Die größte anzunehmende Kollektivstrafe

Karl-Liebknecht-Stadion Spielfeld beim Spiel Babelsberg 03 gegen Tebe Berlin
Das wollen die allermeisten Babelsberger sehen: einfach Fußball wie beim 3:1 im Testspiel gegen Tennis Borussia Berlin am 13. Juli.

Eine saftige Strafe war zu erwarten gewesen – es wurde der Hammer: Der Regionalligist SV Babelsberg 03 wird für die kommende Saison vom brandenburgischen Landespokal ausgeschlossen. So lautet zumindest das erstinstanzliche Urteil des Landesverbandes FLB.

Was war passiert? Im Pokalfinale im Mai gegen Energie Cottbus waren in der Halbzeitpause vermummte Gestalten im Block aufmarschiert. In der zweiten Hälfte sorgten sie zunächst für eine kurze Spielunterbrechung durch den Einsatz von Bengalos. Nach der späten 0:1-Niederlage gab es dann kein Halten mehr: Böller und Pyros wurden aufs Spielfeld und in Richtung gegnerische Fans geworfen. Auch auf die eigenen Ordner und Spieler wurde keine Rücksicht genommen.

Die ganze zweite Halbzeit und noch lange nach Abpfiff stand die überschaubare Anzahl von vermummten Idioten in der Nordkurve, dem Block der Fanszene inklusive Ultras. Am Ende musste die Siegerehrung abgesagt werden, weil die Sicherheit nicht gewährleistet war. Zaghafte Versuche anderer Fans, die Vermummten zur Einsicht zu bringen, wurden mit banalen Sprüchen und teilweise gewalttätig abgewehrt. Weiterlesen „Die größte anzunehmende Kollektivstrafe“

Eine rote Linie hat zwei Seiten

Während Borussia Dortmund heute das Testspiel beim Drittligisten MSV Duisburg mit 6:1 gewonnen hat und Hoffnungen auf einen guten Rückserienauftakt schürt, wurde in Fankreisen und Medien hauptsächlich ein anderes Thema diskutiert. Es ging um Gewalt und Ausschreitungen im Stadion, aber auch außerhalb, und vor allem um die jüngere Vergangenheit und nähere Zukunft des größten deutschen Derbys zwischen dem BVB und dem FC Schalke.

Die Sanktionen, die Borussia Dortmund gegen eigene Fangruppen verhängt hat, die mit den Ausschreitungen beim letzten Derby in Gelsenkirchen in Verbindung gebracht wurden, waren nachvollziehbar und maßvoll. Die jüngsten Entwicklungen geben aber Anlass zur Sorge und gingen wiederum nicht von Polizei oder Innenministerium aus. Dass der FC Schalke gegen zweifelsfrei identifizierte Randalierer, die sich als BVB-Fans ausgeben, bundesweite Stadionverbote verhängt, verdient zu 100 Prozent Unterstützung.

Darüber hinaus wurden jedoch fast 500 Hausverbote für die Turnhalle gegen BVB-Anhänger verhängt, die vor dem Skandal-Derby am Essener Hauptbahnhof polizeilich überprüft wurden. Hier wird es nun schwierig. Einerseits handelte es sich nicht um einen offiziell empfohlenen Anreiseweg zum Spiel, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ein Großteil derjenigen, die ihn dennoch nutzten, dürfte sich bewusst gewesen sein, dass dadurch Kontrollen umgangen werden sollten. Andererseits sind natürlich die meisten Fans am Bahnhof friedlich geblieben, weswegen es schon fragwürdig ist, dass ihre Daten an den FC Schalke weitergegeben wurden.

Einerseits ist es Willkür, andererseits hat ein Verein oder Stadionbetreiber eben das Hausrecht, das es ihm erlaubt, bestimmte Personen nicht einzulassen. Und darüber hinaus muss man auch als kritischer Fan eingestehen, dass es ein Phänomen am Rand (nicht nur) der Derbykrawalle gibt, das leider die Trennlinie zwischen gutem Fan und bösem ‚Fan‘ verwischt: die Mitläufer. Die, die eben absichtlich mit dem selben Zug zum Spiel fahren wie die harten Jungs. Die sich nicht aktiv an Ausschreitungen beteiligen, aber dabei sind, johlen, filmen, ihre Unterstützung zeigen. Die dazu gehören wollen, wenn es gegen die Blauen und die Polizei geht. Wenn es hier mehr Distanzierung gäbe, wäre manches leichter.

Die Situation ist derzeit aber eher angespannt. Was ausgerechnet die beteiligten Vereine Borussia Dortmund und FC Schalke, sekundiert von den Medien, dazu bewogen hat, ernsthaft den kompletten Ausschluss von Gästefans beim Derby in Erwägung zu ziehen. Der BVB soll dabei sogar die treibende Kraft gewesen sein – für eine freiwillige Kollektivbestrafung der eigenen Anhänger, die trotz der schlimmen Bilder vom Herbst in der Mehrzahl friedlich waren. Eine solche Maßnahme wäre schlicht ein Armutszeugnis, ein Tiefschlag für die Fankultur und man würde vor allem auch diejenigen bestrafen, die das Derby zu dem machen, was es in positiver Hinsicht ist.

