Delaney geht: It’s not all right, but it’s ok

Es ist also passiert, was zuletzt viele für möglich hielten, aber niemand so richtig wollte. Auch Borussia Dortmund betont ausdrücklich, dass Thomas Delaney den Verein „auf eigenen Wunsch“ in Richtung FC Sevilla verlässt. Bei den Andalusiern hat der 29-jährige dänische Nationalspieler einen Vertrag bis 2025 unterzeichnet. Zur Wahrheit gehört dazu, dass niemand der BVB-Verantwortlichen Delaney mehr oder auch nur genauso viel Einsatzzeit wie zuvor garantieren konnte. Die neue 4-4-2-Raute von Marco Rose – die natürlich nicht in Stein gemeißelt ist – sieht in der Regel nur einen defensiven Mittelfeldspieler vor und andere Akteure scheinen hier beim Trainer gefragter zu sein.

Thomas Delaney geht nicht leichtfertig und auch nicht unbedingt voller Freude – das klingt bei seinem Statement durch, das der BVB auf der Vereinswebseite veröffentlicht hat:

„Ich bin unglaublich stolz, für den BVB gespielt zu haben. (…) Die Atmosphäre im Signal Iduna Park werde ich immer vermissen. Das ist ein ganz besonderer Ort auf der Welt. Ich kann nur gute Dinge über Borussia Dortmund und die Menschen, die den Verein ausmachen, sagen. Es ist traurig für mich, den BVB zu verlassen, aber wir gehen alle als Freunde auseinander.

Webseite BVB

Ich hätte mir einen Verbleib von Delaney gewünscht. Da spielen weiche Faktoren eine Rolle – er scheint einfach ein angenehmer, guter Typ zu sein. Doch sein Einsatz und seine Mentalität können sich auch ganz konkret positiv auf die Mannschaft auf dem Platz auswirken. Die ungeliebte, aber oft gestellte Mentalitätsfrage wird der BVB so jedenfalls nicht seltener zu hören bekommen.

Ganz realpolitisch gedacht kann man die Entscheidung von beiden Seiten nachvollziehen. Das Geld ist in der Corona-Pandemie knapp; der BVB hat das offen kommuniziert. Wenn nur ein halbwegs lukrativer Abgang – Delaney soll sechs Millionen Euro plus Boni einbringen – einen Zugang ermöglicht, macht der Wechsel halbwegs Sinn. Die Schwarz-Gelben haben auf den offensiven, vor allem aber defensiven Außenpositionen mehr Bedarf als im defensiven Mittelfeld. Wirklich nützlich wäre ein vielseitig einsetzbarer, vor allem aber defensivstarker Außenspieler. Im Idealfall wäre er links und rechts gleich stark. Hier eine überzeugende Lösung zu präsentieren, wäre das Einzige, was die Borussia in der derzeitigen Situation noch machen sollte und was mich vom Sinn des Delaney-Transfers überzeugen könnte.

Alles Gute, Thomas Delaney!

So macht Europapokal Spaß

Champions League, Achtelfinale / BVB 2 FC Sevilla 2

Ich bin kein großer Freund der Champions League (mehr) – in einigen Texten dieses Blogs ist das schon durchgeklungen. Spiele wie gestern machen aber auch mir noch Spaß. Objektiv wie subjektiv gesehen hatte die Partie gegen Sevilla vieles, was zu einem Europapokal-Abend dazugehört: den K.O.-Modus, einen unbequemen, tendenziell unsympathischen Gegner, Kontroversen, einen Helden im eigenen Team, Spannung bis zum Schluss und den Erfolg für Schwarz-Gelb.

Hinten drin, aber mit viel Disziplin

Eine gute halbe Stunde sah die Partie ähnlich aus wie jene am Wochenende in München über weite Strecken: Durch frühes Attackieren setzten die Gäste die Schwarz-Gelben unter Druck und drängten sie weit in die eigene Hälfte zurück. Der BVB stand sehr tief und rückte selbst bei Ballgewinnen nicht konsequent genug raus, so dass es oft gar keine andere Option gab, als den Ball in der Nähe des eigenen Strafraums quer zu spielen oder wegzuschlagen. Das ließ nicht nur den Blutdruck der Fans steigen, sondern führte auch zu Ballverlusten. Positiv für die Borussia war, dass Sevilla nicht so präzise spielte wie die Bayern und vor allem die Dortmunder Innenverteidiger Hummels und Can vieles per Kopf ausbügelten. Die letzte Reihe hielt dem Druck stand.

