Tatort Hafenstraße und was sonst noch geschah

Borussia Dortmund hat sich an der Essener Hafenstraße blamiert – so legen es die Schlagzeilen der Sportseiten heute nahe. 2:3 gegen den Regionalligisten RWE im ersten Spiel unter Peter Bosz: Das hätte man sich tatsächlich schöner vorstellen können. Nun habe ich die Partie nicht gesehen, aber das Ergebnis spricht selbstredend dafür, dass der BVB enttäuscht hat – und der Trainer gab das unumwunden zu.

Die Schwarz-Gelben sind peinliche Testspiel-Pleiten nicht mehr gewohnt – genauso wenig wie peinliche Pokalpleiten. Was ist wohl schlimmer? Abgesehen davon, dass das erste Vorbereitungsspiel wohl immer die geringste Aussagekraft hat, fehlten der Borussia noch einige Spieler und Peter Bosz lässt wie zu erwarten sein präferiertes System einüben. Das 4-3-3 stellt eine größere Umstellung gegenüber der zuletzt unter Thomas Tuchel meistens praktizierten Dreierkette mit massivem Mittelfeld davor dar. Eine weitere Erklärung könnte womöglich ausgerechnet die neue Leichtigkeit unter Bosz sein, die im ersten Spiel vielleicht etwas zu weit um sich gegriffen hat. Sowas sollte sich sicher abstellen lassen.

Mehr Sorgen macht mir da die Transferpolitik – oder präziser formuliert die Personalsituation. Es ist ja sicher nicht so, dass sich Michael Zorc, Aki Watzke und Peter Bosz Angeboten für etwa Sebastian Rode oder Joo-Ho Park verschließen würden. Nur haben wir von solchen noch nichts gehört. Das kann dreierlei bedeuten: Es gibt tatsächlich keine Angebote. Oder die Verantwortlichen haben die Geheimhaltung optimiert. Oder aber entsprechende Gerüchte interessieren die Presse nicht so wie beispielsweise Aubas China Connection – es geht ja nicht gerade um unsere Kronjuwelen.

Die Vergangenheit lehrt uns, dass Möglichkeit 1 nicht unwahrscheinlich ist. Einen Riesenkader gilt es aber unbedingt zu vermeiden. Dass jetzt jedoch Dzenis Burnic leihweise zum VfB Stuttgart geht und Felix Passlack vermutlich nur bleibt, weil sich Raphael Guerreiro doch den Knöchel gebrochen hat, hinterlässt auch kein gutes Gefühl.

Einer meiner Wechselkandidaten wäre ja André Schürrle, unser Rekordeinkauf. Der hat sich nun ausgerechnet über Thomas Tuchel kritisch geäußert, als dessen Spezi und Wunschspieler er doch galt. Nun kann entweder das übertrieben dargestellt gewesen sein oder sich Schürrles Meinung eilig geändert haben. Abgesehen davon, dass es nie eine gute Entscheidung ist, der SportBild ein Interview zu geben: Dass Tuchel ihn nach den Leistungen der letzten Saison nicht zum Stammspieler gemacht hat, ist absolut nachvollziehbar. Bei diesem Transfer hatten wohl alle beteiligten Dortmunder vor allem das Prädikat „Nationalspieler“ vor Augen.

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Maximilian Philipp quetscht sich ins offensive Mittelfeld

Borussia Dortmund hat sich die Dienste eines 23-jährigen deutschen U21-Nationalspielers gesichert: Maximilian Philipp kommt vom SC Freiburg und unterschreibt einen Vertrag bis 2022. Seine Qualitäten?

Er ist im offensiven Mittelfeld vielseitig einsetzbar, abschlussstark und hat eine glänzende Perspektive.

Das ist der O-Ton von Sportdirektor Michael Zorc zum Transfer. So weit, so gut. Für sich genommen ist das eine Top-Verpflichtung. Der Berliner Philipp reifte in seiner Zeit in Freiburg zum gestandenen Profi, dem jetzt der nächste Schritt zuzutrauen ist.

