Auf der Suche nach dem goldenen Tor

Champions League, Achtelfinale / Benfica Lissabon 1 BVB 0

Das Golden Goal gibt es zum Glück nicht mehr, aber dafür Tore, die Gold wert sind. Ein solches gelang Borussia Dortmund gestern in der portugiesischen Hauptstadt nicht – obwohl die schwarz-gelben Jungs diesmal alles dafür taten, sich ihr Glück zu verdienen. Sie hatten die Partie – immerhin ein CL-Achtelfinale – über weite Strecken im Griff und deutlich mehr Chancen als Benfica, die ihre einzige große Gelegenheit kurz nach der Pause nutzten. Passenderweise war es eine Ecke.

Drei Gedanken zum Spiel

Diese Diskrepanz zur Liga muss man nicht verstehen. Wenn du siehst, welche Welten zwischen Darmstadt und Lissabon liegen, ärgerst du dich schwarz. Einerseits. Andererseits gibt es natürlich Hoffnung auf Besserung, wenn die richtige Mentalität doch mal in den Köpfen der Spieler ankommt. Es spielt ja niemand absichtlich wie gegen Darmstadt. Gestern jedenfalls zeigten die elf Schwarz-Gelben alles, was es am Samstag nicht zu sehen gab: zuvorderst Bissigkeit und Präsenz. Ganz früh wurden die Gastgeber attackiert und zu vielen Ballverlusten gezwungen. Mit Schmelzer und Piszczek kam wieder Ruhe in die Defensive. Auch der Spielaufbau wirkte viel ansehnlicher, Guerreiro und Reus etwa steigerten sich massiv gegenüber Samstag.

Wäre da nicht diese ausbleibende Chancenverwertung. Das geht dann wirklich nicht im Achtelfinale der Champions League: so viel liegen lassen und hoffen, dass nichts passiert. Pierre-Emerick Aubameyang hatte die klarsten Gelegenheiten, die er auch noch selber vergab. Bei seinem Elfmeter musste sich Torwart Ederson weniger anstrengen als etwa bei dem sensationell gehaltenen abgefälschten Pulisic-Schuss. Auch in anderen Szenen reagierte Ederson stark. Dennoch muss sich die Borussia bei allem Lob für die starke Leistung die Niederlage selbst zuschreiben. Neben den vergebenen Chancen zeigten sich beim Benfica-Treffer Piszczek und Sokratis nicht reaktionsschnell genug. Verbesserungswürdig waren übrigens auch die langen, öffnenden Bälle, die mit etwas mehr Präzision und weniger Hast noch mehr Torgefährliches hätten hervorrufen können.

In der Champions League ist Aubameyang die einzige Lösung im Sturm. Alexander Isak wurde für den Wettbewerb nicht gemeldet. Marco Reus und erst recht André Schürrle sind nicht effektiv genug im Torabschluss, um als echte Stürmer durchzugehen. Bleibt Ousmane Dembelé, der schon früher im Sturmzentrum gespielt hat, aber in Dortmund aufgrund seiner Dribbelstärke eher aus dem Raum bzw. von der Seite kommen soll. Trotzdem wäre ein Versuch mit ihm auf der Auba-Position nicht völlig abwegig. Ob die frühe Auswechslung unseres Top-Torjägers aber sinnvoll war, darüber darf diskutiert werden. Sky-Experte Ottmar Hitzfeld sagte nein, Thomas Tuchel erklärte nach dem Spiel seine Beweggründe.

Immerhin relativierte der verschossene Elfer etwas den Ärger über den in der ersten Hälfte nicht gegebenen (Ederson an Dembelé). Schiedsrichter Nicola Rizzoli hätte übrigens später auch reagieren müssen, als Schürrle zu Boden gezogen wurde – nicht die beste Partie des renommierten italienischen Referees.

