Zlatan kommt nicht, aber sein Nachfolger

Zuerst bestätigte es der bisherige Mitspieler Dickson Etuhu, indem er ein Foto von der Vertragsunterzeichnung auf Instagram postete: Alexander Isak wechselt vom schwedischen Erstligisten AIK Solna zum BVB! Intensive Beobachter des europäischen Spielermarkts werden den 17-Jährigen kennen, allen anderen sei gesagt: Da kommt der neue Zlatan Ibrahimovic nach Dortmund. Real wollte ihn, angeblich auch PSG und der FC Bayern, doch am Schönsten ist es immer noch im Pott.

Soweit die mediale Begleitung dieses Transfers, der noch genauso wenig endgültig vollzogen ist wie der Wechsel von Adrian Ramos nach China/Spanien. Dessen ‚Ersatzmann‘ soll Isak werden – aber natürlich erhoffen sich die BVB-Verantwortlichen noch mehr von ihm. Zunächst mal steht noch die Erlaubnis von der FIFA aus, die bei Transfers von minderjährigen Spielern erforderlich ist. Nach Angaben der Borussia spricht nichts dagegen, dass der Weltverband zustimmt. Wofür ihn die Schwarz-Gelben holen möchten, ist klar: In der abgelaufenen Spielzeit in Schweden traf der 1,90-Meter-Mann zehnmal in 24 Partien. Außerdem ist er jüngster Torschütze aller Zeiten in der schwedischen Nationalmannschaft. Ob er perspektivisch einmal die Nachfolge von Pierre-Emerick Aubameyang antreten kann, werden wir vielleicht nicht sofort erfahren, aber freuen wir uns auf erste Hinweise in der Rückserie!

Unterdessen hat ein weiterer junger Hoffnungsträger beim BVB verlängert: Christian Pulisic bleibt nun laut Vertrag bis 2020. Das war so während des größeren Umbruchs im Sommer noch nicht absehbar und auch Christian machte sich wohl seine Gedanken. Doch wer ihn zuletzt auf dem Flügel wirbeln gesehen hat – und es mit den Schwarz-Gelben hält – kann sich nur freuen, dass sich die Vorzeichen gedreht haben und der US-Nationalspieler uns noch länger erhalten bleibt.

Zu guter Letzt: Isak und Pulisic könnten im BVB-Kader schon am nächsten Wochenende wieder auf den schon erwähnten Pierre-Emerick Aubameyang stoßen. Der ist mit Gastgeber Gabun aus dem Afrika-Cup ausgeschieden, nach drei Unentschieden. Allzu fröhlich dürfte er in den nächsten Tagen allerdings nicht drauf sein, vergab er doch im entscheidenden Spiel gegen Kamerun zwei Meter vom  leeren Tor entfernt.

Die Dilemmas des BVB

Kann doch nicht so schlimm sein, oder? Wollen wir wirklich von Problemen reden, nachdem Borussia Dortmund Testspiele gegen PSV Eindhoven und Standard Lüttich mit 4:1 respektive 3:0 gewonnen hat? Noch dazu ohne Pierre-Emerick Aubameyang. Womit wir beim ersten Thema wären, dass den BVB medial im neuen Jahr begleitet. Die beiden Partien während des Trainingslagers in Spanien waren natürlich NUR Vorbereitungsspiele und Auba wird auch zum Rückserienauftakt noch fehlen. Schließlich spielt er mit Gabun den Afrika-Cup.

Man muss die Winterloch-Spekulationen über Mega-Angebote aus China nicht ernst nehmen. Wichtiger ist die Frage: Wie stellt sich die Borussia im Sturm auf, wenn Aubameyang nicht da oder gar verletzt ist? Dass mir jetzt niemand von Götze als falscher 9 anfängt. Standardmäßiger Ersatz für unsere Nummer 17 ist Adrian Ramos. Doch genau diese Rolle behagt dem Kolumbianer nicht mehr und man kann das ein Stück weit nachvollziehen. Die China-Gerüchte um ihn scheinen deutlich plausibler zu sein.