Reden wir über das, worüber Zorc und der Verein nicht sprechen. Zunächst die Ablöse: Laut Kicker beträgt sie 20 Millionen Euro, wobei unklar bleibt, ob das ein Sockelbetrag ist oder die maximal zu erzielende Summe nach erfolgsabhängigen Aufschlägen. Für den SC Freiburg ist es in jedem Fall der Rekordtransfer, der die nicht in Abrede zu stellende Schwächung des Teams hoffentlich abmildern kann. Maximilian Philipp hält das für ihn gezahlte Geld sogar für übertrieben. Für den BVB ist es ein beträchtlicher Betrag, den sich der Klub aber natürlich leisten kann, zumal ja leider bald noch ein großer Abgang anstehen dürfte.

Schwieriger wird die Geschichte, wenn man bedenkt, dass die Borussia letztlich 20 Millionen in einen Stand-in für Marco Reus investiert. Natürlich muss man für alle Eventualitäten planen; auch dafür, dass Marco in der kommenden Saison möglicherweise erst spät eingreifen kann. Aber stehen für die drei Positionen im offensiven Mittelfeld nicht jetzt schon mehr als genug Alternativen im Kader? Das sollte man zumindest meinen, wenn man das Talent oder die gezahlten Ablösesummen dieser Spieler betrachtet: Ousmane Dembelé, Christian Pulisic, Marco und Shinji, Emre Mor, André Schürrle und Mario Götze. Sieben Mann ohne Philipp und ohne Nachwuchskräfte, die vielleicht auch mal einen Einsatz verdient hätten.

Mir fehlt da ein wenig Problembewusstsein. Beim Verein und auch bei manchen Fans. Neuverpflichtungen werden bejubelt, aber es wird kaum darüber nachgedacht, ob wir noch einen ausgewogenen Kader haben. Oft ist es deutlich schwerer, Spieler loszuwerden als sie zu verpflichten. Die Konsequenz aus dem an sich zu begrüßenden Philipp-Transfer müsste sein, dass jene Akteure, die enttäuscht haben, gehen. Etwa André Schürrle oder Emre Mor, den man im Idealfall verleihen würde. Doch vor allem bei Ersterem dürfte ein Abgang kompliziert werden.

Wie es bisher aussieht, werden auch in diesem Jahr manche Bereiche (Mittelfeld, Innenverteidigung) übervoll besetzt, andere stiefmütterlich behandelt. Ein BVB-Verantwortlicher, es könnte Michael Zorc, aber auch Jürgen Klopp gewesen sein, äußerte einmal, dass man speziell in der Außenverteidigung dem eigenen Nachwuchs eine Chance geben wolle. Das hat nur bedingt geklappt. De facto ist es einfach so, dass dort eine der größten Schwachstellen der Schwarz-Gelben liegt. Marcel Schmelzer etwa ist ein solider Spieler, aber das Standing, das er im Verein und bei einem Teil der Fans genießt, korrespondiert eher mit seiner Vereinstreue als mit seinen Leistungen. Er ist nicht schlecht, aber es ginge eben besser. Das Mindeste wäre ein ernstzunehmender Konkurrent. Denn der Offensivstil, den Peter Bosz spielen möchte, verlangt einfach nach starken Außenverteidigern.

Countdown zum Derby: Noch 1 Tag

Michael Zorc, Julian Weigl und Roman Bürki haben uns erklärt, wie wichtig ihnen das Derby ist. Nun müssen wir das nur noch morgen auf dem Platz sehen. Viele Gründe daran zu zweifeln gibt es nicht: Direkt nach der Länderspielpause scheint mir ein guter Zeitpunkt für das Spiel der Spiele zu sein. Auch wenn der eine oder andere viel unterwegs war.

Die Pressekonferenzen der Trainer haben noch die eine oder andere neue Info erbracht. Thomas Tuchel verriet heute, dass André Schürrle und Erik Durm verletzungsbedingt ausfallen. Schürrle hat sich bei seinem erfolgreichen Auftritt in Baku wehgetan, Erik im Training. Kein Grund zur Besorgnis, nur in mindestens einem Fall schade fürs Derby. Tuchel äußerte zudem, dass Shinji Kagawa frischer als Christian Pulisic vom Nationalteam zurückgekommen ist. Hinweis oder Täuschungsmanöver?

Generell hat man den Eindruck, dass der BVB-Trainer genau weiß, auf was es morgen ankommt. Doch den hatte man meistens vor den Spielen. Trotzdem schön, wie Thomas Tuchel die Derbyatmosphäre auf den Punkt bringt:

Die Entscheidungen sind noch einen Tick wichtiger. Jeder weiß, dass jeder Fehler entscheidend sein kann und man ihn erst in einem Jahr wieder korrigieren kann.

