Die größte anzunehmende Kollektivstrafe

Karl-Liebknecht-Stadion Spielfeld beim Spiel Babelsberg 03 gegen Tebe Berlin
Das wollen die allermeisten Babelsberger sehen: einfach Fußball wie beim 3:1 im Testspiel gegen Tennis Borussia Berlin am 13. Juli.

Eine saftige Strafe war zu erwarten gewesen – es wurde der Hammer: Der Regionalligist SV Babelsberg 03 wird für die kommende Saison vom brandenburgischen Landespokal ausgeschlossen. So lautet zumindest das erstinstanzliche Urteil des Landesverbandes FLB.

Was war passiert? Im Pokalfinale im Mai gegen Energie Cottbus waren in der Halbzeitpause vermummte Gestalten im Block aufmarschiert. In der zweiten Hälfte sorgten sie zunächst für eine kurze Spielunterbrechung durch den Einsatz von Bengalos. Nach der späten 0:1-Niederlage gab es dann kein Halten mehr: Böller und Pyros wurden aufs Spielfeld und in Richtung gegnerische Fans geworfen. Auch auf die eigenen Ordner und Spieler wurde keine Rücksicht genommen.

Die ganze zweite Halbzeit und noch lange nach Abpfiff stand die überschaubare Anzahl von vermummten Idioten in der Nordkurve, dem Block der Fanszene inklusive Ultras. Am Ende musste die Siegerehrung abgesagt werden, weil die Sicherheit nicht gewährleistet war. Zaghafte Versuche anderer Fans, die Vermummten zur Einsicht zu bringen, wurden mit banalen Sprüchen und teilweise gewalttätig abgewehrt. Weiterlesen „Die größte anzunehmende Kollektivstrafe“

Wer hat an der Uhr gedreht? Hamburg, ist es schon so spät?

Es gibt ja immer noch Leute, die finden, ein unzweifelhafter Traditionsverein wie der Hamburger SV dürfe nicht absteigen – wenn dafür Klubs wie Wolfsburg, Augsburg oder Leipzig in der 1. Bundesliga spielen. Manche unterscheiden bei den Namen mehr, manche weniger. Doch die Zahl der Leute, die diese Meinung vertreten, sinkt. Und zwar mit Recht.

Auch ich finde, RB gehört nicht in die Bundes- sondern in die Kreisliga. Aber abgesehen davon hat es über die letzten Jahre betrachtet kein Verein so sehr verdient abzusteigen wie der HSV. Wer aus so viel Potenzial so wenig macht, wer zuletzt immer Glück und Fehlentscheidungen brauchte, um drin zu bleiben, hat den Goodwill der Fans anderer Vereine aufgebraucht.

Und dann noch der Auftritt der eigenen ‚Fans‘ im Weserstadion gestern. Spätestens jetzt sage ich klar und deutlich: „Geil, schon sieben Punkte Rückstand. Und die Zeit wird knapp.“ Natürlich: Es waren wieder nur kleine Teile der Anhänger, die sich daneben benahmen. Aber es passt zum Gesamtbild, das der Verein abgibt. Und ich wüsste nicht, warum ich es den Fans von Freiburg, Wolfsburg oder Mainz eher gönnen sollte, abzusteigen als den Hamburgern.

Diesmal könnte es also tatsächlich klappen. Mit 17 Punkten zehn Spieltage vor Schluss steht der HSV drei Punkte schlechter da als 2013/14, der zu diesem Zeitpunkt der Saison  schlechtesten Spielzeit der letzten fünf Jahre. Damals schaffte es die Mannschaft noch in die Relegation, stand allerdings nach dem 24. Spieltag bereits auf Platz 16, punktgleich hinter dem 15. Die Situation jetzt ist also dramatisch schlechter. Sollten es die Hamburger allerdings erneut in die Relegation schaffen, dürften sie wieder gute Karten haben. Die Zweitligisten, die sich gerade um Platz 3 streiten, flößen nicht gerade Furcht ein.

Und wir kritisieren euch doch!

Über Dortmund zieht das sich schon am Sonntag ankündigende Gewitter hinweg und lässt die BVB-Verantwortlichen sowie die große Mehrheit der friedlichen und anständigen Fans im Hagelschauer stehen. Eingebrockt haben uns das wohl egoistische, unverbesserliche Teile der Ultra-Szene sowie die neuen Hooligans. Ja, es wurden Grenzen überschritten, physisch und verbal. Mit diesen Überschreitungen waren vermutlich mindestens 24.500 der 25.000 Südtribünen-Besucher so nicht einverstanden. Diese wurden und werden nun neben allen anderen BVB-Fans von zwei Seiten in Geiselhaft genommen: Einerseits von den widerlichen Kriminellen aus den eigenen Reihen, andererseits durch Medien, Polizei, Politik und natürlich den Gegner vom Samstag.