So könnte es also sein, dass die Schwarz-Gelben Ende des Monats vorübergehend ohne zwei Stürmer da stehen. Das wäre kein Weltuntergang, denn natürlich kann Ousmane Dembélé Mittelstürmer spielen und auch Marco Reus ist torgefährlich. Bleibt zu hoffen, dass beide sich schnell von ihren Wehwehchen erholen. Trotzdem müsste Ramos perspektivisch ersetzt werden – ob noch im Januar oder im Sommer. Der Idealfall wäre eine Perspektivlösung, die Erfolg innerhalb eines Jahres verspricht, ohne sofort einschlagen zu müssen. Also mal wieder der Spieler kurz vor dem großen Sprung, den alle Vereine der 1B-Kategorie suchen. Schön wäre es, zumindest gelegentlich wieder mal einen Angreifer aus dem eigenen Nachwuchs zu sehen.

Erst heute ist ein Thema wieder aufgepoppt, das noch kontroverser diskutiert werden dürfte. Ömer Toprak hat im Trainingslager von Bayer Leverkusen bestätigt, dass er den Verein am Saisonende verlassen möchte. In seinem Vertrag gibt es eine Ausstiegsklausel über 12 Millionen Euro. Der Kicker will wissen, dass der 27-jährige Innenverteidiger nach Dortmund kommt. Hans-Joachim Watzke hat das letzten Sommer ausdrücklich nicht ausgeschlossen. Doch aktuell gibt es dazu keine Äußerungen vom Verein oder vom Spieler.

Sicher ist der Wechsel aber nicht so unwahrscheinlich, dass er nicht zu diskutieren wäre. Er hätte mehr als einen Hauch von Halbherzigkeit an sich. Will man Bartra als Hummels-Nachfolger aufbauen, Bender als tollen Typen weiter in der Mannschaft haben und Ginter nicht verlieren, macht der Toprak-Transfer wenig Sinn. Nur wer knallhart sagt, dass diese drei nicht mit dem türkischen Nationalspieler mithalten können – eine gewagte Behauptung – vertritt eine nachvollziehbare Linie.

Drei Punkte zu Dortmund v Sporting

  1. Gesprächsstoff gab es bereits vor dieser Champions League-Partie: Pierre-Emerick Aubameyang stand nicht im Kader, aus „internen Gründen“. Was vorgefallen war, blieb Spekulation. Wurde Auba mit Zinedine Zidane gesehen, hat er das Training verpasst? Oder wurde er etwa beim Feiern erwischt? Immerhin war in NRW am Dienstag Feiertag und die Entscheidung über die Suspendierung wurde laut Tuchel am Dienstagnachmittag getroffen. Das Ganze ist natürlich kein Drama, aber auch nichts, was man in dieser Phase braucht. Am Wochenende soll Auba wieder dabei sein und gerne den HSV abschießen.
  2. Der einzige Torschütze heute: Adrian Ramos. Stürmerkollege und Gegenpol zum zumindest visuell extrovertierten Aubameyang. Auch das Tor fiel ganz klassisch: kein fancy Lupfer, sondern schlicht Flanke, Kopfball, Tor. Ansonsten war Adrian stets bemüht, aber zu selten in Abschlusspositionen zu finden.
  3. Wenn selbst Thomas Tuchel gern den Mantel des Schweigens über dieses Spiel decken will, ziehe ich mit. Das Achtelfinale ist erreicht, was in der Liga von Vorteil sein kann. Trotzdem gibt es viele Baustellen: die Balance fehlt, etwa zwischen den beiden Flügeln. Tuchel sah defensive Probleme. Während mich die Innenverteidigung heute überzeugen konnte, fehlte sicher die Abstimmung zwischen den Positionen. Und offensiv lief in der zweiten Hälfte nichts mehr zusammen. Die Auswechslungen von Castro und Götze in der 69. Minute haben da auch nicht geholfen.

