Schwerer Start ohne Castro

Zwei Borussia-Meldungen von gestern erfordern einen Rückblick und eine Vorschau. Zunächst mal ist Gonzalo Castro für die Schwarz-Gelben Vergangenheit. Der Mittelfeldspieler wechselt nach drei Jahren in Dortmund zum VfB Stuttgart. Gut fünf Millionen Euro kostet das die Schwaben angeblich.

Nach der letzten Saison werden die wenigsten Fans dagegen Einwände haben. Die lief für Castro, wie für viele andere, nicht besonders. Und der Kader muss verkleinert werden. Ich habe aber die zwei Jahre davor nicht vergessen. Da war ‚Gonzo‘ meist ein antrittsstarker Spieler, der sehr brauchbare Pässe spielen und Freistöße treten konnte. Zu Beginn wurde er leider von Thomas Tuchel noch unterschätzt. Nun also Stuttgart. Vielleicht ist das für den 31-jährigen Castro genau die richtige Herausforderung. Alles Gute, Gonzalo!

Unliebsame Gäste zum Auftakt

Nachdem die deutsche Nationalmannschaft ihren Russland-Aufenthalt beendet hat, bekam die Bekanntgabe des neuen Bundesliga-Spielplans wohl mehr Aufmerksamkeit als es in einem normalen WM-Jahr der Fall gewesen wäre. Borussia Dortmund hat den wohl schwersten Auftakt der letzten Jahre bekommen. Hier wie immer die ersten fünf Spiele in der Übersicht:

RB Leipzig (H), Hannover 96 (A), Eintracht Frankfurt (H), TSG Hoffenheim (A),
1. FC Nürnberg (H)

Ja, drei Heimspiele. Aber nur das letzte ist eine Partie, wo man spontan sagt: sollten wir schaffen. Ein trügerischer Durchmarsch wie beim letzten Saisonauftakt ist also nicht zu erwarten. Nicht einfacher wird es am letzten Spieltag im Mai. Da wird die Borussia bei der anderen Borussia zu Gast sein. Und Favre zurück im Borussia Park, als Gästetrainer, wenn es gut läuft.

Der Jetzt-erst-recht-Effekt

1. Bundesliga, 21. Spieltag / BVB 3 VfL Wolfsburg 0

Das partielle Geisterspiel verlief doch nicht so fürchterlich wie von manchem erwartet, vor allem sportlich. Der Ausschluss der eigenen Stehplatzfans stachelte die schwarz-gelben Jungs eher noch an und mit etwas mehr Treffsicherheit hätte man die Wolfsburger richtig auseinandergenommen. Die Gäste vergaben die vermeintlich große Chance, in Dortmund etwas zu holen, kläglich.

Drei Gedanken zum Spiel

Es war kein schöner Anblick, diese leere Südtribüne. Das überzogene, aber vom BVB aus nachvollziehbaren Gründen akzeptierte Strafmaß, sorgte für hoffentlich einmalige Bilder während eines Bundesligaspiels im Westfalenstadion. Wer tatsächlich eine Karte oder Dauerkarte auf der Süd hat(te), wird das Ausgeschlossensein noch mal anders empfinden als die Fans am Bildschirm. Ich maße mir nicht an, für die Karteninhaber zu sprechen, denn ich gehörte zu der zweiten Gruppe. Für mich sah es so aus, als ob alle noch das Beste aus der Situation gemacht haben. Eine größere Anzahl Fans war von der Süd auf die Nordtribüne umgezogen, da der VfL nur rund 1700 Tickets an seine Anhänger verkauft hatte. Und im Lauf des Spiels schien dort ganz ordentliche Stimmung aufzukommen. Nicht nur sportlich, auch stimmungstechnisch herrschte also eine Jetzt-erst-recht-Haltung.