Denn leider gab es die erwartbare Überreaktion und nur wenige differenzierende Stimmen, nachdem die Polizei Dortmund die Wortwahl vorgegeben hatte – in dieser Form vielleicht auch, um von der Tatsache abzulenken, dass man die Partie gegen RB Leipzig unverständlicherweise nicht als Hochrisikospiel deklariert hatte. Nun wird also allen Ernstes Hans-Joachim Watzke eine moralische Mitschuld an den Ausschreitungen gegeben, weil er sich in der Vergangenheit kritisch zum Dosenklub geäußert hat. Die Vorwürfe kommen nicht nur von organisierten RB-Fans, sondern auch von der Gewerkschaft der Polizei und anderen.

Wie vorhergesagt schlüpft nun RB Leipzig in die Opferrolle, nachdem der Schein der Normalität vorerst nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Um eines klar zu sagen: Auch in Dortmund muss sich etwas ändern. Der Radikalisierung eines kleinen Teils der Fanszene muss Einhalt geboten werden, denn diese Fraktion hat das Potenzial, großen Schaden anzurichten – auch an der Dortmunder Fankultur. Vielleicht kann der Selbstreinigungsprozess tatsächlich nur durch einen einmaligen Zuschauer-Teilausschluss der besonders betroffenen Blöcke angestoßen werden. Ich schreibe das mit Fragezeichen und Bauchschmerzen – aber wir brauchen eine kritische Masse, die sich den Gewalttätern und Idioten gegenüberstellt.

Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Trotz all dem dürfen und müssen wir weiter das Modell RB Leipzig kritisieren. Das taten übrigens schon bisher nicht nur Fans aus Dortmund oder von anderen großen Traditionsvereinen, sondern auch die Anhänger vieler kleinerer Klubs. Selbst in Leipzig gibt es fußballbegeisterte Menschen, die sich nicht von Mateschitz, Rangnick und Co. „zwangsbeglücken“ lassen wollen – wie ein großartiges Blog beweist. Es gibt ja nach wie vor genügend Anlässe für Kritik und diese liegen nicht nur in der Vergangenheit. So war bereits in österreichischen und deutschen Medien nachzulesen, wie der Brause-Konzern dafür sorgen will, dass RB Leipzig und RB Salzburg trotz UEFA-Beschränkungen im Europapokal starten dürfen. Da wird Red Bull mal eben zum bloßen Hauptsponsor der Salzburger herabgestuft – angeblich ohne direktes Mitspracherecht in Vereinsgremien. Und die sportlich gesinnten Fußballfans fragen sich, was passiert, wenn die beiden RB-Klubs in Champions oder Europa League direkt aufeinandertreffen.

Rindfleischburger zum Frühstück

1. Bundesliga, 19. Spieltag / BVB 1 RB Leipzig 0

Ein Sieg für die Freunde des Fußballs – da schmecken die Brötchen und der koffeinhaltige Kaffee am Sonntagmorgen besonders gut. Borussia Dortmund fand gegen den Tabellenzweiten die richtige Taktik und die richtige Einstellung, ließ kaum Chancen zu und hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass die beinahe letzte Spielsekunde beinahe noch schrecklich wurde.

Drei Gedanken zum Spiel

Es war auch ein Sieg des Matchplans. Ein Sieg von Thomas Tuchel über seine Kritiker, die tatsächlich äußerst diffus in ihren Argumenten sind und vor allem das nachplappern, was die Bild-Zeitung kolportiert. Gestern hatte sich der Trainer die richtigen Gedanken vor dem Spiel gemacht und seine Spieler setzten sie um. Gegen bekanntlich sehr früh pressende Leipziger einen spielstarken Innenverteidiger wie Marc Bartra zu bringen, zahlte sich aus – auch wenn der Spanier nicht komplett ohne Fehl und Tadel blieb. In der Offensive setzte Tuchel überspitzt gesagt alles auf einen Flügel: Erik Durm und Ousmane Dembelé bildeten über rechts ein technisch starkes, handlungsschnelles Duo, das vor allem in zwei Situationen, darunter das 1:0, glänzend agierte.

