War das die Rückkehr des wahren BVB?

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DFB-Pokal, 2. Runde / 1. FC Magdeburg 0 BVB 5

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Gegenüber der Partie in Frankfurt wich die extreme Konfusion der Defensive einer weitestgehend souveränen, spielerisch flüssigen Vorstellung der gesamten Mannschaft. Hing das nur mit zwei Klassen Differenz zusammen?

Magdeburg war kein Aufbaugegner

Es liegt nicht nur am grandiosen Support der Gastgeber, dass man den FCM nicht unterschätzen sollte. Hervorzuheben ist der trotzdem. Das war auch schon zu Regionalliga-Zeiten so, als ich die Magdeburger Fans auswärts im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam-Babelsberg erlebt habe. Laut und mit damals tadellosem Benehmen. Inzwischen ist der Verein Tabellenzweiter der 3. Liga und hat durchaus Zweitliganiveau.

Deshalb braucht man die Leistung der Schwarz-Gelben gestern nicht klein zu reden. Es gab eine Phase Mitte der ersten Halbzeit, in der die Magdeburger das Spiel offen gestalten konnten und drohten, gefährlich zu werden. Die Borussia überstand diese unbeschadet und schaffte es bald, das Geschehen wieder zu diktieren. Dass es erst eine Auswechslung brauchte, um den Führungstreffer zu erzielen, ist nicht mehr als ein Detail. Das Tor war neben Schnellstarter Castro genauso den glänzend aufgelegten Yarmolenko und Isak zu verdanken.

Endlich ist der Aubameyang-Ersatz da

Natürlich steht auch Alexander Isak unter dem Generalverdacht, dass es gegen einen Drittligisten eben leichter ist zu glänzen. Man kann diese Behauptung nicht unmittelbar entkräften, sondern frühestens am Samstag in Hannover. Gestern aber legte er den ersten Treffer vor, den zweiten erzielte er selber, nachdem er den Spielzug auch mit eingeleitet hatte. Isak bewegte sich gut und zielstrebig. Was man unabhängig vom Gegner sagen kann: Alexanders Passspiel ist mindestens so gut wie das von Auba. weiterlesen

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Vier gewinnt: Dortmund holt den Pott

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DFB-Pokal, Finale / Eintracht Frankfurt 1 BVB 2

Mancher wird einfach nur gedacht haben: endlich. Manchem fehlte spielerischer Glanz. Doch wer wären wir denn, wenn wir uns über einen verdienten Pokalsieg – und den ersten echten Titel seit fünf Jahren – nicht mehr richtig freuen könnten? Genau, die Bayern. Mit einer weiteren Auba-Show zum wahrscheinlichen Abschied hat die so ganz andere Saison ein grandioses Ende gefunden.

Drei Gedanken zum Spiel

Natürlich, es war ein Arbeitssieg. Angesichts der vielen zusehenden Länder keine Werbung für eine neue Art von Fußball wie in den erfolgreichsten Klopp-Jahren. Aber die Konstanz aus 2011 und 12 ist passé und dafür gibt es zu akzeptierende Gründe. Nach der frühen Führung durch Dembelé, dessen Tor ein wenig an München erinnerte, machten es die Frankfurter dem BVB im Mittelfeld schwer. Der Spielaufbau der Schwarz-Gelben bestand nach der ersten Viertelstunde weitgehend aus langen Bällen.

Doch in der zweiten Hälfte gewann die Borussia ihre Dominanz zurück und die Zahl der Torschüsse, 12:8 für Schwarz-Gelb, spiegelt auch das Endergebnis wieder. Pierre-Emerick Aubameyang wurde nach Reus‘ verletzungsbedingtem Ausscheiden zum Mann des Spiels. Ein Fallrückzieher, der fast zum Tor des Jahres geworden wäre und nur mit Mühe von einem Frankfurter an die Latte gelenkt wurde. Ein weiterer Schuss ans Aluminium. Und eben der cool verwandelte Elfmeter, als ob es nie zuvor Fehlschüsse gegeben hätte. Traurig, ihn vielleicht bald nicht mehr in unseren Farben zu sehen. weiterlesen

