Die Farce ist komplett: RB spielt gegen sich selbst

Manche haben es als theoretisches Szenario abgetan, doch nun wird es schon ganz bald zur Praxis: In der Gruppenphase der Europa League trifft RB Leipzig auf RB Salzburg. Außerdem bekommen es die beiden vom selben Brausehersteller erschaffenen Vereine mit Celtic und Rosenberg Trondheim zu tun.

Gibt es irgendeinen nur ansatzweise kritischen Fußballfan, der sich auf diese beiden Partien freut? Zwischen zwei geschlossenen Klubs, die lange Zeit zum Verwechseln ähnliche Logos hatten, die jetzt aber nur noch sehr ähnlich sind? Alles entflechtet, alles easy, sagen die Apologeten. Aber wie easy wird sich das anfühlen, wenn sich in dieser ein wenig nach Champions League riechenden Gruppe folgendes Szenario ergibt: Einer der beiden RBs ist schon durch und der andere braucht noch Punkte. Diese Situation ließe sich realistisch nur ausschließen wenn die letzte Begegnung zwischen beiden schon am 4. Spieltag wäre.

Klar, man kann Leipzig und Salzburg für total unabhängig halten. Das ist ungefähr genauso nah an der Realität wie zu sagen: RBL gegen RBS oder von mir aus FCS, das ist wie der BVB gegen seine eigene U23.

Dortmund gibt sich die Mozartkugel

Europa League, Achtelfinale / „FC“ Salzburg 0 BVB 0

Es hört sich ja schon komisch an, vom „Wunder von Salzburg“ zu sprechen. Aber in diese Verlegenheit kommt nun keiner. Borussia Dortmund hat sich mit einem tristen 0:0 aus dem Europapokal verabschiedet – nach einer insgesamt sehr schwachen Kampagne. Das Weiterkommen in der schweren CL-Gruppe war keine Pflicht, mehr Punkte gegen Nikosia allerdings schon. Und ein Ausscheiden gegen RBFC Salzburg wegen einer Heimniederlage geht natürlich gar nicht.

Was die Schwarz-Gelben gestern Abend boten reihte sich ein in die schwächeren Auftritte in den europäischen Wettbewerben dieser Saison. Da war über weite Strecken eine Mannschaft auf dem Platz, die keinen Plan davon hatte, wie man diesen Gegner systematisch unter Druck setzen könnte. Und vor allem in der ersten Hälfte auch wenig Plan, wie man die schnellen Salzburger Attacken unterbinden sollte. Wenn Letzteres in den zweiten 45 Minuten etwas besser aussah, dann lag das vor allem an einer verbesserten Innenverteidigung, in der sich Toprak-Ersatz Zagadou besser präsentierte als zu Beginn.

Es blieb auch gestern dabei: Der BVB schafft es nicht mehr, das Zentrum des Spielfelds zu kontrollieren. Meistens ging es uneffektiv über die Außen oder mit langen Pässen nach vorne, die nicht ankamen. Mahmoud Dahoud wirkte emsig, verbuchte das technische Kabinettstückchen des Spiels, um den Ball zwei Sekunden danach zu verlieren. Das fasst seine Leistung ganz gut zusammen. Die Borussen überall auf dem Platz wirkten zu oft zu langsam, kamen zu spät, spielten unsauber ab. Es war ernüchternd – bis auf eine Phase von etwa zehn Minuten in Hälfte 2, in der man die Gastgeber ernsthaft unter Druck setzte und zwei große Chancen vergab. Weiterlesen „Dortmund gibt sich die Mozartkugel“

Süßer Trost Marco Reus

Den Sinn für gutes Timing kann man den BVB-Verantwortlichen nun wirklich nicht absprechen: Am Tag, nachdem ein neuer schwarz-gelber Tiefpunkt nicht nur der Rückserie erreicht war, verlängert mal eben Marco Reus seinen Vertrag bis 2023. Dortmunder Junge und Superstar, wenn er denn fit ist. Da sind wohl selbst die größten Kritiker aus den eigenen Reihen erst mal entwaffnet.

Denn gibt es bei dieser Nachricht irgendeinen Grund für Sarkasmus? Ich sehe keinen. Natürlich wird Marco noch mehr Geld verdienen als ohnehin schon. Aber er ist auch einfach richtig gut, selbst jetzt schon wieder, mit wenig Spielpraxis. Und natürlich wollen und brauchen wir Identifikationsfiguren, von denen dieses Gefühl erwidert wird. Gerade jetzt, da ein erneuter größerer Umbruch im Team unvermeidlich scheint – diesmal aber von Dortmund so gewollt.