Überhaupt: Dem fantastischen Dembelé gebührt in Normalverfassung ein Stammplatz. Mit Auba und ihm zwei äußerst schnelle Spieler gegen die Pressingmaschine Leipzig zu setzen, war ohnehin goldrichtig. Marco Reus erwischte dagegen einen, nun ja, unglücklichen Tag. Einsatz und Laufwege stimmten, doch der Abschluss kostete die Fans der Schwarz-Gelben einige Nerven. Drei Großchancen gegen RB zu vergeben wäre fast unverzeihlich gewesen. Dennoch: Für mich gehört Reus neben Aubameyang und Dembelé in die BVB-Offensive. Dass damit ein 55-Millionen-Duo auf der Bank Platz nehmen muss, haben andere zu verantworten. Weiterlesen „Rindfleischburger zum Frühstück“

Eine rote Linie hat zwei Seiten

Während Borussia Dortmund heute das Testspiel beim Drittligisten MSV Duisburg mit 6:1 gewonnen hat und Hoffnungen auf einen guten Rückserienauftakt schürt, wurde in Fankreisen und Medien hauptsächlich ein anderes Thema diskutiert. Es ging um Gewalt und Ausschreitungen im Stadion, aber auch außerhalb, und vor allem um die jüngere Vergangenheit und nähere Zukunft des größten deutschen Derbys zwischen dem BVB und dem FC Schalke.

Die Sanktionen, die Borussia Dortmund gegen eigene Fangruppen verhängt hat, die mit den Ausschreitungen beim letzten Derby in Gelsenkirchen in Verbindung gebracht wurden, waren nachvollziehbar und maßvoll. Die jüngsten Entwicklungen geben aber Anlass zur Sorge und gingen wiederum nicht von Polizei oder Innenministerium aus. Dass der FC Schalke gegen zweifelsfrei identifizierte Randalierer, die sich als BVB-Fans ausgeben, bundesweite Stadionverbote verhängt, verdient zu 100 Prozent Unterstützung.

Darüber hinaus wurden jedoch fast 500 Hausverbote für die Turnhalle gegen BVB-Anhänger verhängt, die vor dem Skandal-Derby am Essener Hauptbahnhof polizeilich überprüft wurden. Hier wird es nun schwierig. Einerseits handelte es sich nicht um einen offiziell empfohlenen Anreiseweg zum Spiel, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ein Großteil derjenigen, die ihn dennoch nutzten, dürfte sich bewusst gewesen sein, dass dadurch Kontrollen umgangen werden sollten. Andererseits sind natürlich die meisten Fans am Bahnhof friedlich geblieben, weswegen es schon fragwürdig ist, dass ihre Daten an den FC Schalke weitergegeben wurden.

Einerseits ist es Willkür, andererseits hat ein Verein oder Stadionbetreiber eben das Hausrecht, das es ihm erlaubt, bestimmte Personen nicht einzulassen. Und darüber hinaus muss man auch als kritischer Fan eingestehen, dass es ein Phänomen am Rand (nicht nur) der Derbykrawalle gibt, das leider die Trennlinie zwischen gutem Fan und bösem ‚Fan‘ verwischt: die Mitläufer. Die, die eben absichtlich mit dem selben Zug zum Spiel fahren wie die harten Jungs. Die sich nicht aktiv an Ausschreitungen beteiligen, aber dabei sind, johlen, filmen, ihre Unterstützung zeigen. Die dazu gehören wollen, wenn es gegen die Blauen und die Polizei geht. Wenn es hier mehr Distanzierung gäbe, wäre manches leichter.

Die Situation ist derzeit aber eher angespannt. Was ausgerechnet die beteiligten Vereine Borussia Dortmund und FC Schalke, sekundiert von den Medien, dazu bewogen hat, ernsthaft den kompletten Ausschluss von Gästefans beim Derby in Erwägung zu ziehen. Der BVB soll dabei sogar die treibende Kraft gewesen sein – für eine freiwillige Kollektivbestrafung der eigenen Anhänger, die trotz der schlimmen Bilder vom Herbst in der Mehrzahl friedlich waren. Eine solche Maßnahme wäre schlicht ein Armutszeugnis, ein Tiefschlag für die Fankultur und man würde vor allem auch diejenigen bestrafen, die das Derby zu dem machen, was es in positiver Hinsicht ist.

Eine Annäherung an italienische oder griechische Verhältnisse ist derzeit unnötig. Die, die das Derby in den Dreck ziehen, dürfen gerne hart bestraft werden. Verurteilte Gewalttäter auch mit Meldeauflagen – mit Stadionverboten ohnehin. Eine Vermischung der Hooligan-Schlägereien in der Kölner Innenstadt mit den Vorkommnissen in der Schalker Arena letztes Jahr und dem Derby allgemein sollten aber zumindest die Vereine vermeiden. Vor allem auch der BVB, der sich zuletzt über manche Schlagzeile in den Medien zu Recht aufgeregt hat.

Einen guten Artikel zum Thema findet ihr auch beim Rote Erde Blog.

