London calling again

Es geht mal wieder in die britische Hauptstadt: Nachdem Borussia Dortmund es in den letzten Jahren im Europapokal mehrmals mit dem FC Arsenal zu tun hatte und in Wembley im Endspiel stand, geht es nun an die White Hart Lane. Im Achtelfinale der Europa League treffen die Schwarz-Gelben auf die Tottenham Hotspurs, den Lokalrivalen der Gunners.

Obwohl Letztere noch Champions League spielen, könnten die Spurs sogar der schwerere Gegner sein. Michael Zorc sprach von der „schwierigsten Aufgabe“, die den BVB treffen konnte. Er hat allen Grund dazu: Das Team von Trainer Mauricio Poccetino ist Zweiter in der Premier League – es wird also ein reizvolles Kräftemessen zwischen der Bundesliga und der vermeintlichen künftigen Überliga.

Ein bisschen Namedropping gefällig? Bei den Spurs steht der neue englische Wunderstürmer Harry Kane unter Vertrag, auf dem auch die Hoffnungen der Three Lions-Fans ruhen. Außerdem in der Offensive tätig: Erik Lamela und der Däne Christian Eriksen, der auch schon in Dortmund im Gespräch war. Das eigentliche Prunkstück ist jedoch die Defensive der Nord-Londoner. Mit nur 20 Gegentreffern ist sie die beste der Liga. Das belgische Duo in der Innenverteidigung ist derzeit aufgrund einer Knieverletzung von Jan Vertonghen allerdings gesprengt.

Auf Thomas Tuchel wartet also jede Menge Arbeit, um einen Weg ins Viertelfinale auszutüfteln. Zumal Dortmund zunächst zu Hause antreten muss. Eine Tatsache könnte die Aufgabe gegenüber der Papierform etwas erleichtern: Zum ersten Mal seit langer Zeit sind die Spurs wieder mitten im Meisterschaftsrennen. Vor ihnen steht nur der große Außenseiter Leicester. Die Premier League zu gewinnen dürfte Tottenham allemal wichtiger sein als die in England nicht übermäßig angesehene Europa League. Ob das im Achtelfinale zum Tragen kommt, ist aber reine Spekulation.

Was als Nächstes geschehen könnte

Tag 2 nach dem verlorenen Champions League-Finale und dem Blick zurück folgt der in die Zukunft. Jürgen Klopp peilt trotz aller Enttäuschung bereits neue Ziele an. 2015 findet das Endspiel im Berliner Olympiastadion statt und spätestens dann soll ein neuer Anlauf in Richtung Europas Fußball-Krone erfolgen.

Man muss die Niederlage vom Samstag nicht dramatisieren, man braucht sie aber auch nicht schönzureden. Ob der BVB in den nächsten Jahren erneut die Chance haben wird, ganz am Ende um den Henkelpott mitzuspielen, ist ungewiss; Roman Weidenfellers Gedanken sind daher nachvollziehbar:

Man bekommt nicht jedes Jahr die Möglichkeit, dieses Endspiel zu bestreiten. Mir war nach dem Abpfiff bewusst, dass es vielleicht meine letzte Chance war, diesen Pott zu gewinnen.

Der springende Punkt ist: Die Borussia steht vor einem größeren personellen und möglicherweise taktischen Umbruch als in den letzten Sommern. Wie sich dieser auswirken wird, kann man nicht seriös vorhersagen.

Mario Götzes Abschied ist ein Einschnitt. Er war an guten Tagen der Mann für die genialen Momente, die das schwarz-gelbe Offensivspiel so schwer beherrschbar machten. Möglicherweise hätte sein Mitwirken in Wembley kombiniert mit dem intensiven Druck der Borussia zu einem anderen Spielausgang geführt. Sein Bekenntnis zum BVB nach seiner Vertragsverlängerung hätte sich Mario im nachhinein besser gespart, wenn er eigentlich Bayern-Fan ist. Ansonsten ist er einfach dem Geld und der größtmöglichen Erfolgswahrscheinlichkeit gefolgt – wie schon unzählige Fußballprofis vor ihm. Wir Fans müssen uns wohl mit dem Ende der romantischen Wohlfühl-Ära in Dortmund abfinden.

Dass diese Ära zu Ende gehen würde, war vorauszusehen, ja nahezu unweigerlich. Dass die Bayern bei ihrem Ende eine Rolle spielen würden, ebenso. Jetzt zeichnet sich ab, dass diese Rolle größer ausfallen wird als erwartet. Lewandowski-Berater Cezary Kucharski hat – erneut im polnischen Fernsehen – bestätigt, dass sich der polnische Stürmer und Beinahe-Torschützenkönig mit dem FCB einig sei. Kucharski geht davon aus, dass der Wechsel in diesem Sommer erfolgen wird – wenn sich die Borussia an ein angeblich Robert gegebenes Wort halte.