Ich würde so gerne ein Freiburg-Fan sein

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Das Überraschungsteam der bisherigen Bundesligasaison 2016/17 ist nicht RB Leipzig, auch nicht Hertha BSC, die TSG Hoffenheim oder der Effzeh. Nein, diese Auszeichnung gebührt dem SC Freiburg, der als Aufsteiger mit 30 Punkten auf Platz 9 steht – und damit vier Punkte vor Schalke und Gladbach. Die Mittel sind klein, der Kader ist regelmäßig Selbstbedienungsladen für die Großen der Liga und auch die Randlage im Südwesten stellt keinen Standortvorteil dar – trotz gut 226.000 Freiburgern.

Und dennoch trotzt der Sportclub ein wenig den Mechanismen des verrückten Fußballgeschäfts, geht mit Christian Streich in die zweite Liga und kommt direkt zurück. Der Trainer ist nicht nur ein sympathisches Unikat, sondern auch fachlich top, wie sich in dieser Saison wieder zeigt. Das Schwarzwald-Stadion ist mit 24.000 Plätzen nicht groß, aber fast immer ausverkauft. Das Einzige, was fehlt: ein regelmäßiges Fan-Blog (oder?).

Mir ist dieser Verein in seiner Bescheidenheit grundsympathisch und ich fände einen Punktverlust der Schwarz-Gelben gegen den SC weniger schlimm als gegen jeden anderen Ligakonkurrenten. Ja, ich ertappe mich sogar dabei zu überlegen wie es wäre, Freiburg-Fan zu sein. In Tagen wie diesen wäre es leichter, die Breisgau-Kicker zu lieben als den eigenen Verein – wenn man die Wahl hätte. Es wäre leichter, als einer der Kleinen das Modell RB Leipzig zu verurteilen. Auch wenn das Argument, der BVB sei als KgaA irgendwie das Gleiche wie RB natürlich hanebüchen ist. Man könnte angesichts des Tabellenplatzes auch die Transferpolitik der Rot-Schwarzen feiern – und hätte nicht immer die Zahl 55 Millionen im Hinterkopf.

Die Bedeutung der Borussia für die Stadt Dortmund, die Region und die internationale Fangemeinde übertrifft wahrscheinlich die des SC Freiburg für sein Umfeld. Doch die unvergleichliche schwarz-gelbe Fankultur hat Schaden genommen. Es gibt keinen Grund, arrogant gegenüber den 24.000 Stadiongängern und 10.000 Mitgliedern der Breisgauer zu sein.

Natürlich: einmal Schwarz-Gelber, immer Schwarz-Gelber. Nicht nur, weil Freiburg noch weiter entfernt von meinem Wohnort im Osten der Republik ist als Dortmund. Meinen sympathischen Zweitverein gibt es ohnehin schon, er spielt um die Ecke in der Regionalliga Nordost. Aber wenn ich heute zum Fußballfan werden würde, sähe es vielleicht anders aus.

Trotzdem hoffe ich auf drei Punkte morgen – und ein faires Spiel, bei dem sich gern auch die Gastgeber achtbar präsentieren dürfen. Christian Streich hat ein Luxusproblem in der Innenverteidigung – wer spielt neben Söyüncü – und rechnet sich Chancen auf etwas Zählbares aus. Auf der anderen Seite dürfen wir vor allem gespannt sein, ob Sokratis in die Startelf zurückkehrt und Schürrle eine erneute Chance bekommt.

Der Jetzt-erst-recht-Effekt

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1. Bundesliga, 21. Spieltag / BVB 3 VfL Wolfsburg 0

Das partielle Geisterspiel verlief doch nicht so fürchterlich wie von manchem erwartet, vor allem sportlich. Der Ausschluss der eigenen Stehplatzfans stachelte die schwarz-gelben Jungs eher noch an und mit etwas mehr Treffsicherheit hätte man die Wolfsburger richtig auseinandergenommen. Die Gäste vergaben die vermeintlich große Chance, in Dortmund etwas zu holen, kläglich.