So war es ein unverhofftes Glücksgefühl, als der BVB mit seinem zweiten nennenswerten Angriff mach 35 Minuten in Führung ging: ein schneller Konter nach Ballgewinn durch Delaney, an dessen Ende Marco Reus eine seiner seltener gewordenen Klasse-Vorlagen auspackte und Erling Haaland zur Stelle war. Der Norweger war kein unwahrscheinlicher Held, aber es ist nun mal erneut zu einem guten Teil ihm zu verdanken, dass die Schwarz-Gelben in der Champions League einen Erfolg feierten. Von seinem vermeintlichen bis zum gültigen 2:0 brauchte Haaland sechs Minuten – eine Story, wie sie nur der VAR schreiben kann.

VARrückte sechs Minuten

Zunächst überprüfte Schiedsrichter Cüneyt Cakir das Tor, das Erling mit einem Schuss im Strafraum erzielt hatte. Zuvor soll er Diego Carlos gefoult haben – allerdings stießen die beiden eher zusammen. Der BVB bekam das Tor dennoch aberkannt, dafür einen Elfmeter zugesprochen – für einen Zupfer an Haalands Trikot, der zeitlich weiter zurücklag. Den Elfmeter, den der Norweger selber schoss, parierte Torwart Bono. Die Partie lief weiter, bis Schiedsrichter Cakir schließlich auf Wiederholung des Strafstoßes entschied: Bono hatte zu früh die Torlinie nach vorne verlassen. Haaland schritt erneut zur Tat und traf genau ins rechte Eck, obwohl der Keeper auf die richtige Seite sprang. Die sechs Minuten bis dahin sorgten für Gesprächsstoff und trugen zur Geschichte des Spiels bei. Andererseits: Sollte dies nicht eher dem Sport vorbehalten bleiben? Von Spielfluss konnte während dieser Zeitspanne jedenfalls keine Rede sein.

Der Elfmeter für Sevilla in der 69. Minute war vertretbar. Dortmund hätte das Spiel ein-, zweimal entscheiden können, geriet erst gegen Ende noch mal richtig unter Druck. Und die Nachspielzeit hatte es in sich. Glücklicherweise war nach dem 2:2 nicht mehr lange zu spielen. Marwin Hitz hatte in der Schlussphase jedenfalls noch ein paar Gelegenheiten, sich auszuzeichnen. Neben ihm, Haaland und den Innenverteidigern muss man auch Thomas Delaney und vor allem in der zweiten Hälfte Jude Bellingham als Garanten für den Sieg nennen. Europapokal as it should be – und Dortmund steht im Viertelfinale.

Die Aufstellung: Hitz – Morey, Can, Hummels, Schulz – Delaney – Bellingham, Dahoud – Reus, Haaland, Hazard. Gelbe Karten: Morey, Haaland, Can. Tore: Haaland (2, davon 1 EM)

Dortmund feiert spanische Nacht

Champions League, Achtelfinale / FC Sevilla 2 BVB 3

Warum sind eigentlich so viele Beobachter so überrascht? Auch wenn vielleicht nicht mit einem Auswärtssieg und drei Toren zu rechnen war: Der BVB hat in der Champions League in den meisten Spielen ein anderes Gesicht als in der Liga gezeigt. Das gelang auch gestern in Andalusien und stellt eine kleine Revanche für die veritable „Shithousery“ der Gastgeber beim letzten Aufeinandertreffen dar.

Stabiler, wacher, stärker

Edin Terzic hatte Lehren aus den letzten beiden Partien gezogen: Emre Can rechts hinten hatte nicht so gut funktioniert. In Sevilla lief der Mentalitätsspieler im defensiven Mittelfeld auf, wo er wenn irgendwie möglich hingehört. Ihm zur Seite standen Jude Bellingham und Mo Dahoud, die etwas offensiver orientiert waren, aber auch in Zweikämpfen weitgehend überzeugten. Drei echte Offensivkräfte reichen eben aus, wenn zwei von ihnen Erling Haaland und Jadon Sancho heißen. Bei all diesen positiven Erscheinungen um ihn herum ließ sich auch Kapitän Reus nicht lumpen und war durch seine Balleroberung im Mittelfeld sowie seinen Pass auf Haaland maßgeblich am dritten Treffer beteiligt.

Obwohl Sevilla in der zweiten Hälfte über längere Strecken am Drücker war und der BVB zu viel Raum preisgab, stand die Abwehr sicherer als zuletzt. Beim 1:0 war viel Pech dabei, auch wenn Sancho natürlich nicht optimal verteidigte. Das späte 2:3 der Gastgeber entsprang dann mal wieder einem Standard, als Dahoud und Can den eingewechselten Luuk De Jong laufen ließen. Aber das Handwerk dazwischen verrichtete die Viererkette ordentlich, mit Abstrichen bei Morey.