Zerfetzte Nerven beim Derbysieg

1. Bundesliga, 10. Spieltag / FC Schalke 1 BVB 3

Eigentlich war es ein perfektes Derby: Zeitweise spannend, emotional und doch wurde ganz deutlich, wer die Nummer 1 im Pott ist. Wären da nicht die Minuten vor dem verzögerten Anpfiff gewesen. Die hier aus chronolgischen Gründen an den Anfang gestellt werden.

Eine niedrige dreistellige Zahl von Menschen, die behaupten, sie wären BVB-Fans begriff das Auswärtsderby mal wieder als Lizenz zu asozialem Verhalten. Was im Stadion vor sich ging, übertraf die Ereignisse bei den Derbys der letzten Jahre deutlich. Wäre es bei gelbem Rauch im BVB-Block geblieben, hätte sich kaum jemand groß darüber aufgeregt. Doch dann flog eine Rauchbombe und eine Leuchtrakete aufs Spielfeld – wo unser Torwart Roman Weidenfeller gerade versuchte, auf die eigenen Fans einzuwirken. Und es wurde eine Leuchtrakete in den vollbesetzten gegnerischen Block geschossen. Das ist nur noch kriminell – und ohne den ’schönen‘ gelben Rauch wäre es für die Täter womöglich schwieriger gewesen, das durchzuziehen.

Was wir Fans jetzt am wenigsten gebrauchen können, sind irgendwelche Apologeten, die die Vorkommnisse verharmlosen oder von einer vorherigen Eskalation durch die Polizei sprechen – die anreisenden Ultras am Bahnhof Essen West womöglich nicht deren freien Willen gelassen hat. Selbst wenn dort überreagiert wurde, darf das niemals als Erklärung oder gar Entschuldigung für den Beschuss von Menschen in der Turnhalle gelten. Ich habe von den verantwortlichen Gruppen und der Opferrolle, die sie gerne einnehmen, die Schnauze voll bis oben hin. Um ein Haar hätten sie uns den Derbysieg kaputt gemacht und es wird Zeit, dass sie keine Solidarität mehr bekommen. Es sind Einzeltäter, aber ihre Taten funktionieren nur aus dem Schutz einer Gruppe heraus. Die BVB-Verantwortlichen haben gesagt, was gesagt werden musste und Hans-Joachim Watzke verdient die Unterstützung der echten Fans, wenn er ankündigt:

Es wird etwas von unserer Seite geschehen, das ist sicher. Wir können einschätzen, wer die Rädelsführer waren, und wir werden handeln.

Cut. Zum Fußball. Schwer, aber bei einem Derbysieg durchaus machbar. Die Mannschaft hat sich durch den verzögerten Beginn nicht beeindrucken lassen. Schnell wurde deutlich, dass der FC Schalke derzeit weder die Torgefahr noch die defensive Sicherheit ausstrahlt, die nötig wäre, um an der Ligaspitze mitzuhalten. Nach zwei Derbypleiten zuletzt war der Wille bei den Schwarz-Gelben zu 100 Prozent vorhanden. Das zeigte sich an Laufbereitschaft und Gegenpressing – der BVB legte beides an den Tage wie in den Spielen, in denen das zum Markenzeichen des Klopp’schen Fußballs wurde.

Ein schneller Angriff führte bereits in der 14. Minute zur Führung. Der Ball wurde gut von hinten heraus gespielt. Der sensationelle Mkhitaryan, der alle drei Treffer vorbereiten sollte, passte aus zentraler Position nach halbrechts zu Reus, der in der Mitte Aubameyang und Lewandowski als freie Anspielstationen hatte. Pierre-Emerick stand näher zu Reus und lenkte den Ball ins Tor. In der Folge spielten die Schwarz-Gelben die Gastgeber phasenweise an die Wand und hätten weitere Tore erzielen müssen. Aubameyang kam einen Schritt zu spät, Lewandowski traf ein paar Mal falsche Entscheidungen. Schön zu sehen war trotz der ausbaufähigen Chancenverwertung, dass die zentrale Achse gut funktionierte: Hummels und Subotic spielten von hinten viele gute Pässe, die Kreativspieler Sahin und Mkhitaryan waren glänzend aufgelegt. Beweis: das spätere 2:0, als der Neuzugang den zentral freien Sahin fand, der dann mit einem wundervollen Schuss ins rechte Eck traf.

