Geordnete Verhältnisse

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1. Bundesliga, 11. Spieltag / BVB 1 Bayern München 3

Sechs (bzw. vier) Punkte Vorsprung für den FC Bayern – so ist es, so war es, so wird es immer sein. Nach dem Topspiel sind die Kräfteverhältnisse geklärt, die Liga wieder in ‚bester‘ Ordnung. Wenigstens die vorschnelle Taktikdiskussion dürfte nun abebben; zu deutlich waren beim BVB die fehlende Qualität in der Defensive und die schwache Chancenverwertung.

Die Schwarz-Gelben müssen wegen der gezeigten Leistung nicht in Sack und Asche gehen. Im Gegensatz zu den schwachen Auftritten gegen schwächere Teams in den letzten Wochen war das gestern eine klare Steigerung. Doch gegenüber Bayern fehlen die entscheidenden Prozente. Es war natürlich richtig, etwas tiefer zu stehen als zuletzt. Allerdings waren die Borussen dafür nun streckenweise und besonders in der ersten Hälfte nicht nah genug dran an den Gästen. Hier den richtigen Mittelweg zu finden ist gegen ein Spitzenteam wie den FCB schwer bis unmöglich.

Eine Frage der Qualität und der Besetzung

Schauen wir uns die Gegentore an, dann werden die Probleme deutlich. Natürlich ist Arjen Robben ein Topspieler und das 0:1 gut gemacht. Aber Schmelzer und Toprak sind eben auch nicht in der Lage, Vorlage und Schuss zu verhindern. Dass sich die Besetzung der Außenverteidigung derzeit problematisch darstellt, ist ja nicht neu. Wie schon nach dem CL-Spiel geschrieben: Marc Bartra ist für mich erste Wahl neben Sokratis. Außen muss Peter Bosz andere Optionen finden. Jeremy Toljan machte es gestern nach seiner Einwechslung besser als zuletzt. Bezeichnenderweise fiel das 0:2 gerade dann, als Sokratis draußen behandelt wurde. weiterlesen

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Dortmund holt alles was zählt

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DFB-Pokal, Halbfinale / Bayern München 2 BVB 3

Es ist viel mehr als nur ein Finaleinzug, ja sogar mehr als nur ein neuer Rekord für den BVB: Der Sieg beim FC Bayern macht aus einem diffusen Unbehagen über Aspekte des Vereins und des ‚modernen Fußballs‘ gelöste Glückseligkeit. Ging wahrscheinlich nicht nur mir so. Die Dramaturgie des Halbfinales von München folgte dabei dem Ligaspiel in Mönchengladbach – nur dass es die Schwarz-Gelben mit einem viel stärkeren Gegner zu tun hatten, dessen Weiterkommen die logische Konsequenz gewesen wäre.

Drei Gedanken zum Spiel

Was war das denn für ein Spielverlauf? Wir starten gut gegen den FC Bayern: typisch. Wir gehen sogar in Führung: auch schon vorgekommen. Der FCB zieht das Spiel an sich und dreht auch das Ergebnis: typisch Bayern. Und dann? Ich würde schreiben, wir waren doch schon tot – wenn es gerade nicht so makaber wäre. Spätestens nach der Bayern-Führung war die Borussia weg vom Fenster und viel zu weit weg von den Gegenspielern. Doch die Gastgeber ließen eine Reihe hochkarätiger Chancen aus, vor allem durch Lewandowski und Robben. Und dann reichten eine großartige Vorbereitung und ein großartiges Tor von Ousmane Dembelé, verbunden mit einem Fehler von Bayern-Kapitän Lahm, dieses Spiel unfassbarerweise erneut zu drehen.

Die jetzt natürlich wieder alles hinterfragenden Rekordmeister verloren aber in erster Linie, weil sie ihre Riesengelegenheiten nicht nutzten. Man könnte jetzt auch nicht sagen, was Manuel Neuer bei den drei Treffern besser gemacht hätte – obwohl ihm irgendein teuflischer Stunt immer zuzutrauen ist. weiterlesen

In Dortmund gibt es keine Ferngläser

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Der „Kicker“ hat sich in seiner Montagsausgabe mal wieder ausführlich mit dem BVB beschäftigt: eine provokante Titelseite, ein spannendes Hummels-Interview und ein Blick in die nähere Zukunft der Schwarz-Gelben werden geboten. Das mag auch mit dem bevorstehenden ‚Topspiel‘ gegen Bayern München zu tun haben, aber ebenso liegt es am Interesse, das Deutschlands wahrscheinlich beliebtester Fußballverein mittlerweile wieder hervorruft.