Momente der Extraklasse gab es an anderer Stelle: Mo Dahouds satter Treffer zum Ausgleich aus fast 20 Metern. Die spielerische Urgewalt von Erling Haaland, der das 1:2 selbst einleitet, zu Sancho weitergibt und dann dessen schönen Lob zurück eiskalt verwertet. Das kann die Borussia alles und hat es in der Champions League auch schon gezeigt – selbst wenn die Gegner noch nicht die Klasse des FC Sevilla hatten.

Warum nicht immer so?

Natürlich hatte der BVB gestern einen Gegner, der selbst gerne den Ball in seinen Reihen hält. Das kam den Schwarz-Gelben entgegen: Sie mussten mal nicht das Spiel gestalten. Hätten die Andalusier Ballverluste besser vermieden, wäre es mit dem Auswärtssieg sicher noch ein Stück schwerer geworden. Aber dennoch: Beim Vergleich mit den nicht gewonnenen Partien in der Liga fragt man sich unweigerlich, warum gestern deutlich mehr Wachheit (wie bei Reus), mehr Einsatzwillen (etwa bei der von Edin Terzic bejubelten Grätsche von Emre Can) und mehr Bindung zwischen den Mannschaftsteilen zu spüren war.

Dieser Vergleich macht einen bei aller Freude über den couragierten Auftritt gestern etwas ärgerlich. Bei allen taktischen Unterschieden: Wer in Sevilla gewinnt, muss auch gegen Hoffenheim drei Punkte holen. Das beste Mittel gegen diesen Ärger: ein Derbysieg, egal wie! Danach können wir ein neues Kapitel beginnen.

Die Aufstellung: Hitz – Morey, Akanji, Hummels, Guerreiro (76. Passlack) – Can, Bellingham, Dahoud (89. Meunier) – Reus (80. Brandt), Sancho – Haaland. Gelbe Karten: Hummels, Haaland. Tore: Dahoud, Haaland (2)

Edin Terzic stellt sich vor

Der neue BVB-Trainer stellte sich heute Mittag gemeinsam mit Michael Zorc erstmals den Fragen der Journalisten. Auf der Spieltags-Pressekonferenz zur Partie in Bremen blieb diese erwartungsgemäß Randnotiz. Edin Terzic, bisher Co-Trainer, ist voraussichtlich bis Sommer der neue starke Mann auf der Bank der Schwarz-Gelben. Er kam sympathisch rüber, wie ein Mann, der keine Allüren, aber auch keine Angst vor der Aufgabe hat.

Natürlich kündigte Terzic eine Analyse der Gemengelage rund um die Mannschaft an, die unabhängig von seiner bisherigen Mitarbeit im Trainerstab notwendig ist. Wenig Konkretes gab es zu möglichen Änderungen in der täglichen Arbeit oder im Umgang mit der Mannschaft zu erfahren. Terzic wollte sich auch nicht das Etikett „emotionaler Trainer“ anheften (lassen). Was durchschimmerte: Bei der Analyse, aber auch danach, wird er womöglich verstärkt auf den Dialog mit den Spielern setzen – ohne im Anschluss die Verantwortung zu scheuen, eigene Entscheidungen zu treffen. Ein wichtiger Satz von Terzic, den er hoffentlich dem Team nahebringen kann:

Wir müssen uns auch bei unangenehmen Situationen wehren. Und wir müssen alle die Verantwortung haben, uns da auch gegenseitig stets daran zu erinnern.

Sympathisch ist natürlich auch, dass Edin Terzic aus der Region kommt und nach eigenem Bekunden schon seit seiner Kindheit BVB-Fan ist. Das und seine Art werden ihm einen gewissen Bonus bei den Fans verschaffen. Diese wissen aber auch, dass Terzic als Cheftrainer unerfahren ist und der Verein sich sportlich kaum noch Ausrutscher erlauben kann. Der Ergebnisdruck wird also nur unwesentlich geringer sein als bei jedem anderen Trainer.

Viel mehr als ein menschlich positiver Eindruck von Edin Terzic fiel bei der PK nicht ab. Also keine knackigen neuen Infos – aber das war wohl auch nicht zu erwarten. Verständlich ist, dass der neue Trainer zum gerade ausgelosten Gegner im Achtelfinale der Champions League, dem FC Sevilla, noch nicht viel sagen konnte und wollte. Unangenehm sei Sevilla – das dürften Verantwortliche wie Fans des BVB noch ganz gut in Erinnerung haben. In sportlicher Hinsicht fällt mir da das eher unsportliche, sehr aufreizende Zeitspiel der Spanier ein.