Später Punkt gegen Copy and Paste Ingolstadt

1. Bundesliga, 8. Spieltag / FC Ingolstadt 3 BVB 3

Da ist das Gefühl wieder: Borussia Dortmund macht vieles falsch, aber rettet einen Punkt in einem am Ende packenden Spiel. Wie gegen Hertha BSC. Doch wie vorletzten Freitag fühlt sich der Punkt nicht wirklich gut an.

Zusätzlich zu erwartbaren Veränderungen in der Startelf setzte Thomas Tuchel auf Roman Weidenfeller, Joo-Ho Park und Adrian Ramos. Zwei dieser drei Personalentscheidungen darf man nach der Partie wohl als falsch bezeichnen. Die Defensive sah gegen eine keinesfalls überirdische Offensive besonders schlecht aus. Bartra und Ginter vermitteln in der Innenverteidigung bei Weitem (noch?) nicht die Sicherheit der Kombination Hummels/Sokratis. Joo-Ho Parks Stellungsspiel ist teilweise schlichtweg katastrophal. Und all das und noch viel mehr kommt zusammen, wenn man sich zweimal den identischen Freistoß einschenken lässt.

Was der Borussia vor allem in der ersten Hälfte offensiv zu schaffen machte, war das aggressive Pressing der Gastgeber im Mittelfeld. Diese Taktik der BVB-Gegner – beherzt anlaufen, robust in die Zweikämpfe gehen, auf Fehler der Schwarz-Gelben und Konter lauern – kann aufgehen. Zumindest wenn sich unsere Abwehr so wacklig präsentiert wie heute. Doch gegen Ende schwinden den Gegnern wegen des lauf- und zweikampfintensiven Spiels häufig die Kräfte – der FCI lief gut drei Kilometer mehr als der BVB, bei nur 26 Prozent Ballbesitz.

Den Schwarz-Gelben fehlten heute in der ersten Halbzeit ein Ilkay Gündogan oder Henrikh Mkhitaryan in Bestform. Man hatte außerdem das Gefühl, dass die Motivation für die Partie beim Tabellenletzten etwas schwerer fiel als unter der Woche in Lissabon. In Ideenlosigkeit gegen eine kompakte Defensive kann man sich auch ergeben. Das wurde in den zweiten 45 Minuten nach einer vermutlich knackigen Halbzeitansprache von Thomas Tuchel besser. Bis auf zwei Minuten Tiefschlaf nach Aubameyangs Anschlusstreffer. Die Folge waren das 1:3 und eine weitere Großchance der Schanzer.

In der Schlussphase verdiente sich die Borussia fast noch mehr als einen Punkt. Der tolle Schuss des eingewechselten Passlack, Götze steht frei, Auba versuchts noch mal – es hätte schon früher zumindest 3:3 stehen können, nachdem Ramos bereits in der 69. Minute getroffen hatte. Gerade wir Schwarz-Gelben mögen ja Tore in der Nachspielzeit, manchmal kassieren wir sie auch. Diesmal traf Pulisic für den BVB im Nachschuss nach Piszczeks abgewehrtem Kopfball. Schon ziemlich lässig, so ’ne späte Bude, aber die Krönung wäre natürlich nur ein 4:3 gewesen. So aber ist die Borussia nur noch Sechster.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Ginter, Bartra, Park (46. Pulisic) – Weigl – Castro (59. Götze), Kagawa (73. Passlack), Dembélé – Aubameyang, Ramos. Gelbe Karte: Ramos. Tore: Aubameyang, Ramos, Pulisic

Pfeifenköpfe und Volksburger

1. Bundesliga, 32. Spieltag / BVB 5 VfL Wolfsburg 1

Für die, die sich nicht mehr daran erinnern: Der VfL Wolfsburg war der Klub, der letztes Jahr dem BVB im Pokalfinale wenig Chancen ließ und außerdem Vizemeister wurde. Gäbe es nicht das respektable Abschneiden in der Champions League, müsste man spätestens nach dem Auftritt gestern davon sprechen, dass die Leistungskurve der Wölfe parallel zum Ansehen ihres Hauptsponsors verläuft.

