Lasst uns über wirkliche Probleme reden!

Einen großartigen Artikel auf Schwatzgelb.de, veröffentlicht vor ein paar Tagen, möchte ich unbedingt empfehlen. Autor Scherben plädiert darin für Besonnenheit in der inzwischen fast täglichen Erregung über Fußball-Themen. Es geht ihm um Differenzierung, darum, nicht gleich in einfache Schwarz-Weiß-Denkmuster zu verfallen. Vor allem aber geht es ihm darum, dass die wirklich wichtigen Fragen, über die es sich zu streiten lohnt, nicht in der „Kakophonie von Meckerei“ untergehen.

Absolut lesenswert, nicht nur, weil er zu 100 Prozent meine Meinung widerspiegelt.

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Leicester vs. Neuer

Zwei Zitate, die rein gar nichts miteinander zu tun haben, oder?

Wir wollen einfach den totalen Erfolg.
(Manuel Neuer am 2.5.)

 

Wer dem Fußball mit Setzlisten und Ausgrenzungen das Unerwartete nimmt, wer ihm Kaiserslautern 1998, Griechenland 2004, Leicester 2016 nimmt, der nimmt ihm irgendwann sein Herz, das schon jetzt ein paar bedenkliche Aussetzer hat.
(Kommentar von Jörn Petersen bei Kicker Online)

 

Watzkes wahrer Klartext

BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hat nichts gegen ein wenig Rampenlicht. Man tut ihm nicht unrecht, wenn man sagt, dass es ihm behagt, in seiner Position beim Verein häufiger als früher zu regionalen und nationalen Fußball-Themen befragt zu werden. Nicht alles, was er geantwortet oder von sich aus vorgebracht hat, konnte man unterschreiben. Ich denke da beispielsweise an die von ihm angeregte Verteilung der Fernsehgelder nach Zuschauer- bzw. Fanzuspruch.

Doch nun hat ‚Aki‘ Watzke den „Ruhr Nachrichten“ sein bestes Interview gegeben, das ich gelesen habe. In ihm verbinden sich Realismus, gesunde, aber nicht zu große Bescheidenheit und westfälische Direktheit. Nicht, dass er etwas Revolutionäres von sich gegeben hätte – doch mir imponiert das unbeirrbare Festhalten am Dortmunder Weg, egal was von allen möglichen Seiten wieder gequatscht wird. Auf die Frage, ob es in der Liga nur noch um Platz zwei gehe, antwortet der Geschäftsführer:

Mich hat gewundert, dass viele Experten am Anfang der Saison anderer Meinung waren. Für mich besitzen die Bayern immer die höchste Wahrscheinlichkeit, Deutscher Meister zu werden. Man muss sich immer an Fakten orientieren.

Und liefert die Erklärung, die ob ihrer Banalität häufig unter den Tisch fallen gelassen wird, gleich mit:

Uli Hoeneß hat gesagt, man werde so viel Geld ausgeben, bis Bayern wieder die Nummer 1 in Deutschland ist. Also haben sie 70 Millionen Euro in die Hand genommen und ihre Mannschaft noch einmal brutal aufgerüstet. Man darf sich also nicht wundern, dass sie so gut dastehen.

Ebenso aus dem Herzen spricht mir sein Plädoyer für eine differenzierte Sichtweise von Spielen und Ergebnissen.

Im Fußball beschäftigt man sich heute nur noch mit Äußerlichkeiten, aber nicht mehr mit dem Spiel. Hast du zwei Spiele in Serie nicht gewonnen, werden deine Argumente nicht mehr gehört. Dann heißt es sofort: Der führt eine Alibidiskussion.

Selbst wenn Watzke bald mal wieder daneben liegen sollte: Nie im Leben, für keine Sekunde würde ich ihn mit dem ach so erfolgreichen Uli Hoeneß tauschen wollen.

Ein Beispiel zum Schulemachen

Niemand mag sie so richtig, aber sie sind in der Fußballwelt inzwischen allgegenwärtig: Spielerberater. Dass sie bald wieder verschwinden, hofft mancher, aber glaubt kein Fan. Es geht natürlich nicht darum, einen ganzen Berufsstand pauschal zu verurteilen, denn ohne Zweifel hilft ein guter Berater seinem Schützling bei vielen Nebensächlichkeiten, um die sich dieser nun wirklich nicht kümmern müssen sollte. Doch genauso zweifellos hat das Aufkommen des Beratertums auch dazu geführt, dass die üppigen Spielergehälter noch weiter gestiegen sind – und darüber hinaus bei Transfers oftmals kräftige Provisionen an die Vermittler fällig werden, die in aller Regel die Vereine zahlen.