Drei Gedanken zum Spiel

Es war kein schöner Anblick, diese leere Südtribüne. Das überzogene, aber vom BVB aus nachvollziehbaren Gründen akzeptierte Strafmaß, sorgte für hoffentlich einmalige Bilder während eines Bundesligaspiels im Westfalenstadion. Wer tatsächlich eine Karte oder Dauerkarte auf der Süd hat(te), wird das Ausgeschlossensein noch mal anders empfinden als die Fans am Bildschirm. Ich maße mir nicht an, für die Karteninhaber zu sprechen, denn ich gehörte zu der zweiten Gruppe. Für mich sah es so aus, als ob alle noch das Beste aus der Situation gemacht haben. Eine größere Anzahl Fans war von der Süd auf die Nordtribüne umgezogen, da der VfL nur rund 1700 Tickets an seine Anhänger verkauft hatte. Und im Lauf des Spiels schien dort ganz ordentliche Stimmung aufzukommen. Nicht nur sportlich, auch stimmungstechnisch herrschte also eine Jetzt-erst-recht-Haltung.

Im Wolfsburger Strafraum muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Vom zarten Aufschwung, den man dem VfL mit gutem Willen zuletzt attestieren konnte, war gestern nichts zu sehen. Erstaunlich, wie frei die Schwarz-Gelben bei vielen ihrer 24 Torschüsse (Wolfsburg: 6) zum Abschluss kamen. Man denke an den Hackentrick von Auba im Strafraum, den kein Schwarz-Gelber nutzen konnte. Allein, es bleibt ein Kreuz mit der Chancenverwertung. Und so hätte es zur Pause tatsächlich 1:1 stehen können, da Yunus Malli kurz vor dem Pfiff nur knapp links verzog. Was der BVB aber besser machte als zuletzt: Das Spielfeld wurde gestern in seiner ganzen Breite genutzt, die Angriffe wurden flexibel vorgetragen. Dafür waren nicht nur die lebendigen Reus und Dembelé verantwortlich, sondern auch Gonzalo Castro, der nach seiner Rückkehr in die Startelf wieder richtig dynamisch wirkte. Und hinten stand wieder eine ordentliche Viererkette.

Thomas Tuchel adressierte nach der Partie eine Ode an Lukasz Piszczek. Der Außenverteidiger erzielte ja nicht nur sein fünftes Saisontor, sondern bereitete auch beide weiteren Treffer mit seinen Hereingaben vor. Tuchel bezog sich aber ebenso auf Lukasz‘ hervorragende Einstellung im Alltag – tatsächlich etwas, das nach Darmstadt und Frankfurt mal hervorgehoben werden durfte. An der Einstellung mangelt es auch André Schürrle nicht, doch der Offensivmann bleibt glücklos und uneffektiv. Der 30-Millionen-Bonus gegenüber Christian Pulisic ist bald aufgebraucht. Und selbst an einem sportlich guten Wochenende muss es gestattet sein, auf die Diskrepanz zwischen links hinten und rechts hinten hinzuweisen: Gerade weil Lukasz Piszczek so glänzte, fiel BVB-Kapitän Marcel Schmelzer mit einer für ihn normalen Leistung deutlich ab.

Gegen Golfsburg läuft und läuft und läuft es also: Vier Siege und 15:3 Tore aus den letzten vier Partien verbuchte der BVB. Nächste Woche geht es zu den freundlichen Freiburgern, bevor die Schwarz-Gelben gegen Leverkusen wieder vor einer vollen Südtribüne auflaufen dürfen. Keine Spiele unter der Woche bedeuten hoffentlich volle Konzentration auf die Bundesliga und Sicherung von Platz 3.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Ginter, Bartra, Schmelzer – Weigl (81. Merino) – Castro – Schürrle, Dembelé (73. Kagawa), Reus (67. Pulisic) – Aubameyang. Gelbe Karten: Weigl, Schürrle. Tore: Bruma (ET), Piszczek, Dembelé

15 Jahre zweite Liga und kein Ende in Sicht

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Das Schlimmste wird Ipswich Town nicht passieren. Ein Abstieg des traditionsreichen Zweitligisten dürfte zu vermeiden sein, auch wenn er sich nur noch haarscharf über dem unteren Tabellendrittel bewegt. Es ist das ewig Gleiche, das die Fans zermürbt: Ipswich spielt im 15. Jahr in der Championship, länger als es deren heutigen Namen gibt. Die Erfolge der Vergangenheit machen das schwer akzeptabel für die, die sich erinnern können. 1978 gewann der Klub den FA Cup und 1981 sogar den UEFA-Pokal. In der Saison nach dem Abstieg 2002 war Town noch mal europäisch dabei.