Im Wolfsburger Strafraum muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Vom zarten Aufschwung, den man dem VfL mit gutem Willen zuletzt attestieren konnte, war gestern nichts zu sehen. Erstaunlich, wie frei die Schwarz-Gelben bei vielen ihrer 24 Torschüsse (Wolfsburg: 6) zum Abschluss kamen. Man denke an den Hackentrick von Auba im Strafraum, den kein Schwarz-Gelber nutzen konnte. Allein, es bleibt ein Kreuz mit der Chancenverwertung. Und so hätte es zur Pause tatsächlich 1:1 stehen können, da Yunus Malli kurz vor dem Pfiff nur knapp links verzog. Was der BVB aber besser machte als zuletzt: Das Spielfeld wurde gestern in seiner ganzen Breite genutzt, die Angriffe wurden flexibel vorgetragen. Dafür waren nicht nur die lebendigen Reus und Dembelé verantwortlich, sondern auch Gonzalo Castro, der nach seiner Rückkehr in die Startelf wieder richtig dynamisch wirkte. Und hinten stand wieder eine ordentliche Viererkette.

Thomas Tuchel adressierte nach der Partie eine Ode an Lukasz Piszczek. Der Außenverteidiger erzielte ja nicht nur sein fünftes Saisontor, sondern bereitete auch beide weiteren Treffer mit seinen Hereingaben vor. Tuchel bezog sich aber ebenso auf Lukasz‘ hervorragende Einstellung im Alltag – tatsächlich etwas, das nach Darmstadt und Frankfurt mal hervorgehoben werden durfte. An der Einstellung mangelt es auch André Schürrle nicht, doch der Offensivmann bleibt glücklos und uneffektiv. Der 30-Millionen-Bonus gegenüber Christian Pulisic ist bald aufgebraucht. Und selbst an einem sportlich guten Wochenende muss es gestattet sein, auf die Diskrepanz zwischen links hinten und rechts hinten hinzuweisen: Gerade weil Lukasz Piszczek so glänzte, fiel BVB-Kapitän Marcel Schmelzer mit einer für ihn normalen Leistung deutlich ab.

Gegen Golfsburg läuft und läuft und läuft es also: Vier Siege und 15:3 Tore aus den letzten vier Partien verbuchte der BVB. Nächste Woche geht es zu den freundlichen Freiburgern, bevor die Schwarz-Gelben gegen Leverkusen wieder vor einer vollen Südtribüne auflaufen dürfen. Keine Spiele unter der Woche bedeuten hoffentlich volle Konzentration auf die Bundesliga und Sicherung von Platz 3.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Ginter, Bartra, Schmelzer – Weigl (81. Merino) – Castro – Schürrle, Dembelé (73. Kagawa), Reus (67. Pulisic) – Aubameyang. Gelbe Karten: Weigl, Schürrle. Tore: Bruma (ET), Piszczek, Dembelé

Kein Streichergebnis gegen Freiburg

1. Bundesliga, 5. Spieltag / BVB 3 SC Freiburg 1

Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss: Drei Tage nach Wolfsburg stand die schwarz-gelbe Borussia am Freitagabend schon wieder gegen den Sportclub Freiburg auf dem Platz. Respekt und Bewunderung für den Verein und Trainer Christian Streich sind bei mir gerade in Tagen wie diesen besonders ausgeprägt – das war schon vor der Partie so.

Thomas Tuchel ließ eine Elf beginnen, deren Zusammenstellung keinerlei Anlass zum Meckern bot. Eine Startelf-Chance für Mor über außen, die überfällige Rückkehr von Castro, die Heimpremiere für Götze, Piszczek nach Torerfolg erneut hinten rechts – alles richtig gemacht, auch rückblickend.

Die erste Chance hatten allerdings die Gäste: Vincenzo Grifo konnte allein vor Bürki den BVB-Keeper mit einem harmlosen Schuss allerdings nicht gefährden. Wer von den Schwarz-Gelben pure Dominanz sehen wollte, kam auch in der Folge nur phasenweise auf seine Kosten. Aber sind wir wirklich schon so arrogant, dass wir die nötig haben? Nach meinem Verständnis von Sport sind 6:0-Siege nur etwas zum Feiern, wenn sie nicht Alltag werden. Weiterlesen „Kein Streichergebnis gegen Freiburg“

Seulement cinq

1. Bundesliga, 4. Spieltag / VfL Wolfsburg 1 BVB 5

„Seulement cinq“ – nur fünf – hielt Sky-Reporter Jens Westen nach dem Spiel Pierre-Emerick Aubameyang spaßeshalber vor. Der nahm den kleinen Gag natürlich professionell auf – genauso professionell wie die Mannschaft von Borussia Dortmund gerade spielt. Bringen die Schwarz-Gelben ihre volle Leistungsfähigkeit auf den Platz, muss dem Großteil der Liga angst und bange werden.