Doch noch in der ersten Hälfte hatte Schalke die große Chance zum Ausgleich. Subotic traf Fuchs im Strafraum bei einem Tackling leicht am Fuß, Schiedsrichter Kircher deutete vertretbarerweise auf den Punkt. Heilsbringer Boateng trat an, schoss kräftig, aber in einer für den Torwart dankbaren Höhe – trotzdem ein von Weidenfeller toll gehaltener Elfer. Erstaunlich, dass Roman vom chancenlosen Hinterherflieger zum Elfmetertöter geworden ist. Spätestens nach diesem emotionalen Highlight war aber klar, dass das Derby trotz Dortmunder Dominanz nicht zum Selbstläufer werden würde. Schalke kam besser ins Spiel, hatte zunächst aber nur eine halbe Chance durch Boateng. Nach dem 2:0 in der 51. Minute ließ die Borussia den Gastgebern zu viel Raum, was diese zumindest in viel Ballbesitz und einen gewissen Druck umzusetzen verstanden. Der Anschlusstreffer durch das kurz zuvor eingewechselte Talent Meyer war daher nicht unverdient.

Dass die Schwarz-Gelben bei vollem Einsatz mit den derzeit zur Verfügung stehenden Spielern und Trainern deutlich vor den Blauen stehen, zeigte sich jedoch in der Folge. Unsere Jungs standen wieder sicherer und nutzten eine sich bietende Gelegenheit in der 74. Minute brillant zur Entscheidung. Mkhitaryan diesmal nach Ballverlust von Draxler mit einem Lauf über den ganzen Platz und der Übersicht, nicht in die Mitte, sondern auf den weiter rechts völlig freien Kuba zu legen. 3:1. Danach war die Luft ziemlich raus, einige Akteure wirkten auch etwas platt, was aber verständlich und nicht weiter schlimm war.

Sportlich war es ein überzeugender, toller Derbysieg; nach dem Erfolg in London die gelungene Fortsetzung einer heißen Saisonphase. Nach gestern, dem zehnten Spieltag, kann man sagen, dass alle Neuzugänge – Sokratis vielleicht mit leichten Abstrichen – sich bisher als wichtige Verstärkungen erwiesen haben. Hoffen wir auf ein weises Vorgehen der DFL und des Vereins hinsichtlich der Ausschreitungen – freuen wir uns auf ein tolles Freitagabendspiel gegen den VfB Stuttgart!

Die Aufstellung: Weidenfeller – Großkreutz, Subotic, Hummels, Schmelzer (46. Durm) – Bender, Sahin – Aubameyang (71. Blaszczykowski), Mkhitaryan, Reus (89. Hofmann) – Lewandowski. Gelbe Karte: Schmelzer. Tore: Aubameyang, Sahin, Blaszczykowski

Mit Übertreibung, ohne Plan: die DFL-Sicherheitsdiskussion

Aufgeregte Reaktionen, reihenweise Vereine, die auf Distanz gehen und eine Fankampagne, initiiert von Schwatzgelb.de – die Vorschläge einer „Kommission Sicherheit“ des DFL-Ligaverbandes zur Verbesserung der Sicherheit in Fußballstadien haben ein großes Echo hervorgerufen. Diskutiert wird über ein Maßnahmenpapier (auffindbar via Ruhrbarone), das auf der Mitgliederversammlung des Ligaverbandes Ende September präsentiert wurde, aber noch keineswegs beschlossene Sache ist. Leider gibt es dabei auf Seiten der Fans ein Äquivalent zur ausufernden Medien-Berichterstattung über Gewalt im Fußball-Umfeld. Auch die Äußerungen von Bloggern, Fan- und fanfreundlichen Vereinsvertretern beinhalten Übertreibungen und Schwarz-Weiß-Malerei.

Was die Diskussion wesentlich erschwert, ist die Uneinigkeit über die Dimension der Problematik. Durch aufgeregte Medienberichte wird das Fehlverhalten einiger Fans in immer kürzeren Abständen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit transportiert. Daraus konstruiert der Meinungsmainstream einen Handlungsdruck. „Ich fühl‘ mich sicher“, die schon erwähnte Kampagne von Schwatzgelb.de, bestreitet dagegen, dass der Besuch eines Fußballspiels in den letzten Jahrzehnten gefährlicher geworden sei und belegt, dass beispielsweise beim Münchener Oktoberfest das Risiko eines Personenschadens deutlich höher liegt.

Wir haben es hier allerdings mit einem generellen Problem von Statistiken zu Massenveranstaltungen zu tun. Während der Fußball über die Saison betrachtet sicher erscheint, gibt es bei einzelnen Partien Vorkommnisse, über die man nicht so einfach hinweggehen kann. Das Relegationsrückspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC kommt einem in den Sinn, hierbei vor allem das Verhalten der Berliner Fans. Oder als jüngstes Beispiel der Platzsturm der Gästefans bei der Pokalpartie Hannover 96 gegen Dynamo Dresden. Die Ausschreitungen beim Revierderby in Dortmund fanden zwar überwiegend außerhalb des Stadions statt, sind aber nicht vom Ereignis zu trennen. Mag es auch bei den ersten zwei Beispielen keine Verletzten gegeben haben, so wandelt man da auf einem schmalen Grat. Wenn sich aggressive Fangruppen Zutritt zum Spielfeld oder womöglich zu anderen Blocks verschaffen können und dabei auch noch Pyrotechnik unsachgemäß benutzen, wird das nicht immer glimpflich ausgehen.