Heute hat der Verein mit dem wohl lustigsten Spitznamen im englischen Profifußball wenig Spaß. Die „Tractor Boys“ (eine erst von gegnerischen Fans benutzte und dann adaptierte Anspielung auf die Lage Ipswichs in der ländlich geprägten Grafschaft Suffolk) haben noch keine zwei aufeinanderfolgenden Spiele gewonnen. Einem überraschend deutlichen und positiven 3:0 gegen die Queens Park Rangers folgte am Samstag ein ernüchterndes 0:2 bei Bristol City, zuletzt auf Abwärtskurs in der Tabelle. Ein Elfmeter und ein Sonntagsschuss – da war er wieder, der Yo-Yo-Effekt.

Die Konstanz fehlt den Tractor Boys – und den Fans langsam die Geduld. Ipswich hatte noch nie die enthusiastischsten Anhänger. Es sind aber vor allem die langen Jahre in der zweiten Liga, die ihren Tribut fordern. Die Zuschauerzahlen daheim an der Portman Road sinken ebenso wie die Anzahl der Auswärtsfahrer. Hinzu kommt: Mit jedem Rückschlag und jedem torlosen Spiel macht sich der jetzige Trainer Mick McCarthy unbeliebter. Die Fans werfen ihm negative Taktik und defensive Aufstellungen vor. Es hilft nicht, dass er in seinen gut vier Jahren in Ipswich keinen dauerhaften Fortschritt gebracht hat. weiterlesen

Pokalfinale mit Eskalationsstrategie

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Brandenburg-Pokal, Finale / FSV Luckenwalde 1 SV Babelsberg 03 3

Überharter Polizeieinsatz bei Luckenwalde v Babelsberg

Ende eines Pokalendspiels: Während der SVB 03 feiert, fährt ein Krankenwagen aufs Spielfeld und selbst Ordner müssen ihre Augen spülen.

Ein Pokalfinale, frühsommerliches Wetter und eine Fahrt von rund 45 Kilometern – drei gute Gründe, sich am Samstag auf den Weg nach Luckenwalde zu machen. Im Endspiel des Brandenburg-Pokals: der aufgrund des Losentscheids gastgebende FSV und mein ‚Heimatverein‘, der SV Babelsberg 03. Das Werner-Seelenbinder-Stadion in Luckenwalde ist ein nicht unsympathisches Provinzstadion mit 3000 Plätzen und einer kleinen altmodischen Haupttribüne. Die Gästefans stehen auf der Gegengeraden hinter einem Zaun.

Vor der Partie und 90 Minuten lang war das überhaupt kein Problem. Gute Stimmung, gute Würste, kühles Bier. Zwar kein hochklassiges Finale, aber ein souveräner SVB gegen nervöse und unterlegene Gastgeber. Babelsberg hat die Saison in der Regionalliga Nordost auf Platz 6 beendet, Luckenwalde wurde 16. und bleibt nur drin, weil der FSV Zwickau gestern aufgestiegen ist. So ähnlich waren die Kräfteverhältnisse, auch wenn sich 03 phasenweise vom Niveau des FSV anstecken ließ.

Liga-Toptorjäger Andis Shala gelang in der ersten Hälfte per Kopf das 1:0. Das 2:0 in Hälfte 2 sah für wohl jedermann auf der flachen Tribüne wie ein Eigentor aus, es wurde jedoch Lovro Sindik zugeschrieben. Doch wenige Minuten vor Schluss fiel der Anschlusstreffer; ein Sonntagsschuss nach einem Standard. Zum Glück wurde nur begrenzt gezittert: In der Nachspielzeit überlupfte Onur Uslucan den FSV-Keeper zum Endstand – ein ähnlicher Treffer war 03 auch im Ligaspiel gegen denselben Gegner, aber im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion gelungen. weiterlesen

So geht englische Fankultur!