Dagegen könnten Respekt und Freude angesichts des Auftretens der Schwarz-Gelben kaum größer sein. Nach der ganzen Aufregung um den Wechselwunsch des Kapitäns lieferte das Team inklusive Hummels eine großartige Leistung ab. Mit dem intensiven Pressing der Borussia kamen die Gäste zu keiner Phase zurecht. Nicht nur, dass sie den Ball ein ums andere Mal verloren – sie boten auch in der Rückwärtsbewegung entscheidende Räume an, die die BVB-Offensive prompt nutzte. War das frühe 1:0 noch ein bisschen durch das Glück begünstigt, dass Mkhitaryans verunglückter Schuss von rechts zentral bei Shinji Kagawa landete, spielte der Japaner wenige Minuten später astrein Ramos frei.

Die Borussia ging das Anfangstempo natürlich nicht über 90 Minuten, ließ aber mit dem Lattentreffer von Caligiuri nur eine richtig gute Chance der Gäste zu. Gegen ungeordnete Wölfe sah selbst Marcel Schmelzer mal wie ein gefährlicher Linksaußen aus. Als dann auch noch Aubameyang eingewechselt wurde, der offensichtlich schon mit den Hufen gescharrt hatte, war es um den VfL geschehen.

Thomas Tuchel scheint rechtzeitig zum Saisonfinale ein Grundgerüst für seine Startelf gefunden zu haben. Die Spielfreude ist definitiv zurück und vielleicht war das Aus an der Anfield Road bei aller Bitterkeit tatsächlich heilsam für das Konzentrationsvermögen. Man könnte jetzt viele hervorheben, auch die komplette Offensive, aber besonders gut hat mir erneut das Mittelfeldduo aus Julian Weigl und Gonzalo Castro gefallen. Weigl ist aus einem leichten Leistungstal zurück, präsentiert sich wieder aufmerksam und mit gutem Auge für den öffnenden Pass. Und Castro ist ohnehin ein Spieler, von dem ich von Anfang an überzeugt war, dass er das drauf hat, was er derzeit zeigt. Harte Arbeit gepaart mit Offensivdrang, der sich immer wieder mal auszahlt.

Das unerfreulichste Thema aus schwarz-gelber Sicht: Gezielte Pfiffe gegen Mats Hummels, zunächst bei jedem Ballkontakt. Und später Pöbeleien von der Südtribüne, als die Mannschaft nach Schlusspfiff zum Feiern kam. Man kann auf Mats Hummels sauer sein, klar. Meiner Ansicht nach hat die Familie den Ausschlag gegeben, dass der Kapitän nach München wechseln will. Vor zwei, drei Jahren hätte er sich das vielleicht noch nicht vorstellen können. Ist bitter, ärgerlich, was auch immer. Aber er hat ohne Zweifel große Verdienste um den Verein. Und vor allem bringt es der Borussia GAR NIX, wenn man Hummels jetzt so behandelt. Wenn, dann ist es schädlich. Man kann zivilisierte Kritik äußern und man kann es so machen, dass es nicht womöglich das Spiel beeinflusst.

Unabhängig von Hummels hat es die Mannschaft nicht verdient, dass nun ein Schatten auf ihre tolle Saison fällt. Und ja, es gibt noch die theoretische Möglichkeit, das Double zu holen. Das sollte nicht von außen gefährdet werden. Die Fans, die sich nicht anders zu helfen wissen, werden noch Jahre Zeit haben, Mats Hummels im Bayern-Trikot auszupfeifen.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek (63. Durm), Bender, Hummels – Weigl (69. Sahin), Castro – Mkhitaryan, Kagawa, Reus, Schmelzer – Ramos (69. Aubameyang). Gelbe Karten: Weigl, Reus. Tore: Kagawa, Ramos, Reus, Aubameyang (2)

Offiziell: Das Olympiastadion ist nicht Anfield

DFB-Pokal, Halbfinale / Hertha BSC 0 BVB 3 

Sie haben das BVB-Fanmobil bemalt, die schwarz-gelben Jungs unsanft geweckt, doch genutzt hat es nichts. Borussia Dortmund steht im Pokalfinale in Berlin und das völlig zu Recht.