Gestern hatte auch Schalkes Markus Weinzierl noch nicht alle Karten aufgedeckt: Sead Kolasinac und Eric Maxim Choupo-Moting waren ebenfalls angeschlagen von ihren Länderspielen zurückgekehrt und der Trainer konnte noch nicht sagen, ob es bis morgen reicht. Der lange verletzte Spanier Coke wäre „nur im Notfall“ eine Option.

Mancherorts wurde in den letzten Tagen über das steigende oder ausbleibende Derbyfieber diskutiert. Ich bin zwar mit einigem, was den sogenannten „modernen Fußball“ ausmacht, nicht einverstanden. Aber trotzdem oder gerade deswegen und nach der Länderspielpause noch mehr freue ich mich auf dieses Derby. Und habe kein schlechtes Gefühl!

Countdown zum Derby: noch 3 Tage

Reinhard Rauball spricht vom emotional wichtigsten Spiel der Saison – und „das hat sich über die Jahre auch nicht abgenutzt“. Da will ich dem BVB- und DFL-Präsidenten nicht widersprechen, denn am Samstag zur besten Fußballzeit ist Derby in Gelsenkirchen. Natürlich darf darüber diskutiert werden, ob Partien gegen den FC Bayern nicht ähnlich aufgeladen sind. Rauball hält sie „rein sportlich und wirtschaftlich“ aktuell für wichtiger als das Revierderby. Das mag in der Regel so sein, aber das 150. Aufeinandertreffen von BVB und S04 ist auch in dieser Hinsicht für beide Klubs eminent wichtig: Für die Schwarz-Gelben geht es um Platz 2 oder zumindest um die direkte CL-Quali, für die Blauen darum, 2017/18 überhaupt europäisch spielen zu dürfen.

Grund genug, im Vorfeld all das aufzugreifen, was eine Erwähnung wert ist und mich noch mehr ins Derbyfieber zu schreiben. Während Thomas Tuchel und Hans-Joachim Watzke gerade Lobeshymnen auf Ousmane Dembelé anstimmen, hätte Schalke-Trainer Markus Weinzierl gerne bessere Spieler – so einen wie Aubameyang beispielsweise. Ousmane oder Auba? Mein Lieblingsschütze für das Siegtor wäre ja ‚Papa‘ Sokratis, aber egal!

Zur Folklore vor einem Revierderby gehört leider, dass sich gewaltbereite Fans verabreden – im aktuellen Fall wohl aus dem BVB-, S04- und Effzeh-Umfeld. Doch die Polizei bekam glücklicherweise Wind von der am Flughafen Weeze geplanten Konfrontation. Außerdem sind gefälschte Tickets für das Spiel in der Turnhalle aufgetaucht.

Die Personalfragen vor dem Derby scheinen bei der Borussia weitgehend geklärt – sofern es darum geht, wer in der Lage ist, im Kader zu stehen. Für Marco Reus kommt die Partie wohl zu früh. Sven Bender und Nuri Sahin trainieren dagegen wieder voll, nachdem sie letztes Wochenende für das Spitzenspiel der zweiten Mannschaft gegen Viktoria Köln (2:3) absagen mussten. Julian Weigl sollte spätestens bis Samstag wieder voll belastbar sein, obwohl er für das Länderspiel in Aserbaidschan ausgefallen war.

Bleibt die Personalie André Schürrle. Dortmunds Rekordtransfer überzeugte in Baku, tut das aber im Verein eher selten. Manche Medien wollen nun leise Kritik am BVB-Trainer aus seinen Worten nach dem Länderspiel herausgehört haben. Thomas Tuchel wird sich davon hoffentlich nicht beeinflussen lassen. Was die anderen offensiven Schwarz-Gelben machen, ist einfach gefährlicher als das, was Schürrle bisher für die Borussia gezeigt hat. Sollte natürlich er am Samstag den Siegtreffer erzielen, könnte sich sein Standing schnell verbessern…

Ich würde so gerne ein Freiburg-Fan sein

Das Überraschungsteam der bisherigen Bundesligasaison 2016/17 ist nicht RB Leipzig, auch nicht Hertha BSC, die TSG Hoffenheim oder der Effzeh. Nein, diese Auszeichnung gebührt dem SC Freiburg, der als Aufsteiger mit 30 Punkten auf Platz 9 steht – und damit vier Punkte vor Schalke und Gladbach. Die Mittel sind klein, der Kader ist regelmäßig Selbstbedienungsladen für die Großen der Liga und auch die Randlage im Südwesten stellt keinen Standortvorteil dar – trotz gut 226.000 Freiburgern.