Doch das ist Vergangenheit und hat mit den Partien im Februar/März erstmal nichts mehr zu tun. Nach wie vor stellt Sevilla eine große sportliche Herausforderung dar – selbst, wenn viele Dortmunder wohl erleichtert waren, dass nicht Atletico oder Barcelona aus dem Lostopf kamen. Wie der BVB ist Sevilla gerade Fünfter in der Liga, zwei Punkte vor Barca, das ebenfalls elf Spiele bestritten hat. Mit Ausnahme von Atletico haben alle Clubs vor Sevilla mindestens eine Partie mehr absolviert. Sportlich wird das also ein Duell auf Augenhöhe für die Borussia, in dem es keinen Favoriten gibt.

Bis es soweit ist, wird sich auch geklärt haben, was wir von Edin Terzic erwarten dürfen. Und ob er sich ein wenig Hoffnung auf ein längeres Engagement machen kann, was Michael Zorc zumindest nicht explizit ausgeschlossen hat.

Immobile verlässt Dortmund leihweise

Man könnte es sich nun leicht machen und vom „Ende eines Missverständnisses“ oder Ähnlichem schreiben. Vermutlich werden wir diese Schlagzeile noch irgendwo lesen. Doch der Abschied von Ciro Immobile, der für zunächst ein Jahr zum FC Sevilla wechselt, ist nicht so einfach zu bewerten. Die Anlagen für einen guten Mittelstürmer sind beim Italiener schon gegeben – allerdings fiel ihm anscheinend die Anpassung an eine sportlich ohnehin nicht richtig funktionierende Mannschaft schwer.

Wirklich vorauszuahnen war das nicht. Schade nur, dass Ciro seinen Abgang noch mit dem unrühmlichen Auftreten auf der Asien-Reise, wo er einen offiziellen Termin versäumte, garnieren musste. Hinzu kamen Bilder, auf denen er isoliert wirkte – und schon fällt das Urteil leicht, dass der Abschied das beste für beide Seiten ist.

Die Borussia wollte Immobile verständlicherweise lieber für einen ordentlichen Betrag verkaufen. Der FC Sevilla wollte – ebenso verständlich – nicht die Katze im Sack kaufen. Heraus kam ein Leihgeschäft, das den Schwarz-Gelben drei Millionen Euro einbringt. Vorteilhaft kann sich das nur auswirken, wenn der Stürmer in Sevilla einschlägt und sich sein Marktwert wieder erhöht. Immobile dürfte mit der Lösung weniger Bauchschmerzen haben – über eine Kaufoption der Andalusier wurde nichts bekannt und so könnte die Reise im nächsten Jahr doch noch in die geliebte Heimat führen.

Dem BVB fehlen zunächst mal die Transfer-Millionen. Ob das der alleinige Grund ist, dass Thomas Tuchel und Michael Zorc nach „Kicker“-Angaben keinen Ersatz verpflichten wollen, ist fraglich. Geht man davon aus, die meiste Zeit nur mit einem echten Stürmer aufzulaufen, macht es durchaus Sinn, nur mit Aubameyang, Ramos und Nachwuchsleuten in die Saison zu gehen. Schließlich gibt es ein breit aufgestelltes offensives Mittelfeld. Investitionen wären an anderer Stelle notwendiger.

Zu alt mit 30? Hinkel hört auf

Ex-Nationalspieler Andreas Hinkel beendet seine Karriere – mit 30 Jahren. Zuletzt hatte der Schwabe beim SC Freiburg gekickt, allerdings nicht mehr so häufig wie gewünscht. Bekannt geworden war er durch seine Zeit beim VfB Stuttgart, für den Hinkel auch in der Champions League auflief. 2006 schlug er den Weg ins Ausland ein, spielte zunächst zwei Jahre beim FC Sevilla, im Anschluss in Schottland für den FC Celtic. Nachdem seine Karriere nun auch im Breisgau nicht mehr auf Touren kam, zog Hinkel die Konsequenzen. Und stellt fest: „Mit 30 gehört man zum alten Eisen.“

Unbestritten ist, dass 29 oder 30 heute nicht mehr als „bestes Fußballer-Alter“ gilt. Junge Spieler reifen schneller, auch dank der verbesserten Ausbildung. Schnelligkeit, Spritzigkeit und Energie haben Erfahrung als Primärtugend abgelöst. Unbestreitbar ist aber auch, dass es selbst ein 29-jähriger Absteiger noch in den Profikader des Meisters schaffen kann – wie zuletzt Oliver Kirch.