Nicht zu Unrecht hatte Thomas Tuchel vor der Partie dennoch großen Respekt vor dem VfL Wolfsburg gezeigt. Das Problem der Wölfe: Auch sie mussten einen beachtlichen Umbruch meistern – und einer ihrer jetzigen Stars war mit Gedanken auch schon weg. Man merkte den Gastgebern an, dass sie dem schnellen Kombinationsspiel einer Spitzenmannschaft (noch) nicht gewachsen sind. Augsburg, Köln und Hoffenheim lauteten die bisherigen Gegner in der Bundesliga.

Der tolle Auftakt der Borussia gelang, weil sie Pässe in die Schnittstellen spielte, die die Wölfe nicht unterbinden konnten. Bartra zeigte da beim 1:0 schon Hummels-Qualitäten, musste allerdings wenig später verletzt raus. Und Guerreiro, den alle für einen Linksverteidiger hielten, bewies vom Mittelfeld aus Torinstinkt. Ein schönes, typisches Aubameyang-Tor brachte das 2:0.

Nach 20 Minuten kam Wolfsburg ins Spiel, im Mittelfeld in die Zweikämpfe. Die Folge waren Balleroberungen und ein offenes Spiel mit Übergewicht für die Gastgeber. Chancen hatten die Wölfe auch, aber der BVB hatte Bürki. Es war eines der besten Spiele des Schweizers für Schwarz-Gelb. Eine Reihe von Schüssen musste Roman in beiden Hälften entschärfen – und tat das souverän. Einmal schlug Didavi zu.

Die Wolfsburger werden sich über ihre Chancenverwertung ärgern. Und möglicherweise darüber, dass das 3:1 durch Dembélé knapp Abseits gewesen sein könnte. Allerdings war es so knapp, dass man dem Schiedsrichtergespann der erwünschten Regelauslegung nach keine Vorwürfe machen kann. Was in der Viertelstunde danach passiere, müssen sich die Wölfe wieder selbst zuschreiben. Gonzalo Castro, der auch schon das 3:1 vorbereitet hatte, bediente Aubameyang zum nächsten Treffer. Unverständlich, dass er nicht in der Startelf gestanden hatte. Das 5:1 fiel nach einer Ecke durch Piszczek, dem auch schon länger kein Tor gelungen war.

Am Ende: Auslaufen. Die Borussia hatte gewankt, das Ergebnis mag einen Tick zu hoch sein, aber es war wieder sehr schön. Heute hat sich der Effzeh in der Tabelle wieder am BVB vorbeigeschoben – dank eines 3:1 in Gelsenkirchen. Kann man verschmerzen und sich freuen, dass es derzeit neben FCB und RBL noch andere Konkurrenten gibt.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Bartra (12. Ginter), Schmelzer – Weigl – Pulisic (46. Castro), Götze (69. Rode), Guerreiro, Dembélé – Aubameyang. Tore: Guerreiro, Aubameyang (2), Dembélé, Piszczek

Menschen, Tore, Sensationen

1. Bundesliga, 3. Spieltag / BVB 6 SV Darmstadt 98 0 und
Champions League, 1. Spieltag / Legia Warschau 0 BVB 6

War das eine goldene Woche? 12:0 Tore in Champions League und Liga. Während noch am Sonntag von der Geduld die Rede war, die mit dem neuen BVB nötig sei, gehen jetzt die Superlative aus. Was ist passiert?