Und dennoch trotzt der Sportclub ein wenig den Mechanismen des verrückten Fußballgeschäfts, geht mit Christian Streich in die zweite Liga und kommt direkt zurück. Der Trainer ist nicht nur ein sympathisches Unikat, sondern auch fachlich top, wie sich in dieser Saison wieder zeigt. Das Schwarzwald-Stadion ist mit 24.000 Plätzen nicht groß, aber fast immer ausverkauft. Das Einzige, was fehlt: ein regelmäßiges Fan-Blog (oder?).

Mir ist dieser Verein in seiner Bescheidenheit grundsympathisch und ich fände einen Punktverlust der Schwarz-Gelben gegen den SC weniger schlimm als gegen jeden anderen Ligakonkurrenten. Ja, ich ertappe mich sogar dabei zu überlegen wie es wäre, Freiburg-Fan zu sein. In Tagen wie diesen wäre es leichter, die Breisgau-Kicker zu lieben als den eigenen Verein – wenn man die Wahl hätte. Es wäre leichter, als einer der Kleinen das Modell RB Leipzig zu verurteilen. Auch wenn das Argument, der BVB sei als KgaA irgendwie das Gleiche wie RB natürlich hanebüchen ist. Man könnte angesichts des Tabellenplatzes auch die Transferpolitik der Rot-Schwarzen feiern – und hätte nicht immer die Zahl 55 Millionen im Hinterkopf.

Die Bedeutung der Borussia für die Stadt Dortmund, die Region und die internationale Fangemeinde übertrifft wahrscheinlich die des SC Freiburg für sein Umfeld. Doch die unvergleichliche schwarz-gelbe Fankultur hat Schaden genommen. Es gibt keinen Grund, arrogant gegenüber den 24.000 Stadiongängern und 10.000 Mitgliedern der Breisgauer zu sein.

Natürlich: einmal Schwarz-Gelber, immer Schwarz-Gelber. Nicht nur, weil Freiburg noch weiter entfernt von meinem Wohnort im Osten der Republik ist als Dortmund. Meinen sympathischen Zweitverein gibt es ohnehin schon, er spielt um die Ecke in der Regionalliga Nordost. Aber wenn ich heute zum Fußballfan werden würde, sähe es vielleicht anders aus.

Trotzdem hoffe ich auf drei Punkte morgen – und ein faires Spiel, bei dem sich gern auch die Gastgeber achtbar präsentieren dürfen. Christian Streich hat ein Luxusproblem in der Innenverteidigung – wer spielt neben Söyüncü – und rechnet sich Chancen auf etwas Zählbares aus. Auf der anderen Seite dürfen wir vor allem gespannt sein, ob Sokratis in die Startelf zurückkehrt und Schürrle eine erneute Chance bekommt.

Der Jetzt-erst-recht-Effekt

1. Bundesliga, 21. Spieltag / BVB 3 VfL Wolfsburg 0

Das partielle Geisterspiel verlief doch nicht so fürchterlich wie von manchem erwartet, vor allem sportlich. Der Ausschluss der eigenen Stehplatzfans stachelte die schwarz-gelben Jungs eher noch an und mit etwas mehr Treffsicherheit hätte man die Wolfsburger richtig auseinandergenommen. Die Gäste vergaben die vermeintlich große Chance, in Dortmund etwas zu holen, kläglich.

Drei Gedanken zum Spiel

Es war kein schöner Anblick, diese leere Südtribüne. Das überzogene, aber vom BVB aus nachvollziehbaren Gründen akzeptierte Strafmaß, sorgte für hoffentlich einmalige Bilder während eines Bundesligaspiels im Westfalenstadion. Wer tatsächlich eine Karte oder Dauerkarte auf der Süd hat(te), wird das Ausgeschlossensein noch mal anders empfinden als die Fans am Bildschirm. Ich maße mir nicht an, für die Karteninhaber zu sprechen, denn ich gehörte zu der zweiten Gruppe. Für mich sah es so aus, als ob alle noch das Beste aus der Situation gemacht haben. Eine größere Anzahl Fans war von der Süd auf die Nordtribüne umgezogen, da der VfL nur rund 1700 Tickets an seine Anhänger verkauft hatte. Und im Lauf des Spiels schien dort ganz ordentliche Stimmung aufzukommen. Nicht nur sportlich, auch stimmungstechnisch herrschte also eine Jetzt-erst-recht-Haltung.

