaft. Den neuen Cheftrainer haben die Vereinsverantwortlichen erneut aus dem unterklassigen Fußball geholt: aus der semi-professionellen fünftklassigen National League, vom walisischen Verein AFC Wrexham. Dort hatte Sam Ricketts zu Saisonbeginn gerade seine erste Station als Cheftrainer angetreten. Mit Erfolg: Er führte die ‚Red Dragons‘ in die Play-Off-Ränge. Doch schafft es ein 37-jähriger Beinahe-Trainerneuling auch zwei Ligen höher? Weiterlesen „Sternstunde im Mittelmaß“

Auf roten Sitzen aus der Krise

In den letzten Jahren sorgten die ‚pinken‘ Sitze in Sunderlands Stadium of Light immer wieder für Spott. Die auch im Nordosten Englands manchmal scheinende Sonne hatte für die Verfärbungen gesorgt. Nun erstrahlen 31.000 der größtenteils fest installierten Klappsitze wieder in leuchtendem Rot. Die Ecken des Stadions sind in Weiß, der zweiten Vereinsfarbe des AFC Sunderland, gehalten.

Das Ersetzen der pinken Sitzgelegenheiten war keine Selbstverständlichkeit, wie sie es beim FC Bayern oder dem BVB gewesen wäre. Sowohl die alten wie auch die neuen Sitze standen und stehen sinnbildlich für die Geschicke der „Black Cats“ in der jüngeren Vergangenheit. Noch in der Saison 2016/17 spielte der Klub aus der Industrie- und Universitätsstadt an der Nordseeküste in der Premier League. Besitzer war zum damaligen Zeitpunkt der Amerikaner Ellis Short. Doch nachdem dieser jahrelang viel Geld für Transfers und Trainer in den Verein pumpte, hatte er schließlich genug und war nur noch bereit, die Verluste der „Black Cats“ aus dem laufenden Geschäft auszugleichen.

Die Konsequenzen waren katastrophal: Nach zwei Abstiegen in Folge ist Sunderland nur noch drittklassig. Die Frauenmannschaft, einst eines der Topteams Englands, aus dem viele Nationalspielerinnen stammten, hat ebenfalls gelitten. Auch die Ladies spielen nach einer Reform des Ligensystems nun drittklassig – ohne wirklich abgestiegen zu sein. Es wird gemutmaßt, dass die finanziellen Verluste der letzten Jahre – Short hatte auch hier nicht mehr investiert – zur Entscheidung des Fußballverbands FA beigetragen haben, Sunderland herabzustufen. Eine umstrittene, weil nicht sportlich begründete Maßnahme.

Ein Abschied mit Stil

Umstritten ist sie auch, weil sich inzwischen grundlegende Veränderungen beim AFC Sunderland ergeben haben. Auch wenn die Ellis Short-Ära als „katastrophal“ bezeichnet wird: Seine letzte Entscheidung war großmütig. Im Frühjahr 2018 verkaufte er den Klub an ein internationales Konsortium, das vom Engländer Stewart Donald, zuvor Besitzer des Fünftligisten Eastleigh, angeführt wird. Im Zuge des Deals löste Short die Schulden der Black Cats in dreistelliger Millionenhöhe ab, verzichtete persönlich auf viel Geld. Was im Klartext bedeutet, dass Sunderland nun mit einer weißen Weste den Neustart in Liga 3 angetreten hat. Weiterlesen „Auf roten Sitzen aus der Krise“

Das Jahr nach Wembley

Am 27. Mai bestritt Shrewsbury Town das Play-Off-Finale der League One in Wembley. Die Mannschaft aus der westenglischen Grafschaft Shropshire hatte zeitweise den niedrigsten Marktwert von Englands dritter Liga gehabt. Es war ein Verein ohne große Namen, der alle Erwartungen übertroffen hatte und plötzlich vor dem ganz großen Coup stand. Doch die Partie gegen Rotherham United ging verloren und der unbestrittene Vater des Erfolgs, der 44-jährige Trainer Paul Hurst, verließ die Shrews wie erwartet in Richtung Ipswich und zweite Liga.