Nach den Eindrücken von Lissabon glaubt man natürlich trotz fehlendem Auswärtstor an die Chance im Rückspiel. Doch viel wichtiger ist jetzt erst mal das Heimspiel vor leerer Südtribüne gegen den VfL Wolfsburg.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Bartra – Durm, Schmelzer – Weigl, Guerreiro (82. Castro) – Dembelé, Reus (82. Pulisic) – Aubameyang (62. Schürrle). Gelbe Karten: Schmelzer, Pulisic, Bartra

Dortmund verdaddelt Platz 2

1. Bundesliga, 20. Spieltag / SV Darmstadt 98 2 BVB 1

Alle Warnungen haben nichts genutzt: Zwischen Pokalfight und Champions League-Achtelfinale hat es der BVB nicht vermocht, genügend Energie für Darmstadt aufzubringen. Viel zu selten dominierten die Schwarz-Gelben die Partie beim Tabellenletzten und ließen so etwas wie Spiellaune aufblitzen. Die Gastgeber ließen sich auch vom Ausgleich kurz vor der Pause nicht entmutigen und schlugen in der 67. Minute zurück.

Drei Gedanken zum Spiel

Thomas Tuchel hatte schon im Vorfeld von einer Frage der Mentalität gesprochen. Seine Mannschaft hat die falsche gezeigt. Es wäre zu billig, die Schuld daran dem Trainer zu geben, à la „er erreicht das Team nicht mehr“. Viele Spieler müssen sich nach dieser Partie hinterfragen. Man kann auch in Darmstadt verlieren, aber es war nicht mal unglücklich. Viel zu viele Fehlpässe, Ballverluste und unerklärliche Passivität – wie beim 0:1 – kennzeichneten heute das BVB-Spiel.

Nennen wir ruhig einige Namen: Sokratis war gegenüber dem Leipzig-Spiel erneut nicht wiederzuerkennen. Julian Weigl gelang es nicht, das Geschehen aus dem defensiven Mittelfeld zu ordnen. Potenziell kreative Spieler wie Raphael Guerreiro und Marco Reus blieben weit unter ihren Möglichkeiten, auch wenn sie mit dem schönen Ausgleich respektive zwei Gelegenheiten auffällig wurden. Letztlich fehlen der Borussia für solche Begegnungen mit einem um alles kämpfenden Gegner auch die Führungsspieler. Wenn es beim heutigen Kapitän Reus nicht läuft, reißt er auch niemand anderen mit. Es müsste auch gar nicht der eine Leader sein; die Rolle können gerne auch mehrere übernehmen. Aber wer fällt uns da ein? Guerreiro nicht und Kagawa oder Schürrle, die später kamen, schon gar nicht.Weiterlesen »

Ein traditioneller Pokalfight

DFB-Pokal, Achtelfinale / BVB 4 Hertha BSC 3 (n.E.)

Es wurde spät: Wer sich nach dem spannenden Pokalabend auch noch die Auslosung des Viertelfinales anschauen wollte, kam erst weit nach Mitternacht ins Bett. Zuvor hatte die Borussia einen nach Chancen und Spielanteilen hochverdienten Sieg gegen Hertha BSC errungen – aber erst im Elfmeterschießen. Die Gäste verteidigten vor allem in der zweiten Halbzeit massiert in der eigenen Hälfte und beließen es weitgehend dabei.

Drei Gedanken zum Spiel

Was ist falsch an der guten, alten Viererkette? Auch wenn Hertha sich überwiegend aufs Verteidigen konzentrierte, hätte dem BVB eine traditionellere Abwehr gut getan. Die Dreier- bzw. Fünferkette mit nur zwei echten Innenverteidigern überzeugt mich nicht. Beim Gegentor ließen die Schwarz-Gelben schlicht die Zuordnung vermissen – sowohl bei der Flanke von Niklas Stark als auch beim Kopfball von Kalou. Nun bin ich kein ausgesprochener Taktikfuchs, aber Marcel Schmelzer schien mir auf seiner vorgezogenen Position im Mittelfeld nicht effektiver als wenn er klassisch Außenverteidiger spielt. Der offensiv ohnehin agilere Erik Durm hat auch schon von der Rechtsverteidiger-Position aus gute Partien gezeigt.