Was genau ist bei Andreas Hinkel falsch gelaufen? Pech spielte ohne Frage eine Rolle. Hätte der damalige Stuttgarter an der WM 2006 im eigenen Land teilgenommen, wären ihm womöglich mehr Türen offengestanden. Den folgenden Wechsel zum FC Sevilla kann man sicher nicht als Abstieg bewerten, doch es fehlte Hinkel ein wenig die Reputation eines WM-Teilnehmers. In zwei Spielzeiten absolvierte er nur 15 Einsätze für die Andalusier. Bei Celtic, in einer sportlich höchstens zweitklassigen Liga, lief es spätestens ab 2008 besser, ehe Hinkel der klassische Schicksalsschlag des Profifußballers ereilte: Kreuzbandriss.

Aber lag es nur an dieser langwierigen Verletzung, dass sich der Schwabe auch nach seiner Rückkehr nach Deutschland nicht mehr in den Vordergrund spielen konnte? Es dürfte ebenfalls eine Rolle gespielt haben, dass er auf den Zetteln der hiesigen Sportdirektoren und Scouts bereits zuvor nach unten gerutscht oder ganz von ihnen verschwunden war. Wer in Sevilla nur Reserve bleibt und schließlich auch bei Celtic keinen Vertrag mehr bekommt, hat hierzulande erst mal schlechte Karten. Der Ruf des vielmaligen schottischen Meisters und einzigen verbliebenen Topclubs im Land ist eben nicht mit Real Madrid oder auch nur Ajax Amsterdam zu vergleichen. Wie etwa seinem früheren Teamkollegen Timo Hildebrand ist auch Hinkel der vorschnelle Wechsel ins Ausland, konkret nach Spanien nicht bekommen.

Andreas Hinkel ist deshalb nicht gescheitert. Er hat mit dem FC Sevilla den UEFA-Cup gewonnen und mit Celtic die Meisterschaft und den Pokal – wie das so dort zu erwarten ist. Nur endet seine Karriere eben etwas früher als bei vereinstreueren Spielern wie Sebastian Kehl, der ebenfalls schwer von Verletzungen geplagt war. Hinkel wollte keinen Ausklang seiner Laufbahn in fußballerisch eher unbedeutenden Ländern; er wollte es auch wegen seiner Familie nicht, was absolut nachzuvollziehen ist. Vor dieser Entscheidung muss man Respekt haben. Und kann sich trotzdem fragen, wie es mit dem gebürtigen Backnanger weitergegangen wäre, wenn er im Winter 2007 das Angebot von Borussia Dortmund angenommen hätte.

Welche Hämmer hättens denn gern?

Borussia Dortmund bekommt es in der Champions League-Gruppenphase mit Arsenal, Olympique Marseille und Olympiakos Piräus zu tun. Eine interessante, abwechslungsreiche Gruppe, attraktive Reiseziele und das Weiterkommen scheint nicht unmöglich. Vom zweiten bis vierten Platz ist alles drin. Eine erste Einschätzung der Gegner:

FC Arsenal – Die Unkenrufe schwellen an. Arsenal ist schwach in die Premier League gestartet und gibt Fabregas und nun auch Nasri ab. Arsene Wenger wird jedoch versuchen, von den Einnahmen noch den ein oder anderen Spieler zu holen. Und überhaupt: In der CL-Vorrunde hatten die Londoner selten Probleme. Arsenal ist der klare Favorit der Gruppe.

Olympique Marseille – Der Vizemeister ist nicht berauschend in die neue Saison gestartet (3 Spiele – 3 Punkte). Trotzdem hat das Team von Didier Dechamps ohne Zweifel viel Potenzial. Die jungen Stürmer Loic Remy und André Ayew (der auch schon mit deutschen Vereinen in Verbindung gebracht wurde) sind auf jeden Fall zu beachten. Der erfahrene argentinische Mittelfeld-Regisseur Lucho Gonzalez ist auch international ein Begriff. Für das defensive Mittelfeld ist Alou Diarra neu von Girondins Bordeaux hinzugekommen. Die Abwehr hält unter anderem der 38-fache Nationalspieler Kameruns, Stéphane Mbia, zusammen. Bei OM ist viel Qualität vorhanden – fragt sich, wie es mit der mannschaftlichen Geschlossenheit steht.