Eigentlich wusste jeder, auch die Fans, dass Shrewsbury ein klassischer Overachiever war. Wembley war eine einzigartige Chance, die nicht so schnell wiederkommen wird. Und doch ist es schwer zu schlucken, wie es einem kleinen Verein nach solch einer verpassten Gelegenheit oft geht. Verlässt mit dem Trainer der allseits anerkannte Erfolgsgarant den Klub, ist es noch schwieriger, Spieler zu halten, die aufgrund des verpassten Aufstiegs sowieso auf gepackten Koffern sitzen.

So kam es, dass ‚Salop‘, wie Town auch genannt wird, 17 neue Leute holte und dazu drei eigene Jugendspieler beförderte. Nur zwei Stammspieler aus dem aktuellen Kader sind schon länger, seit 2015, dabei, Kapitän und Innenverteidiger Mat Sadler und Flügelspieler Shaun Whalley. Beide sind über 30.

Treue Seele, doch auch der richtige Trainer?

Der neue Trainer kam vom Fünftligisten Macclesfield Town. John Askey hatte die ‚Silkmen‘ allerdings zum Abschluss zurück in den Profifußball geführt. Das Bemerkenswerteste am neuen Mann ist seine Vereinstreue. Als Spieler lief er sagenhafte 19 Jahre am Stück für Macclesfield auf. Im Anschluss übernahm er den Verein 2003 als Trainer und blieb 15 Jahre – bis zum vergangenen Juni.

Mit so einem Mann kann man etwas aufbauen, werden sich die Verantwortlichen in Shrewsbury gedacht haben. Der Verein mag klein sein, aber seine seriöse Führung ist über fast jeden Zweifel erhaben.  Die Shrews sind einer der ganz wenigen schuldenfreien Vereine im englischen Profifußball. Wie wichtig wäre für einen Klub mit diesem Profil Kontinuität? Doch die ist in Gefahr. Denn der Start in die Saison 2018/19 verlief nicht vielversprechend. Mit nur zwei Siegen aus 13 Partien in der League One liegt Town derzeit auf Platz 17 (von 24), nur zwei Punkte vor den Abstiegsplätzen.

Vor allem die Tore wollen nicht fallen. Und Trainer Askey wird nicht nur als farblos wahrgenommen, sondern scheint mit dem Niveau der Liga noch seine Probleme zu haben. Nach der jüngsten 1:2-Niederlage in Fleetwood gab er immerhin offen zu, dass er zunächst die falsche Taktik gewählt hatte. Er begründete seinen Wechsel zu einem 4-4-2 unter anderem mit den schlechten, stürmischen Wetterverhältnissen, die am Spieltag im Nordwesten Englands geherrscht hatten. Man kann das als bewundernswerte Ehrlichkeit, aber gleichzeitig die taktische Umstellung als Herumprobieren einstufen.

Würde John Askey die Fans auch emotional mehr mitnehmen, hätte er wahrscheinlich einen etwas leichteren Stand. So wie es ist, wird die Ungeduld spürbar. Das Publikum im „New Meadow“ gilt zwar als freundlich, allerdings nähern sich die Zuschauerzahlen der 5000er-Grenze, von oben. Knapp 10.000 passen ins Stadion. Wembley ist weit weg, der Alltag so trüb wie das Wetter am gestrigen Spieltag.

P.S.: Wer wissen will, wie es weiter geht, dem sei der wöchentliche Podcast Salopcast sehr ans Herz gelegt.

Was sind die guten Vorzeichen wert?

Ein Topspieler wird Trainer und startet gleich von null in die zweite Liga. Kein Wunder, dass es ein paar Fragezeichen gab, als Frank Lampard wie berichtet beim Championship-Sechsten Derby County übernahm. Diese sind noch nicht verschwunden – schließlich ist noch kein Pflichtspiel absolviert. Doch in Derbyshire ist viel Zuversicht zu spüren.