Am Mittwoch trafen die Schwarz-Gelben auf einen Gegner, der nach längerer Zeit die Rückkehr auf die höchste europäische Ebene feierte. Doch schöne Choreografien nützten Legia nichts und gewalttätige Fans schon gleich gar nicht. Der polnische Hauptstadtklub – ohnehin schwach in die Saison gestartet – war überfordert. Anfällig bei flottem Flügelspiel, bei Standards und ganz allgemein im Stellungsspiel.

Thomas Tuchel hatte gleich mehrere Impulse nach dem enttäuschenden Auswärtsspiel in Leipzig gesetzt. Guerreiro spielte von Beginn an – und das zentral. Dembélé kam zurück ins Team und der zu Saisonbeginn leicht unzufriedene Pulisic bekam ebenfalls seine Chance. Was soll man sagen? Was für Volltreffer vom Trainer. Tuchel hatte seine Jungs richtig eingeschätzt, vom Leistungsvermögen und von der Galligkeit her. Mario Götze ließ seine Kritiker verstummen und schon am Mittwochabend hatte sich die Stimmung um die Borussia wieder gedreht.

Gestern zeigte Tuchel erneut, wie gut er mit dem Kader umgehen kann. Wenn Rotation so gut funktioniert, dann macht sie allen Sinn. Der Trainer gab Spielern, die bisher wenig Einsatzzeit hatten, ihre Chance. Olympionik Matthias Ginter durfte von Beginn an im Abwehrzentrum ran, Adrian Ramos ersetzte Aubameyang. Christian Pulisic wurde für seinen starken Auftritt in Polen belohnt. Gonzalo Castro war in Warschau nur eingewechselt worden und zeigte gegen Darmstadt sensationell, wieso er verdient wieder in der Startelf stand. Weiterlesen „Menschen, Tore, Sensationen“

Dortmund verpflichtet Schürrle, doch noch zaubern andere

Nun sind die ziemlich besten Freunde vereint: Nach Mario Götze hat Borussia Dortmund wie erwartet auch André Schürrle verpflichtet. Der 25-jährige Nationalspieler kommt für rund 30 Millionen Euro vom VfL Wolfsburg und unterschreibt einen Vertrag bis 2021. Schürrle wird damit zum Rekordtransfer des BVB und muss allein schon deshalb erst mal die Fans überzeugen.

Eine Offensivreihe mit Reus, Götze und Schürrle in Bestform lässt einiges erwarten, keine Frage. Es bleibt nur zu hoffen, dass die anderen, teilweise jüngeren Spieler eine faire Chance bekommen. Auch ohne die drei Genannten machten die Schwarz-Gelben heute beim Champions Cup in Shanghai gegen Manchester United (4:1) viel Spaß. Aubameyang zeigte sich in Spiellaune und könnte mit Ousmane Dembélé ein tolles Offensiv-Duo bilden. Letzterer zeigte beim schönen 3:0 Dribbel- und Schussqualitäten.

Gar zwei Tore gelangen Gonzalo Castro: ein Abstauber in der ersten Hälfte und ein Traumschuss aus rund 18 Metern von halbrechts ins lange Eck einige Minuten vor Schluss. Gerade Castro hätte mMn mehr Startelfeinsätze verdient und könnte einer der Leidtragenden der ambitionierten Transferpolitik werden.

Um eins klar zu sagen: Auftritte wie der in Shanghai, und sei es nur ein Testspiel, machen Lust auf die neue BVB-Saison. Andererseits müssen zuvor die Vereinsverantwortlichen noch beweisen, dass sie den Kader auch schlanker machen können. Dabei sind Entschlossenheit und Fairness gefragt. Vor allem aber ist man auf Angebote angewiesen – keine einfache Aufgabe.

Der entschieden lauwarme letzte Spieltag

1. Bundesliga, 34. Spieltag / BVB 2 1. FC Köln 2

Drama – gab es anderswo. Bremen rettet sich kurz vor Schluss. Gleich drei Stuttgarter Mannschaften steigen ab. Cottbus, wo wir noch vor einigen Jahren mit der Borussia waren, spielt künftig viertklassig – nach gleich zwei Toren in der Schlussphase von der zweiten Vertretung der Mainzer. Das Westfalenstadion war dagegen Schauplatz eines halbgaren Sommerkicks. Mit vier Toren, aber ohne die letzte Leidenschaft.