Ob dieses Standing angesichts der katastrophalen Hinserie und der damit verbundenen bevorstehenden Zeit ohne Champions League noch zu retten ist – das ist der Subtext des Artikels. Wie schwer wiegt es wirklich, dass die Borussia sich möglicherweise erst mal in der Reihe der Bayern-Verfolger hinten anstellen muss? Langjährige Fans werden damit besser und vielleicht sogar gut umgehen können. Sie haben verinnerlicht, was ein stets erfolgsverwöhnter Bayern-Anhänger nie verstehen musste: Die Möglichkeit des Scheiterns und die Unterstützung trotz aller Widrigkeiten, bis in die Beinahe-Insolvenz.

Deswegen wird uns und diesen Verein ein unerwarteter Rückschlag nicht auseinanderbringen – egal ob die Saison noch in der Europa League und vielleicht sogar mit einem Sieg in Berlin endet oder nicht. Vielleicht wird diese halb verkorkste Spielzeit auch mal als Katalysator für eine erneute Erneuerung bekannt sein. Einige Anzeichen sprechen dafür, dass Jürgen Klopp, Michael Zorc und Aki Watzke gewillt sind, künftig wieder mehr auf den eigenen Nachwuchs zu bauen. Jeremy Dudziak dürfte da nur der Anfang gewesen sein. Möglicherweise braucht es die Erlebnisse der letzten Monate auch, um in einer Tiefenanalyse des Kaders zur Einsicht zu gelangen, dass andere Positionen als bisher gedacht zu den Problemzonen der Schwarz-Gelben gehören – Stichwort Außenverteidiger. weiterlesen

Robbened

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DFB-Pokal, Finale / BVB 0 Bayern München 2 (n.V.)

Bayern-Trainer Pep Guardiola hat sich für das Endspiel im Olympiastadion etwas einfallen lassen. Boateng, Martinez und Dante agierten als Dreierkette und sorgten so für ein Übergewicht des Meisters im Mittelfeld. Bei der Borussia sah es dagegen eher nach einem 4-3-3 aus, mit Großkreutz, Sahin und Jojic im Zentrum. Das Bayern-System funktionierte besser – der BVB kam vor allem in der ersten Hälfte zu selten in Strafraumnähe und behalf sich zu häufig mit ziellosen langen Bällen. Insgesamt hatte der späte Sieger mehr Chancen zu verbuchen und einen Arjen Robben, der erneut in einem entscheidenden Spiel den Unterschied ausmachte.

Das kann und sollte man alles deutlich sagen. Aber: Wie nicht zuletzt der FC Bayern der letzten Wochen weiß, kann ein Fußballspiel durch ein Tor eine Wendung nehmen. Und Borussia Dortmund wurde gestern in der 65. Minute ein reguläres Tor durch Mats Hummels geklaut. Es war deutlichst zu sehen, dass Dantes Rettungsaktion hinter der Linie erfolgte – komisch, dass das nach offiziellen DFB-Angaben nicht mal dem Assistenten von Florian Meyer auffiel.

Die Diskussion über die Torlinientechnik ist in den Sonntagszeitungen oder im Sport1-Doppelpass bereits wieder eröffnet worden. Tatsache ist, dass die DFL-Klubs diese kürzlich mehrheitlich abgelehnt haben, vor allem aus finanziellen Gründen. Für die korrekte Bewertung der gestrigen Situation hätte allerdings schon ein Torrichter gereicht – der deutlich billiger wäre. Ich war bisher gegenüber der Torlinientechnik neutral und gegenüber dem Videobeweis ablehnend eingestellt. An letzterem wird sich nichts ändern – Fehler gehören bei allen Beteiligten dazu und eklatante Eingriffe ins Spiel sollte man vermeiden. Doch für die Frage „Tor oder nicht“ muss es möglich sein, eine Lösung zu finden. Man könnte einen Fonds schaffen, der zur Finanzierung der Technik dient und in den die großen Vereine mehr als die kleinen einzahlen. Oder man könnte schlicht auf zusätzliche menschliche Augen hinter dem Tor setzen – auch wenn der fünfte und sechste Offizielle die meiste Zeit beschäftigungslos wären. weiterlesen