Die Saisonvorbereitung startete mit Licht und Schatten – einem deutlichen Sieg beim Nachbarn Notts County aus Nottingham folgte ein schwacher Auftritt beim 1:3 in Mansfield. Beide Gegner spielen zwei Klassen tiefer in der League Two. Doch rechtzeitig vor Saisonstart setzten die Rams Ausrufe- statt Fragezeichen: Gegen den Premier League-Klub FC Southampton gelang ein blitzsauberer 3:0-Heimsieg.

Und dann war da zuletzt das Match gegen den Premier League-Aufsteiger Wolverhampton Wanderers. Die haben einen portugiesischen Trainer, chinesische Investoren mit besten Verbindungen zu einem einflussreichen portugiesischen Spielerberater und gegen Derby standen fünf portugiesische Spieler in der Startelf. Das Endergebnis: 2:1 für die Rams.

Die Ergebnisse aus Testspielen sind das eine. Doch Frank Lampard packt auch die dringend nötige Verjüngung des Kaders an. Von bisher fünf Neuverpflichtungen sind vier unter 25 Jahre alt: Aus Liverpool wurde Flügelspieler Harry Wilson ausgeliehen, von Chelsea Mittelfeld-Hoffnung Mason Mount. Fest verpflichtet wurden Stürmer Jack Marriott, der letzte Saison Star des Drittligisten Peterborough United war, sowie Mittelfeldspieler George Evans, der soeben ausgerechnet vom ersten Gegner Reading kam. Der niederländische Flügelmann Florian Josefzoon (von Brentford) ist mit 27 Jahren schon der Oldie unter den Neuen. In der letzten Saison hatten die Rams zeitweise den ältesten Kader der Liga.

Wie so manch anderer Verein muss sich Derby County jetzt ’nur noch‘ darum kümmern, den Kader etwas zu verschlanken. Zuvor eröffnen die Rams am Freitagabend im Madejski Stadium des FC Reading die neue Championship-Saison. Und wir sind ein bisschen schlauer, was der eloquente Herr Lampard auf der Trainerbank kann.

Der Sommer der Fanvereine

In Russland wird gekickt, ganz England bejubelt Harry Kane. Im Mutterland des Fußballs sind aber auch, wie anderswo, eine Menge Leute damit beschäftigt, neue Kader für ihren Verein zusammenzustellen. Eine Aufgabe, die unter anderem Geduld und gute Nerven erfordert. Ganz besonders, wenn man für einen nicht auf Rosen gebetteten, von Fans geführten Verein tätig ist.

Die Mutter aller englischen Fanvereine ist der AFC Wimbledon – so war es kürzlich noch mal bei Alina Schwermer nachzulesen. Die ‚Wombles‘ haben keine berauschende Saison gespielt und dennoch ihren vielleicht größten Triumph gefeiert. Zum einen ist der Klassenerhalt in der League One durchaus als Erfolg zu bewerten. Zum anderen wird der AFC Wimbledon in der Saison 2018/19 zum ersten Mal höherklassiger spielen als der Vaterverein, der sich auf Geheiß der Vereinsführung vom Standort West-London lossagte und in die Planstadt Milton Keynes zog. Die MK Dons starteten 2017/18 als Mitfavorit auf den Aufstieg und stiegen am Ende in die League Two ab.

Die Vereinsführung der Wombles weist diese Vergleiche immer weit von sich, den Fans dürften sie aber deutlich mehr bedeuten. Ein weiterer Grund zur Freude: Letzten Winter wurden die Pläne für einen Stadionneubau in Wimbledon genehmigt, nur 200 Meter entfernt von der früheren Heimat an der Plough Lane. Damit kehren die Wombles womöglich schon in der übernächsten Spielzeit in ihren Heimatkiez zurück. Weiterlesen „Der Sommer der Fanvereine“

Der Star auf der Trainerbank

Vor gut einer Woche schaffte es eine Nachricht aus der zweiten englischen Liga in den deutschen Videotext. Eine Ausnahme – dank Frank Lampard, der zum neuen Trainer von Derby County ernannt worden war. Lampard, bekannt als großer Mittelfeldstratege von Chelsea, als Opfer der „Rache für Wembley“ – jenes deutlich sichtbaren, aber nicht gegebenen Tores im WM-Spiel England gegen Deutschland 2010. Aber eben nicht bekannt als erfolgreicher Trainer – einfach deshalb, weil Derby seine erste Station als solcher ist.

