Ratlose Schalker entlassen Stevens

So ungern ich normalerweise Vokabular der Boulevardpresse aufgreife, für Schalke mache ich mal eine Ausnahme: Der Klub scheint zum neuen FC Hollywood zu werden. Am heutigen 3. Advent hat der Tabellensiebte Trainer Huub Stevens entlassen. Manche werden sich noch erinnern – der Verein aus Gelsenkirchen legte in allen drei Wettbewerben einen sehr guten Start hin. Die Stimmen, die Stevens Rückkehr als Nostalgie abgetan hatten, verstummten. Und nun muss die Trainer-Legende gehen, nachdem in den letzten acht Ligaspielen nur noch fünf Punkte zusammenkamen.

Keiner weiß so wirklich, wie diese Entwicklung zustande gekommen ist. Clemens Tönnies und Horst Heldt zeigen sich in den Medien ratlos – oder wollen Interna nicht nach außen kommunizieren. Hat sich wirklich urplötzlich das Verhältnis von Trainer zu Mannschaft abgekühlt oder ist der Kader einfach nicht gut zusammengestellt? Für Außenstehende ist der Einbruch ohnehin schwer zu erklären, der Zeitpunkt von Stevens‘ Rauswurf allerdings schon: Am Dienstag muss der FC Schalke im Pokal gegen Mainz 05 ran.

Hollywoodesk sind bei den Blauen nicht nur die Drama Queens auf dem Rasen. Auch der neue Trainer stellt eine gewagte Wahl dar, die schon bald wieder für Schlagzeilen und Gesprächsstoff sorgen könnte: Bis zum Saisonende soll Jens Keller übernehmen, der zuletzt die U17 anleitete. Jener Jens Keller, der beim VfB Stuttgart noch nicht mal zwei Monate als Cheftrainer schaffte. Hinter der Personalentscheidung steckt niemand anderes als Horst Heldt und sollten die Schalker in dieser Saison das internationale Geschäft verpassen, dürfte es auch für Heldt eng werden. Genügend Material für eine spannende Rückrunde also – selbst bei neun Punkten Vorsprung für den ehemaligen FC Hollywood.

Derbyfieberkurve

Woran merkt man, dass das Derbyfieber steigt? Zum Beispiel daran, dass die Sportbild dem armen Schalker Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies ein paar Bonmots zum BVB abnötigt, obwohl der doch dringend seine Steuererklärung machen muss. Und daran, dass man selber das liest und denkt: Jetzt erst recht – mach was, Kevin! Für uns Fans sind Derbys eben herrlich einfach – einfach schwarz-weiß.

Dazu gehört auch, dass man sich nicht mit dem Worst Case beschäftigt. Wer denkt schon vorher an eine Derby-Niederlage? Das wäre Masochismus. Doch ein realistischer Blick muss sein und der besagt, dass der FC Schalke derzeit noch zwei Punkte vor dem BVB in der Tabelle steht. Zudem werden die Personalsorgen bei den Schwarz-Gelben größer. Mario Götze musste kurz nach seiner 25-minütigen Beteiligung am deutschen 4:4 für die Ewigkeit Jürgen Klopp mitteilen, dass er wieder Probleme mit dem Oberschenkel hat. Nach einer Untersuchung steht fest: Das Traumduo Götze & Reus ist mal wieder gesprengt, Mario muss am Samstag pausieren.

Damit stellt sich nun massiv die Frage nach der Besetzung des Mittelfelds. Jakub Blaszczykowski fällt noch wochenlang aus. Die Chancen von Kevin Großkreutz auf eine Rückkehr in die Startelf sind groß, so viel verriet Jürgen Klopp in der PK zum Spiel dann doch. Wer die zweite vakante Position im offensiven Bereich besetzt, ist schwerer zu sagen. Ivan Perisic wäre die naheliegendste Lösung. Für Moritz Leitner oder Leonardo Bittencourt dürfte es das falsche Spiel zum Aufrücken sein. Ein Geheimtipp: Julian Schieber kommt ins Team und spielt etwas vor oder hinter Robert Lewandowski.