Eine knappe Woche nach Liverpool hat der BVB bewiesen, dass eine Partie nicht die ganze Saison definieren kann. Tatsächlich lief die Begegnung so deutlich für die Borussia wie es der Riesenvorsprung in der Liga nahelegt. Man hätte nicht mehr von den schwarz-gelben Jungs verlangen können. Außer das Spiel bei einer der zahlreichen Gelegenheiten früher klar zu machen. Dass es nicht so kam, hatte Hertha auch Keeper Jarstein zu verdanken.

Die Vorfreude auf die seltene Gelegenheit, das Pokalfinale daheim zu spielen, schien die Hertha eher zu lähmen. Die Gastgeber überließen der Borussia nicht ganz unerwartet den Spielaufbau, standen aber häufig viel zu weit weg, um rechtzeitig eingreifen zu können. So konnte der BVB ein beeindruckend sicheres Kurzpassspiel aufziehen, das man so souverän von den Schwarz-Gelben auch nicht jeden Tag sieht.

Spieler wie Castro und Kagawa, die sich zunächst noch häufiger verzettelten, fanden letztlich so gut ins Spiel, dass sie zu Matchwinnern aufstiegen. Gleiches gilt für Marco Reus, dem ja nachgesagt wird, kein Mann der großen Spiele zu sein. Dass Miki und Mats überragten, überraschte da gar nicht mehr so sehr.

Es brauchte keinen Aubameyang, ja nicht mal ein Stürmertor des sichtlich bemühten Ramos, um die Partie zu entscheiden. Castro mit einem veritablen Kracher und Reus mit eigenem Tor und der Vorlage für Miki reichten – der BVB zeigte, dass mit ihm auch nach Liverpool zu rechnen ist.

Zwar blieb Hertha BSC nicht ohne Chancen, hatte sogar eine fast hundertprozentige – doch es wirkte immer eher zufällig oder wie ein Strohfeuer wenn den Berlinern etwas gelang. Die Borussia behielt diesmal immer die Kontrolle. Ob die Mannschaft nun bereit ist, auch die Schummelbayern zu stoppen? An einem Abend wie diesem erscheint nichts unmöglich.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Bender, Hummels, Schmelzer (84. Durm) – Weigl, Castro (77. Gündogan) – Mkhitaryan, Kagawa, Reus – Ramos. Gelbe Karte: Castro. Tore: Castro, Reus, Mkhitaryan 

Pulisic rotiert zum Shootingstar

1. Bundesliga, 30. Spieltag / BVB 3 Hamburger SV 0

Endlich mal wieder überzeugend gegen den HSV gewonnen, geglückte Generalprobe für den Pokal – alles gut? Ganz so einfach stellt sich die Situation nach dem 3:0 von Sonntagnachmittag nicht da. Eine Erleichterung war jedoch, dass die Mentalität der Borussia nach dem Drama von Liverpool keinen dauerhaften Schaden genommen hat.

Thomas Tuchel rotierte erneut massiv, brachte unter anderem mit Felix Passlack (links hinten) und Christian Pulisic (Flügel) eine ganz junge linke Seite. Auch sonst gab es wieder viel Neues in der Defensive – Bender, Ginter und Sahin standen in der Startelf. Um es klar zu sagen: Die Sache hätte auch nach hinten losgehen können. Bis zur Führung in der 38. Minute war der BVB zwar die aktivere Mannschaft, aber Angst hatte man vor allem, wenn die Gäste – mit oft einfachen Mitteln wie hohen Bällen – in die Nähe des Dortmunder Strafraums kamen. Bei den Schwarz-Gelben wirkte das alles andere als sattelfest. Wäre nicht Mats Hummels gewesen, der Sven Schipplock den Ball kurz vor dem entscheidenden Pass in die Mitte weggrätschte, hätte das Spiel ganz anders ausgehen können.

