Wanderer zurück vom Abgrund

Es begann eigentlich eher banal. Als ich mich vor rund zwölf Jahren erstmals intensiver mit dem Bolton Wanderers Football Club beschäftigte, war ich getriggert von zwei Fakten: dem legendären Unentschieden, das den Whites 2007 beim großen FC Bayern gelungen war – Stichwort „Fußball ist keine Mathematik“. Und ihren Bei- bzw. Spitznamen „Wanderers“ und „Trotters“, die mir als passioniertem Wanderer und Spaziergänger gut gefielen. Die lokale Verbundenheit, die ich aufgrund damals nur seltener England-Besuche nicht hatte, fiel als Begründung aus; meine Leidenschaft für den englischen Fußball allgemein musste sich aber irgendwie ihre Bahn brechen.

2010 schrieb ich erstmals über die Trotters in diesem Blog (Owen Coyle’s Superwhite Army). Einige Jahre lang verfolgte ich das Geschehen rund um das Reebok bzw. spätere Macron Stadium intensiv und sah, wie die Probleme rund um den Club nach dem Abstieg aus der Premier League wuchsen. Eddie Davies, der viele Jahre lang viele Millionen in den Verein gepumpt hatte, verkaufte die Wanderers, verzichtete dabei aber auf die Rückzahlung eines Großteils der ihm geschuldeten Summe. Im September 2018, nur vier Tage vor seinem Tod, half er seinem Ex-Verein nochmal mit einem Fünf-Millionen-Pfund-Kredit aus höchster Not.

Ich selber hatte die Wanderers seit 2017 etwas aus den Augen verloren. Soweit ich mich erinnern kann, hatte das nicht in erster Linie mit ihrem sportlichen und finanziellen Abstieg zu tun. Im englischen Fußball gab es schon immer viele spannende Geschichten zu erzählen und ich war (England betreffend) nie Die-hard-Fan nur eines Vereins gewesen, sondern habe seit Langem mindestens eine Handvoll Clubs, die mir sympathisch sind. Ein bisschen bedauerte ich das Fehlen einer besonders engen Beziehung zu einem bestimmten Verein. Erst in den letzten Monaten habe ich das Gefühl, dass sich der Kreis schließt und ich auf den zuletzt beschwerlichen Weg der Wanderer zurückgefunden habe. Weiterlesen „Wanderer zurück vom Abgrund“

Auf Reisen: Derby, Pride Park

EFL Championship, 7.4.2018 / Derby County 3 Bolton Wanderers 0

Man kann nun wirklich nicht sagen, dass der englische Zweitligist Derby County besonders glücklich mit dem Jahr 2018 wäre. Vom Kandidaten für den direkten Aufstieg in die Premier League verwandelten sich die ‚Rams‘ in den letzten Monaten in ein Team, für das es nur noch darum geht, in die Play-Offs zu kommen. Es ist nicht das erste Mal, dass den Verein im Frühjahr eine mysteriöse Formschwäche befällt.

Anfang April war ich in Derby, nicht zuletzt um den Rams und dem Stadion Pride Park einen Besuch abzustatten. Das Heimspiel gegen die abstiegsbedrohten Bolton Wanderers folgte einem bitter nötigen und sehr glücklichen 1:0-Erfolg bei Preston North End, einem Konkurrenten um die Play-Off-Plätze. Zuvor hatten sich die Rams im eigenen Stadion gegen Sunderland, inzwischen als Absteiger feststehend, beim 1:4 bis auf die Knochen blamiert.

