Countdown zum Derby: noch 3 Tage

Reinhard Rauball spricht vom emotional wichtigsten Spiel der Saison – und „das hat sich über die Jahre auch nicht abgenutzt“. Da will ich dem BVB- und DFL-Präsidenten nicht widersprechen, denn am Samstag zur besten Fußballzeit ist Derby in Gelsenkirchen. Natürlich darf darüber diskutiert werden, ob Partien gegen den FC Bayern nicht ähnlich aufgeladen sind. Rauball hält sie „rein sportlich und wirtschaftlich“ aktuell für wichtiger als das Revierderby. Das mag in der Regel so sein, aber das 150. Aufeinandertreffen von BVB und S04 ist auch in dieser Hinsicht für beide Klubs eminent wichtig: Für die Schwarz-Gelben geht es um Platz 2 oder zumindest um die direkte CL-Quali, für die Blauen darum, 2017/18 überhaupt europäisch spielen zu dürfen.

Grund genug, im Vorfeld all das aufzugreifen, was eine Erwähnung wert ist und mich noch mehr ins Derbyfieber zu schreiben. Während Thomas Tuchel und Hans-Joachim Watzke gerade Lobeshymnen auf Ousmane Dembelé anstimmen, hätte Schalke-Trainer Markus Weinzierl gerne bessere Spieler – so einen wie Aubameyang beispielsweise. Ousmane oder Auba? Mein Lieblingsschütze für das Siegtor wäre ja ‚Papa‘ Sokratis, aber egal!

Zur Folklore vor einem Revierderby gehört leider, dass sich gewaltbereite Fans verabreden – im aktuellen Fall wohl aus dem BVB-, S04- und Effzeh-Umfeld. Doch die Polizei bekam glücklicherweise Wind von der am Flughafen Weeze geplanten Konfrontation. Außerdem sind gefälschte Tickets für das Spiel in der Turnhalle aufgetaucht.

Die Personalfragen vor dem Derby scheinen bei der Borussia weitgehend geklärt – sofern es darum geht, wer in der Lage ist, im Kader zu stehen. Für Marco Reus kommt die Partie wohl zu früh. Sven Bender und Nuri Sahin trainieren dagegen wieder voll, nachdem sie letztes Wochenende für das Spitzenspiel der zweiten Mannschaft gegen Viktoria Köln (2:3) absagen mussten. Julian Weigl sollte spätestens bis Samstag wieder voll belastbar sein, obwohl er für das Länderspiel in Aserbaidschan ausgefallen war.

Bleibt die Personalie André Schürrle. Dortmunds Rekordtransfer überzeugte in Baku, tut das aber im Verein eher selten. Manche Medien wollen nun leise Kritik am BVB-Trainer aus seinen Worten nach dem Länderspiel herausgehört haben. Thomas Tuchel wird sich davon hoffentlich nicht beeinflussen lassen. Was die anderen offensiven Schwarz-Gelben machen, ist einfach gefährlicher als das, was Schürrle bisher für die Borussia gezeigt hat. Sollte natürlich er am Samstag den Siegtreffer erzielen, könnte sich sein Standing schnell verbessern…

Derbyfieberkurve

Woran merkt man, dass das Derbyfieber steigt? Zum Beispiel daran, dass die Sportbild dem armen Schalker Aufsichtsratsvorsitzenden Clemens Tönnies ein paar Bonmots zum BVB abnötigt, obwohl der doch dringend seine Steuererklärung machen muss. Und daran, dass man selber das liest und denkt: Jetzt erst recht – mach was, Kevin! Für uns Fans sind Derbys eben herrlich einfach – einfach schwarz-weiß.