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Ja, wir haben Stehplätze, günstigere Preise und Dauergesänge – aber eines können die englischen Fußballfans immer noch besser: Fansongs finden und texten. Hier huldigen Anhänger von Wigan Athletic ihrem Topstürmer Will Grigg, der mit seinen Treffern entscheidend zum direkten Wiederaufstieg in die Championship beigetragen hat. Der ‚Erfinder‘ des Songs hat vom Vereinsvorsitzenden David Sharpe inzwischen eine Dauerkarte für die kommende Saison versprochen bekommen. Freed from Desire!

 

Pfeifenköpfe und Volksburger

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1. Bundesliga, 32. Spieltag / BVB 5 VfL Wolfsburg 1

Für die, die sich nicht mehr daran erinnern: Der VfL Wolfsburg war der Klub, der letztes Jahr dem BVB im Pokalfinale wenig Chancen ließ und außerdem Vizemeister wurde. Gäbe es nicht das respektable Abschneiden in der Champions League, müsste man spätestens nach dem Auftritt gestern davon sprechen, dass die Leistungskurve der Wölfe parallel zum Ansehen ihres Hauptsponsors verläuft.

Dagegen könnten Respekt und Freude angesichts des Auftretens der Schwarz-Gelben kaum größer sein. Nach der ganzen Aufregung um den Wechselwunsch des Kapitäns lieferte das Team inklusive Hummels eine großartige Leistung ab. Mit dem intensiven Pressing der Borussia kamen die Gäste zu keiner Phase zurecht. Nicht nur, dass sie den Ball ein ums andere Mal verloren – sie boten auch in der Rückwärtsbewegung entscheidende Räume an, die die BVB-Offensive prompt nutzte. War das frühe 1:0 noch ein bisschen durch das Glück begünstigt, dass Mkhitaryans verunglückter Schuss von rechts zentral bei Shinji Kagawa landete, spielte der Japaner wenige Minuten später astrein Ramos frei.

Die Borussia ging das Anfangstempo natürlich nicht über 90 Minuten, ließ aber mit dem Lattentreffer von Caligiuri nur eine richtig gute Chance der Gäste zu. Gegen ungeordnete Wölfe sah selbst Marcel Schmelzer mal wie ein gefährlicher Linksaußen aus. Als dann auch noch Aubameyang eingewechselt wurde, der offensichtlich schon mit den Hufen gescharrt hatte, war es um den VfL geschehen.

Thomas Tuchel scheint rechtzeitig zum Saisonfinale ein Grundgerüst für seine Startelf gefunden zu haben. Die Spielfreude ist definitiv zurück und vielleicht war das Aus an der Anfield Road bei aller Bitterkeit tatsächlich heilsam für das Konzentrationsvermögen. Man könnte jetzt viele hervorheben, auch die komplette Offensive, aber besonders gut hat mir erneut das Mittelfeldduo aus Julian Weigl und Gonzalo Castro gefallen. Weigl ist aus einem leichten Leistungstal zurück, präsentiert sich wieder aufmerksam und mit gutem Auge für den öffnenden Pass. Und Castro ist ohnehin ein Spieler, von dem ich von Anfang an überzeugt war, dass er das drauf hat, was er derzeit zeigt. Harte Arbeit gepaart mit Offensivdrang, der sich immer wieder mal auszahlt.