Im Wolfsburger Strafraum muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Vom zarten Aufschwung, den man dem VfL mit gutem Willen zuletzt attestieren konnte, war gestern nichts zu sehen. Erstaunlich, wie frei die Schwarz-Gelben bei vielen ihrer 24 Torschüsse (Wolfsburg: 6) zum Abschluss kamen. Man denke an den Hackentrick von Auba im Strafraum, den kein Schwarz-Gelber nutzen konnte. Allein, es bleibt ein Kreuz mit der Chancenverwertung. Und so hätte es zur Pause tatsächlich 1:1 stehen können, da Yunus Malli kurz vor dem Pfiff nur knapp links verzog. Was der BVB aber besser machte als zuletzt: Das Spielfeld wurde gestern in seiner ganzen Breite genutzt, die Angriffe wurden flexibel vorgetragen. Dafür waren nicht nur die lebendigen Reus und Dembelé verantwortlich, sondern auch Gonzalo Castro, der nach seiner Rückkehr in die Startelf wieder richtig dynamisch wirkte. Und hinten stand wieder eine ordentliche Viererkette.

Thomas Tuchel adressierte nach der Partie eine Ode an Lukasz Piszczek. Der Außenverteidiger erzielte ja nicht nur sein fünftes Saisontor, sondern bereitete auch beide weiteren Treffer mit seinen Hereingaben vor. Tuchel bezog sich aber ebenso auf Lukasz‘ hervorragende Einstellung im Alltag – tatsächlich etwas, das nach Darmstadt und Frankfurt mal hervorgehoben werden durfte. An der Einstellung mangelt es auch André Schürrle nicht, doch der Offensivmann bleibt glücklos und uneffektiv. Der 30-Millionen-Bonus gegenüber Christian Pulisic ist bald aufgebraucht. Und selbst an einem sportlich guten Wochenende muss es gestattet sein, auf die Diskrepanz zwischen links hinten und rechts hinten hinzuweisen: Gerade weil Lukasz Piszczek so glänzte, fiel BVB-Kapitän Marcel Schmelzer mit einer für ihn normalen Leistung deutlich ab.

Gegen Golfsburg läuft und läuft und läuft es also: Vier Siege und 15:3 Tore aus den letzten vier Partien verbuchte der BVB. Nächste Woche geht es zu den freundlichen Freiburgern, bevor die Schwarz-Gelben gegen Leverkusen wieder vor einer vollen Südtribüne auflaufen dürfen. Keine Spiele unter der Woche bedeuten hoffentlich volle Konzentration auf die Bundesliga und Sicherung von Platz 3.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Ginter, Bartra, Schmelzer – Weigl (81. Merino) – Castro – Schürrle, Dembelé (73. Kagawa), Reus (67. Pulisic) – Aubameyang. Gelbe Karten: Weigl, Schürrle. Tore: Bruma (ET), Piszczek, Dembelé

Jetzt fehlt auch noch Effektivität

1. Bundesliga, 18. Spieltag / FSV Mainz 05 1 BVB 1

Letzte Woche vermisste man lediglich die Souveränität gegen zehn Bremer; heute gelang es Borussia Dortmund nicht, weitgehend harmlose Mainzer zu bezwingen. Zwar hatten die Schwarz-Gelben das Spiel nach der erneut frühen Führung länger im Griff als vorletzten Samstag, doch eine blutleere zweite Hälfte leitete das fast schon Vorhersehbare ein und am Ende hätte der BVB fast noch verloren.

Drei Gedanken zum Spiel

Die fehlende Effektivität lässt sich besonders im Mittelfeld verorten. Bei den wenigen guten Chancen profitierte die Borussia meist von Mainzer Fehlern. Machten es die Gastgeber gut, standen in der Mitte dicht am Mann und pressten aggressiv, fehlte es dem BVB an Ideen, damit umzugehen. Es gab zu viele spekulative lange Bälle – auch wenn der Boden nicht perfekt für Passspiel gewesen sein mag. Ein echter Spielmacher stand nicht auf dem Platz: Julian Weigl und Gonzalo Castro sind normalerweise passsicher, aber der geniale Moment fehlt ihnen meistens. Raphael Guerreiro ließ sein Können mit einem tollen Ball in die Schnittstelle auf Aubameyang aufblitzen, aber er ist auch (noch) kein Lenker und Denker. Wenn die Mitte dicht war, versuchte es die Borussia dann löblicherweise über Außen, doch nur Marco Reus konnte dort phasenweise – in Hälfte 1 – überzeugen.