Eine Annäherung an italienische oder griechische Verhältnisse ist derzeit unnötig. Die, die das Derby in den Dreck ziehen, dürfen gerne hart bestraft werden. Verurteilte Gewalttäter auch mit Meldeauflagen – mit Stadionverboten ohnehin. Eine Vermischung der Hooligan-Schlägereien in der Kölner Innenstadt mit den Vorkommnissen in der Schalker Arena letztes Jahr und dem Derby allgemein sollten aber zumindest die Vereine vermeiden. Vor allem auch der BVB, der sich zuletzt über manche Schlagzeile in den Medien zu Recht aufgeregt hat.

Einen guten Artikel zum Thema findet ihr auch beim Rote Erde Blog.

Kollektiv-Haftung nicht ausgeschlossen

Die DFB-Sportgerichtsbarkeit hat heute das Prinzip der kollektiven Haftung in der 1. Bundesliga eingeführt und geht damit einen Schritt hin zu italienischen Verhältnissen. Zum ersten Mal in der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse werden alle Fans eines bestimmten Vereins von einem Spiel ausgesperrt. Betroffen sind die Anhänger des 1. FC Köln, denen für das Auswärtsspiel bei Hoffenheim am 10. April keine Karten verkauft werden dürfen. Das Sportgericht sanktioniert damit das Entzünden von Pyrotechnik bei fünf Kölner Auswärtsspielen in dieser Saison.

Der FC hat den drastischen Sanktionen, die auch eine Geldstrafe und Entschädigungszahlungen an die TSG Hoffenheim beinhalten, bereits zugestimmt. Laut Manager Michael Meier wollte man damit einem Ausschluss von Fans bei Heimspielen entgehen. Der Gedankengang dahinter, dem die Richter ebenfalls gefolgt sein dürften: Mit der Kollektivstrafe soll der Druck auf ’normale‘ friedliche Fans erhöht werden, sich von den Pyromanen zu distanzieren und diese mit Worten oder Taten (sprich: Meldung an Ordner) von Zündeleien abzuhalten.

Ob diese Vorgehensweise notwendig, zielführend und gerechtfertigt ist, darf jedoch bezweifelt werden. Von italienischen Verhältnissen, was vorsätzliche körperliche Gewalt gegen Personen angeht, ist die Bundesliga ein großes Stück entfernt. Es gab und gibt immer wieder hässliche Szenen, gerne bei den verschiedenen Derbys oder anderweitigen Problemspielen wie Rostock v St. Pauli, aber Eskalationen wie in Rom konnte die Polizei bislang vermeiden.

Das vorherrschende Problem in den Erstliga-Stadien ist zurzeit die Pyrotechnik – darum ging es auch im jetzigen DFB-Urteil. Zu erwarten, dass andere Fans das Abbrennen verhindern könnten, scheint jedoch illusorisch. Die Gruppen, in deren Mitte die Pyros entzündet werden, treten meistens geschlossen auf und sind eher beratungsresistent. Insofern trügt die Hoffnung auf Selbstheilungskräfte innerhalb der Fanszene und kann nicht als Rechtfertigung für den Ausschluss aller Fans gelten.

Um an die Problemfans heranzukommen, wäre vielmehr nachhaltige Fanarbeit nötig, die irgendwie finanziert werden muss. Man darf sich selbstverständlich auch hier keine Illusionen machen: Fanprojekte und -abteilungen erreichen bei weitem nicht alle Gruppierungen, insbesondere nicht die, für die Gewalt ein wesentlicher Bestandteil des Erlebnisses Fußball ist. Soziale und gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht völlig aus dem Fußball verbannen – unschuldige Fans dafür zu bestrafen, ist der falsche Weg. Die TSG wird ohnehin nicht ganz verhindern können, dass sich Kölner Fans Karten aus dem Heimkontingent besorgen.

Ich möchte die Gewalttäter und Pyrotechniker jedoch nicht ihrer persönlichen Verantwortung entheben. Wie es ohnehin bereits gemacht wird, müssen die Strafverfolgungsbehörden die umfangreichen Videoaufzeichnungen sichten und wenn möglich, die Täter feststellen. Bei zweifelsfrei feststehender Täterschaft können von mir aus lange Stadionverbote verhängt werden – natürlich abgestuft nach Art des Vergehens. Ja, Pyrotechnik sieht schön aus, aber selbst 15-jährige sollten schon begreifen, dass sie gefährlich sein kann und letztendlich allen Fans und dem Verein schadet. Beim Aufspüren der Zündler könnten zusätzliche Ordner im Block helfen – für den Fall, dass die Bengalos etc. ‚heimlich‘ im Schutz der Masse entzündet werden.

Mit dem heutigen Urteil hat das DFB-Sportgericht einen Präzedenzfall geschaffen. Zu befürchten steht, dass wir in Zukunft häufiger ausgesperrte Fans erleben werden. Heute wurden ausgerechnet die im positiven Sinne leidenschaftlichsten Fans kollektiv bestraft: Die, die zu Auswärtsspielen fahren. Ob die wenigen Pyrotechniker und Randalierer unter ihnen dadurch domestiziert oder eher radikalisiert werden, darum kümmert sich das Urteil nicht.