Wollen wir hoffen, dass es eine Zeit ohne Mats in unserem Trikot nicht so schnell geben wird. Denn der Kapitän war es auch, der den Pass vor der Führung durch Christian Pulisic gab. Letzterer wiederum war der Hauptgewinner der Rotation. 17 Jahre, dribbelstark und schon erstaunlich abgeklärt – der US-Amerikaner präsentierte sich über weite Strecken als hervorragende Alternative zu großen Namen. Das 1:0, frech ins kurze Eck, war Christians erstes Bundesligator – als viertjüngster Schütze überhaupt. Es ist keine mutige Prophezeiung, dass wir an ihm noch Freude haben werden.

Das Tor war – wie so oft – der klassische Dosenöffner, um noch einmal unseren alten Trainer zu zitieren. Danach lief es für die Borussia – mit etwas Glück und Mithilfe des HSV. Das 2:0 fiel kurz vor der Pause auch deshalb, weil die Gästedeckung Adrian Ramos nicht entschlossen anging, ihn vielleicht sogar unterschätzte. So konnte der den Ball sehenswert von links ins lange Eck zirkeln – ein tolles Tor.

In der zweiten Hälfte kam es dann knüppeldick für die Gäste: Rene Adler stoppte Shinji Kagawa unsanft vor dem Strafraum. Da er der Torwart und kein gewöhnlicher Feldspieler ist, darf man die Rote Karte durch Schiedsrichter Marco Fritz als hart, aber gerecht bezeichnen. Es folgte Verletzungspech, so dass die Hamburger die Partie sogar mit neun Mann beenden mussten. Lasogga und Müller waren bereits verletzt ausgeschieden, Drobny nach dem Platzverweis für Kacar gekommen – dann erwischte es auch noch Ekdal. Zum Glück konnte die Borussia von dieser deutlichen Überzahl noch mal profitieren. Ramos erzielte mit einem Abstauber-Tor vier Minuten vor Schluss noch seinen zweiten Treffer.

Gegen einen solchen HSV reicht eine solch insgesamt höchst durchschnittliche Leistung dann eben. Die zweite Halbzeit war einseitig, nach dem Platzverweis kam offensiv nichts mehr Erwähnenswertes von den Gästen. Hätten diese ihre Chancen verwertet, hätten sie besser gestanden … wer weiß? Aber mit dem Konjunktiv brauchen wir uns nicht lange aufhalten. Teil 1 meiner Wunschliste ist erfüllt, die Hoffungen auf Teil 2 sind deutlich gestiegen. Hertha ist nicht Liverpool, das Olympiastadion alles andere als Anfield.

Die Aufstellung: Bürki – Ginter (75. Schmelzer), Bender, Hummels, Passlack – Gündogan (65. Leitner), Sahin – Castro (75. Aubameyang), Kagawa, Pulisic – Ramos. Tore: Pulisic, Ramos (2)

Borussia Dortmund und das unerwartete Topspiel

1. Bundesliga, 28. Spieltag / BVB 3 Werder Bremen 2

Der SV Werder – tendenziell sympathischer gestrauchelter Spitzenverein, der sich gerade in einer Umbau- und Findungsphase befindet. Und auch in dieser Saison wieder gegen den Abstieg spielt. Daher hatten sicher nicht viele Dortmunder damit gerechnet, dass die Partie gegen die Weser-Kicker am Samstagabend wieder so umkämpft werden würde, wie sie traditionell ist.

Gegen gut gestaffelte und zunächst erstaunlich offensiv verteidigende Gäste taten sich die Schwarz-Gelben schwer. Wenige Chancen, mehr Ballverluste als gewohnt – das Gute an der Borussia 2015/16 ist, dass sie trotzdem unbeirrt weitermacht. Diese Geduld nötigt Respekt ab und ich persönlich kann mich mit der Spielweise unter Tuchel gut anfreunden. Der lange Pass wird nur gespielt, wenn er Sinn macht – selbst wenn eine Situation in der Nähe des eigenen Sechzehnmeterraums auf den Betrachter brenzlig wirkt.