Noch nicht ganz sicher ist auch, ob Ilkay Gündogan fit genug fürs Derby wird. Gebrauchen könnten wir ihn ohne jede Frage, weil zwar sowohl Sebastian Kehl als auch Sven Bender einsatzfähig sein dürften, es aber ungewiss ist, ob es für die beiden über annähernd 90 Minuten reicht. Ein weiteres Fragezeichen steht hinter Marcel Schmelzer, der – im nachhinein ironischerweise – schon das Länderspiel absagen musste. Mats Hummels ist hingegen zurück im Training und auf einem guten Weg.

Angesichts dieser Personallage hört man es ehrlicherweise nicht ungern, dass auch der Gegner seine Probleme hat. Wegen einer Viruserkrankung muss der sichere Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos das Derby sausen lassen, Linksverteidiger Fuchs hat ähnlich wie Marcel Schmelzer einen schmerzenden Fuß. Julian Draxler wird wegen seines Unterarmbruchs in jedem Fall mit einer Armschiene spielen – ob von Beginn an oder überhaupt, steht noch nicht fest.

Nüchtern betrachtet muss man angesichts der gesammelten Vorzeichen zum selben Schluss kommen wie Jürgen Klopp:

Wir haben den Vorteil, dass wir zu Hause spielen. Und ich habe das Gefühl, das ist der einzige.

Die Statistik legt nahe, dass dieser Vorteil nicht ganz unbedeutend ist. Doch was bedeutet schon eine kalte Statistik vor dem Derby?

Leider muss auch in diesem Jahr wieder mit der üblichen Derby-Folklore egoistischer oder gewaltbereiter Fans gerechnet werden. Auf den üblichen Wegen ins Stadion wurde von der Polizei das für Risikospiele übliche Glasverbot verhängt. Und die Anhänger der Blauen müssen wegen exzessiven Pyro-Einsatzes beim letzten Derby im Westfalenstadion auf viele Fan-Utensilien verzichten. Mitleid wegen letzterem? Kein bisschen. Was zählt ist ohnehin nur, dass Sebastian Kehl recht behält: „Die Nummer 1 sind wir.“

Felix Magath und der FC Schalke: Kommunikation ungenügend

Ärger mit dem Trainer – so was passiert schon mal. Besonders in Gelsenkirchen. Jeder außerhalb des königsblauen Dunstes ahnte wohl, dass es schmutzig werden würde, wenn Alleinherrscher Magath gestürzt wird. Beim FC Schalke hatten sie zu Beginn seines Engagements auf ein Ende der Vielstimmigkeit im Verein gehofft – und haben es gnadenlos übertrieben.

Die Machtfülle, die Magath hatte, bestärkte ihn in seinem Naturell, sich von niemandem reinreden zu lassen. Aus den im Königsblog zusammengetragenen Zitaten aus Vereinskreisen ergibt sich das Bild, dass vor allem von Seiten der Verantwortlichen – und da gab es neben Magath nicht viele – zu selten und zu spät mit dem Trainer geredet wurde – beispielsweise über dessen Defizite in der Menschenführung. Die letzten ein bis zwei Wochen waren dann zweifellos ein Kommunikations-Desaster. Clemens Tönnies schwankte in seinen Aussagen wie bei Windstärke 12. Magath tat so als ob er von nichts wisse. Vermutlich waren das nur noch Rückzugsgefechte.

Über den eigentlichen Grund der Entlassung wird noch eine Weile spekuliert werden. Man darf aber trotz des Hinweises von Tönnies auf ein juristisches Nachspiel davon ausgehen, dass in den nächsten Tagen und Wochen noch einiges durchsickern wird. Gerüchteweise soll Magath die notwendige Prozedur bei Spielerverpflichtungen über 300.000 € nicht befolgt und den Aufsichtsrat nicht einbezogen haben. Es würde mich nicht wundern, wenn noch mehr ans Tageslicht käme. Eine Schlammschlacht zwischen dem Verein und Magath scheint gewiss. Ich kann (und will) es den Schalkern nicht ersparen: Das leuchtende Gegenbeispiel, wie Vorstand und Trainerstab zusammenarbeiten und kommunizieren müssen, wird bei Borussia Dortmund praktiziert. Krasser könnte der Gegensatz gar nicht sein.