Nie wieder Clasico

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1. Bundesliga, 13. Spieltag / BVB 0 Bayern München 3

Natürlich, die deutschen Sportmedien und – allgemeiner gesprochen – die hiesige Fußball-Szene hätten gerne den Glamour und die internationale Bedeutung eines ‚Clasico‘. Und der Fakt, dass die gestrige Begegnung zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern in 209 Ländern übertragen wurde, legt nahe, dass sehr viele Augen auf das Topspiel der deutschen Bundesliga gerichtet waren. Doch ein echter Clasico, sofern man das Wort überhaupt international verwenden will, verlangt zweierlei: Er muss Tradition als Spitzenspiel haben – deswegen steckt das Wort „klassisch“ drin. Daher muss er ein Duell auf Augenhöhe sein – langfristig. Beides ist in Deutschland nur bedingt bis gar nicht gegeben.

Dass die Bundesliga in den letzten Jahren verstärkt internationale Aufmerksamkeit bekam, war zu einem guten Teil Borussia Dortmund zu verdanken. Der Spielweise und der Art des Vereins sowie der Tatsache, dass mit dem BVB ein ernstzunehmender Konkurrent für die Bayern zu erwachsen schien, der die Liga spannender gestalten können würde. Vielen war eigentlich klar, dass der FCB dabei nicht zuschauen würde – trotzdem war der Wunsch nach langfristiger Spannung offensichtlich so groß, dass man den ‚Clasico‘ importieren musste. Das gestrige Topspiel war zwar nur ein Spiel, in dem drei Punkte vergeben wurden und auch keine echte Vorentscheidung in der Meisterschaft fallen konnte, aber es hat gezeigt, dass sich an der Lage in der Liga strukturell nichts ändern wird.

Es gibt da manchmal einen Verein, der dem FC Bayern ein paar Probleme bereiten kann, derzeit die Borussia, aber mit Hilfe ihrer Finanzkraft schaffen es die Münchener immer, einen zeitweise geschrumpften Abstand wiederherzustellen. Ihre Qualität quer durch den gesamten Kader wird sich im Vergleich früher oder später bemerkbar machen. Unvermeidlich und exemplarisch war, dass der vom Konkurrenten geholte Mario Götze mit seinem Tor den Auswärtssieg der Bayern einleitete – Robert Lewandowski wird ihm möglicherweise bald in die bayerische Landeshauptstadt folgen. Schade, dass Uli Hoeneß momentan sicher wenig Zeit hat, sich Vorschläge gegen die Einseitigkeit der Liga auszudenken.

Sprechen wir also nicht vom Clasico, sprechen wir von einem Spiel, das lange Zeit spannend war. In dem die Bayern deutlich mehr Ballbesitz hatten, das die Gastgeber jedoch nach 15, 20 Minuten offen gestalten konnten. In dem die Borussen die besseren Chancen hatten, diese aber nicht nutzten. Selbst die improvisierte Viererkette mit Kevin, Sokratis, Manuel Friedrich und Eric Durm machte ihre Sache über eine Stunde sehr ordentlich. Bis Müller von rechts zu Götze im Strafraum passen konnte und der sonst überragende Sokratis ein wenig zu weit weg vom Ex-Dortmunder stand. Im Anschluss zeigte sich dann ein paar Mal, dass den vier Abwehrleuten die Eingespieltheit fehlte. Sicher, der Traumpass von Thiago auf Robben war schwer zu verteidigen – Tatsache bleibt aber, dass diese BVB-Defensive verwundbarer ist als die A-Lösung.

Reus, Lewandowski und Mkhitaryan hatten vor und nach Bayerns 0:1 Chancen, einen Treffer für die Schwarz-Gelben zu erzielen. Das Spiel hätte dann anders ausgehen können. Doch es war nicht das erste Mal in dieser Saison, dass ein Team zeitweise dem FCB ebenbürtig war und am Ende unterlag. Der BVB muss sich auch keine Sorge um die Offensive machen – die wird wieder treffen, vielleicht schon gegen Neapel. Nur werden die Wochen, in denen Mats Hummels der Abwehr fehlt, lang. Man muss kein Pessimist sein, um den ein oder anderen Punktverlust zu prophezeien. Das Saisonziel, erneut die Champions League zu erreichen, ist nun hoffentlich für jeden ersichtlich kein Understatement mehr.