Das unerfreulichste Thema aus schwarz-gelber Sicht: Gezielte Pfiffe gegen Mats Hummels, zunächst bei jedem Ballkontakt. Und später Pöbeleien von der Südtribüne, als die Mannschaft nach Schlusspfiff zum Feiern kam. Man kann auf Mats Hummels sauer sein, klar. Meiner Ansicht nach hat die Familie den Ausschlag gegeben, dass der Kapitän nach München wechseln will. Vor zwei, drei Jahren hätte er sich das vielleicht noch nicht vorstellen können. Ist bitter, ärgerlich, was auch immer. Aber er hat ohne Zweifel große Verdienste um den Verein. Und vor allem bringt es der Borussia GAR NIX, wenn man Hummels jetzt so behandelt. Wenn, dann ist es schädlich. Man kann zivilisierte Kritik äußern und man kann es so machen, dass es nicht womöglich das Spiel beeinflusst.

Unabhängig von Hummels hat es die Mannschaft nicht verdient, dass nun ein Schatten auf ihre tolle Saison fällt. Und ja, es gibt noch die theoretische Möglichkeit, das Double zu holen. Das sollte nicht von außen gefährdet werden. Die Fans, die sich nicht anders zu helfen wissen, werden noch Jahre Zeit haben, Mats Hummels im Bayern-Trikot auszupfeifen.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek (63. Durm), Bender, Hummels – Weigl (69. Sahin), Castro – Mkhitaryan, Kagawa, Reus, Schmelzer – Ramos (69. Aubameyang). Gelbe Karten: Weigl, Reus. Tore: Kagawa, Ramos, Reus, Aubameyang (2)

Beeindruckendes Trauerspiel

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1. Bundesliga, 26. Spieltag / BVB 2 FSV Mainz 05 0

Ein Stadion schweigt gemeinsam, auch wenn die eine Mannschaft einen großartigen Sieg herausspielt und die andere einen herben Dämpfer kassiert. Die Nachricht von einem Todesfall auf der Tribüne verbreitete sich im Westfalenstadion und zwei Fangruppen zeigten, dass die (De-)Mobilisierung von Massen auch positiv funktionieren kann. Und so hatte die gemeinsame Trauer – oder Respektbekundung – bei aller Tragik auch etwas Gutes.

Ja, das Spiel rückte in den Hintergrund. Doch die Dortmunder Leistung hat es allemal verdient, gewürdigt zu werden. Nach einer englischen Woche mit einem fulminanten Sieg über den Tabellenzweiten der Premier League und erneut ohne Ilkay Gündogan bezwangen die Schwarz-Gelben den Bayern-Bezwinger. Das macht gleichzeitig Hoffnung für den Rest der Saison wie für die nächste.

Eine halbe Stunde zeigten die lauffreudigen Mainzer, warum sie so eine starke Saison spielen. Sie boten kaum Lücken für den wie üblich in Sachen Ballbesitz überlegenen BVB. Andererseits hatten die Gäste selbst noch weniger Raum nach vorne, weil auch die Borussen ihre Gegenspieler früh anliefen und das schon die Offensivkräfte verinnerlicht hatten. Wenige Minuten, nachdem der äußerst fidele Castro zwei Meter vor der Torlinie die einzige große Mainzer Chance abblockte, trieb der 28-Jährige den Ball unwiderstehlich durchs Mittelfeld und spielte einen tollen Pass durch die Abwehrreihe für Marco Reus. Ich wiederhole mich, aber in dieser Form gehört Gonzalo unbedingt in die Startelf.

In der zweiten Hälfte konnte man sich entweder die Haare raufen, dass klarste Chancen nicht genutzt wurden (Aubameyang, Kagawa, Schmelzer) oder sich eben freuen, wie wenig man Mainz 05 gestattete. Nämlich gar nichts. Ich gestehe, mir bleibt immer noch die Spucke weg, wenn ich Schmelle plötzlich dribbeln sehe. Aber es freut mich auch, selbst wenn er mich eines besseren belehrt. Sicher, so gut wird nicht jeder Tag sportlich gesehen laufen – weder für Schmelle noch für das Team. Doch der Tuchel-BVB hat eine beeindruckende Balance gefunden zwischen ökonomischer Spielweise, sicherem Auftreten und genügend Momenten, die begeistern.

Selbst wenn es auch ein trauriger Tag war und Kagawas 2:0 mehr anerkennend zur Kenntnis genommen als gefeiert wurde, muss sich wohl niemand schämen, der sich an der sportlichen Leistung der Borussia erfreut hat. In dieser Form kann man selbstbewusst in die White Hart Lane einlaufen.