Berliner Mauern wird bestraft. Ich vertrete ja die Meinung, dass jede Fußballmannschaft das Recht hat, innerhalb des Regelwerks so zu spielen, dass sie die größten Erfolgschancen hat. Also darf Hertha BSC im Westfalenstadion selbstverständlich defensiv auftreten. In der ersten Hälfte taten sie das nur primär und nicht ausschließlich, hatten ähnlich viele Chancen wie der BVB und führten denn auch 1:0. Später kamen sie über lange Phasen kaum noch aus der eigenen Hälfte, warteten 15 Meter vor dem eigenen Strafraum auf die Dortmunder Bemühungen, eine Lücke zu finden. Zu diesem Zeitpunkt wäre ein Lucky Punch nicht mehr verdient gewesen. Das Problem: Die Borussia nutzte nach dem schnellen 1:1 nach der Pause die noch entstehenden Gelegenheiten wieder mal nicht.Weiterlesen »

Und wir kritisieren euch doch!

Über Dortmund zieht das sich schon am Sonntag ankündigende Gewitter hinweg und lässt die BVB-Verantwortlichen sowie die große Mehrheit der friedlichen und anständigen Fans im Hagelschauer stehen. Eingebrockt haben uns das wohl egoistische, unverbesserliche Teile der Ultra-Szene sowie die neuen Hooligans. Ja, es wurden Grenzen überschritten, physisch und verbal. Mit diesen Überschreitungen waren vermutlich mindestens 24.500 der 25.000 Südtribünen-Besucher so nicht einverstanden. Diese wurden und werden nun neben allen anderen BVB-Fans von zwei Seiten in Geiselhaft genommen: Einerseits von den widerlichen Kriminellen aus den eigenen Reihen, andererseits durch Medien, Polizei, Politik und natürlich den Gegner vom Samstag.

Denn leider gab es die erwartbare Überreaktion und nur wenige differenzierende Stimmen, nachdem die Polizei Dortmund die Wortwahl vorgegeben hatte – in dieser Form vielleicht auch, um von der Tatsache abzulenken, dass man die Partie gegen RB Leipzig unverständlicherweise nicht als Hochrisikospiel deklariert hatte. Nun wird also allen Ernstes Hans-Joachim Watzke eine moralische Mitschuld an den Ausschreitungen gegeben, weil er sich in der Vergangenheit kritisch zum Dosenklub geäußert hat. Die Vorwürfe kommen nicht nur von organisierten RB-Fans, sondern auch von der Gewerkschaft der Polizei und anderen.

Wie vorhergesagt schlüpft nun RB Leipzig in die Opferrolle, nachdem der Schein der Normalität vorerst nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Um eines klar zu sagen: Auch in Dortmund muss sich etwas ändern. Der Radikalisierung eines kleinen Teils der Fanszene muss Einhalt geboten werden, denn diese Fraktion hat das Potenzial, großen Schaden anzurichten – auch an der Dortmunder Fankultur. Vielleicht kann der Selbstreinigungsprozess tatsächlich nur durch einen einmaligen Zuschauer-Teilausschluss der besonders betroffenen Blöcke angestoßen werden. Ich schreibe das mit Fragezeichen und Bauchschmerzen – aber wir brauchen eine kritische Masse, die sich den Gewalttätern und Idioten gegenüberstellt.

Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Trotz all dem dürfen und müssen wir weiter das Modell RB Leipzig kritisieren. Das taten übrigens schon bisher nicht nur Fans aus Dortmund oder von anderen großen Traditionsvereinen, sondern auch die Anhänger vieler kleinerer Klubs. Selbst in Leipzig gibt es fußballbegeisterte Menschen, die sich nicht von Mateschitz, Rangnick und Co. „zwangsbeglücken“ lassen wollen – wie ein großartiges Blog beweist. Es gibt ja nach wie vor genügend Anlässe für Kritik und diese liegen nicht nur in der Vergangenheit. So war bereits in österreichischen und deutschen Medien nachzulesen, wie der Brause-Konzern dafür sorgen will, dass RB Leipzig und RB Salzburg trotz UEFA-Beschränkungen im Europapokal starten dürfen. Da wird Red Bull mal eben zum bloßen Hauptsponsor der Salzburger herabgestuft – angeblich ohne direktes Mitspracherecht in Vereinsgremien. Und die sportlich gesinnten Fußballfans fragen sich, was passiert, wenn die beiden RB-Klubs in Champions oder Europa League direkt aufeinandertreffen.

Was Topraks Wechsel für den BVB bedeuten könnte

Wollen wir das mal nicht vergessen: Ömer Toprak wechselt nun definitiv im Sommer von Bayer Leverkusen zu Borussia Dortmund. Die Schwarz-Gelben zahlen gemäß der Ausstiegsklausel im Vertrag des 27-jährigen Innenverteidigers 12 Millionen Euro an den Werksverein. Toprak bekommt einen Vertrag bis 2021. Michael Zorc schätzt die Qualitäten des türkischen Nationalspielers so ein:

Ömer Toprak ist ein starker, international erfahrener Innenverteidiger mit hoher Führungsqualität.

Betrachtet man die aktuelle Transferpolitik der Borussia, fällt Toprak in die Kategorie „gestandener, bekannter Spieler“ – nicht ganz vom Format Mario Götzes oder André Schürrles, aber mit größerem Standing als Sebastian Rode, auch wenn der von Bayern kam. Gemeinsam haben die drei Letztgenannten, dass sie derzeit beim BVB keine Stammspieler sind.

Die andere Transfer-Kategorie ist jene, für die Borussia Dortmund renommiert ist: junge, entwicklungsfähige Spieler mit großem Potenzial. Gerade wurde Alexander Isak verpflichtet, mit Ousmane Dembelé hat man einen Volltreffer gelandet. Marc Bartra spielt relativ regelmäßig. Mit Emre Mor und Mikel Merino gibt es jedoch auch zwei letztes Jahr geholte Talente, die bisher nur selten in der Startelf standen.

Dennoch scheint der BVB – Stand jetzt – mit den jungen Leuten mehr Erfolg zu haben als mit Rückholaktionen und großen Namen, deren große Zeiten schon etwas zurückliegen. Natürlich sollten wir Götze, Schürrle, Rode, Sahin oder Kagawa noch nicht abschreiben, aber im Hintergrundgespräch würde vielleicht auch Aki Watzke zugeben, dass man sich von ihnen mehr versprochen hätte.

Und nun also Ömer Toprak. Ein Fall mit zwei Seiten. Ja, die Abwehr hat mit Bartra oder Ginter neben Sokratis nicht immer einwandfrei funktioniert. Sven Bender war häufig verletzt. Andererseits sind das nach allem was man hört menschlich gute Typen, die auch der Mannschaft gut tun. Nicht, dass das bei Toprak anders sein muss. Aber der „erfahrene Innenverteidiger“ hat in der bisherigen Saison auch nur eine recht durchschnittliche Durchschnittsnote vom Kicker bekommen: 3,43. Vielleicht wird er uns weiterbringen. Vielleicht verdrängt er auch nur junge oder sympathische Spieler. Außer Abwarten hilft da nix!

Rindfleischburger zum Frühstück

1. Bundesliga, 19. Spieltag / BVB 1 RB Leipzig 0

Ein Sieg für die Freunde des Fußballs – da schmecken die Brötchen und der koffeinhaltige Kaffee am Sonntagmorgen besonders gut. Borussia Dortmund fand gegen den Tabellenzweiten die richtige Taktik und die richtige Einstellung, ließ kaum Chancen zu und hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass die beinahe letzte Spielsekunde beinahe noch schrecklich wurde.