Natürlich – es ging für beide Teams um wirklich gar nichts mehr. Sieht man von einem Torrekord ab. Man hätte aber auch versuchen können, die unglückliche Hinserienniederlage auszubügeln. Doch Thomas Tuchel sprach schon vor dem Spiel sinngemäß davon, dass man nicht versucht habe, künstlich Motivation zu erzeugen und die Partie hochzujazzen. Bei allem, was er in seiner Debütsaison geleistet hat – das hätte Jürgen Klopp besser gemacht. Da braucht man sich auch nachher nicht wundern, dass man keinen guten Ausklang schafft.

Es fehlten schlicht einige Prozent Konzentration und Überzeugung. Im Passspiel wie vor dem Tor. Köln war selten am Ball und stand meist weit hinten drin, hatte aber ähnlich viele Torgelegenheiten wie der BVB. Die Dreierkette ist hoffentlich kein Modell fürs Pokalfinale. Der Sinn hinter der Verschiebung von Marcel Schmelzer in eine offensivere Position erschließt sich mir ganz und gar nicht. Wenn es einmal in fünf Spielen funktioniert, ist das keine ausreichende Quote.

Gegen die massiert verteidigenden Kölner reichte es erneut nicht, immer ab durch die Mitte zu gehen. Die Borussia muss ihr Flügelspiel wieder beleben. Dembelé ist da sicher ein Hoffnungsschimmer. Die Hereinnahme von Matze Ginter nach der Pause half nur geringfügig. Letztlich musste es ein Standard richten. Dass Marco Reus aus fast idealer  Position endlich mal wieder ein direktes Freistoßtor gelang, ist eine der positiven Seiten dieses letzten Spieltags.

Auch die Leistung der Borussia ist natürlich kein Drama. Der Druckabfall heute muss keine negativen Auswirkungen auf nächsten Samstag haben. Ihren Lauf haben die Schwarz-Gelben aber in den letzten beiden Saisonspielen verloren. Stand heute sind die Bayern klarer Favorit – so klar, wie es die zehn Punkte Vorsprung in der Tabelle ausdrücken. Schön immerhin, dass es kaum noch nennenswerte atmosphärische Störungen beim letzten Heimspiel von Mats Hummels gab. Ab jetzt geht’s um Berlin.

Die Aufstellung: Bürki – Bender (46. Ginter), Sokratis, Hummels – Weigl (84. Durm), Castro – Aubameyang, Kagawa (58. Leitner), Reus, Schnelzer – Ramos. Gelbe Karte: Sokratis. Tore: Castro, Reus

Pfeifenköpfe und Volksburger

1. Bundesliga, 32. Spieltag / BVB 5 VfL Wolfsburg 1

Für die, die sich nicht mehr daran erinnern: Der VfL Wolfsburg war der Klub, der letztes Jahr dem BVB im Pokalfinale wenig Chancen ließ und außerdem Vizemeister wurde. Gäbe es nicht das respektable Abschneiden in der Champions League, müsste man spätestens nach dem Auftritt gestern davon sprechen, dass die Leistungskurve der Wölfe parallel zum Ansehen ihres Hauptsponsors verläuft.

Dagegen könnten Respekt und Freude angesichts des Auftretens der Schwarz-Gelben kaum größer sein. Nach der ganzen Aufregung um den Wechselwunsch des Kapitäns lieferte das Team inklusive Hummels eine großartige Leistung ab. Mit dem intensiven Pressing der Borussia kamen die Gäste zu keiner Phase zurecht. Nicht nur, dass sie den Ball ein ums andere Mal verloren – sie boten auch in der Rückwärtsbewegung entscheidende Räume an, die die BVB-Offensive prompt nutzte. War das frühe 1:0 noch ein bisschen durch das Glück begünstigt, dass Mkhitaryans verunglückter Schuss von rechts zentral bei Shinji Kagawa landete, spielte der Japaner wenige Minuten später astrein Ramos frei.