Am Beispiel der Pyrotechnik kann man die Problematik, der sich Vereine wie Fans gegenüber sehen, gut verdeutlichen. Bengalos könnten eine stimmungsvolle Zutat des „Stadionerlebnisses“ sein, doch stellen sie in den falschen Händen eine Gefahr nicht nur für die unmittelbar Umstehenden dar. Es gibt eine Minderheit von Menschen im Umfeld der Fußballvereine, je Club eine dreistellige oder niedrige vierstellige Personenzahl, die sich nicht an Spielregeln halten, die schlicht und einfach notwendig sind. Diese Personen nutzen Pyrotechnik mutwillig unsachgemäß. Sie werfen Bengalos aufs Spielfeld und in gegnerische Fanblocks oder zünden Rauchbomben. Zu den Problemfällen gehören auch Gewalttäter und Rechtsradikale, die den Fußball für ihre Zwecke missbrauchen. Weiterlesen „Mit Übertreibung, ohne Plan: die DFL-Sicherheitsdiskussion“

Derbypleite Hausmacher Art

1. Bundesliga, 8. Spieltag / BVB 1 FC Schalke 2

Klar war vor dem 141. Revierderby schon, dass sich die Borussia wenig Hoffnungen machen konnte, die Begegnung so zu dominieren wie in der vorletzten Saison. Zu sehr hatte sich die Form der Schwarz-Gelben der der Rivalen aus Gelsenkirchen angeglichen, war unkonstanter geworden. Und zu viele wichtige Spieler fielen ausgerechnet vor dieser Partie aus. Am enttäuschenden Verlauf hatte jedoch auch die Systemumstellung von Jürgen Klopp einen gehörigen Anteil. Der Trainer war einer der wenigen auf Dortmunder Seite, die das im Anschluss offen einräumten:

„Den Schuh ziehe ich mir an. Erst nach der Systemumstellung waren wir ein wenig stabiler, aber wir haben zu wenig Fußball gespielt.“

Klopp hatte auf ein 3-5-2-System – oder noch genauer, auf ein 3-3-2-2 – umgestellt. Zum ersten Mal während der Amtszeit dieses Trainers agierte vor Roman Weidenfeller nur eine Dreierkette. Und diese taktische Maßnahme ist hierzulande nicht ohne Grund aus der Mode geraten.

Eigentlich wäre es nötig gewesen, den starken Außen der Blauen, Farfan und Afellay, defensiv orientierte Spieler entgegenzustellen. Die Dortmunder auf den Außenbahnen, Großkreutz und Piszczek, agierten aber der Aufstellung entsprechend weit vorgezogen und konnten beim Umschalten nach den häufigen Ballverlusten die Lücken nicht schnell genug schließen. Dies verunsicherte die Dreierkette Subotic – Bender – Hummels zusätzlich, so dass immer wieder Abstimmungs- und Zuordnungsprobleme offenbar wurden. Die offensiv orientierten Mittelfeldspieler Perisic und Leitner konnten kaum Impulse setzen. Dass der schwarz-gelbe Spielaufbau stockte, war jedoch ein Problem, das schon hinten anfing und sich durch das ganze Mittelfeld fortsetzte. Auch Marco Reus, gestern als zweite Spitze eingesetzt, leistete sich viele Ballverluste.

Etwas Neues auszuprobieren ist eigentlich eine Tugend. Die Borussia war bisher auch noch nicht das konstante ‚winning team‘, das man nicht ändern sollte. Warum Klopp aber ausgerechnet vor dem Derby den Schritt zu dieser massiven Systemumstellung ging, bleibt ein Rätsel. Viele Fans glaubten vor dem Spiel in der Kneipe an einen Fehler von „Sky“, als die taktische Aufstellung eingeblendet wurde. Der offensichtliche Wunsch, das Mittelfeld nach den Ausfällen von Kuba, Götze und Gündogan zu verdichten, erfüllte sich nicht. Weiterlesen „Derbypleite Hausmacher Art“

Das Ende der Toleranz

Am vergangenen Sonntag trat Borussia Dortmund beim Blitzturnier in Düsseldorf an. Sportlich ist das Geschehen schnell zusammengefasst: Im ersten Spiel verloren die Schwarz-Gelben mal wieder ein Elfmeterschießen, so dass dem Gastgeber und späteren Turniersieger Fortuna eine Mini-Revanche für das Pokalaus glückte. Im mäßigen Spiel um Platz 3 gelang dann ein 1:0-Sieg über Werder Bremen durch ein weiteres Tor des abwanderungswilligen Mohamed Zidan.