Abgesehen vom Sportlichen spricht einiges dafür, sich als Fußballfan ein Spiel im Pride Park anzuschauen. Derby, eine Stadt mit knapp 250.000 Einwohnern, steht ein wenig im Schatten eines größeren und berühmteren Nachbarn. In Nottingham gibt es eine Art Schloss, die berühmte Legende von Robin Hood, eine größere Altstadt, zwei Unis (Derby hat eine) und mehr Alternativkultur. Doch auch der Stadtkern von Derby kann sich sehen lassen, vor allem das Cathedral Quarter mit seinem Fixpunkt, der Kathedrale All Saints. Es gibt eine ganze Menge guter, atmosphärischer Pubs in Derby, während die Kriminalität niedriger ist als in Nottingham. Weiterlesen „Auf Reisen: Derby, Pride Park“

Der lange Prozess des Wiederaufstehens

Boxing Day 2016. Gut 16.000 Zuschauer verfolgen im Macron Stadium den 2:1-Heimsieg der Bolton Wanderers über Shrewsbury Town bei windigem Wetter und einstelligen Temperaturen. Der 29-jährige Innenverteidiger David Wheater reagiert in der ersten Hälfte nach zwei Standards am schnellsten und sorgt für drei Punkte. Die Spielstätte der Wanderers ist mehr als halb voll und die Besucherzahl an diesem beliebten Spieltag die dritthöchste der Liga.

Dennoch: Shrewsbury hat bei allem Respekt nicht den gleichen Glamour-Faktor wie der FC Bayern, den die „Trotters“ noch 2007 im Europapokal mächtig ärgerten – Stichwort: Fußball ist keine Mathematik. Als Any Given Weekend vor genau zwei Jahren zum letzten Mal über Bolton berichtete, war der Verein bereits in die zweite Liga abgestiegen und steckte bis zum Hals in Schulden. Doch immerhin gab es in Eddie Davies einen scheinbar geduldigen Besitzer, der viele Millionen investiert hatte und selber Fan war. Damals war nicht abzusehen, wie viel schlimmer es noch kommen konnte.

Inzwischen spielt Bolton drittklassig in der League One. Doch für die größten Negativschlagzeilen sorgte das Geschehen abseits des Platzes. Die finanzielle Situation spitzte sich so zu, dass sowohl die Steuerbehörden als auch die Football League tätig wurden. Wegen Verstößen gegen das Finanical Fair Play – es ging um nicht eingereichte Unterlagen – wurden die Trotters mit einem Transferembargo belegt, das ihnen verbietet, Transfer- oder Leihgebühren zu bezahlen. Sie dürfen allerdings Spieler kostenlos verpflichten und natürlich Gehälter zahlen. Noch dramatischer waren die Steuerschulden: Wäre es nicht zu einer Reduzierung der Verbindlichkeiten gekommen, hätte Bolton in die Insolvenz gehen müssen. Besitzer Davies suchte inzwischen nach einem Käufer für den Klub. Weiterlesen „Der lange Prozess des Wiederaufstehens“

Boltons gefallene Wanderer richten sich wieder auf

Ganz aufrecht – um im Bild zu bleiben – geht der englische Zweitligist Bolton Wanderers noch nicht. Doch die ‚Trotters‘ sind dabei, den Beweis anzutreten, wie viel ein Trainerwechsel bewirken kann. Die Daten sind eindeutig: Neil Lennon, bis Mai vier Jahre Trainer bei Celtic, ersetzte Mitte Oktober Dougie Freedman. Damals stand der Klub auf dem 24. und letzten Platz der Championship. Zweieinhalb Monate später ist Bolton um zehn Plätze geklettert und musste in dieser Zeit nur zwei Niederlagen hinnehmen. Die Saison ist zwar noch lang, doch der Punkteabstand zu den Abstiegsrängen ist inzwischen genauso groß wie zu den Play-Off-Plätzen.

Einen weiteren Abstieg hätte der Verein, der noch vor sieben Jahren auf europäischer Ebene die Bayern ärgerte, nur schwer verkraftet. Die Trotters drückt ein Schuldenberg von über 200 Millionen Euro. Zwar ist der Hauptgläubiger gleichzeitig der Besitzer und Bolton-Fan, doch die Financial Fair Play-Regeln dürften dem Klub in der drittklassigen League One noch mehr zu schaffen machen. Mit Lennon kam vermutlich noch rechtzeitig die ideale Verbindung aus Fachkenntnis und Temperament ins Macron Stadium. Schon in der ersten Partie, einem 1:0-Auswärtssieg bei Birmingham City, musste der rothaarige Schotte wegen Protestierens auf die Tribüne. Doch wer jahrelang erfolgreich bei Celtic gearbeitet hat (obwohl es schwierigere Aufgaben im Weltfußball gibt), dem sieht man so manches nach.