Auf Dortmunder Seite wurde dieses Thema bisher so dargestellt, dass man Lewandowski zugesagt habe, über einen Wechsel zu sprechen, wenn bis 15. Mai ein verbindliches Angebot eingehe, das den eigenen Erwartungen entspricht. Laut Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ist das bis heute nicht geschehen. Watzke hat bisher außerdem immer nahegelegt, dass ein Transfer des Stürmers zu den Bayern vor Ablauf der Vertragslaufzeit nicht in Frage käme. Interessant wäre es nun zu erfahren, ob bei dem ‚Versprechen‘ an Lewandowski die Bayern als Interessenten ausdrücklich ausgeschlossen wurden. Obwohl der Rekordmeister derzeit auch Meister in Sachen Geheimdiplomatie ist, hat man leider das Gefühl, dass die BVB-Verantwortlichen ebenfalls nicht mehr komplett ehrlich gegenüber den eigenen Fans auftreten. Was ist aus der bewährten Alternative zur Irreführung geworden: einfach keinen Kommentar abgeben? Weiterlesen „Was als Nächstes geschehen könnte“

Das Mögliche vom Unmöglichen

Die echten Champions warten: Morgen startet Borussia Dortmund in eine Europapokal-Gruppe voller Meister. Zum Auftakt geht es im Westfalenstadion gegen Ajax Amsterdam, einen Verein, der den europäischen Fußball bis vor einigen Jahren deutlich stärker geprägt hat als etwa Manchester City oder der FC Chelsea.

Im Vorfeld der morgigen Begegnung stellt sich nun vor allem die Frage, wie dieser Gegner heute einzuschätzen ist. Allgemein ist die Rede von einem Pflichtsieg, den der BVB einfahren müsse, um in der Meistergruppe eine Chance zu haben. Das ist natürlich richtig und falsch. Letzteres wird von Jürgen Klopp propagiert, der zu Recht darauf hinweist, dass diesem einen Spiel mindestens fünf weitere folgen werden. Andererseits kann man nicht wegdiskutieren, dass die beiden anderen Gruppengegner deutlich stärker besetzte Kader haben als Ajax und die Borussia.

Der niederländische Hauptstadtclub hat in den letzten beiden Jahren jeweils den dritten Platz seiner CL-Gruppe erreicht und dürfte bei einem normalen Verlauf der Gruppe der Hauptkonkurrent um eben jenen Platz sein. Ein Heimsieg ist da keine Pflicht, wäre jedoch sehr hilfreich. Das Problem bei der Einschätzung von Ajax: Viele Spieler dürften nur den Experten für niederländischen Fußball bekannt sein. Trainer Frank de Boer hat einen sehr jungen Kader um sich und knüpft damit an die langjährige Tradition des Vereins an. Allgemein wird von einer offensiven Ausrichtung der Gäste ausgegangen, womöglich einem 4-3-3, das eigentlich ebenfalls Tradition in Amsterdam hat. Doch es würde nicht verwundern, wenn auch de Boer und sein Team ihre Scouting-Hausaufgaben gemacht haben und den BVB erst einmal hinten herauslocken wollen.

Zu den bekannten Gesichtern im Ajax-Team zählen der Ex-Schalker Christian Poulsen und der bei der TSG Hoffenheim in Ungnade gefallene Ryan Babel. Beide gehören jedoch nicht unbedingt zu den Anwärtern auf einen Platz in der Startelf. Achtzugeben ist unbedingt auf das offensive Mittelfeld – da wären wir bei einer von nicht wenigen Parallelen zum BVB. Den Dänen Christian Eriksen listet Transfermarkt.de als wertvollsten Spieler im Kader (Marktwert: 16 Millionen Euro). Nicht ohne Grund, bei einem Tor und drei Vorlagen in vier Spielen. Ähnliche Werte haben die Offensiv-Kollegen, Kapitän Siem de Jong und Lasse Schöne vorzuweisen: Ihnen gelangen in fünf Partien drei Tore und zwei Vorlagen respektive ein Tor und vier Vorlagen. Ohne Zweifel wird unsere Viererkette schon in diesem Auftaktspiel eine große Bewährungsprobe zu bestehen haben.

Positiv stellt sich in jedem Fall die Personallage der Schwarz-Gelben dar. Jürgen Klopp kann wie gegen Leverkusen nahezu aus dem Vollen schöpfen. Bei der heutigen Pressekonferenz zum Spiel wollte er verständlicherweise noch nicht verraten, ob Marco Reus und Mario Götze erstmals gemeinsam auflaufen werden – es erscheint jedoch alles andere als unwahrscheinlich.

Bleibt festzustellen, dass ein Sieg morgen möglich ist. Alles andere aber auch. Es ist kaum vorherzusagen, wie sich das mit vielen Neuzugängen gespickte Gästeteam in der Champions League verkaufen wird. Und die Borussia wird zwar ein gewisses Selbstvertrauen und den Heimvorteil mit in die Partie nehmen, doch würde irgendjemand etwas Wertvolleres als Geld auf einen schwarz-gelben Erfolg setzen? Genau diese Ungewissheit macht aber auch den besonderen Reiz der Champions League aus – weswegen ich mich genauso auf das Spiel freue wie auf Real Madrid.