Die BVB-Fans im geschlossenen Stadion zogen sich den Unmut des restlichen Publikums und aller Beobachter zu, weil es aus dem schwarz-gelben Fanblock zu (mindestens) zwei Böllerwürfen kam. Einer davon ging in Richtung Spielfeld. Wir reden hier über Exemplare, die schon im Fernsehen sehr laut rüberkamen. Natürlich muss jetzt der Hinweis erfolgen, dass sicher nur ganz wenige Fans, eventuell sogar nur eine Einzelperson, daran beteiligt waren. Trotzdem habe ich die Schnauze gestrichen voll von den Typen, die so was werfen und sich dann feige in der Menge verstecken. Man weiß nicht erst seit dem Karriereende von Georg Koch oder nur wenn man Silvester öfter in Berlin verbringt, wie gefährlich diese Knallkörper sind.

Kein normaler Fan, Ultra oder was auch immer unterstützt diese kriminellen Handlungen. Aber tut jemand aus Fankreisen etwas dagegen? Hat irgendjemand Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt wie gegen die TSG Hoffenheim? Sollte ein Leser in Düsseldorf dabei gewesen sein, würde mich interessieren, ob er/sie irgendetwas von Reaktionen anderer BVB-Fans mitgekriegt hat. Ich möchte mal wieder Mats Hummels zitieren, weil er einfach so häufig recht hat:

Es [die Böllerwerferei] beweist weder, dass ihr uns besonders unterstützt, es hilft der Mannschaft nicht (es nervt uns sogar) und es ist gefährlich. Bei mehreren tausend Leuten außenrum sollte es eigentlich möglich sein, diese Randalierer zu stoppen.

Natürlich ist eine Reaktion aus dem Fanblock nicht einfach. Vor allem als Einzelperson oder Kleingruppe möchte man sich nur ungern mit Personen anlegen, die Böller dieses Kalibers werfen. Aber man kann es sich auch nicht so einfach machen, alle Verantwortung an die Sicherheitskräfte abzuschieben. Denn die sind unter anderem aus Gründen der Deeskalation nicht in größerer Anzahl im Block. Nehmen wir an, die Polizei und/oder Ordner würden wegen der Wiederholungsgefahr versuchen, identifizierte Übeltäter mit Gewalt aus dem Block zu holen – würde es nicht möglicherweise zu einer Solidarisierung mit den Gesuchten kommen?

Die Sache ist schwierig, ein Dilemma. Denn niemand will Gewalt oder Selbstjustiz unter Fans. Aber müssten sich nicht die Fans gegen die Böllerwerfer solidarisieren und dafür sorgen, dass sie den Ordnungskräften ‚zugeführt‘ werden? Größere Fangruppen und gerade auch die Ultras sollten ein Interesse daran haben, dass im Fanblock und auf dem Spielfeld niemand zu Schaden kommt und der Ruf des Vereins nicht leidet. Fanvertreter werden erst dann als Gesprächspartner ernst genommen werden, wenn es ihnen gelingt, in solchen Situationen Verantwortung zu übernehmen.

Auf die Belehrbarkeit der Leute, die solch extreme Pyrotechnik im Stadion zünden, braucht man nicht zu hoffen. Genau das Gleiche gilt für jene, die rassistische oder antisemitische Sprüche machen. Es muss unter organisierten Fans und größeren Gruppen einen Konsens geben, gegen solche Taten angemessen vorzugehen. Oft kann das nur heißen, bei der schnellen Identifikation der Täter behilflich zu sein – das hat nichts mit Denunziation zu tun. In einigen Fällen können möglicherweise auch deutliche Warnungen helfen. Der Satz „es darf keine Toleranz gegenüber Intoleranz geben“ ist wahr – und Riesenböller im Stadion zu zünden ist verdammt intolerant.

Gegen alle Widerstände

Borussia Dortmund war nach der überraschenden Qualifikation für die Champions League angetreten, um die Rückkehr auf Europas höchste Fußballbühne zu zelebrieren. Die Realisten unter den Fans hatten ein Ziel: Die schwarz-gelben Auftritte zu feiern, unabhängig davon, was am Ende herausspringt. Im Heimspiel gegen Arsenal, aber auch in Marseille, gelang das eindrücklich. Was Fans und womöglich auch die Mannschaft am Mittwoch beim Spiel in Piräus erwartet, könnte das Feiern massiv erschweren.