Hätte der BVB mehr nach vorne oder mehr auf Halten spielen sollen? Wer fordert, dass die Schwarz-Gelben die knappe Führung einfach nur festmachen und verteidigen hätten müssen, verkennt die momentanen Stärken und Schwächen des Teams. Es war richtig, auch mit den Wechseln auf das 2:0 zu gehen. Es war aber womöglich falsch, weiterhin sehr hoch zu verteidgen. Einen Mittelweg müssen Trainer und Mannschaft noch finden. Nach dem 1:1 war es irritierend zu sehen, dass die Borussia keine echte Chance mehr hatte, niemand das sprichwörtliche Heft noch mal richtig in die Hand nahm. Die Mainzer hätten nach De Blasis‘ Schuss knapp neben das Tor in der Nachspielzeit dagegen noch gewinnen können – wenn auch trotz nicht gegebenem Treffer unverdient.

Trotz Afrika-Cup nicht ganz einsichtig war, warum Aubameyang und nicht etwa Schürrle gehen musste. Spiegelbildlich zu letzter Woche hatte der Ex-Mainzer stark begonnen, die Führung vorbereitet, sogar in der 61. Minute noch eine Einschusschance gehabt – doch zwischendurch und danach war von ihm wieder wenig zu sehen. Ansonsten waren Thomas Tuchels Gedanken bei den Auswechslungen naheliegend und nachvollziehbar. Dass Mario Götze seine Chance wieder nicht nutzen konnte, ist schade.

Der BVB hat einen Punkt in Mainz geholt, aber natürlich die Chance auf Platz 3 leichtfertig verpasst, wenn man nach den Eindrücken aus dem Spiel geht. Es wird noch eine lange Rückserie. Dennoch kommt die Partie gegen Leipzig irgendwie zur rechten Zeit. Südtribüne, bitte übernehmen!

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Ginter, Schmelzer – Weigl – Castro (86. Pulisic), Guerreiro (66. Götze) – Schürrle, Reus – Aubameyang (72. Dembelé). Gelbe Karte: Schürrle. Tor: Reus

Gewonnen, doch die Souveränität bleibt verschollen

1. Bundesliga, 17. Spieltag / Werder Bremen 1 BVB 2

15 Minuten glänzte Borussia Dortmund im ersten Pflichtspiel des neuen Jahres, das erst der Hinserienabschluss war. 15 Minuten lang spielten die Schwarz-Gelben eine überragende Auswärtspartie, die an die starken Testspiele anknüpfte. Doch in der Folge war Werder Bremen über weite Strecken gleichwertig, auch mit einem Mann weniger, ehe sich die Überzahl doch noch auszahlte.

Drei Gedanken zum Spiel

Mit Schönwetterspielern gewinnst du keine Meisterschaft. Ein zugegeben harter Vorwurf, der einer Begründung bedarf. Nehmen wir André Schürrle. Der erwischte als Sturmspitze einen Traumstart, erwies sich beim 1:0 nach fünf Minuten als geistesgegenwärtig und zeigte auch in der Folge viel Engagement. Doch als die Borussia die Oberhand verlor, konnte auch der Rekordeinkauf nicht helfen und wurde blass und blasser. Oder Shinji Kagawa. Auch der hatte sich etwas vorgenommen, zeigte schöne Ansätze, einige gelungene Pässe. Nur um dann wie so oft abzutauchen, als die Bremer Zugriff aufs Spiel und in den Zweikämpfen kriegten. Wenn dann auch noch eigentlich verlässliche Kräfte wie Gonzalo Castro schwächeln, ist es mit dem Offensiv- und Konterspiel nicht weit her.