Olympiakos Piräus – Griechenland und der griechische Fußball haben schon bessere Zeiten erlebt. Man sollte jedoch nicht der Versuchung erliegen, zu sehr zu verallgemeinern. Wie in Spanien und Schottland haben in den letzten Jahren immer zwei Vereine die Meisterschaft unter sich ausgemacht: Olympiakos und Panathinaikos. Das bedeutet auch, dass Olympiakos sehr viel Erfahrung in der Champions League hat, zumindest in der Gruppenphase. So was kann schon mal den Ausschlag geben. Große Namen sind allerdings rarer als bei den anderen Gegnern: Die Skandinavier Olof Mellberg und Dennis Rommedahl kennt man vielleicht noch aus der englischen Premier League. Kapitän und Nationalspieler Vasilis Torosidis ist ein gestandener Abwehrmann. Mit Sicherheit noch ein Begriff : Der Ex-Herthaner Marko Pantelic. Ebenfalls zu beachten: Der ehemalige spanische Nationalspieler Albert Riera und der junge, neu verpflichtete belgische Stürmer Kevin Mirallas.

Dem FC Bayern war nicht das gleiche Losglück hold wie in den Play-Offs: Der Rekordmeister trifft auf Villareal, Manchester City und den SSC Neapel. Leverkusen wurde zu FC Chelsea, FC Valencia und KRC Genk gelost.

Weitere Erkenntnisse des Abends: Der finnische Fußball braucht noch 1-2 Jahre und es gibt Mannschaften, denen ein 1:1 in Sevilla reicht. Ohne das Spiel in der andalusischen Hauptstadt gesehen zu haben: Ich nehme an, die Gastgeber hatten in der Schlussphase weniger Verletzungsprobleme als gegen den BVB.

(Quelle: Transfermarkt.de)

Mehr Schauspiel als Fußball

Europa League, 6. Spieltag / FC Sevilla 2 BVB 2

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer (87. Le Tallec), Hummels, Subotic, Piszczek – Sahin, Bender (78. da Silva) – Götze, Kagawa, Kuba (67. Lewandowski) – Barrios. Tore: Kagawa, Subotic

Der FC Sevilla zieht in die nächste Runde der Europa League ein – auch dank des Schauspielunterrichts, den Trainer Manzano seinen Spielern letzte Woche offensichtlich verordnet hat. Man ist von spanischen Mannschaften im Europapokal schon einiges gewöhnt, aber was dieses Team in der zweiten Halbzeit an Unterbrechungen und Verzögerungen provoziert hat – einfach peinlich. Da hatte Jürgen Klopp im Interview nach dem Spiel völlig Recht. Ich hoffe, irgendein Statisitik-Freak wird überprüfen, wie viele Minuten der Ball in der letzten Viertelstunde plus Nachspielzeit wirklich gerollt ist. Unglaublich, wie viele Krämpfe und Kurzzeit-Verletzungen plötzlich bei den Gastgebern auftraten, unglaublich, wie lange man zur Ausführung von Frei- und Abstößen brauchen kann. Schiedsrichter Nikolaev ordnete zwar fünf Minuten Nachspielzeit an, ging aber trotzdem viel zu inkonsequent mit dem traurigen Schauspiel um. Was sich der Europapokalsieger von 2006 und 2007 da geleistet hat, war das Gegenteil von Fair Play. Und wer das Spiel nicht gesehen hat: Das ging weit über das international übliche Maß hinaus.

So, der Absatz musste vorneweg sein. Betrachtet man den Zeitraum, in dem das Spiel tatsächlich gelaufen ist, kann sich der BVB über das Unentschieden nicht beschweren. Man hat es versucht, es hat nicht gereicht. Die frühe Führung half den Schwarz-Gelben nur kurzfristig. Schon in der vierten Minute hatte Schmelzer von links geflankt, Escude klärte zu kurz in die Mitte und Kagawa setzte einen platzierten, gar nicht so harten Schuss ins rechte Eck. Daraufhin wirkte die Mannschaft zehn Minuten sehr souverän und aufmerksam, geriet aber nach der ersten Chance der Spanier unter zunehmenden Druck. Weidenfeller klärte innerhalb von zwei Minuten zweimal stark und danach spielten fast nur noch die Gastgeber. In der Offensive gab die Borussia zu schnell die Bälle ab oder Barrios stand im Abseits.