Der Satz „und am Ende gewinnen immer die Bayern“ scheint also wieder Gesetz zu sein. Die Fans der Roten freuen sich verständlicherweise darüber. Das sollen sie. Solange sie nicht vom Rest der Liga verlangen, wieder spannungsarme Spielzeiten nur deswegen gutzuheißen, weil der FCB sein Geld ja mit harter Arbeit verdient hat.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Großkreutz, Friedrich, Sokratis, Durm – Bender (79. Piszczek), Sahin – Blaszczykowski (71. Aubameyang), Mkhitaryan (71. Hofmann), Reus – Lewandowski. Gelbe Karten: Großkreutz, Mkhitaryan

Dortmunder Mut wird spät bestraft

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Champions League, Finale / BVB 1 Bayern München 2

Der Traum ist vorbei. Borussia Dortmund hat das Champions League-Finale in Wembley verloren. Auf solche besonders bitteren Niederlagen gibt es ja verschiedene Reaktionsmöglichkeiten: Der Eine vergräbt sich zuhause und trauert wirklich tagelang, der Andere versucht zu verdrängen und sich mit völlig fußballfremden Dingen abzulenken. Oder man wacht am nächsten Tag auf und realisiert, dass das Ganze tatsächlich ein Traum war – im doppelten Sinn.

Wer konnte denn vor der Saison ernsthaft damit rechnen, dass die Schwarz-Gelben im Finale stehen würden? Ganz ohne Zweifel hätten sie den Henkeltopf verdient gehabt, wenn sie ihn geholt hätten. Doch meistens zerschellen Träume irgendwann an der harten Realität – das waren in diesem Jahr die noch effektiveren und viel finanzkräftigeren Bayern. Natürlich hätte es dennoch klappen können. In einem tollen, sehr spannenden Endspiel hat die Borussia mit ihrer mutigen Spielweise sicher mindestens genauso viele Sympathien gewonnen wie der späte Sieger. Eine grandiose CL-Kampagne fand einen würdigen Abschluss.

Jürgen Klopp sagte kürzlich, dass der Mut seiner Spieler gegen Bayern entscheidend sein werde. Tatsächlich hatte die Mannschaft den blöden letzten Liga-Spieltag wunderbar weggesteckt und ging voller Intensität in das Endspiel. Und der Trainer hatte sich etwas ausgedacht. Der Plan war einfach, aber zunächst sehr wirkungsvoll: Die Bayern mit extrem starkem Pressing nicht zu ihrem Spiel kommen zu lassen und ein Stück weit ihrer momentanen Selbstsicherheit zu berauben. Eine halbe Stunde lang war der BVB das dominierende Team und zwar in einer Art und Weise, wie sie die Bayern lange nicht erlebt haben. Mehrmals musste Manuel Neuer für seine geschlagene Abwehr retten. Selbst als die Münchener besser ins Spiel und zu Chancen kamen, hatte Lewandowski noch mal eine Riesengelegenheit.

Klopps Plan war vermutlich die einzig Erfolg versprechende Taktik gegen diese Bayern. Es ging darum, Heynckes und seine zuletzt auf Sieg programmierte Mannschaft zu überraschen, zu erschüttern. Wäre ein frühes Tor für die Schwarz-Gelben gefallen, hätte das zwar noch keine Erfolgsgarantie bedeutet, aber eine ökonomischere Spielweise ermöglicht. Und eingedenk der starken Leistung der Jungs wohl auch die Möglichkeit eröffnet, Lücken in einer attackierenden Bayern-Formation auszunutzen. Allerdings fehlte zum Gelingen des Plans ein Tor. Der BVB war nahe dran, aber Neuer dazwischen. Am Ende kam es, wie es zwar nicht unbedingt, aber doch mit gewisser Wahrscheinlichkeit kommen musste: In der letzten Viertelstunde fehlte den Jungs ein wenig die Kraft und Arjen Robben schloss einen späten Bayern-Angriff mit dem Siegtor ab. weiterlesen

70 Millionen und eine Grippe

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DFB-Pokal, Viertelfinale / Bayern München 1 BVB 0

icon_spielberichtfinalDie Bayern haben es geschafft: Nach gewaltigen Investitionen in die Mannschaft hat der deutsche Rekordmeister mal wieder ein Spiel von Bedeutung gegen Borussia Dortmund gewonnen. Ganz wollte man sich jedoch anscheinend nicht auf den eigenen Kader verlassen: Gut unterrichtete Quellen aus dem Bayern-Umfeld munkeln, Uli Hoeneß habe BVB-Abwehrchef Mats Hummels den Mann mit der Grippespritze vorbeigeschickt.