Drei Gedanken zum Spiel

Es war auch ein Sieg des Matchplans. Ein Sieg von Thomas Tuchel über seine Kritiker, die tatsächlich äußerst diffus in ihren Argumenten sind und vor allem das nachplappern, was die Bild-Zeitung kolportiert. Gestern hatte sich der Trainer die richtigen Gedanken vor dem Spiel gemacht und seine Spieler setzten sie um. Gegen bekanntlich sehr früh pressende Leipziger einen spielstarken Innenverteidiger wie Marc Bartra zu bringen, zahlte sich aus – auch wenn der Spanier nicht komplett ohne Fehl und Tadel blieb. In der Offensive setzte Tuchel überspitzt gesagt alles auf einen Flügel: Erik Durm und Ousmane Dembelé bildeten über rechts ein technisch starkes, handlungsschnelles Duo, das vor allem in zwei Situationen, darunter das 1:0, glänzend agierte.

Überhaupt: Dem fantastischen Dembelé gebührt in Normalverfassung ein Stammplatz. Mit Auba und ihm zwei äußerst schnelle Spieler gegen die Pressingmaschine Leipzig zu setzen, war ohnehin goldrichtig. Marco Reus erwischte dagegen einen, nun ja, unglücklichen Tag. Einsatz und Laufwege stimmten, doch der Abschluss kostete die Fans der Schwarz-Gelben einige Nerven. Drei Großchancen gegen RB zu vergeben wäre fast unverzeihlich gewesen. Dennoch: Für mich gehört Reus neben Aubameyang und Dembelé in die BVB-Offensive. Dass damit ein 55-Millionen-Duo auf der Bank Platz nehmen muss, haben andere zu verantworten.Weiterlesen »

Jetzt fehlt auch noch Effektivität

1. Bundesliga, 18. Spieltag / FSV Mainz 05 1 BVB 1

Letzte Woche vermisste man lediglich die Souveränität gegen zehn Bremer; heute gelang es Borussia Dortmund nicht, weitgehend harmlose Mainzer zu bezwingen. Zwar hatten die Schwarz-Gelben das Spiel nach der erneut frühen Führung länger im Griff als vorletzten Samstag, doch eine blutleere zweite Hälfte leitete das fast schon Vorhersehbare ein und am Ende hätte der BVB fast noch verloren.

Drei Gedanken zum Spiel

Die fehlende Effektivität lässt sich besonders im Mittelfeld verorten. Bei den wenigen guten Chancen profitierte die Borussia meist von Mainzer Fehlern. Machten es die Gastgeber gut, standen in der Mitte dicht am Mann und pressten aggressiv, fehlte es dem BVB an Ideen, damit umzugehen. Es gab zu viele spekulative lange Bälle – auch wenn der Boden nicht perfekt für Passspiel gewesen sein mag. Ein echter Spielmacher stand nicht auf dem Platz: Julian Weigl und Gonzalo Castro sind normalerweise passsicher, aber der geniale Moment fehlt ihnen meistens. Raphael Guerreiro ließ sein Können mit einem tollen Ball in die Schnittstelle auf Aubameyang aufblitzen, aber er ist auch (noch) kein Lenker und Denker. Wenn die Mitte dicht war, versuchte es die Borussia dann löblicherweise über Außen, doch nur Marco Reus konnte dort phasenweise – in Hälfte 1 – überzeugen.

Hätte der BVB mehr nach vorne oder mehr auf Halten spielen sollen? Wer fordert, dass die Schwarz-Gelben die knappe Führung einfach nur festmachen und verteidigen hätten müssen, verkennt die momentanen Stärken und Schwächen des Teams. Es war richtig, auch mit den Wechseln auf das 2:0 zu gehen. Es war aber womöglich falsch, weiterhin sehr hoch zu verteidgen. Einen Mittelweg müssen Trainer und Mannschaft noch finden. Nach dem 1:1 war es irritierend zu sehen, dass die Borussia keine echte Chance mehr hatte, niemand das sprichwörtliche Heft noch mal richtig in die Hand nahm. Die Mainzer hätten nach De Blasis‘ Schuss knapp neben das Tor in der Nachspielzeit dagegen noch gewinnen können – wenn auch trotz nicht gegebenem Treffer unverdient.