Immerhin haben die Blauen die Nachfolge schon geregelt: Ein alter Bekannter kommt zurück. Ralf Rangnick ist tendenziell nervig, oberlehrerhaft und selbstgerecht, aber weniger diktatorisch und in meinen Augen ein besserer Trainer als Magath. Mit anderen Worten: Wir Dortmunder werden es lieben, ihn zu hassen. Darin immerhin unterscheidet sich Rangnick nicht von seinem Vorgänger.

Der verwirrte Erlöser

(Updated) Noch im letzten Sommer wurde Felix Magath von den Schalker Fans – halb im Spaß – als „Messias“ gefeiert. Heute fordern sie – nun ja, nicht seine Kreuzigung, aber doch ein entschlossenes Vorgehen von Clemens ‚Pilatus‘ Tönnies. Wie sich die Vorzeichen ändern können. Wir Dortmunder haben es ohnehin schon immer geahnt.

Seit langem gab es kein Derby mehr, vor dem die Prognosen so eindeutig gegen die Blauen sprachen. Zwar stehen die Nachbarn im Pokal-Halbfinale, müssen dafür aber nach München reisen. In der Liga ist inzwischen die Abstiegszone wieder näher als der Europapokal. Wie passt da eigentlich noch die Champions League dazu? Jedenfalls hat Magath mit den garantierten Einnahmen aus diesem Wettbewerb bekanntlich nicht die Schulden reduziert, sondern den Kader auf beinahe 40 Spieler aufgebläht.

Die Diagnose von außen fällt leicht: Gnadenlose Selbstüberschätzung des ‚Trainagers‘, wie sie ihn in Gelsenkirchen auch nennen. Magath schien und scheint zu glauben, dass er aus dem Riesenkader, bestehend aus (Alt-)Stars internationaler Klasse, vielen wenig bekannten Perspektivspielern und ein paar jungen deutschen Talenten, eine funktionierende Mannschaft formen kann. Gleichzeitig kümmert er sich noch um die Transferpolitik und überlässt es Horst Heldt, auf der Tribüne neue Brillenmode vorzuführen. So günstig die Spieler Charisteas und Karimi auch zu haben waren – sie sind trotzdem ein Zeichen von Fantasielosigkeit und Überlastung auf Seiten Magaths. Da ich ein anglophiler Mensch bin, fiel mir zunächst eine gebräuchliche englische Redewendung ein: He has lost the plot. Completely.

Wenn ich das direkt vor dem Derby schreibe, laufe ich natürlich Gefahr, von den Herren Karimi oder Charisteas bestraft zu werden. Denn so ist das im Derby – es ist einfach anders als ’normale‘ Spiele. Der BVB tut trotzdem gut daran, genauso in die Partie zu gehen wie gegen Wolfsburg. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich das mal sagen würde.

Personell gibt es zumindest bei den Schwarz-Gelben keine Überraschungen. Felipe Santana und Kuba haben sich von grippalen Infekten erholt und werden in der Startelf stehen – wenn Jürgen Klopp keinen Überraschungs-Coup mit Zidan plant und Mario Götze nach rechts versetzt. Dann müsste Kuba auf die Bank – Felipe wird jedoch auf jeden Fall auflaufen. Einerseits kann man dem nach außen geduldigen Innenverteidiger voll vertrauen, andererseits fehlt ihm selbstverständlich die Spielpraxis, die das Duo Hummels-Subotic so stark gemacht hat. Hoffen wir, dass die Mannschaft ihm hilft und das Selbstvertrauen ansteckend ist.