Spätestens seit Borussia Dortmund wieder zu den deutschen Spitzenclubs zählt, machen auch die Schwarz-Gelben Erfahrungen mit dem Übereifer und der besonderen Geschäftstüchtigkeit dieses Berufsstandes, auf die wir verzichten könnten. So musste man alle paar Tage in der Presse lesen, mit wem der Berater von Robert Lewandowki wieder verhandelt hat. Und vieles spricht dafür, dass diese Stories mit zweifelhafter Substanz häufig durch ‚Hintergrundinformationen‘ der Berater zustandekommen. Ob mit dem Streuen von Gerüchten ein Vorteil für den Spieler verbunden ist, sei mal dahingestellt – seinem Verein schadet diese Praxis eher.

Einen Berater zu haben, der sich um das Geschäftliche kümmert, ist angenehm. Nicht nur für Sportler. Und daher ist es nachvollziehbar, dass viele Fußballspieler sich dieser Möglichkeit bedienen. Doch vielleicht begreifen manche von ihnen in den nächsten Jahren, dass sie überversorgt sind. Dass die Arbeit ihrer Berater zu oft eher eine Ablenkung vom Wesentlichen darstellt als das erwünschte Gegenteil. Vielleicht folgen manche dem Beispiel von Serdar Tasci. Der 25-jährige Kapitän des VfB Stuttgart hat sich vor einigen Wochen von seinem Berater getrennt. Schlicht und einfach weil er derzeit dessen Tätigkeit nicht braucht, was er im Interview mit der „Stuttgarter Zeitung“ so begründet:

Weil man einen Berater eigentlich nur braucht, wenn man den Verein wechseln oder seinen Vertrag verlängern will. Beides ist für mich im Augenblick jedoch überhaupt kein Thema.

Gerüchte über den FC Barcelona und Milan hat die neue Selbstständigkeit nicht verhindert. Doch wenn Tasci davon spricht, dass es keinen direkten Kontakt zu diesen Vereinen gegeben habe, dass er ein „Stuttgarter Junge“ sei und das Kapitänsamt eine Ehre, dann braucht man zumindest nicht zu befürchten, dass gleichzeitig jemand in seinem (vermeintlichen) Auftrag mit Manchester City verhandelt.

Ein zeitweiser Verzicht auf einen Berater – wenn keine Veränderung ansteht – würde die Vielstimmigkeit um die Spieler verringern und den meisten Gerüchten ihren Nährboden nehmen. Solch ein Schritt kommt nicht für jeden Profisportler infrage – er erfordert eine gewisse Selbstständigkeit. Doch nach einer Gewöhnungsphase, in der, wie Tasci erzählt, das Telefon nicht stillsteht, dürfte diese Option vielen mehr Ruhe und Konzentration ermöglichen. Vereine und Fans würden ohnehin begrüßen, wenn dieses Beispiel Schule macht.

Der Kapitän spricht

Ich wüsste gar nicht: Wohin sollten Mats oder Mario denn wechseln? Im Inland fällt mir kein Verein ein, und im Ausland gibt es höchstens eine Handvoll Adressen, über die sie sich Gedanken machen müssten. (Sebastian Kehl im Kicker Nr. 4/2012, S.9)

Allein für diese Aussage sollte man Kehls Vertrag schon verlängern. Und es sieht gar nicht schlecht aus, wenn man die weiteren Worte des Kapitäns vernimmt:

Michael Zorc und ich werden uns im Trainingslager sicher mal zusammensetzen (…). Grundsätzlich fühle ich mich beim BVB sehr wohl. Natürlich kann ich mir gut vorstellen, in Dortmund zu bleiben.

Hardtwaldhelden. Ein Pokal-Interview.

An diesem Wochenende geht es endlich auch für die deutschen Fußball-Erstligisten richtig los. Borussia Dortmund tritt am Samstagabend zur ersten Runde des DFB-Pokal beim SV Sandhausen an. Die ersten Internet-Recherchen zum Pokalgegner der Schwarz-Gelben waren nach der Auslosung schnell gemacht. Da es sich bei Sandhausen jedoch mutmaßlich um einen Drittligisten handelt, über den man außerhalb Süddeutschlands nicht so viel weiß wie beispielsweise über Carl Zeiss Jena oder Kickers Offenbach, sollte man vielleicht jemand fragen, der sich wirklich auskennt. Deshalb habe ich Nina vom Blog „Hardtwald Helden“ – benannt nach dem Stadion des SVS – ein paar Fragen rund um den Verein gestellt. Wer noch mehr erfahren will, sollte auf ihrer sehr empfehlenswerten Seite vorbeischauen. Dort habe ich im Vorbericht zum Pokalspiel auch ein paar Fragen zur Borussia beantwortet.