Die Vorgeschichte aus Sicht der ‚Rams‘: Lampards Vorgänger Gary Rowett führte den Klub in dieser Saison in die Play-Offs der Championship. Dort unterlag man im Halbfinale dem FC Fulham nach Hin- und Rückspiel mit 1:2. Eine wochenlange Schwächephase Anfang des Jahres kostete Derby den direkten Aufstieg. Nach der Saison kündigte Klubbesitzer Mel Morris wegen der Erfordernisse des Financial Fair Play eine zurückhaltende Transferpolitik an. Rowett zog es vor, trotz seines im Winter verlängerten Vertrages zum Premier League-Absteiger Stoke City zu wechseln. Dem stehen im Sommer die berühmten „Parachute payments“ zur finanziellen Abfederung des Abstiegs zur Verfügung.

Morris und Derby County hätten nun auf einen schon erprobten und gerade freien Trainer setzen können. Die gehandelten Namen waren allerdings nicht sonderlich inspirierend. So entschloss man sich zum Wagnis mit dem Starspieler, der zuletzt als TV-Experte gearbeitet hatte. Aber eben noch nie als Trainer. Frank Lampard gilt als sprachgewandt und intelligent – doch macht das die fehlende Erfahrung wett?

Zweiter Schritt vor dem ersten?

Natürlich gibt es dazu zwei mögliche Sichtweisen. Hätte sich Lampard seine Sporen nicht in kleineren Vereinen verdienen, erst mal in der League Two anfangen können? War er sich für viertklassige Klubs zu schade? Verpflichtete Derby ihn nur wegen seines großen Namens und weil er sich so gut verkaufen konnte? Für einen ambitionierten Zweitligisten ist diese Personalentscheidung ohne Zweifel ein Risiko.

Doch – und wir kommen zur anderen Denkschule – ist nicht jede Trainerverpflichtung ein Risiko? Ist Lampard nicht eine Persönlichkeit, die es verdient, dass man Vertrauen in sie hat? Über eines sind sich die meisten Fans jedenfalls einig: Es ist eine inspirierende Entscheidung, die das Potenzial hat, nicht nur die Aufmerksamkeit der Medien, sondern auch die von interessanten Spielern zu wecken. Die einen reden vom Chelsea-Nachwuchs, der bald auf Leihbasis in den Pride Park strömen könnte, die anderen von Lampards Ex-Mannschaftskameraden John Terry, der Zweitligist Aston Villa verlassen wird, nachdem die den Aufstieg verpasst haben.

Eine Chelsea-Connection hat schon mal funktioniert: Lampards Co-Trainer in Derby wird Jody Morris, ein weiterer ehemaliger Mitspieler. Der hat als Trainer im Jugendbereich bei Chelsea schon Beachtliches erreicht. Trotz des extrem aufgeblähten Profikaders beim West-Londoner Klub gilt die Jugendarbeit als ausgezeichnet. Morris‘ Verpflichtung könnte auch dahingehend interpretiert werden, dass die beiden jungen Trainer nun auch die Verjüngung des Rams-Kaders anpacken. Die ist dringend nötig: Derby County hatte 2017/18 zeitweise den ältesten Kader der Championship. Und wenn eines Anfang des Jahres fehlte, war es frischer Wind.

Eines ist natürlich klar: Alles was jetzt passiert und gesagt wird, gibt nur wenig Aufschluss darüber wie die nächste Saison verlaufen wird. Mit den fehlenden Erfahrungswerten müssen die Fans, der Verein und Frank Lampard selber leben. Ob Lampard Trainer so kann wie Mittelfeldspieler und Fernsehen ist ungewiss. Aber eines ist in Derby garantiert: Spannung. Nicht nur wenn es wieder los geht, sondern auch schon davor: Welche Spieler wird der Star auf der Trainerbank holen? Nicht nur in den East Midlands, sondern weit darüber hinaus wird man in den nächsten Monaten ein Auge auf die Rams haben.