Dazu gehört auch, dass man sich nicht mit dem Worst Case beschäftigt. Wer denkt schon vorher an eine Derby-Niederlage? Das wäre Masochismus. Doch ein realistischer Blick muss sein und der besagt, dass der FC Schalke derzeit noch zwei Punkte vor dem BVB in der Tabelle steht. Zudem werden die Personalsorgen bei den Schwarz-Gelben größer. Mario Götze musste kurz nach seiner 25-minütigen Beteiligung am deutschen 4:4 für die Ewigkeit Jürgen Klopp mitteilen, dass er wieder Probleme mit dem Oberschenkel hat. Nach einer Untersuchung steht fest: Das Traumduo Götze & Reus ist mal wieder gesprengt, Mario muss am Samstag pausieren.

Damit stellt sich nun massiv die Frage nach der Besetzung des Mittelfelds. Jakub Blaszczykowski fällt noch wochenlang aus. Die Chancen von Kevin Großkreutz auf eine Rückkehr in die Startelf sind groß, so viel verriet Jürgen Klopp in der PK zum Spiel dann doch. Wer die zweite vakante Position im offensiven Bereich besetzt, ist schwerer zu sagen. Ivan Perisic wäre die naheliegendste Lösung. Für Moritz Leitner oder Leonardo Bittencourt dürfte es das falsche Spiel zum Aufrücken sein. Ein Geheimtipp: Julian Schieber kommt ins Team und spielt etwas vor oder hinter Robert Lewandowski.

Noch nicht ganz sicher ist auch, ob Ilkay Gündogan fit genug fürs Derby wird. Gebrauchen könnten wir ihn ohne jede Frage, weil zwar sowohl Sebastian Kehl als auch Sven Bender einsatzfähig sein dürften, es aber ungewiss ist, ob es für die beiden über annähernd 90 Minuten reicht. Ein weiteres Fragezeichen steht hinter Marcel Schmelzer, der – im nachhinein ironischerweise – schon das Länderspiel absagen musste. Mats Hummels ist hingegen zurück im Training und auf einem guten Weg.

Angesichts dieser Personallage hört man es ehrlicherweise nicht ungern, dass auch der Gegner seine Probleme hat. Wegen einer Viruserkrankung muss der sichere Innenverteidiger Kyriakos Papadopoulos das Derby sausen lassen, Linksverteidiger Fuchs hat ähnlich wie Marcel Schmelzer einen schmerzenden Fuß. Julian Draxler wird wegen seines Unterarmbruchs in jedem Fall mit einer Armschiene spielen – ob von Beginn an oder überhaupt, steht noch nicht fest.

Nüchtern betrachtet muss man angesichts der gesammelten Vorzeichen zum selben Schluss kommen wie Jürgen Klopp:

Wir haben den Vorteil, dass wir zu Hause spielen. Und ich habe das Gefühl, das ist der einzige.

Die Statistik legt nahe, dass dieser Vorteil nicht ganz unbedeutend ist. Doch was bedeutet schon eine kalte Statistik vor dem Derby?

Leider muss auch in diesem Jahr wieder mit der üblichen Derby-Folklore egoistischer oder gewaltbereiter Fans gerechnet werden. Auf den üblichen Wegen ins Stadion wurde von der Polizei das für Risikospiele übliche Glasverbot verhängt. Und die Anhänger der Blauen müssen wegen exzessiven Pyro-Einsatzes beim letzten Derby im Westfalenstadion auf viele Fan-Utensilien verzichten. Mitleid wegen letzterem? Kein bisschen. Was zählt ist ohnehin nur, dass Sebastian Kehl recht behält: „Die Nummer 1 sind wir.“