Magath wird seine Mannschaft im Westfalenstadion taktisch konservativ ausrichten – noch mehr Neues würde ihr auch nicht bekommen. Wir dürfen einen abwartenden, defensiven, auf Konter lauernden CL-Teilnehmer erwarten. Seit Wochen gibt es bei Schalke nur zwei Feldspieler, vor denen man sich in Acht nehmen muss: Raul und Jefferson Farfan. Der spanische Weltstar spielt angesichts der ganzen Turbulenzen seinen Stiefel wirklich beachtlich runter, was durchaus als Kompliment gemeint ist. Die Storys um Farfan sind bekannt: Im Winterurlaub in peruanischen Medien von einem großen Wechsel schwadroniert, von Felix Magath dafür gemaßregelt, in den Fokus des kaufwütigen Dieter Hoeneß gerückt, angeblich eine Abfindung für einen Wechsel von Schalke (!) verlangt. Ob das Theater Auswirkungen auf seine spielerisch bisher überzeugenden Auftritte hat, werden wir sehen.

Natürlich könnte es am Freitag aber auch das Spiel des Manuel Neuer werden, von dem sich die Schalke-Fans endlich eine klare Antwort auf eine wichtige Frage erhoffen. Interessant ist die Personalie Metzelder. Der Einsatz des Innenverteidigers ist wegen einer Nebenhöhlenentzündung fraglich – oder vertraut Magath ihm an alter Wirkungsstätte nicht voll und ganz? Ansonsten gibt es jede Menge neuer Namen und einige alte Verletzte (Tim Hoogland) – das Aufstellungspuzzle überlasse ich daher den Gästen. Vielleicht sind deren Fans uns am Freitagabend dankbar, dass wir das Ende der Ära Magath eingeläutet haben – vielleicht kommt aber auch alles ganz anders. Come on Dortmund!

UPDATE: Metzelder ist fit fürs Derby. Dann kann ja nichts mehr schiefgehen.

Im Endspiel durch die Revanche fürs Endspiel

Das bezieht sich nicht auf die deutsche U 21, sondern auf die A-Junioren von Borussia Dortmund. Die haben im Halbfinale der Deutschen Meisterschaft auch das Rückspiel gegen den SC Freiburg gewonnen und damit erfolgreich Revanche genommen für die unglückliche Niederlage im Pokalfinale. An diesem Sonntag steht nun das Finale gegen den FSV Mainz an, und das findet kurioserweise im Mainzer Bruchwegstadion statt. Wobei die schwarz-gelben Jungs auch dort sicher von einigen schwarz-gelben Jungs und Mädels unterstützt werden. Wer das Spiel nicht vor Ort sehen kann, dem bietet der DFB die Möglichkeit, live im Internet dabei zu sein.

Das andere Ereignis am Sonntag ist der Trainingsauftakt der BVB-Profis. Kaum zu glauben, aber es geht schon wieder los – zumindest mit der Saisonvorbereitung. Um 17 Uhr steht im Westfalenstadion die erste Einheit an und es werden bis zu 10.000 Zuschauer erwartet; zumindest dürfte man locker die Zahl übertreffen, die in Gelsenkirchen den Großen Trainer empfangen hat (ca. 4.000). Wie groß dieser Trainer noch werden wird, werden wir sehen – immerhin gibt es schon wieder die ersten zarten Differenzen (über die Verkäuflichkeit der Nummer 1) mit dem Wurstfabrikanten an der Spitze des Vereins – déjà vu, Felix?

Einige Spieler werden noch ein paar Tage fehlen im BVB-Training und somit auch bei den ersten Testspielen. Dazu gehören natürlich Mats Hummels, der heute seinen ersten Kurzeinsatz bei der U21-EM gehabt hat, und Marcel Schmelzer, der dort heute nur auf der Bank saß. Desweiteren fehlen die Nationalspieler Sahin, Subotic, Valdez, Lee und Zidan, die mit ihren Mannschaften noch bis vor kurzem unterwegs waren. Verletzte haben wir noch nicht zu beklagen – wollen wir mal hoffen, dass sich das nicht schnell ändert.