Nach heutigem Stand werden die griechischen Fluglotsen am Mittwoch und Donnerstag komplett streiken, so dass keinerlei Starts und Landungen möglich sind. Da deutlich über 95% der BVB-Fans, die das Spiel besuchen wollen, mit dem Flugzeug anreisen dürften und viele ihren Hinflug für Mittwoch und den Rückflug für Donnerstag geplant haben, könnte das schwarz-gelbe Kontingent im Georgios Karaiskakis-Stadion kleiner ausfallen als gedacht. Wegen der großen Entfernung und der schwierigen Lage in Griechenland wird es ohnehin kleiner sein als in Marseille und London. Für viele Fans ist der Weg zum Flughafen am Mittwoch eine Fahrt mit ungewissem Ausgang. Entweder man muss enttäuscht und unverrichteter Dinge umkehren oder es wird 2000 Kilometer südöstlich doch noch irgendein Kompromiss ausgehandelt. Mit Fußball wird er jedoch kaum zu tun haben und woher er kommen soll, ist nicht abzusehen. Ich wünsche allen, die sich auf die Reise machen, viel Glück und dass es doch irgendwie hinhaut!

Zu allem Übel hat der griechische Fußball wiederkehrende Probleme mit Gewalt und Korruption. Ersteres war zuletzt beim Qualifikationsspiel der Nationalmannschaft gegen Kroatien zu beobachten, im gleichen Stadion in Piräus. Die Gästefans haben sich daran allerdings ebenfalls beteiligt. Ausschreitungen vergleichbaren Ausmaßes sind in der CL nicht zu erwarten, vorsichtig sein müssen BVB-Fans trotzdem. Für die Schwarz-Gelben, die es nach Athen / Piräus schaffen, hat die Borussia einen Bustransfer zum Stadion organisiert. Beide Probleme, Korruption und Gewalt, beleuchtete heute Abend ein Beitrag im WDR-Magazin „Sport Inside“.

Die Mannschaft und die sie für teures Geld direkt begleitenden Fans haben es bei der Anreise etwas besser. Ankunft ist bereits am Dienstag, die Abreise erfolgt spätestens gegen 23 Uhr MEZ am Donnerstag. Was natürlich suboptimal für das Spiel am Samstag gegen Köln wäre, aber mit drei Punkten aus dem krisengeschüttelten Griechenland könnte man das verschmerzen. Jürgen Klopp und sein Team werden alles tun, um die Fokussierung auf das Spiel zu ermöglichen und allzu große Bedenken braucht man da nicht zu haben. Fokussierung heißt jedoch nicht gleich Auswärtssieg. Für beide Vereine geht es um die wahrscheinlich letzte Chance, mit einem Sieg den Anschluss an die beiden Führenden wieder halbwegs herzustellen.

In der griechischen Liga stehen nach wenigen Spieltagen mal wieder Panathinaikos und Olympiakos an der Tabellenspitze – noch geht es allerdings knapp zu. Seit meiner ersten Einschätzung des Gegners hat sich Dennis Rommedahl in seine dänische Heimat verabschiedet und der ehemalige spanische Nationalspieler Riera ist zu Galatasaray Istanbul gewechselt. Dafür hat der griechische Meister zwei Spieler von Olympiakos Volos geholt, nachdem dem Verein die Lizenz entzogen worden war.

Die Stimmung im Stadion wird am Mittwoch heiß sein – hoffentlich im positiven Sinne. Die Borussia hat gute Chancen, wenn sie abgeklärt bleibt und ihre Stärken ausspielt. Unglaublich, aber leider wahr: Der glückliche Torschütze vom Freitag, Patrick Owomoyela, hat sich erneut verletzt – er fällt mit einem Muskelfaserriss aus. Glücklicherweise sollte Lukasz Piszczek auf die Position hinten rechts zurückkehren können. Lucas Barrios ist angeschlagen, sein Einsatz fraglich. In der Sturmspitze wird aller Voraussicht nach Robert Lewandowski beginnen. Dahinter heißt es mal wieder drei aus vier: Perisic, Kagawa, Großkreutz und Götze konkurrieren um die Positionen im offensiven Mittelfeld. Letzterer ist bei voller Fitness selbstverständlich gesetzt.

Allen Widrigkeiten und Verletzungen zum Trotz haben die Schwarz-Gelben nach den jüngsten Erfolgen das Potenzial, auch dieses abenteuerliche Auswärtsspiel positiv zu gestalten. Wenn Wille und Konzentration sich noch mit Glück verbinden, könnte dem BVB auch in der Champions League ein Comeback gelingen.