Neil Lennon hat den Wanderers Entschlossenheit und Willen zurückgegeben, aber auch mutige Personalentscheidungen getroffen. Anfang des Monats horchte nicht nur die englische Fußball-Welt auf, als der Klub die Verpflichtung des zuvor vereinslosen Eidur Gudjohnsen bekanntgab. Der Vertrag des ehemaligen Chelsea- und Barca-Stars bei Club Brügge war im Sommer ausgelaufen. Der isländische Offensivmann ist inzwischen 36, doch Lennon überzeugte ihn, bis zum Ende der Saison nach Bolton zurückzukehren, wo er Ende des letzten Jahrtausends bereits zwei Jahre spielte.

Doch damit nicht genug: An Heiligabend kam ein weiterer großer Name des englischen Fußballs dazu, bekannt aus der Premier League und der Nationalmannschaft. Emile Heskey wird im Januar bereits 37, doch auch in ihm muss Neil Lennon noch eine mögliche Verstärkung gesehen haben. Nach zwei Jahren im australischen Newcastle wollte Heskey noch einmal in England spielen und überzeugte Boltons Trainer im Probetraining.

Derbysieg mit frischen Altstars

Alles nur fromme Wünsche oder ein bisschen PR? Die ersten Anzeichen sprechen dagegen – und für die sportliche Sinnhaftigkeit von Lennons Coup. Am gestrigen Boxing Day, traditionell ein Fußball-Spieltag in England, stand für Bolton ausgerechnet das Lokalderby gegen die Blackburn Rovers an. Nach einer ersten Hälfte mit allerlei Schnitzern und einem 0:1-Rückstand wechselte Lennon Heskey ein, der fortan knapp vor Gudjohnsen Sturmspitze spielte. Die Kombination sollte sich schon bald auszahlen: Gudjohnsen passte von links scharf in den Strafraum, wo Heskey nur noch zum Ausgleich einschieben musste. Mittelfeldmann Darren Pratley drehte die Partie wenig später mit dem 2:1 ganz. Trainer, Fans und Medien lobten im Anschluss Gudjohnsens Vision ebenso wie Heskeys Präsenz. Eines der besten Wanderers-Blogs, Lions of Vienna Suite, brach in eine wahre Lobeshymne über den Isländer aus:

Eidur Gudjohnsen is on another level. He’s quite easily the most intelligent player I’ve ever seen, you can almost see the quality oozing out of him. (…) It’s a privilege that I can watch this man play for my club, and I can’t thank Neil Lennon enough for letting it happen.

Zu viel der Lorbeeren? Wer weiß. Dass ein Derbysieg nicht zwingend einen Aufschwung einleiten muss, hat am Boxing Day der AFC Sunderland, Subjekt meines letzten Beitrags, erfahren. Die Black Cats verloren in der Premier League zu Hause recht kläglich 1:3 gegen den Tabellenvorletzten Hull City. Die nächste Partie für Bolton findet bereits morgen statt – auswärts beim Neunzehnten, Huddersfield Town.

Wenn Fußball doch Mathematik ist

Es ist eines der Zitate aus der Fußball-Bundesliga, die in Zitatsammlungen auftauchen. „Fußball ist keine Mathematik“, hielt Karl-Heinz Rummenigge 2007 Bayern-Trainer Ottmar Hitzfeld vor, als dieser in der Europa League mit seinem Team nur ein 2:2 gegen die Bolton Wanderers erreichte. Viele, die dem FC Bayern nicht so nahe stehen, werden sich mit Dankbarkeit an die Gäste aus der nahe Manchester gelegenen Stadt erinnern.