Der Dortmunder Innenverteidiger fehlte den Gästen in München augenscheinlich. Ob er gegen die formstarke Bayern-Offensive fehlerlos geblieben wäre, ist ungewiss, aber Hummels‘ stetes Engagement im Aufbauspiel vermissten die Schwarz-Gelben sehr. Ungewiss bleibt ebenso, ob Jürgen Klopp mit Mats auch auf das Tannenbaum-System umgestellt hätte. Großkreutz, Bender und Gündogan agierten gestern auf einer Linie hinter Reus und Götze. Sie sollten vermutlich durch frühzeitige Interventionen die Viererkette entlasten und dafür sorgen, dass auch ohne Hummels ballsicher von hinten heraus gespielt würde. In der Realität wurden die drei häufig überrannt und bekamen im Mittelfeld ebenso wenig Zugriff wie über weite Strecken Marco Reus.

Festzustellen bleibt, dass auch die gestrige Systemumstellung der Mannschaft keine Sicherheit gegeben hat – was wohl der Sinn der defensiveren Ausrichtung sein sollte. So muss man BVB-Geschäftsführer Watzke zustimmen, der nach dem Spiel einen seiner klügeren Sätze der letzten Wochen sprach: „Wir hatten Probleme durch den Ausfall von Mats Hummels, dadurch verändert sich unser Spiel.“ Es mag an zweifellos überzeugenden Bayern gelegen haben, doch vielleicht fehlte dem BVB mit der veränderten Taktik auch ein wenig der Mut. Dass es anders geht, bewiesen die Borussen in der zweiten Halbzeit, als sie nach einer frühen Schrecksekunde (Müller-Chance) die Partie über einen längeren Zeitraum kontrollierten. Klopps Entscheidung, ‚Kuba‘ Blaszczykowksi zunächst auf der Bank zu lassen, ist jedenfalls nur nachvollziehbar, wenn der Mittelfeldspieler nicht für 90 Minuten fit war.

Vor allem in der ersten Hälfte waren die Bayern im Mittelfeld viel präsenter, besetzten schneller die Räume. Martinez und Schweinsteiger ließen ihre Dortmunder Gegenspieler kaum zur Entfaltung kommen, wobei der Spanier nach einer üblen Grätsche gegen Lewandowski nah am Platzverweis wandelte. Das Pressing des FCB ist jedenfalls als Konsequenz aus den Dortmunder Erfolgen deutlich stärker geworden, obwohl die Gastgeber es in der zweiten Hälfte etwas schleifen ließen. Die Schwarz-Gelben wussten sich manchmal nur mit hohen Bällen zu helfen, die gegen die überaus stabile Bayern-Defensive ineffektiv waren. weiterlesen

Wir wollten doch nur spielen

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Supercup / FC Bayern München 2 BVB 1

Vielleicht fehlten den Innenverteidigern nur ein paar Prozent Ernsthaftigkeit, um das 0:2 nach elf Minuten zu verhindern. Denn hätte ein von Beginn an wacher Neven Subotic die nicht allzu scharfe Flanke von Franck Ribery vor der Bayern-Führung nicht abgefangen? Hätten er und Mats Hummels in guter Frühform sich von Arjen Robben vor dem zweiten Treffer überlaufen lassen? Es fühlte sich auf schwarz-gelber Seite noch arg nach Saisonvorbereitung an, was die Jungs gestern in der Arroganz-Arena zunächst darboten – dabei war doch klar, wie ernst die Bayern das Spiel nehmen, wie aggressiv bis überhart sie in die Partie gehen würden.

Die Begegnung hatte zum Glück zwei Halbzeiten. Denn die erste wurde nach dem 0:2 aus BVB-Sicht nicht wirklich besser. Die Gastgeber hatten das Spiel weitestgehend im Griff, obwohl sich die Dortmunder Defensive stabilisierte und nur noch wenige Chancen zuließ. Und damit ist man schon bei einer der wenigen Lehren, die man aus diesem Supercup ziehen kann: der Borussia fehlte massiv ein zweikampfstarker Spieler mit Übersicht im defensiven Mittelfeld. Der Borussia fehlten Sebastian Kehl und/oder Sven Bender, so wie es bei dieser Konstellation zu vermuten war. Mit schnellen Pässen durchschnitten die Bayern die Zentrale, ohne durch präzise Tacklings oder vorausschauendes Stellungsspiel dabei übermäßig gestört zu werden. Sehr aufmerksame Leser werden möglicherweise schon bemerkt haben, dass ich bei Moritz Leitner noch deutlichen Steigerungsbedarf sehe – das bestätigte sich gestern in eklatanter Weise. Und auch Ilkay Gündogan ist ohne einen defensivstärkeren Nebenmann nur die Hälfte wert.