Etwas muss jedenfalls passieren am Ende der Saison, das scheint beinahe festzustehen. 1:2 zu Hause gegen Salzburg geht halt nicht, selbst wenn man die Gäste für illegitim hält. Von der Partie konnte ich übrigens kaum etwas sehen und ich bin fast schon glücklich darüber.

Vielleicht wird Marcos Signal tatsächlich der erste Schritt eines gelungenen Umbaus. Gerade weil er bleibt. Noch ist seine Vertragsverlängerung aber nicht mehr als ein Trostpflaster und ein Funken Hoffnung.

Erst harte Kost, jetzt Mozartkugeln

Europa League, Zwischenrunde / Atalanta Bergamo 1 BVB 1

Europapokal-Auftritte – sollen das nicht eigentlich Festtage sein? Borussia Dortmund erlebte dagegen in Reggio nell’Emilia, wo Atalanta Bergamo seine internationalen Spiele austrägt, einen in mehrerer Hinsicht schmutzigen Abend.

Es waren ja nicht nur die schmutzigen Trikots und die dank Kälte und Dauerregen erneut schwierigen Bedingungen. Sicher hatten letztere etwas mit der Qualität der Darbietung beider Mannschaften zu tun. Aber was der BVB in diesem K.O.-Spiel bot, zeigte nach den zuletzt positiven Ergebnissen noch mal die ganze Bandbreite der Schwierigkeiten auf, die der Klub in den nächsten Monaten bewältigen muss.

Es sind Dinge, die hier und anderswo schon ein ums andere Mal angesprochen wurden. Da hätten wir das Mitte-lastige Spiel der Borussia, bedingt auch durch die fehlende Qualität auf den Außenverteidigerpositionen. Über Toljan in seiner gestrigen Form brauchen wir ohnehin nicht zu reden. Aber wer immer noch oder erneut Piszczek oder Schmelzer wegen seines Tores als Heilsbringer sieht, hat doch auch zu viel Nostalgie gespritzt. Weiterlesen „Erst harte Kost, jetzt Mozartkugeln“

So macht Europapokal Spaß

Europa League, Zwischenrunde / BVB 3 Atalanta Bergamo 2

Darf man als BVB-Fan mit einem knappen Heimsieg bei zwei Gegentoren zufrieden sein? In der Europa League, nach dieser Champions League-Gruppenphase? Ich nehme mir das jedenfalls raus. Borussia Dortmund hat heute gezeigt, dass man Europapokal noch kann – und vor allem, dass man zurückkommen kann, auch nach einem grottigen Intermezzo zu Beginn der zweiten Hälfte.

Peter Stöger hatte sich entschieden, der Fitness von Marco Reus zu vertrauen und dafür im Mittelfeld zunächst auf den robusteren Castro anstelle von Götze zu setzen. Zunächst gingen die Gastgeber mit gesundem Selbstbewusstsein in die Partie, ehe sich Atalanta zum erwartet unangenehmen und sogar gleichwertigen Gegner entwickelte.

Es waren letztlich die Tore, die den Ausschlag in die eine oder andere Richtung zu geben schienen. Nach der Führung durch – ja, wieder er – Schürrle hatten die Schwarz-Gelben die Begegnung ordentlich im Griff. Ilicics Ausgleich in der 51. ließ das Spiel für einige Minuten komplett kippen. Dann kam Götze rein und Batshuayi mit dessen Hilfe zum Torerfolg – und von da an gab der BVB den Ton an, ohne brandgefährlich zu werden. Bis die Nachspielzeit kam. Weiterlesen „So macht Europapokal Spaß“

The Day After

Es fühlt sich immer noch sehr bescheiden an, was da gestern Abend passiert ist. Anti-Malaga eben. Deshalb hier noch ein paar – vielleicht therapeutische, jedenfalls subjektive – Gedanken und Lehren aus dem Krimi von Anfield.

  1. Gegen diesen Trainer in diesem Stadion und nach diesem Spiel zu verlieren fühlt sich besser an als in ähnlicher Weise – sagen wir – gegen den FC Bayern. Ein kleines bisschen besser zumindest.
  2. Weder die schwarz-gelben Jungs noch Thomas Tuchel vermochten es, der Partie neue Impulse zu geben, als sie ihre verhängnisvolle Dynamik bekam. Oder es waren falsche Impulse.
  3. So gut es in der Liga läuft: Wenn man Erfolge in Europa feiern will, muss endlich eine ehrliche Bestandsaufnahme der Fähigkeiten und Limitierungen der Defensivakteure her. Dabei bitte außen anfangen!
  4. Nach diesem K.O. sofort wiederaufzustehen, am Sonntag endlich mal den HSV wieder richtig wegzuputzen und natürlich am Mittwoch ins Pokalfinale einzuziehen – das würde allen, die jetzt zweifeln, beweisen, dass auch der Tuchel-BVB die richtige Mentalität hat.