In den sechseinhalb Jahren seither hat der englische Verein mit dem Spitznamen „Trotters“ viel durchgemacht und eine weit weniger geradlinige Geschichte aufzuweisen als der damalige Gegner. Nachdem Bolton Anfang dieses Jahrzehnts unter Trainer Owen Coyle noch mal für Furore in der Premier League gesorgt und eine Zeit lang oben mitgespielt hatte, kamen sie in der Folgesaison aufgrund eines dramatischen Zwischenfalls in die internationalen Schlagzeilen: Fabrice Muamba erlitt auf dem Spielfeld einen Herzstillstand, der über eine Stunde anhielt. Dennoch überlebte der heute 26-jährige Mittelfeldspieler, beendete daraufhin allerdings seine Karriere. Was die Medien außerhalb Englands verständlicherweise viel weniger kommunizierten: Am Ende der Saison stiegen die Wanderers ab.

Inzwischen hat der Klub die zweite Saison in der Championship hinter sich. In der ersten Spielzeit, in der Coyle schon im Oktober gefeuert und durch Dougie Freedman ersetzt wurde, scheiterte man letztlich nur knapp an den Play-Offs. 2013/14 beendete Bolton allerdings nur als 14., zeitweise schwebten die Trotters sogar in Abstiegsgefahr. Neben dem Geschehen auf dem Rasen stimmten aber auch die Zahlen in den Büchern nicht. Nicht nur die Mathematik lehrt uns, dass ein vorsteuerlicher Verlust von über 62 Millionen Euro in der ersten Saison nach dem Abstieg und ein Schuldenstand von über 200 Millionen einem Zweitligisten nicht gut tun. Der größte Teil davon wird Klubbesitzer und Unternehmer Eddie Davies geschuldet, der sicher kein Interesse an einer Insolvenz hat. Dennoch werden sich die Wanderers und Dougie Freedman in der dritten Saison außerhalb der Premier League schon wegen der Financial Fair Play-Regeln arg beschränken und die Gehaltskosten drücken müssen. Weiterlesen „Wenn Fußball doch Mathematik ist“

Wednesday Focus #3

Meg is back! Sheffield Wednesday hat am letzten Freitag den ehemaligen Spieler und langjährigen Owls-Fan Gary Megson als neuen Trainer vorgestellt. Ja genau, den Megson, der vor nicht allzu langer Zeit mit den Bolton Wanderers ein 2:2 beim FC Bayern erreichte. Im legendären ‚Mathematik-Spiel‘. Nun ist er in Hillsborough bei einem Drittligisten gelandet, dem er immerhin nahesteht.

Die Wednesday-Fans waren während der Tage der Spekulation nach Alan Irvines Entlassung nicht begeistert von der Aussicht auf ein Engagement Megsons. Zwar hatte der neue Mann zuletzt, bis Ende 2009, in der Premier League gearbeitet, die Fans der ‚Trotters‘ weinen ihm aber keine Träne hinterher. Aus Bolton wie auch von manch anderem früheren Verein hört man vor allem Klagen über den langweiligen Stil, den Megsons Teams zu spielen pflegen. Längerfristig erfolgreich war der 51-jährige als Trainer nur Anfang des Jahrtausends bei West Bromwich Albion, die er in die Premier League führte.

Milan Mandaric ist jedoch überzeugt davon, dass Megson die Qualitäten hat, um einen Drittligisten nach oben zu führen. Der Besitzer von Wednesday hat bereits bei seinem vorherigen Club Leicester City mit dem Trainer zusammengearbeitet – für sechs Wochen, dann wurde Megson von Bolton abgeworben. Ob das Kalkül noch in dieser Saison aufgeht? Die Owls haben bei einem nachzuholenden Spiel bereits acht Punkte Rückstand auf die Play-Off-Plätze.