Keine neue Erkenntnis ist außerdem, dass über die linke Seite offensiv bei gut stehenden Gegner wenig läuft – Kevin Großkreutz und vor allem Marcel Schmelzer sind dazu technisch zu limitiert. Doch es gab ja noch die zweite Hälfte und andere Spieler, die für einen recht entspannten Ausklang des Wochenendes vor dem Echtstart sorgten. Der BVB kam zunächst durch eine Reihe von Standards zu Chancen, für die wir in Marco Reus einen würdigen Spezialisten gefunden haben – Ausnahmen bestätigen die Regel. Letztlich war es – natürlich – Robert Lewandowski, der gegen die Bayern traf und noch mal für Spannung sorgte. Und obwohl der gut aufgelegte Arjen Robben noch zweimal Roman Weidenfeller prüfte, brachte diese zweite Halbzeit das wohlige Gefühl zurück, dass wir auch 2012/13 den FCB noch dann und wann unter Druck setzen können.

Dass es letztlich bei einer knappen Niederlage blieb, das hat mich schon nach der Vorjahresveranstaltung in Gelsenkirchen nur kurz geärgert. Es ging um ein Gefühl und allenfalls ein paar personelle Erkenntnisse. Und natürlich hätte es kurz vor Schluss einen Elfmeter für die Borussia geben können, als Philipp Lahm den Ball mit Brust und/oder Arm annahm – eine 50:50-Entscheidung, über die man sich in so einem Spiel sicher nicht aufregen muss. Eigentlich hat die Partie – in der zweiten Hälfte – richtig Lust auf die neue Saison gemacht. In der der BVB natürlich wieder nur auf sich selber schauen wird.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Leitner (64. Götze), Gündogan – Blaszczykowski (71. Schieber), Reus, Großkreutz (64. Perisic) – Lewandowski. Gelbe Karte: Schmelzer. Tor: Lewandowski.

Größer geht’s nicht

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DFB-Pokal, Finale / BVB 5 Bayern München 2

Verrückt, das alles. Nicht nur, dass wir gerade die beste Saison der Vereinsgeschichte erleben. Auch wenn diese Einschätzung ein wenig vom eigenen Geburtsjahr beeinflusst wird – ganz weit oben steht 2011/12 auf jeden Fall. Das erste Double nach 103 Jahren ist für sich allein genommen schon sensationell. Die Art und Weise, wie das gestern ablief, hätte mit Sicherheit niemand für möglich gehalten. Am Ende dieser Saison stehen unfassbarerweise fünf Tore im Pokalfinale gegen Bayern und ein düpierter Schalker im Bazi-Tor.

Eine absolut großartige Leistung nahezu aller Spieler und herausragendes Engagement führten zur Krönung einer historischen Saison. Dabei war der BVB nicht feldüberlegen im Sinne von dominant. Gerade in der ersten Halbzeit bis zum Dortmunder 2:1 konnten sich die Bayern häufig bis zum Strafraum durchspielen, wo sie jedoch in den meisten Fällen von einer glänzend aufgelegten Innenverteidigung am Torschuss gehindert wurden. Im Kontrast zur herrlichen Ineffizienz des FCB war beinahe jeder gelungene Dortmunder Angriff auch gefährlich. Wie auch in München stand der BVB tiefer als gewöhnlich, häufig fast vollzählig am eigenen Sechzehnmeterraum und schuf dank doppelter bis dreifacher Deckung und größter Aufmerksamkeit ein beeindruckendes Bollwerk.