Nina, Sandhausen liegt in der Nähe von Heidelberg im Rhein-Neckar-Raum. In eurer Region hat sich in den letzten Jahren sicher viel Aufmerksamkeit auf die TSG Hoffenheim konzentriert. Wie siehst du als Fan eines anderen Vereins aus der Gegend die Hoffenheimer?

Ich beobachte Hoffenheim bereits seit vielen Jahren. In diesen Jahren habe ich mit angesehen, wie sie am SVS, der jahrelang die Nummer 1 in der Rhein-Neckar-Region war, vorbeizogen.

Gibt es da eine lokale Rivalität? Sind die für euch überhaupt interessant?

Eine gesunde Rivalität ist selbstredend vorhanden. Wer sich ernsthaft mit Hoffenheim oder Sandhausen auseinander setzt, sollte auch eine klare Meinung fassen. Entweder Hopp ;) oder top.

Denkst du, dass es Auswirkungen für Sandhausen hat, dass die TSG in der Bundesliga spielt?

Bis zum Durchmarsch unter Rangnick aus der Regionalliga in die 1. Bundesliga, war Sandhausen der deutlich beliebtere Verein. Obwohl Sandhausen nie höher als Regionalliga spielte hatte man sich in der Vergangenheit als deutscher Amateurmeister oder DFB-Pokalschreck einen Namen gemacht. Als Hoffenheim hingegen nach nur einem zweitklassigen Jahr in Liga 1 aufstieg waren sie immer noch die Unbekannten. Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass uns die Bundesligazugehörigkeit der TSG keine Zuschauer kostet. Weiterlesen →

Mehr als sommerliche Plauderei

Im Sommer wird in den Medien ausgedehnt geplaudert. Die Hauptstadtjournalisten oder ‚Anchors‘ der Fernsehsender besuchen gerne Politiker in ihren Ferienorten, um vor malerischer Kulisse entspannte Gespräche zu führen. Das Ziel ist natürlich, in lockerer Atmosphäre etwas mehr in die Tiefe gehen zu können und den Interviewten auch Substanzielles zu entlocken. Bei Politikern bleibt es häufig beim Versuch.

Für Sportjournalisten bieten Sommer-Interviews mit Fußballspielern oder -trainern die Möglichkeit, die Zeit bis zum Saisonstart mit etwas anderem als nur Transferspekulationen zu füllen. Die Qualität der Interviews hängt natürlich ebenso von den Fragen wie vom Gegenüber ab. Jürgen Klopp ist fast immer ein dankbarer Gesprächspartner. So verwundert es auch nicht, dass das Interview, das Sascha Fligge von den „Ruhr Nachrichten“ im Schweizer Trainingslager mit dem BVB-Trainer geführt hat, lesenswert ist. Fligge ist schon lange der wichtigste ‚BVB-Mann‘ bei dem Dortmunder Zeitungshaus und stellt interessante Fragen.

Klopps Antworten sind wie immer pointiert und haben Hand und Fuß, können aber natürlich einen BVB-Fan oder -Blogger, der den Verein intensiv beobachtet, nicht immer überraschen. Trotzdem gibt es auch in diesem Klopp-Interview Bemerkenswertes zu lesen. Etwa über die Stellung, die der Trainer Kevin Großkreutz zuerkennt:

Keiner, den ich kenne, kann diese Position so spielen und lebt sie so wie Kevin. Wenn er in Bestform ist, müssen wir gar nicht über jemand anderen nachdenken. Es wird unglaublich schwer, ihn zu verdrängen.

Klingt so, als ob Kevin gute Chancen hat, die Position auf der linken Außenbahn gegen Ivan Perisic zu verteidigen. Das hätte man nach dessen Verpflichtung nicht unbedingt vermutet, macht aber aktuell angesichts des Spiels gegen St. Gallen Sinn. Wie zu erwarten war, wird der Konkurrenzkampf im Mittelfeld hart werden und es wird noch prominentere Bankdrücker geben als in der letzten Saison. Die Anpassungsschwierigkeiten Perisics an Tempo und Trainingsintensität beim BVB waren laut Klopp einkalkuliert. Ab dem Saisonstart sollte ein fairer Wettstreit um die Positionen möglich sein, den dann hoffentlich auch alle Spieler so annehmen.