Dass man sich gegen Bremen schwer tat, dürfte auch mit der Rotation zu tun gehabt haben. In der Innenverteidigung spielten Ginter und Bender; Sokratis war krank, Hummels wurde geschont. Man merkte dem BVB an, dass ihm die schwer berechenbaren Vorstöße des Kapitäns fehlten, der deshalb auch immer ein, zwei Gegenspieler bindet. Ebenso seine Übersicht in der Viererkette, die gestern fast eine Dreierkette war, da Marcel Schmelzer sehr offensiv spielte.

Klar, die Borussia hätte früher führen können. Der sehr aktive Erik Durm machte vor dem Tor keine glückliche Figur; hätte in einer Szene zu Reus abspielen MÜSSEN. Möglich, dass die EM-Fahrkarte noch im Hinterkopf mitspielte. Das schöne Tor über Reus, Miki und im Abschluss Aubameyang einige Minuten nach der Pause schien das Spiel dann zunächst in die gewünschte Bahn zu lenken. Bremen stand bei gegnerischem Ballbesitz nun deutlich tiefer und konnte kaum noch für Entlastung sorgen. Doch das unglückliche Eigentor von Castro in der Folge einer Ecke sorgte für die überraschende Wende. Beim 1:2 sechs Minuten später wurden die entblößten Flügel zum Problem – sie sind nicht das Territorium von Sven Bender.

Aber wer gut wechselt, darf auch rotieren. Thomas Tuchel brachte Ramos für Schmelzer und Pulisic für Reus, nachdem schon vor dem Rückstand Kagawa für Durm gekommen war. Alle drei Wechsel zahlten sich aus, auch wenn Pulisic ’nur‘ für Schwung sorgte. Dieser Kader hat inzwischen ein sehr positives Selbstverständnis, eine Niederlage wird schlichtweg nicht akzeptiert.

Wieder mal wurde also eine spannende Partie im Westfalenstadion gedreht. Selbst wenn es aufregender war als erwartet – die Freude auf die kommenden drei Spiele wird dadurch nur noch größer. Ach ja, und im Herbst spielen wir wieder Champions League.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Ginter, Bender, Schmelzer (80. Ramos) – Weigl – Durm (74. Kagawa), Mkhitaryan, Castro, Reus (80. Pulisic) – Aubameyang. Gelbe Karte: Castro. Tore: Aubameyang, Kagawa, Ramos

Kein Ergebnis für Überschriften

1. Bundesliga, 25. Spieltag / BVB 0 Bayern München 0

Keine Entscheidung, aber erst recht kein offenes Meisterschaftsrennen – das fast schon erwartbare Unentschieden im Topspiel im Westfalenstadion nahm so manchem Texter wohl etwas die Freude. Wenn dann noch die App versagt und den schon geschriebenen Beitrag in das digitale Tal des Vergessens schickt, fasst man sich lieber kurz.

Es war eines der wenigen Saisonspiele, die Jürgen Klopp vielleicht eher gewonnen hätte als Thomas Tuchel. Gegen einen mehr und mehr dominanten FC Bayern spielte der BVB seine Offensivaktionen nicht präzise genug aus und wählte zu oft den langen – und manchmal riskanten – Weg hinten rum. Dabei waren die Lücken gegen die kleine Bayern-Abwehr durchaus vorhanden.

Die Gäste zeigten sich allerdings passsicherer und konnten zu oft im Mittelfeld schalten und walten. Gündogan, Weigl und die anderen aufbauenden Borussen hatten kaum Zeit zu überlegen, und so waren die Schnellangriffe das einzige wirksame Mittel der Schwarz-Gelben. Leider fehlten dann der passende Abschluss oder der letzte Pass.