Schon am Samstag sollte die Aufholjagd beginnen. Das Spiel gegen die MK Dons, einem Aufstiegskonkurrenten, endete 2:2. Zuhause, gegen am Ende neun Gegenspieler. Wie knapp zwei Wochen zuvor gegen Yeovil mussten die Owls einem Rückstand hinterherlaufen und konnten trotz Überzahl nur noch einen Punkt retten. Die Partie wurde noch vom inzwischen ebenfalls entlassenen Assistenztrainer Rob Kelly und First Team Coach Barr vorbereitet. Megson sollte erst nach dem Spiel übernehmen, ließ sich allerdings beim Pausenstand von 0:2 in der Kabine blicken und hielt eine kleine ‚Ansprache‘.

Nicht nur durch diese Aktion scheint der neue Trainer die Fans vorerst auf seine Seite gezogen zu haben. Denn schließlich geht es um den Verein und Negativität gab es in den letzten Wochen genug. Um noch mehr Aufbruchstimmung zu erzeugen, stellte sich Gary Megson gestern bei BBC Radio Sheffield den Fragen der Hörer/Fans und wird ihnen nächste Woche bei einem für die Presse geschlossenen Treffen auch persönlich gegenübertreten. Niemand wird sagen können, er hätte es nicht zumindest versucht. Die 240 kostenlosen Karten für das Fantreffen waren nach wenigen Stunden vergriffen.

Erfreulich unberechenbar

Etwas ist anders in der englischen Premier League. Nach 13 Spieltagen stehen zwar die Mannschaften auf den ersten vier Plätzen, die man dort erwartet hatte – Chelsea, Arsenal, Man United und City. Die englischen Journalisten und Fans sprechen jedoch von der unvorhersehbarsten Saison seit langem. Vielleicht nicht, was das Endergebnis anbetrifft – aber die Zahl der überraschenden Resultate ist erfreulich hoch. Seit Saisonbeginn haben sich außerdem mehrere Mannschaften ins Bewusstsein der auf die ‚Top 4‘ fixierten Öffentlichkeit gespielt, von denen man es nicht erwartet hätte. Mit überraschend flüssigem und schönem Fußball konnte zunächst Aufsteiger West Bromwich Albion überzeugen. Inzwischen sind es vor allem die von Owen Coyle trainierten Bolton Wanderers (Vorsaison: Platz 14) und spätestens seit Sonntag der AFC Sunderland (Vorsaison: Platz 13), die viele Erwartungen übertreffen.

Der Sonntag war Balsam für die Mehrheit der englischen Fußballfans, die die Dominanz der ‚großen Vier‘ (und die Fokussierung der Medien auf sie) leid sind. Ein ersatzgeschwächtes Chelsea verlor an der Stamford Bridge völlig verdient mit 0:3 gegen Sunderland. Den Blues fehlten John Terry, Michael Essien und Frank Lampard. Trotzdem hätte Trainer Ancelotti von den Spielern, die auf dem Platz standen, mehr erwarten können als die höchste Heimniederlage der Abramowitsch-Ära, die höchste seit 8 1/2 Jahren. Aber weg von Chelsea – Ehre, wem sie gebührt: Der Trainer der ‚Black Cats‘, der in England zu Recht angesehene Steve Bruce, hatte in London mutig auf zwei Spitzen gesetzt – den ghanaischen Nationalspieler Asamoah Gyan und den von Man United ausgeliehenen 19-jährigen Danny Welbeck. Beide trafen am Sonntag.

Lag es nur an der mutigen Taktik von Bruce? Die BBC-Sportredaktion geht mit einer ausführlichen Analyse des Spiels in die Tiefe. Neben der positiven Herangehensweise der Black Cats führt Autor Chris Whyatt das Verletzungspech Chelseas in Verbindung mit den verringerten Ausgaben an. Nach der Wirtschaftskrise hat Roman Abramowitsch die Gelder für Neuverpflichtungen zusammengestrichen, so dass Ancelotti Ausfälle wie gestern nicht 1:1 aus dem Kader kompensieren kann. Natürlich war aber auch die Tagesform entscheidend: Individuelle Fehler wie der des in England herzlich unbeliebten Außenverteidigers Ashley Cole trafen auf individuelle Glanzleistungen wie die von Asamoah Gyan, vom niederländischen Mittelfeldstrategen Boudewijn Zenden oder von Außenverteidiger Nedum Onuoha, der beim 1:0 gleich eine Reihe von Chelsea-Stars ausdribbelte.