Mats the Skipper

Die lange Leidensgeschichte von BVB-Kapitän Sebastian Kehl ist neben dem Schicksal von Florian Kringe der tragischste Teil des Dortmunder Meisterjahres. Sicher – ein Spitzenverdiener wie Kehl ist auch im Verletzungsfall noch privilegiert, aber was Borussias Nummer 5 in den letzten Jahren wegstecken und überwinden musste ist auch im Profisport nicht alltäglich. Ob Kehl die Rückkehr schafft und welchen Status er künftig in der Meistermannschaft haben wird, hat selbstverständlich Implikationen für sein ‚Amt‘. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Jürgen Klopp – eher unfreiwillig – einen neuen Kapitän bestimmen wird.

In der abgelaufenen Saison war Roman Weidenfeller der Mannschaftskapitän auf dem Platz. Sollte aus der Sicht des Trainers auch ein formaler Wechsel im Amt nötig werden, ist der BVB-Torwart der natürliche und wahrscheinlichste Kandidat. Er ist ‚handelnder Kapitän‘ und hat ohne Zweifel die nötige Autorität. Wie viel und welche Autorität braucht ein Kapitän jedoch heutzutage? Hat nicht die Theorie, dass der ‚Spielführer‘ am besten ein Feldspieler sein sollte, manches für sich, und sei es nur wegen der Kommunikation mit dem Schiedsrichter?

Mats Hummels wäre ebenfalls ein sehr geeigneter Kapitän für Borussia Dortmund. Es überrascht immer wieder aufs Neue, welch kluge und besonnene Interviews er gibt. Mit der gleichen Haltung könnte er das Amt des Kapitäns auf und neben dem Platz hervorragend ausfüllen. Das Interview mit ihm, das jetzt in der „FAS“ erschienen ist, hat diesen Eindruck nochmals voll bestätigt. Mats macht darin klar, dass man sich bei Klopps BVB Autorität durch Leistung und nicht durch das Alter oder laute Töne erwirbt. Prinzipiell hat jeder Spieler auf dem Platz die gleichen Rechte und Pflichten.

Besonders überzeugend ist Hummels‘ Reaktion auf die Vorwürfe von Altstar Thorsten Frings an die ‚junge Spielergeneration‘. Frings ist nicht der erste ältere oder ehemalige Spieler, der den ‚jungen Leuten‘ vorwirft, sie seien zu angepasst und achteten zu sehr auf ihre Worte. Mats bestreitet das etwas pauschale Urteil gar nicht, sondern liefert vielmehr eine überzeugende Erklärung:

Ich glaube, dass es wirklich so ist. Dass man immer mehr darauf achten muss, was man sagt, weil es immer gleich höhere Wellen schlägt, wenn man mal was überraschend ist oder als nicht passend interpretiert wird. Die größte Gefahr besteht darin, dass aus einem Interview nur zwei, drei Sätze ohne den Gesamtzusammenhang zitiert werden – und schon hast du die tollsten Schlagzeilen.

Da hat jemand ganz offensichtlich verstanden, wie Medien und gerade der Sportjournalismus funktionieren. Möglicherweise ist diese besonders auf- und abgeklärte Haltung bei Mats familiär bedingt, schließlich war seine Mutter Sportjournalistin. In jedem Fall würde sie ihn dafür prädestinieren, sich als erster Ansprechpartner gegenüber den Medien zu äußern – wie das von einem Kapitän erwartet wird.

Es ist nicht wahrscheinlich, dass Mats Hummels in der kommenden Saison dieses Amt übernimmt. Sollte Kehl im Sommer fit werden, wird er wohl vorerst Kapitän bleiben – ansonsten steht Weidenfeller bereit. Das wäre völlig in Ordnung, wie die vergangene Spielzeit gezeigt hat. Eine gute Alternative ist Hummels jedoch allemal. Nicht nur weil man in der Champions League einen Skipper gebrauchen könnte, der ordentlich Englisch spricht.

Der Meistertrainer spricht

Ich weiß nicht, ob Jürgen Klopp dem „Kicker“ dieses Interview vor oder nach der sonntäglichen Meisterfeier gegeben hat, vermute aber ersteres. Denn er bringt es mal wieder auf den Punkt:

Aufgrund ihrer Meriten haben Louis van Gaal, Felix Magath oder Jupp Heynckes die besten Mannschaften trainiert. Ich halte es aber für die größere Trainerleistung, mit dem 1. FC Kaiserslautern die Liga zu erhalten, als mit Bayern 2010 Meister zu werden. Und es ist schwieriger, mit Hannover 96 in die Europa League einzuziehen, als mit Leverkusen Zweiter zu werden.