Sevilla brauchte schließlich vier Minuten, um in Führung zu gehen. Erst spielte Piszczek beim Versuch der Klärung einer Flanke den Ball direkt Romaric in die Füße, der keine Probleme hatte zu versenken. Dann sprang Kanouté bei einer Flanke von links im Strafraum am höchsten, setzte sich dabei u.a. gegen Kuba durch und köpfte das 1:2. Von diesem Doppelschlag erholte sich der BVB bis zur Pause nicht – vor dem Halbzeitpfiff gab es keine vernünftige Aktion mehr. Weiterlesen „Mehr Schauspiel als Fußball“

Unter der Sonne Andalusiens

Sevilla – im Sommer oft unerträglich heiß, im Dezember der beste Ort in Europa, um ein Fußballspiel zu bestreiten. Heute haben sich die Mannschaft, das Trainerteam, die Belegschaft und viele Fans von Borussia Dortmund in die Hauptstadt Andalusiens aufgemacht, um bei angenehmen Temperaturen (heute 17 Grad, Sonne) ein weiteres schwarz-gelbes Märchen zu erleben. Morgen Abend könnte mit einem Sieg gegen den FC Sevilla doch noch der Einzug in das Sechzehntelfinale der Europa League gelingen

Die Vorzeichen sind nicht einfach zu interpretieren. Ginge es nach der aktuellen Form, könnte sich der BVB große Hoffnungen machen. Sevilla hat in der Primera División die letzten vier Spiele verloren, dazu kommt die Niederlage in Paris. In der Liga resultiert daraus der elfte Platz, in der Europa League stehen die Gastgeber noch auf Platz 2. Aus Dortmunder Vereinskreisen hört man jedoch zu Recht andere Töne. Jürgen Klopp preist die große Qualität dieser europäischen Spitzenmannschaft. Tatsache ist, dass diese Spitzenmannschaft zurzeit in der Liga eine Krise durchmacht und die Chancen, noch mal zu Barca und Real aufzuschließen, rein rechnerischer Natur sind. So bleibt neben dem nationalen Pokal nur die Europa League, um noch etwas zu gewinnen. Nach dem Scheitern in der Champions League-Qualifikation hat die Vereinsführung von Sevilla den Gewinn der ‚kleinen‘ europäischen Trophäe als Saisonziel ausgegeben. Dementsprechend entschlossen klingen vor dem morgigen Gruppenfinale die O-Töne aus Südspanien:

[We are] aware of what’s at stake tomorrow. It’s a real cup final because if we lose the Europa League is over (…)  [José María del Nido, Präsident FC Sevilla]

Die Mannschaft und vor allem Trainer Manzano können sich ein Scheitern also schlecht leisten. Dementsprechend intensiv wird es im Estadio Ramón Sánchez Pizjuán zugehen.

Machen wir uns nichts vor: Der FC Sevilla ist im eigenen Haus klarer Favorit. Der BVB muss früher oder später kommen und für Kontertore sind die Hausherren allemal gut. Selbst bei der Niederlage in Paris trafen sie zweimal. Die Borussia kann Hoffnung daraus schöpfen, dass der Druck auf Sevilla größer ist und vielleicht Spuren hinterlässt. Wichtig wird sein, Fehler des Gegners besser auszunutzen als in den bisherigen Spielen gegen die beiden in der Gruppe führenden Clubs.

Personell hat Jürgen Klopp Stand heute die gleichen Möglichkeiten wie am Samstag. Die Einsätze von Nuri Sahin, Sven Bender und Mario Götze sind noch nicht zu 100% sicher, aber sehr wahrscheinlich. Für alle Fälle hat der Trainer jedoch 20 einsatzbereite Spieler mitgenommen, hinzu kommen gegenüber dem Bremen-Spiel Zidan und Le Tallec, Sebastian Kehl ist lediglich zur moralischen Unterstützung dabei. Roman Weidenfeller wird nach seinem samstäglichen Zusammentreffen mit Mats Hummels sicher spielen können, er hat nur eine Schürfwunde davongetragen. Gut möglich erscheint, dass Klopp aufgrund Götzes Magen-Darm-Infekt Kevin Großkreutz an seiner Stelle beginnen lässt.

Ich glaube, niemand im näheren Umfeld der Borussia wird morgen an die Bundesliga denken. Der Verein war in den letzten Jahren zu selten im internationalen Geschäft vertreten, um es geringzuschätzen. Außerdem steht die Winterpause vor der Tür, in der man sich dann endlich ausruhen kann. Nein, an fehlendem Engagement wird der BVB morgen nicht scheitern. Er wird jedoch eine herausragende Leistung und vielleicht ein wenig Glück brauchen. Glück, das bisher in der Europa League gefehlt hat – vielleicht ändert sich das beim großen Finale.