Kritiker der Premier League (ich selber würde mich als ‚kritischen Freund‘ bezeichnen) sollten in dieser Saison genauer hinschauen. Auch wenn am Ende alles seinen gewohnten Gang gehen sollte, birgt diese Spielzeit womöglich mehr Spannung und Unterhaltung, als manche denken. In jedem Fall ist der englische Vereinsfußball dieses Jahr bedeutend spannender als das, was man in Spanien und Schottland zu sehen bekommt – in den seit Jahren langweiligsten Ligen Europas (von denen mit einem gewissen Bekanntheitsgrad).

Der Vier-Monats-Mann

Nicht nur Vereinswechsel von Trainern während der Saison sind in England häufiger als hierzulande. Deutlich öfter wird dort auch mit Leihgeschäften gearbeitet. Ab der Championship (2. Liga) abwärts gilt die Regelung, dass Vereine während zweier ‚Leihperioden‘ im Herbst und Februar/März Spieler temporär verpflichten können – außerhalb der allgemeinen Transferperiode. Gerade in den unteren Ligen führt das dazu, dass Spieler manchmal nur ein bis drei Monate bei einem Verein spielen und dann zu ihren eigentlichen Clubs zurückkehren.

Über den Wert solcher kurzzeitigen Leihgeschäfte lässt sich trefflich streiten. Viele der englischen Dritt- und Viertligisten haben keinen Scheich und sind knapp bei Kasse. Fallen dann wichtige Spieler durch Verletzungen aus, sind solche Deals mit Spielern bzw. Vereinen aus Championship und Premier League eine Möglichkeit, eine personelle Durststrecke zu überbrücken. Das Gegenargument liegt auf der Hand: Wird sich der Leihspieler wirklich einen Monat voll mit seinem Kurzzeit-Arbeitgeber identifizieren?

Premier League-Klubs müssen sowohl permanente wie auch temporäre Transfers von vertraglich gebundenen Spielern während des „transfer window“ abwickeln, das sich heute um Mitternacht schließt. Auch in der Premier League greifen bevorzugt die finanziell weniger gut ausgestatteten Vereine zum Mittel des Ausleihgeschäfts. Die Bolton Wanderers und ihr neuer Trainer Owen Coyle haben sich am Freitag die Dienste eines interessanten jungen Mannes gesichert: Vom FC Arsenal kommt der 18-jährige Mittelfeldspieler Jack Wilshere – bis zum Ende der Saison im Mai. Wilshere gilt als eines der größten englischen Talente und hat alle Junioren-Nationalmannschaften durchlaufen.

Kreativität im Mittelfeld haben die Trotters nötig, wie sich offensichtlich wieder beim 0:2 an der Anfield Road zeigte. Auch wenn Liverpool nicht der Maßstab sein kann – es mangelt zu oft an zündenden Ideen, Chancen ergeben sich häufig nur aus Einzelaktionen oder langen Bällen in die Spitze. Kann ein junger Arsenal-Spieler, der im ersten Team der Londoner natürlich nur wenig Einsatzzeiten erhält, da Abhilfe schaffen? Solche Geschäfte sind ein Vabanque-Spiel. Hat der Leihspieler ein schnelles Erfolgserlebnis wenn er seine Chance erhält, kann sich auch eine kurzzeitige Ausleihe für beide Seiten lohnen. Allzu viel Geduld kann man im Abstiegskampf natürlich nicht haben. Wilshere scheint für sein Alter jedoch weit zu sein – ihm sind Ruhe und Wettkampfhärte zuzutrauen.