Tuchels Gameplan hält nur 90 Minuten

Europa League, Viertelfinale / FC Liverpool 4 BVB 3

Ein furioser Start, ein faszinierender Europapokal-Abend, der Werbung für den Wettbewerb war – doch bei der Auslosung zum Halbfinale heute Mittag ist Borussia Dortmund nicht im Topf. Das Stehaufmännchen Nummer 1 bleibt Jürgen Klopp.

Lange sah es so aus, als ob die Schonung vieler Stammkräfte im Derby bei S04 Früchte getragen hätte. Marco Reus, Henrikh Mkhitaryan und Pierre-Emerick Aubameyang spielten lange nahe ihrer Bestform. Doch so überzeugend der BVB zunächst angriff, defensiv sah es immer dann gefährlich aus, wenn die Reds zielstrebig und passsicher kombinierten. Lukasz Piszczek war stark nach vorne, aber defensiv nicht immer im Bild. Und Marcel Schmelzer? Hat der gestern eine Flanke verhindert? Er schien immer da zu sein, wo der Ball nicht war. In der Zentrale wurde es unterdessen immer gefährlich, wenn mehr als zwei Spieler zu decken waren.

In den ersten 20 Minuten war dieses Spiel eine Leistungsschau der BVB-Offensive, danach ein packender Europapokal-Fight. Doch den Borussen half es am Ende weder, sich einreden zu lassen, man habe das stärkere Team, noch dass man kräftemäßig am Limit sei. Nach solch einem Last-Minute-Desaster lässt sich natürlich nicht seriös sagen, wie sich eine geringere Rotation am Sonntag ausgewirkt hätte. Doch de facto steht man nun 7 Punkte hinter Bayern und nicht mehr in der Europa League.

Die Dramaturgie des Spiels verlief in der zweiten Hälfte zunächst denkbar ungünstig. Ein schnelles Gegentor hätte es nun wirklich nicht gebraucht. Doch der großartige Marco Reus schien alles klar gemacht zu haben – wäre nicht Klopps Liverpool Meister der Aufholjagd. Dass der BVB sich dem nicht mehr widersetzen konnte und noch drei Tore kassierte, ist schwer erklär- und verzeihbar. Auch der Doppelwechsel – Ramos und Gündogan für Reus und Castro – muss kritisch hinterfragt werden.

Es waren nicht die besten Tage von Thomas Tuchel, unbenommen dem, was er bereits mit den schwarz-gelben Jungs geleistet hat. Was bleibt, ist erst mal Leere. Und fast schon die Pflicht, am Mittwoch zu verhindern, dass Berlin nach Berlin fährt. So ist das Business.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Sokratis, Hummels, Schmelzer – Weigl, Castro (82. Gündogan) – Mkhitaryan, Kagawa (77. Ginter), Reus (83. Ramos) – Aubameyang. Gelbe Karten: Hummels, Piszczek, Schmelzer. Tore: Mkhitaryan, Aubameyang, Reus

Klopp bleibt nicht in Dortmund

Europa League, Viertelfinale / BVB 1 FC Liverpool 1

Heute wird sich Jürgen Klopp in ein Flugzeug setzen und mit einem Unentschieden im Gepäck an die Merseyside zurückkehren. In einer Woche an der Anfield Road wird dann der sportliche Aspekt des Duells Dortmund gegen Liverpool wohl auch medial wieder mehr im Vordergrund stehen.

Das soll nicht heißen, dass es bei der Rückkehr des geliebten Erfolgstrainers nicht gekribbelt hat. Aber neben Dankbarkeit und Respekt spürte ich vor allem ein sportliches Kribbeln: Wie würde der BVB gegen den neuen Klub des ausgewiesenen Dortmund-Kenners aussehen? Wer am Ende die Oberhand behalten wird, ist nach dieser Partie noch offen. Aber leicht wird die Aufgabe für die Schwarz-Gelben nicht.

