Mit 38 von Los Angeles nach Derby

Zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres spricht die ganze Welt von Derby County. Vielleicht nicht ausnahmslos jeder Mensch, aber viele Fußballinteressierte und  Sportmedien nicht nur im Vereinigten Königreich dürften registriert haben, dass nach Frank Lampard erneut ein großer Name des englischen Fußballs zum Zweitligisten aus der 250.000-Einwohner-Stadt Derby in den East Midlands stößt.

Es ist natürlich kein Zufall, dass Linksverteidiger Ashley Cole zu Trainer Lampard kommt. Die beiden spielten lange zusammen bei Chelsea und in der Nationalmannschaft. Coles erster Klub war der FC Arsenal. Allerdings ist Cole nur zwei Jahre jünger als Lampard, nämlich 38. Alles deutete darauf hin, dass er seine Karriere in der MLS bei Los Angeles Galaxy ausklingen lassen würde. Doch nachdem im letzten Jahr sein Vertrag dort nicht verlängert wurde, zieht es ihn jetzt zurück in die Heimat, auch wenn es ’nur‘ die Championship ist.

Ashley Cole hatte vor einigen Jahren einen exzellenten Ruf in England, zumindest sportlich: Er galt als der beste Linksverteidiger des Landes. Doch wie kommt er nun mit 38 nach Derby? Durch ein klassisches „Old Boys network“? Die gemeinsame Vergangenheit mit Lampard half sicherlich. Aber natürlich wird auch von Coles sportlichen Vorzügen gesprochen. Natürlich ist er nicht mehr die 28-jährige Version. Aber er ließ verlauten, dass er auch nicht in jeder Woche einen Startelfplatz erwartet. Der Veteran wäre wohl schon zufrieden, wenn er den in dieser Saison zahlreicheren jungen Spielern etwas mit auf den Weg geben könnte. Eine Rolle als Coach, in Derby oder anderswo, erscheint nach dieser Saison möglich. Weiterlesen „Mit 38 von Los Angeles nach Derby“

Erfreulich unberechenbar

Etwas ist anders in der englischen Premier League. Nach 13 Spieltagen stehen zwar die Mannschaften auf den ersten vier Plätzen, die man dort erwartet hatte – Chelsea, Arsenal, Man United und City. Die englischen Journalisten und Fans sprechen jedoch von der unvorhersehbarsten Saison seit langem. Vielleicht nicht, was das Endergebnis anbetrifft – aber die Zahl der überraschenden Resultate ist erfreulich hoch. Seit Saisonbeginn haben sich außerdem mehrere Mannschaften ins Bewusstsein der auf die ‚Top 4‘ fixierten Öffentlichkeit gespielt, von denen man es nicht erwartet hätte. Mit überraschend flüssigem und schönem Fußball konnte zunächst Aufsteiger West Bromwich Albion überzeugen. Inzwischen sind es vor allem die von Owen Coyle trainierten Bolton Wanderers (Vorsaison: Platz 14) und spätestens seit Sonntag der AFC Sunderland (Vorsaison: Platz 13), die viele Erwartungen übertreffen.

Der Sonntag war Balsam für die Mehrheit der englischen Fußballfans, die die Dominanz der ‚großen Vier‘ (und die Fokussierung der Medien auf sie) leid sind. Ein ersatzgeschwächtes Chelsea verlor an der Stamford Bridge völlig verdient mit 0:3 gegen Sunderland. Den Blues fehlten John Terry, Michael Essien und Frank Lampard. Trotzdem hätte Trainer Ancelotti von den Spielern, die auf dem Platz standen, mehr erwarten können als die höchste Heimniederlage der Abramowitsch-Ära, die höchste seit 8 1/2 Jahren. Aber weg von Chelsea – Ehre, wem sie gebührt: Der Trainer der ‚Black Cats‘, der in England zu Recht angesehene Steve Bruce, hatte in London mutig auf zwei Spitzen gesetzt – den ghanaischen Nationalspieler Asamoah Gyan und den von Man United ausgeliehenen 19-jährigen Danny Welbeck. Beide trafen am Sonntag.

Lag es nur an der mutigen Taktik von Bruce? Die BBC-Sportredaktion geht mit einer ausführlichen Analyse des Spiels in die Tiefe. Neben der positiven Herangehensweise der Black Cats führt Autor Chris Whyatt das Verletzungspech Chelseas in Verbindung mit den verringerten Ausgaben an. Nach der Wirtschaftskrise hat Roman Abramowitsch die Gelder für Neuverpflichtungen zusammengestrichen, so dass Ancelotti Ausfälle wie gestern nicht 1:1 aus dem Kader kompensieren kann. Natürlich war aber auch die Tagesform entscheidend: Individuelle Fehler wie der des in England herzlich unbeliebten Außenverteidigers Ashley Cole trafen auf individuelle Glanzleistungen wie die von Asamoah Gyan, vom niederländischen Mittelfeldstrategen Boudewijn Zenden oder von Außenverteidiger Nedum Onuoha, der beim 1:0 gleich eine Reihe von Chelsea-Stars ausdribbelte.

Kritiker der Premier League (ich selber würde mich als ‚kritischen Freund‘ bezeichnen) sollten in dieser Saison genauer hinschauen. Auch wenn am Ende alles seinen gewohnten Gang gehen sollte, birgt diese Spielzeit womöglich mehr Spannung und Unterhaltung, als manche denken. In jedem Fall ist der englische Vereinsfußball dieses Jahr bedeutend spannender als das, was man in Spanien und Schottland zu sehen bekommt – in den seit Jahren langweiligsten Ligen Europas (von denen mit einem gewissen Bekanntheitsgrad).