Marco Reus und der eingewechselte Ousmane Dembélé hatten in der Vorbereitung mit Verletzungen zu tun gehabt, wurden in Bremen heftig bearbeitet (Reus) oder wirkten noch nicht 100%-ig spritzig (Dembélé). Trotzdem waren sie gefährlicher als die zuvor Genannten und werden der Borussia bald noch mehr helfen. Das Bremen-Spiel hat dennoch gezeigt, dass uns ein Ersatz für Adrian Ramos, sollte sein Transfer bald eingenetzt sein, gut zu Gesicht stünde. Das 1,90 Meter große schwedische Super-Stürmertalent Alexander Isak von AIK Solna soll bereitstehen.

Über Toprak bleibt zu reden. Fordern will ich ihn nicht. Aber die Anfälligkeit der Abwehr muss ein Thema bleiben. Fin Bartels konnte sich, als Bremen bereits ein Mann weniger war, durch die BVB-Abwehr tanken. Er täuschte Ginter zu leicht, er widerstand dem bis vor Kurzem angeschlagenen Sokratis und erzielte das 1:1. Eine Frage des Personals oder auch der Taktik? Muss die Viererkette immer so hoch stehen, selbst wenn man sowieso Überzahl hat? Oder sollte Thomas Tuchel vielleicht dafür sorgen, dass auf den Außen Spieler agieren, die den Gegner mehr beschäftigen? Die Auswechslung von Schmelzer zugunsten von Erik Durm deutet in die Richtung. Lukasz Piszczek macht das auf der anderen Seite schon ganz gut, nicht nur wegen seines vierten Saisontreffers.

Die Bremer bleiben in der Liga. Der SV Werder ist einer der sympathischeren Vereine in der 1. Bundesliga, doch hatte in den letzten Spielzeiten zu oft eine Mannschaft, einen Kader ohne Identität und echtes Herz. So langsam beginnt sich das wieder zu ändern und wie die zehn Gastgeber gegen elf Dortmunder dagegen hielten, bestätigt die These. Mit Thomas Delaney scheinen sie tatsächlich einen guten Fang gelandet zu haben. Woran sie arbeiten müssen: Die Zahl der Großchancen muss steigen und die Hintermannschaft dürfte auch gegen andere Teams noch Probleme kriegen.

Zurück zu Dortmund: Es bleibt viel Arbeit. Wenn die Verletzungsmisere abebbt, kann man dennoch mit viel Hoffnung in die nächsten Partien gehen. Die von der eigenen Gefühlswelt her unterschiedlicher kaum sein könnten: In Mainz, dann gegen Leipzig. Eines ist ihnen jedoch gemeinsam: Beide werden sehr schwer. Heute Nachmittag wird in Erfurt noch mal getestet.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Sokratis, Ginter, Schmelzer (46. Durm) – Weigl – Pulisic, Castro (70. Guerreiro), Kagawa, Reus (70. Dembélé) – Schürrle. Gelbe Karte: Schürrle. Tore: Schürrle, Piszczek

Bleibende Eindrücke

2016 hat es einem nicht leicht gemacht. Der globale Gesamteindruck, der bleibt, sorgt nicht gerade für Zuversicht. Weitaus positiver fällt da der Rückblick auf den Lieblingsverein aus – bei allem Gesprächsstoff und Anlässen für Kritik, die es in der ersten Saisonhälfte 2016/17 gab. Man sollte ja nie vergessen wo man herkommt.

Auf den ersten Blick kann die Zwischenbilanz nicht ganz zufriedenstellen. Platz 6, deutlicher Rückstand auf gleich zwei Vereine, die Champions League mit Bravour gemeistert, dafür national nicht genügend Konstanz gezeigt. Doch erinnern wir uns daran, dass viele, die sich bei Borussia Dortmund auskennen, genau davor gewarnt haben. Es ist trotz allem Geld schwer, drei Schlüsselspieler gleichzeitig zu ersetzen.

Fragen nach der Transferpolitik sind trotzdem erlaubt, wenn man noch keine abschließenden Antworten erwartet. Reden wir also vom Bisher! Ousmane Dembele hat sich als einziger echter Volltreffer erwiesen – aber was für einer. Junge Neuzugänge wie Bartra und Mor haben vollkommen verständlicherweise Licht und Schatten dabei gehabt. Emre hat gute Ansätze gezeigt, war manchmal zu ungestüm oder eigensinnig. Der Unterschied zu Bartra: Er war noch nicht als Stammkraft eingeplant. Auch bei Marc sieht man das Potenzial, aber seine Fehler wiegen schwerer.