Angesichts des Bayern-Übergewichts in der zweiten Hälfte wirkte auch Thomas Tuchel etwas ratlos. Weiterhin bleibt sein Geheimnis, warum in einem solchen Spiel nicht früher oder später ein Box-to-Box-Player wie Gonzalo Castro das Vertrauen bekommt. Die Einwechslungen von Ramos und Sahin kamen leider zu spät, auch wenn der Kolumbianer noch den Ball zum Sieg auf dem Kopf hatte.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Bender, Hummels, Schmelzer – Durm, Weigl, Gündogan – Mkhitaryan, Reus – Aubameyang. Gelbe Karte: Bender

Die Geduldigen

1. Bundesliga, 24. Spieltag / SV Darmstadt 98 0 BVB 2

Die Partien von Borussia Dortmund sind 2016 Geduldsspiele – für die Fans, für die Spieler. Doch wer wollte die Ergebnisse dieses Jahres gegen 90 Minuten Kabinettstückchen eintauschen – und hätten wir auch nur drei Punkte weniger? Denn die Spieler haben die Geduld, sich auf ein zähes Ringen gegen defensive Gegner einzulassen. Warum sollten die Fans sie dann nicht auch haben?

Man sollte ja als Favorit nicht allzu sehr über die Spielfläche meckern. Aber dem Augenschein nach hat mein Heimatverein, der stets klamme SV Babelsberg 03, in der Regionalliga Nordost einen besseren Platz als die Darmstädter. Lass die Gastgeber noch hinten drin stehen und mit hohen Bällen operieren und du bewegst dich auf schwierigem Terrain. Hinzu kam gestern, dass Thomas Tuchel beinahe eine Vollrotation vornahm – nur im Fall Roman Bürki war der Wechsel krankheitsbedingt. Doch so oft man bei diesen Umstellungen seine Zweifel hat, am Ende steht Tuchel fast immer mit drei Punkten da.

Wer gestern Gonzalo Castro erlebte – dem nicht alles gelang, der aber beide Tore vorbereitete – fragt sich höchstens, warum er nicht früher in die Mannschaft rotierte. Das wäre aber tatsächlich die einzige Antwort, die Tuchel mal geben könnte. Der Trainer ließ Reus und Piszczek gleich ganz zu Hause – um ihre Belastung zu dosieren. Dafür spielten Ramos und Ginter. Obendrein kam Felix Passlack zu seinem – um ehrlich zu sein unspektakulären – Pflichtspieldebüt. Adrian Ramos machte mehr Freude: Auch er wirkte zunächst gewohnt staksig und ohne Fortune. Doch wie er nach hinten arbeitete und auf seine Chance wartete, war aller Ehren wert. Beim Führungstreffer kam ihm sein langes Bein dann ganz gelegen.

Auch wenn Darmstadt in der zweiten Hälfte noch mindestens eine dicke Chance hatte, ist die Führung gegen ein Team mit einer solchen Taktik die halbe Miete. Der BVB hätte nachlegen und höher gewinnen können, Pierre-Emerick Aubameyang sich definitiv wieder an die Spitze der Torschützenliste setzen müssen – sein Tag war es gewiss nicht. Dafür der von Mats Hummels: Ein extrem souveräner Auftritt vom Kapitän, der mit einem Soloantritt den Dosenöffner für das 1:0 gab. Sein angebliches Foulspiel im Strafraum erfolgte offensichtlich nach Vrancics Abschluss. Der Darmstädter hätte den Ball so oder so niemals mehr erreichen können.

Die zweite Hälfte der Partie am Böllenfalltor war jedenfalls deutlich interessanter als die erste. Dortmund geriet nie ernsthaft in Gefahr, als Darmstadt aufmachen musste – man hatte nach dem 2:0 durch Durm nie das Gefühl, dass der BVB nicht mehr hätte nachlegen können, wenn es nötig geworden wäre. Kurz nach Abpfiff wurde dann zur Gewissheit: Die von mir hochgeschätzten Mainzer haben tatsächlich in München den FC Bayern geschlagen – durch ein spätes Siegtor. Eine ideale Dramaturgie vor dem Topspiel am Samstag. Allein für die Spannung sei den 05ern schon mal gedankt!

Die Aufstellung: Weidenfeller – Ginter, Subotic, Hummels, Durm – Gündogan (83. Leitner), Weigl – Passlack (70. Mkhitaryan), Castro, Ramos – Aubameyang. Gelbe Karte: Subotic. Tore: Ramos, Durm