Trotz Afrika-Cup nicht ganz einsichtig war, warum Aubameyang und nicht etwa Schürrle gehen musste. Spiegelbildlich zu letzter Woche hatte der Ex-Mainzer stark begonnen, die Führung vorbereitet, sogar in der 61. Minute noch eine Einschusschance gehabt – doch zwischendurch und danach war von ihm wieder wenig zu sehen. Ansonsten waren Thomas Tuchels Gedanken bei den Auswechslungen naheliegend und nachvollziehbar. Dass Mario Götze seine Chance wieder nicht nutzen konnte, ist schade.

Der BVB hat einen Punkt in Mainz geholt, aber natürlich die Chance auf Platz 3 leichtfertig verpasst, wenn man nach den Eindrücken aus dem Spiel geht. Es wird noch eine lange Rückserie. Dennoch kommt die Partie gegen Leipzig irgendwie zur rechten Zeit. Südtribüne, bitte übernehmen!

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Ginter, Schmelzer – Weigl – Castro (86. Pulisic), Guerreiro (66. Götze) – Schürrle, Reus – Aubameyang (72. Dembelé). Gelbe Karte: Schürrle. Tor: Reus

Zlatan kommt nicht, aber sein Nachfolger

Zuerst bestätigte es der bisherige Mitspieler Dickson Etuhu, indem er ein Foto von der Vertragsunterzeichnung auf Instagram postete: Alexander Isak wechselt vom schwedischen Erstligisten AIK Solna zum BVB! Intensive Beobachter des europäischen Spielermarkts werden den 17-Jährigen kennen, allen anderen sei gesagt: Da kommt der neue Zlatan Ibrahimovic nach Dortmund. Real wollte ihn, angeblich auch PSG und der FC Bayern, doch am Schönsten ist es immer noch im Pott.

Soweit die mediale Begleitung dieses Transfers, der noch genauso wenig endgültig vollzogen ist wie der Wechsel von Adrian Ramos nach China/Spanien. Dessen ‚Ersatzmann‘ soll Isak werden – aber natürlich erhoffen sich die BVB-Verantwortlichen noch mehr von ihm. Zunächst mal steht noch die Erlaubnis von der FIFA aus, die bei Transfers von minderjährigen Spielern erforderlich ist. Nach Angaben der Borussia spricht nichts dagegen, dass der Weltverband zustimmt. Wofür ihn die Schwarz-Gelben holen möchten, ist klar: In der abgelaufenen Spielzeit in Schweden traf der 1,90-Meter-Mann zehnmal in 24 Partien. Außerdem ist er jüngster Torschütze aller Zeiten in der schwedischen Nationalmannschaft. Ob er perspektivisch einmal die Nachfolge von Pierre-Emerick Aubameyang antreten kann, werden wir vielleicht nicht sofort erfahren, aber freuen wir uns auf erste Hinweise in der Rückserie!

Unterdessen hat ein weiterer junger Hoffnungsträger beim BVB verlängert: Christian Pulisic bleibt nun laut Vertrag bis 2020. Das war so während des größeren Umbruchs im Sommer noch nicht absehbar und auch Christian machte sich wohl seine Gedanken. Doch wer ihn zuletzt auf dem Flügel wirbeln gesehen hat – und es mit den Schwarz-Gelben hält – kann sich nur freuen, dass sich die Vorzeichen gedreht haben und der US-Nationalspieler uns noch länger erhalten bleibt.

Zu guter Letzt: Isak und Pulisic könnten im BVB-Kader schon am nächsten Wochenende wieder auf den schon erwähnten Pierre-Emerick Aubameyang stoßen. Der ist mit Gastgeber Gabun aus dem Afrika-Cup ausgeschieden, nach drei Unentschieden. Allzu fröhlich dürfte er in den nächsten Tagen allerdings nicht drauf sein, vergab er doch im entscheidenden Spiel gegen Kamerun zwei Meter vom  leeren Tor entfernt.