Am meisten hat man natürlich von den gestandenen Spielern Schürrle, Götze und Rode erwartet. Über den weniger prominenten Zugang vom FCB fällt das Urteil schwer, von einem Stammplatz ist er jedenfalls weit entfernt. Die teuersten Einkäufe waren bisher keine entscheidende Verstärkung. Während Mario immerhin die Fans wieder weitgehend hinter sich gebracht hat, wird der  Schürrle-Transfer am intensivsten diskutiert werden. Sicher, Andre hatte Verletzungspech. Aber geht man von der bisher unbewiesenen Prämisse aus, dass er vor allem ein Tuchel-Transfer war, ist der Trainer hier angreifbarer als bei den Themen Rotation oder Schiedsrichter-Kritik, die letztlich Eintagsfliegen waren.

Wenn man derzeit Jürgen Klopp mit Liverpool Erfolge feiern sieht, ist da ein klein wenig Wehmut. Aber Thomas Tuchel macht einen guten Job und mMn auch keine schlechte Figur. Taktisch könnte man allenfalls über die Dreierkette diskutieren, die der ohnehin noch nicht stabilen Abwehr keine Sicherheit verleiht. Hier bleibt zu hoffen, dass in der restlichen Winterpause noch fleißig geübt wird. Dann gibt es auch keinen Bedarf an Verstärkungen.

Ein gutes neues Jahr euch allen!

Schwarz-gelbe Pfeifenallergie

1. Bundesliga, 12. Spieltag / Eintracht Frankfurt 2 BVB 1

Mit Wolfgang Starks Pfeife hatte die schwarz-gelbe Borussia schon häufiger Probleme. Vielleicht pfeift der bayerische Schiedsrichter einfach zu schrill und den unseren klingeln die Ohren. Besonders der Anpfiff scheint gefährlich: Stark bläst zur zweiten Halbzeit, wenig später steht es 0:1. Eine gute Minute nach dem Ausgleich fällt das 1:2. Das ist die humorvolle Sichtweise, die aus gutem Grund etwas gezwungen erscheinen mag. Ganz ernsthaft deshalb die drei Gedanken zum Spiel in Frankfurt.

Defizite auch bei der Einstellung. Thomas Tuchel nannte die Vorstellung „ein einziges Defizit“ und bezog dabei auch gleich die Trainingswoche seit Mittwoch mit ein. Damit meint er auch die Einstellung. Man kann sich ja gegen diese Eintracht wirklich schwer tun. Was Niko Kovac seit den Relegationsspielen dort geleistet hat, ist enorm. Aber zweimal so schnell in Rückstand zu geraten, ist fahrlässig. Schaut man sich die beiden Spielzüge vor den Toren der SGE an, sieht man verlorene Zweikämpfe, ungeordnetes, unentschlossenes Abwehrverhalten und Spieler, die schlicht zu weit weg vom Gegner stehen.

Stark wieder nicht stark. Ganz grobe Fehler waren beim in Dortmund eher ungeliebten Unparteiischen nicht dabei. Aber während das mögliche Foul in der Nachspielzeit gegen Auba umstritten ist und nicht unbedingt mit Elfmeter zu ahnden war, hätte Marco Reus zuvor einen zugesprochen bekommen müssen, als er im Strafraum gehalten wurde.

Schürrle nur anfangs stark. Thomas Tuchel sorgte für ein Novum in der Dortmunder Bundesliga-Geschichte, als er in der 58. Minute gleich dreimal wechselte. Gehen musste auch André Schürrle, für den Dembélé kam. Nach guten Aktionen zu Beginn hatte der Rekordtransfer stark nachgelassen, wirkte ideen- und glücklos. Den Durchbruch in schwarz-gelb hat Schürrle noch nicht geschafft. Fragt sich, ob er aus persönlichen oder opportunistischen Gründen anderen vorgezogen wird. Dass neben ihm auch andere Offensive wie Götze und vor allem Ramos abbauten, lenkt zumindest heute von einer genaueren Analyse ab.

Fazit: ein vollkommen gebrauchter Samstag für Schwarz-Gelb. Neun Punkte auf das Projekt, schon wieder sechs auf die Bayern und morgen womöglich nur noch Siebter.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Sokratis, Ginter, Schmelzer – Weigl (58. Rode) – Ramos (58. Reus), Götze, Castro, Schürrle (58. Dembélé) – Aubameyang. Gelbe Karten: Sokratis, Castro, Schmelzer. Tor: Aubameyang