Trainingsauftakt, Derbyfieber und der neue Owomoyela

Am Samstag Abend fand das erste BVB-Training im neuen Jahr und damit der Auftakt zur Rückrundenvorbereitung statt. Bereits am Sonntag folgte der erste spielerische Auftritt der Mannschaft unter Wettkampfbedingungen, beim Hallenturnier in der Westfalenhalle. Dieses Turnier, das auf der Vereins-Website wohlweislich nur als „Hyundai-Cup“ bezeichnet wird, trug den vollen Namen „Derby-Fieber – Hyundai Cup 2009“. Die Idee dahinter war, die sechs Teilnehmer zunächst in regional aufgeteilten Vorrundengruppen zu ‚Derbys‘ antreten zu lassen; in der Rheinland-Gruppe Bayer Leverkusen, Mönchengladbach und den FC Köln, in der Westfalen-Gruppe den VFL Bochum, Preußen Münster und eben den BVB. Das Fieber übertrug sich eher mittelprächtig auf die Fans: Quantitativ eher weniger (mit 6500 Zuschauern war die Halle bei weitem nicht ausverkauft), qualitativ, vom Support her, etwas mehr.

Nun, als Kind war ich mal ein großer Fan von Hallenturnieren. Das hat sich dann mit der Pubertät gelegt. Weswegen ich auch dem gestrigen Auftritt des BVB eher weniger Bedeutung beigemessen und die Übertragung im WDR-Fernsehen mit mäßigem Interesse verfolgt habe. Die Vorrunde mit den ‚Derbys‘ gegen Münster und Bochum war aus schwarz-gelber Sicht mit zwei Siegen ganz ordentlich, wobei nur das zweite Spiel zu sehen war. Über den Rest hüllen wir mal den Mantel des Schweigens. Da ich ohnehin keine Spiele um Platz 3 mag, habe ich mir das letzte Spiel zum Glück nicht angetan. Positiv an der ganzen Veranstaltung war eigentlich nur der Auftritt von Mohamed Zidan. Richtig ärgerlich wird sie aber dadurch, dass sich Mats Hummels dabei einen Teilriss des Innen- und des Außenbandes im rechten Sprunggelenk zugezogen hat und wohl sechs Wochen ausfallen wird. Und das trotz des weniger gefährlichen Naturrasens, der in der Halle verlegt worden war.

Womit wir beim Thema wären. Denn nicht nur Hummels hats erwischt. ‚Kuba‘ Blaszczykowski hat sich im Weihnachtsurlaub bei seinem persönlichen Fitnessprogramm einen Muskelfaserriss zugezogen (was er da wohl gemacht hat? Angeblich Jogging.) und muss noch ein paar Tage pausieren. Und auch Sebastian Kehl ist nicht fit. Immer noch nicht. Knochenstauchung und Muskeleinblutung lautet die Diagnose, zugezogen Mitte November gegen Frankfurt. Kehls Hoffnung ist, beim Trainingslager in Spanien dabei sein zu können, das am Freitag losgeht. Nur sind die Hoffnungen verletzter Fußballspieler zwar menschlich sehr verständlich, aber oft wenig verlässlich. Niemand beim BVB hatte mit einem so langen Ausfall des Kapitäns gerechnet, der zum neuen Patrick Owomoyela zu werden droht.

Und vielleicht deshalb gibt es ein Gerücht, das zwar auf, sagen wir mal, tönernen Füßen steht, sich aber recht charmant anhört: Es soll in Dortmund Interesse an einem weiteren Ex-Schützling von Jürgen Klopp bestehen, nämlich Leon Andreasen, ehemals vorübergehend in Mainz (und Bremen), inzwischen beim FC Fulham in der Premier League. Dort kriegt der 25-jährige Däne kaum noch Einsatzzeiten, will angeblich noch im Januar weg. Andreasen wäre durchaus interessant für den BVB, kann er doch sowohl Innenverteidigung als auch defensives Mittelfeld spielen – er wäre somit der perfekte Ersatz für Hummels UND Kehl. Jedoch scheint mir das nicht zuletzt aus finanziellen Gründen eher eine Option für den Sommer zu sein – und dann käme man wohl zu spät. Machbar ist das  höchstens, wenn es kaum Konkurrenz um den Spieler gibt, und sowohl der als auch Fulham den Wechsel unbedingt wollen. Ein Tauschgeschäft mit dem S04 (gegen Lövenkrands) soll übrigens schon geplatzt sein…