Gewonnen, doch die Souveränität bleibt verschollen

1. Bundesliga, 17. Spieltag / Werder Bremen 1 BVB 2

15 Minuten glänzte Borussia Dortmund im ersten Pflichtspiel des neuen Jahres, das erst der Hinserienabschluss war. 15 Minuten lang spielten die Schwarz-Gelben eine überragende Auswärtspartie, die an die starken Testspiele anknüpfte. Doch in der Folge war Werder Bremen über weite Strecken gleichwertig, auch mit einem Mann weniger, ehe sich die Überzahl doch noch auszahlte.

Drei Gedanken zum Spiel

Mit Schönwetterspielern gewinnst du keine Meisterschaft. Ein zugegeben harter Vorwurf, der einer Begründung bedarf. Nehmen wir André Schürrle. Der erwischte als Sturmspitze einen Traumstart, erwies sich beim 1:0 nach fünf Minuten als geistesgegenwärtig und zeigte auch in der Folge viel Engagement. Doch als die Borussia die Oberhand verlor, konnte auch der Rekordeinkauf nicht helfen und wurde blass und blasser. Oder Shinji Kagawa. Auch der hatte sich etwas vorgenommen, zeigte schöne Ansätze, einige gelungene Pässe. Nur um dann wie so oft abzutauchen, als die Bremer Zugriff aufs Spiel und in den Zweikämpfen kriegten. Wenn dann auch noch eigentlich verlässliche Kräfte wie Gonzalo Castro schwächeln, ist es mit dem Offensiv- und Konterspiel nicht weit her.

Marco Reus und der eingewechselte Ousmane Dembélé hatten in der Vorbereitung mit Verletzungen zu tun gehabt, wurden in Bremen heftig bearbeitet (Reus) oder wirkten noch nicht 100%-ig spritzig (Dembélé). Trotzdem waren sie gefährlicher als die zuvor Genannten und werden der Borussia bald noch mehr helfen. Das Bremen-Spiel hat dennoch gezeigt, dass uns ein Ersatz für Adrian Ramos, sollte sein Transfer bald eingenetzt sein, gut zu Gesicht stünde. Das 1,90 Meter große schwedische Super-Stürmertalent Alexander Isak von AIK Solna soll bereitstehen.

Über Toprak bleibt zu reden. Fordern will ich ihn nicht. Aber die Anfälligkeit der Abwehr muss ein Thema bleiben. Fin Bartels konnte sich, als Bremen bereits ein Mann weniger war, durch die BVB-Abwehr tanken. Er täuschte Ginter zu leicht, er widerstand dem bis vor Kurzem angeschlagenen Sokratis und erzielte das 1:1. Eine Frage des Personals oder auch der Taktik? Muss die Viererkette immer so hoch stehen, selbst wenn man sowieso Überzahl hat? Oder sollte Thomas Tuchel vielleicht dafür sorgen, dass auf den Außen Spieler agieren, die den Gegner mehr beschäftigen? Die Auswechslung von Schmelzer zugunsten von Erik Durm deutet in die Richtung. Lukasz Piszczek macht das auf der anderen Seite schon ganz gut, nicht nur wegen seines vierten Saisontreffers.

Die Bremer bleiben in der Liga. Der SV Werder ist einer der sympathischeren Vereine in der 1. Bundesliga, doch hatte in den letzten Spielzeiten zu oft eine Mannschaft, einen Kader ohne Identität und echtes Herz. So langsam beginnt sich das wieder zu ändern und wie die zehn Gastgeber gegen elf Dortmunder dagegen hielten, bestätigt die These. Mit Thomas Delaney scheinen sie tatsächlich einen guten Fang gelandet zu haben. Woran sie arbeiten müssen: Die Zahl der Großchancen muss steigen und die Hintermannschaft dürfte auch gegen andere Teams noch Probleme kriegen.