Heiß auf Eis

Europa League, 5. Spieltag / BVB 3 Karpaty Lviv 0

Die Aufstellung: Weidenfeller – Schmelzer, Hummels, Subotic, Piszczek – Sahin, Bender (67. da Silva) – Großkreutz (80. Le Tallec), Kagawa, Kuba (67. Zidan) – Lewandowski. Tore: Kagawa, Hummels, Lewandowski

Die Märchenwochen oder besser -monate gehen weiter. Der BVB trotzt eisigen Temperaturen und suboptimalen Platzverhältnissen mit beeindruckender Spielfreude und sichert mit dem Sieg gegen Lviv das Endspiel in Sevilla. Dabei hängten die Schwarz-Gelben an das Pflichtprogramm gleich noch eine Kür dran.

Auf dem Rasen des Westfalenstadions sah es deutlich besser aus als beim Stuttgarter Auftritt am Mittwoch in Bern. Trotzdem war der Platz offenkundig eisig-hart und nicht einfach zu bespielen. Die Kombinationsfreude der Dortmunder litt darunter weniger als gedacht, Lviv war nur selten ein ebenbürtiger Gegner. Glücklicherweise waren Kagawa und Kuba rechtzeitig fit geworden, so dass Lewandowski die Stürmerposition besetzen konnte. Kagawas Mitwirken zahlte sich schon nach fünf Minuten aus, als der Ball nach einer BVB-Ecke nicht entscheidend geklärt wurde und Sahin von rechts in den Strafraum flanken konnte: Ausgerechnet mit dem Kopf gelang dem nachrückenden Shinji die Führung. Ein Auftakt, der den Schwarz-Gelben natürlich ins Konzept passte.

Es war technisch nicht alles fein, es gab mehr Fehlpässe als gewöhnlich (nicht nur bei uns), aber der Borussia gelangen trotz der Witterungsbedingungen erstaunlich viele schöne Spielzüge. Die Gäste hatten auf den frühen Rückstand keine Antwort parat. Und so konnte einen zur Pause allenfalls die bescheidene Chancenverwertung stören. Großkreutz, Kagawa und vor allem der bemühte Lewandowski hätten es besser machen können.

Stattdessen fiel auch das zweite Tor nach einer Standardsituation, aber darüber werde ich mich im ebenfalls verschneiten Berlin sicher nicht beschweren. Es ist eine durch das Trainerteam vermittelte Qualität dieser Mannschaft, dass sie zunehmend hochkonzentriert und engagiert aus der Kabine kommt – auch und gerade nach der Pause. In der 49. Minute tritt Sahin einen Freistoß in den Strafraum, Hummels steigt hoch, sein Kopfball wird noch abgefälscht und landet daher unhaltbar im linken Toreck. 2:0 und im Parallelspiel in Paris gingen die Gastgeber erneut in Führung – so konnte die zweite Halbzeit beginnen.

Zwischenzeitlich waren die Gäste etwas aggressiver und kamen besser ins Spiel. Die Partie war aber für ein Europapokal-Spiel erfreulich fair. Mehr als eine echte Chance gelang Lviv nicht, der BVB blieb deutlich torgefährlicher. Robert Lewandowski schien einen engagierten, aber glücklosen Auftritt zu haben, bis er sich kurz vor Schluss nach einem Sahin-Pass im Strafraum sehenswert durchsetzte und zum verdienten 3:0-Endstand traf.

Es war das Eiskrönchen auf ein rundum glücklich machendes Spiel. Zur Mitte der zweiten Hälfte war Mohamed Zidan nach seiner langen Verletzungspause zum ersten Mal wieder eingewechselt worden und hinterließ gleich eine Ahnung, was auch mit ihm im offensiven Kombinationsspiel möglich ist. Die anderen Kreativen, Nuri Sahin und Shinji Kagawa, verdienen gerade bei den geschilderten äußeren Bedingungen ein Sonderlob für ihre Leistung. Die komplette Defensive wirkte gegen einen nicht nur mauernden Gegner stets sicher, aber ich möchte noch mal Lukasz Piszczek herausheben. Nach zwei, drei durchwachsenen Partien zu Beginn hat er sich zu einer sehr guten Alternative zu Patrick Owomoyela entwickelt, wie ich es zumindest gehofft hatte.

In zwei Wochen dürften die Temperaturen etwas angenehmer sein, wenn die Borussia zum Showdown in Sevilla antritt. PSG gewann letztendlich nicht unerwartet 4:2 gegen die Andalusier und beschert uns noch ein vorweihnachtliches Topspiel. Das ist doch schon mal was – egal, ob die Schwarz-Gelben siegen oder fliegen.