Die gleichen Modalitäten wie für den Wilshere-Transfer gelten auch für die Ausleihe des 20-jährigen slowakischen Flügelspielers Vladimir Weiss von Manchester City. Zu 95% ist im Mai sein Engagement im Reebok Stadium wieder beendet. Fest verpflichtet haben die Wanderers dagegen den amerikanischen Mittelfeldspieler Stuart Holden, der zuletzt in der MLS bei Houston Dynamo spielte – allerdings läuft auch sein Vertrag vorerst nur bis Sommer.

Owen Coyle’s Superwhite Army

Der Applaus kam bei seinen ehemaligen Bewunderern nicht sonderlich gut an. Als Owen Coyle am Dienstagabend zur Gästetribüne des Reebok Stadium lief, um den Fans des FC Burnley Tribut zu zollen, waren „Judas“-Rufe noch das Harmloseste, was ihm entgegenschallte. Mit Transparenten und Sprechchören hatten die Fans der „Clarets“ das ganze Spiel über ihrem Unmut Luft gemacht.

Dass die Stimmung angespannt sein würde, war klar. Coyle war vor kurzem, vor Ablauf seines Vertrages und mitten in der Saison, von Burnley zum Konkurrenten im Abstiegskampf der Premier League, den Bolton Wanderers, gewechselt. Die „Trotters“ hatten eine ansehnliche Kompensation gezahlt – trotzdem fühlten sich nicht nur die Burnley-Fans verraten. Vereinspräsident Barry Kilby bezichtigte Coyle, mit dem Wechsel auf der Stelle zu treten und ihn nur des Geldes wegen vollzogen zu haben. Mit Burnley war der schottische Traineraufsteiger 2009 in die Premier League aufgestiegen und hatte mit seinem Team zumindest zu Beginn der Saison einiges Aufsehen erregt. Bis vor der Partie am Dienstag lag Burnley immerhin noch vor dem Tabellenneunzehnten Bolton.

Gegen die Vorwürfe aus den Reihen seines Ex-Arbeitgebers hat sich Coyle zu Recht zur Wehr gesetzt. In Deutschland wäre solch ein vorzeitiger Trainerwechsel während der Saison gewiss ein Affront – in England ist sowas nicht ganz so ungewöhnlich. Coyle wies nach seiner Vorstellung in Bolton darauf hin, dass er im Sommer ein besser dotiertes Angebot von Celtic zugunsten von Burnley abgelehnt hatte. Was ein bezeichnendes Licht auf den schottischen Fußball wirft. In Bolton dagegen hat der Schotte mehrere Jahre erfolgreich gespielt und war beliebt bei den Fans. Die unterstützten ihn auch am Dienstag nicht nur mit dem in der Überschrift zitierten Banner.

Den vermutlich ausschlaggebenden Unterschied zum Abstiegskonkurrenten Burnley räumte Coyle freimütig ein: Bei den Wanderers stimmt die Perspektive. Acht Jahre in der Premier League haben dafür gesorgt, dass der Club eine weitaus bessere Infrastruktur hat: Stadion, Scouting und Jugendakademie liegen deutlich über dem Standard des Neulings. Dass die Wege der beiden Clubs bald wieder auseinanderführen könnten, zeigte sich dann auch am Dienstag. In einer anscheinend eher schwachen Begegnung bezwangen die Trotters die unter dem neuen Trainer Brian Laws noch punktlosen Clarets mit 1:0, den entscheidenden Treffer erzielte Chong-Yong Lee. Einen amüsanten Spielbericht gibt es beim vielleicht besten Bolton-Fanzine, „The Wanderer“. Und auch im Duell der Worte behielt Owen Coyle am Ende mit diesem biblischen Vergleich die Oberhand:

I was God last year and Judas tonight, but if you want to get biblical about it I should be Moses because we led them into the Premier League after so many years in the wilderness. [Quelle: Guardian.co.uk]