Und sobald der BVB kontern konnte, wurde es gefährlich. Kuba, Kagawa, Gündogan und der überragende Lewandowski machten das Spiel gekonnt schnell, sobald ein Bayern-Angriff abgefangen war. Zwar wurde der Ball auch öfter einfach nach vorne gepöhlt, aber immer, wenn besonnen nach vorne gepasst wurde, brannte es in der Bayern-Defensive. Was natürlich sowohl an deren zeitweiser Orientierungslosigkeit wie auch am tollen Dortmunder Spielverständnis lag. Nehmen wir das frühe 1:0: Kuba kann da von halbrechts draufhalten, legt aber präzise quer zu Kagawa, der noch besser steht. weiterlesen

Mia san Fußball

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1. Bundesliga, 30. Spieltag / BVB 1 Bayern München 0

Als Arjen Robben in der 86. Minute der gestrigen Partie Roman Weidenfeller aus elf Metern den Ball in die Arme kullerte, war es endgültig das erwartet unglaubliche Spiel. Man konnte damit rechnen, dass es besonders werden würde, ein Tag zum Erinnern, man wusste nur noch nicht, wieso. Jetzt steht also fest: Die Borussia kann vier Mal hintereinander gegen Bayern gewinnen und unser Torwart wird auf seine älteren Tage noch zum Elfmeterhelden. Die Dramatik der Schlussphase gipfelte dann noch in zwei Lattentreffern in der Nachspielzeit, einem auf jeder Seite.

Der schwarz-gelbe Sieg, der ein wichtiger Schritt zur Meisterschaft sein könnte, war verdient. Dortmund hatte in der ersten Hälfte mehrere klare Chancen und verzweifelte mal wieder an Manuel Neuer. Es war zwar nicht so, dass die Bayern hinten drinstanden, doch es gelang ihnen erstaunlich wenig nach vorne. In der zweiten Halbzeit änderte sich das Bild insofern, dass die Gäste das Spiel nun deutlich dominierten. Doch Großchancen gab es nur ausnahmsweise – toll, wie sich unsere Viererkette in diesem wichtigen Spiel zusammenriss und oft die finalen Pässe des FCB verhindern konnte.

Dass auch Gündogan, Kagawa, Großkreutz und Kuba in der halben Stunde nach Wiederanpfiff viele Pässe misslangen, lag an manchmal überhasteten Entscheidungen und einer wachen Bayern-Abwehr. Doch genau das, was dem FC Bayern immer häufiger zu fehlen scheint, das sprichwörtliche Bayern-Gen, das Zusammenstehen und bis zuletzt um ein Spiel kämpfen, das gelang dem BVB auch gestern. Durch den mutigen Doppelwechsel in der 74. Minute kam der von Klopp erhoffte frische Wind ins schwarz-gelbe Spiel. Perisic holte die Ecke heraus, die dem 1:0 vorausging, und Leitner führte sie aus – die beiden waren die Eingewechselten. Der Wille von Kevin und die Klasse von Robert Lewandowski bescherten uns dann das Glücksgefühl, das es so auch nur in Spielen gegen Bayern und Schalke gibt.

Vier Minuten vor Schluss machte Roman Weidenfeller Arjen Robben ein Angebot, dass dieser nie abschlagen würde. Natürlich fiel der Holländer über die ausgestreckten Arme des Torwarts. Das gehört zu seinem Spiel, auch wenn man das nicht gut finden muss. Das ständige Dahinsinken von Ribery war gestern noch deutlich nerviger. Dass Robben den Elfmeter dann vergibt oder Weidenfeller ihn hält – das zeigt, dass ‚mia san mia‘ in seiner positiven Auslegung inzwischen weniger in München als anderswo beheimatet ist. Die Borussia scheint zum Angstgegner der Bayern zu werden, denn lange schien den Gästen die mentale Freiheit zu fehlen, die Überzeugung, dass man auch ein Spiel in Dortmund gewinnen kann.

Der Jubel in der Kneipe nach dem gehaltenen Elfmeter übertraf beinahe noch den Torjubel. Und doch musste man weiter zittern, denn Spiele gegen die Bayern gehen nach wie vor länger als 90 Minuten. Am Ende konnte man es sich leisten, einfach mal stolz zu sein. Darauf, wie diese Mannschaft und dieser Trainer das mal wieder hinbekommen haben. Und darauf, wie die Stimmung im Stadion gewesen sein muss. Am Samstag könnte der Stolzmesser dann bis zum Anschlag ausschlagen.

Die Aufstellung (Benotung entfällt ausnahmsweise): Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Gündogan (74. Perisic), Kehl – Kuba (89. Owomoyela), Kagawa (74. Leitner), Großkreutz – Lewandowski. Tor: LEWANDOWSKI.