Es zeigte sich, dass ein hochmotiviertes Team mit Klopp’schem Pressing und Einzelkönnern wie Coutinho, Lallana oder Origi gegen die Borussia einiges ausrichten kann. Positiv war vor allem in der ersten Hälfte, dass der BVB darauf ruhig reagierte und es den Gastgebern so nach und nach gelang, doch ein deutliches Übergewicht zu schaffen.Was fehlte war die Präzision – oder die richtigen Entscheidungen in Strafraumnähe. Denn die Schwarz-Gelben hatten ein paar echte Chancen, aber vor allem viele Hätte-wäre-wenn-Szenen. Es scheint Spieler zu geben – etwa Erik Durm oder später Nuri Sahin – die unter Tuchel noch nicht so oft dabei waren und deshalb bei aller Auffälligkeit noch öfter falsche Entscheidungen bei Pässen und Schüssen treffen.
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Jetzt also doch: Klopp kommt nach Dortmund

Ist es das Spiel, das wir möglichst lange vermeiden oder doch alle sehen wollten? Schon im Viertelfinale der Europa League trifft Borussia Dortmund laut der von unserem Ex-Stürmer Alex Frei vorgenommenen Auslosung auf Ex-Trainer Jürgen Klopp und den FC Liverpool. Dabei müssen die Schwarz-Gelben zunächst zu Hause antreten.

Sicher sind beide Sichtweisen nachvollziehbar, aber ich neige doch dazu, mich auf die beiden Partien zu freuen. Es gibt derzeit keinen Grund, der Klopp-Ära nachzutrauern. Sein neuer Verein ist zwar der mit Abstand attraktivste, aber vielleicht gar nicht der stärkste Gegner. Die Abwehr etwa ist nicht nur bei Standards anfällig. Weder wird Klopp in Liverpool scheitern, wenn er die EL nicht gewinnt, noch wird der BVB von einer verkorksten Saison sprechen müssen, wenn man gegen die Reds ausscheidet.

Nein, es ist vor allem reizvoll zu sehen, wie Klopp mit einer starken Mannschaft gegen Tuchel mit einer starken Mannschaft abschneidet. Dass das Duell einen Riesen-Medienhype auslösen wird, kann man da in Kauf nehmen. Und eigentlich ist er sogar gerechtfertigt. Solche Begegnungen braucht die Europa League, um ihre Position gegenüber der Champions League zu verbessern. Nicht jedes Viertelfinalspiel in letzterer ist ähnlich attraktiv.

Zwei hochemotionale und voraussichtlich denkwürdige Spiele erwarten uns. Nichts zu bedauern.

London kann mit Europa nichts anfangen

Europa League, Achtelfinale / BVB 3 Tottenham Hotspur 0

Borussia Dortmund steht nach einem weiteren großen Europapokal-Auftritt mit dem sprichwörtlichen einen Bein im Viertelfinale. Die extrem souveräne Vorstellung begeisterte, doch die Partie hätte eigentlich noch deutlicher  ausgehen müssen – was die Einstellung der Gäste in Frage stellt.

Mit sieben neuen Gesichtern gegenüber dem Nord-Londoner Derby schickte Mauricio Pochettino die Spurs aufs Feld – unter anderem fehlten Dembele, Lamela und Kane. Es bewahrheitete sich tatsächlich, was ich schon nach der Auslosung für möglich gehalten hatte: Die Meisterschaft scheint Tottenham allemal wichtiger zu sein als der zweitbeste europäische Wettbewerb. Ein wenig kann man es nachvollziehen. Was würde wohl geschrieben, wenn die Spurs nach vielen Jahren wieder ganz dicht am nationalen Titel dran sind, aber am Ende ausgerechnet hinter Leicester Zweiter werden? Dennoch: Auch europäisch hätten die Londoner einiges aufzuholen. Warum es nicht klappte, erklärt ein großer englischer Fußball-Experte:

Tottenham beraubte sich seiner Stärken. Die Offensive brachte zweieinhalb Chancen in rund 95 Minuten zustande. Die Abwehr bügelte zwar einiges aus, doch zu oft aus Gästesicht gelangen der Borussia präzise Pässe hinter die Abwehr, indem ein handlungsschneller Schwarz-Gelber die Verteidiger außen überlief und den Ball aufnahm. Von Pressing und früher Balleroberung der Spurs hatten wir zuvor gehört – davon war kaum etwas zu sehen. Vielleicht war das das Einzige am Spiel, was Mauricio Pochettino so einkalkuliert hatte. Vielleicht war der Plan, wie so oft gegen den BVB, hinten sicher zu stehen und zu kontern. Er ging ganz und gar nicht auf. Weiterlesen „London kann mit Europa nichts anfangen“