Zurück zu Dortmund: Es bleibt viel Arbeit. Wenn die Verletzungsmisere abebbt, kann man dennoch mit viel Hoffnung in die nächsten Partien gehen. Die von der eigenen Gefühlswelt her unterschiedlicher kaum sein könnten: In Mainz, dann gegen Leipzig. Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: Beide werden sehr schwer. Heute Nachmittag wird in Erfurt noch mal getestet.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Sokratis, Ginter, Schmelzer (46. Durm) – Weigl – Pulisic, Castro (70. Guerreiro), Kagawa, Reus (70. Dembélé) – Schürrle. Gelbe Karte: Schürrle. Tore: Schürrle, Piszczek

Die Dilemmas des BVB

Kann doch nicht so schlimm sein, oder? Wollen wir wirklich von Problemen reden, nachdem Borussia Dortmund Testspiele gegen PSV Eindhoven und Standard Lüttich mit 4:1 respektive 3:0 gewonnen hat? Noch dazu ohne Pierre-Emerick Aubameyang. Womit wir beim ersten Thema wären, dass den BVB medial im neuen Jahr begleitet. Die beiden Partien während des Trainingslagers in Spanien waren natürlich NUR Vorbereitungsspiele und Auba wird auch zum Rückserienauftakt noch fehlen. Schließlich spielt er mit Gabun den Afrika-Cup.

Man muss die Winterloch-Spekulationen über Mega-Angebote aus China nicht ernst nehmen. Wichtiger ist die Frage: Wie stellt sich die Borussia im Sturm auf, wenn Aubameyang nicht da oder gar verletzt ist? Dass mir jetzt niemand von Götze als falscher 9 anfängt. Standardmäßiger Ersatz für unsere Nummer 17 ist Adrian Ramos. Doch genau diese Rolle behagt dem Kolumbianer nicht mehr und man kann das ein Stück weit nachvollziehen. Die China-Gerüchte um ihn scheinen deutlich plausibler zu sein.

So könnte es also sein, dass die Schwarz-Gelben Ende des Monats vorübergehend ohne zwei Stürmer da stehen. Das wäre kein Weltuntergang, denn natürlich kann Ousmane Dembélé Mittelstürmer spielen und auch Marco Reus ist torgefährlich. Bleibt zu hoffen, dass beide sich schnell von ihren Wehwehchen erholen. Trotzdem müsste Ramos perspektivisch ersetzt werden – ob noch im Januar oder im Sommer. Der Idealfall wäre eine Perspektivlösung, die Erfolg innerhalb eines Jahres verspricht, ohne sofort einschlagen zu müssen. Also mal wieder der Spieler kurz vor dem großen Sprung, den alle Vereine der 1B-Kategorie suchen. Schön wäre es, zumindest gelegentlich wieder mal einen Angreifer aus dem eigenen Nachwuchs zu sehen.

Erst heute ist ein Thema wieder aufgepoppt, das noch kontroverser diskutiert werden dürfte. Ömer Toprak hat im Trainingslager von Bayer Leverkusen bestätigt, dass er den Verein am Saisonende verlassen möchte. In seinem Vertrag gibt es eine Ausstiegsklausel über 12 Millionen Euro. Der Kicker will wissen, dass der 27-jährige Innenverteidiger nach Dortmund kommt. Hans-Joachim Watzke hat das letzten Sommer ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Doch aktuell gibt es dazu keine Äußerungen vom Verein oder vom Spieler.

Sicher ist der Wechsel aber nicht so unwahrscheinlich, dass er nicht zu diskutieren wäre. Er hätte mehr als einen Hauch von Halbherzigkeit an sich. Will man Bartra als Hummels-Nachfolger aufbauen, Bender als tollen Typen weiter in der Mannschaft haben und Ginter nicht verlieren, macht der Toprak-Transfer wenig Sinn. Nur wer knallhart sagt, dass diese drei nicht mit dem türkischen Nationalspieler mithalten können – eine gewagte Behauptung – vertritt eine nachvollziehbare Linie.