Die Aufstellung: Bürki – Durm (46. Piszczek), Sokratis, Hummels, Schmelzer – Sahin (64. Weigl) – Kagawa, Castro – Mkhitaryan (84. Ramos), Aubameyang, Reus. Tore: Reus, Kagawa

Die Derbykönner

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Das ist der Stoff, aus dem Derbyträume sind: Im sogenannten Tyne-Wear-Derby hat der AFC Sunderland am Samstagmittag 3:0 im St. James Park seines großen Lokalrivalen Newcastle United gewonnen. Damit lassen die ‚Black Cats‘ die Abstiegsränge der Premier League um vier Plätze hinter sich – der Punktevorsprung beträgt allerdings nur zwei. Was den Fans viel mehr eine glückliche Woche bescheren dürfte: Es waren bereits das zweite 3:0 und der dritte Derbysieg gegen die ‚Magpies‘ hintereinander.

Den letzten Auswärtstriumph im St. James Park durfte noch Paolo di Canio als Trainer feiern – außer diesem Erfolg rechnet dem umstrittenen Italiener heute so gut wie kein Sunderland-Anhänger noch etwas positiv an. Nachfolger Gus Poyet konnte nach verbesserten Leistungen zuletzt auch mehrere Siege vorweisen – darunter den Einzug ins League Cup-Finale gegen Manchester City in Wembley, das erste Endspiel seit langem für die Black Cats.

Darüber hinaus hat es Poyet in der Transferphase im Gegensatz zu manchem Ligakonkurrenten geschafft, mehrere sinnvoll erscheinende Verpflichtungen zu tätigen und mehrere ‚Kaderfüller‘ loszuwerden. Vom ehemaligen Verein des Trainers, Zweitligist Brighton & Hove Albion, kam beispielsweise der junge englische Mittelfeldspieler Liam Bridcutt, der in Newcastle gleich von Beginn an ran durfte und direkt überzeugen konnte. Auch Tor, Abwehr und Sturm wurden verstärkt, so dass die interne Konkurrenz nun recht groß sein dürfte.

Das Positive: Am Samstag zeigte das Team einen geschlossen guten mannschaftlichen Auftritt. Der Koreaner Ki Sung-Yueng ist zum sicheren Passgeber im Mittelfeld geworden und der vor eineinhalb Jahren von Manchester City gekommene Flügelspieler Adam Johnson zeigt endlich die brillanten Offensivaktionen, die man sich von ihm erhofft hat. Das I-Tüpfelchen auf dem Derby-Triumph war jedoch, dass den dritten Treffer ausgerechnet ‚Local Boy‘ Jack Colback erzielte, der aus der Jugend des AFC Sunderland zu den Profis kam.

Newcastle United startete verheißungsvoll in die Premier League-Saison, dümpelt jedoch inzwischen im Mittelfeld herum. Im Januar wurde Top-Mann Yohan Cabaye an Paris St. Germain verkauft und kein permanenter Ersatz geholt. Die scheinbar extrem blutleere Vorstellung der Magpies im Derby war da für manche zu viel: Die Fans wanderten in Scharen frühzeitig ab; ein paar liefen jedoch auch aufs Spielfeld. Einer soll Trainer Alan Pardew seinen Mitgliedsausweis vor die Füße geschmissen haben. Heute gab es Konsequenzen: Sportdirektor Joe Kinnear, dem viele Fans und zuletzt auch – kaum verklausuliert – Pardew die schwache Transferpolitik vorgeworfen hatten, räumte nach nur knapp acht Monaten seinen Posten.

Ach wie süß schmeckt dagegen ein Derbysieg. Die Fans haben die personellen Turbulenzen und die sportliche Talfahrt – bis vor Kurzem war Sunderland Tabellenletzter – schon fast verziehen. Eins der bekanntesten Fanzines, A Love Supreme, schrieb in seinem Spielbericht:

What a life it is being a Sunderland fan, but I wouldn’t change it for anything. For all the lows we have, the highs are ever so much sweeter.