Die Borussia ging das Anfangstempo natürlich nicht über 90 Minuten, ließ aber mit dem Lattentreffer von Caligiuri nur eine richtig gute Chance der Gäste zu. Gegen ungeordnete Wölfe sah selbst Marcel Schmelzer mal wie ein gefährlicher Linksaußen aus. Als dann auch noch Aubameyang eingewechselt wurde, der offensichtlich schon mit den Hufen gescharrt hatte, war es um den VfL geschehen.

Thomas Tuchel scheint rechtzeitig zum Saisonfinale ein Grundgerüst für seine Startelf gefunden zu haben. Die Spielfreude ist definitiv zurück und vielleicht war das Aus an der Anfield Road bei aller Bitterkeit tatsächlich heilsam für das Konzentrationsvermögen. Man könnte jetzt viele hervorheben, auch die komplette Offensive, aber besonders gut hat mir erneut das Mittelfeldduo aus Julian Weigl und Gonzalo Castro gefallen. Weigl ist aus einem leichten Leistungstal zurück, präsentiert sich wieder aufmerksam und mit gutem Auge für den öffnenden Pass. Und Castro ist ohnehin ein Spieler, von dem ich von Anfang an überzeugt war, dass er das drauf hat, was er derzeit zeigt. Harte Arbeit gepaart mit Offensivdrang, der sich immer wieder mal auszahlt.

Das unerfreulichste Thema aus schwarz-gelber Sicht: Gezielte Pfiffe gegen Mats Hummels, zunächst bei jedem Ballkontakt. Und später Pöbeleien von der Südtribüne, als die Mannschaft nach Schlusspfiff zum Feiern kam. Man kann auf Mats Hummels sauer sein, klar. Meiner Ansicht nach hat die Familie den Ausschlag gegeben, dass der Kapitän nach München wechseln will. Vor zwei, drei Jahren hätte er sich das vielleicht noch nicht vorstellen können. Ist bitter, ärgerlich, was auch immer. Aber er hat ohne Zweifel große Verdienste um den Verein. Und vor allem bringt es der Borussia GAR NIX, wenn man Hummels jetzt so behandelt. Wenn, dann ist es schädlich. Man kann zivilisierte Kritik äußern und man kann es so machen, dass es nicht womöglich das Spiel beeinflusst.

Unabhängig von Hummels hat es die Mannschaft nicht verdient, dass nun ein Schatten auf ihre tolle Saison fällt. Und ja, es gibt noch die theoretische Möglichkeit, das Double zu holen. Das sollte nicht von außen gefährdet werden. Die Fans, die sich nicht anders zu helfen wissen, werden noch Jahre Zeit haben, Mats Hummels im Bayern-Trikot auszupfeifen.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek (63. Durm), Bender, Hummels – Weigl (69. Sahin), Castro – Mkhitaryan, Kagawa, Reus, Schmelzer – Ramos (69. Aubameyang). Gelbe Karten: Weigl, Reus. Tore: Kagawa, Ramos, Reus, Aubameyang (2)

Offiziell: Das Olympiastadion ist nicht Anfield

DFB-Pokal, Halbfinale / Hertha BSC 0 BVB 3 

Sie haben das BVB-Fanmobil bemalt, die schwarz-gelben Jungs unsanft geweckt, doch genutzt hat es nichts. Borussia Dortmund steht im Pokalfinale in Berlin und das völlig zu Recht.

Eine knappe Woche nach Liverpool hat der BVB bewiesen, dass eine Partie nicht die ganze Saison definieren kann. Tatsächlich lief die Begegnung so deutlich für die Borussia wie es der Riesenvorsprung in der Liga nahelegt. Man hätte nicht mehr von den schwarz-gelben Jungs verlangen können. Außer das Spiel bei einer der zahlreichen Gelegenheiten früher klar zu machen. Dass es nicht so kam, hatte Hertha auch Keeper Jarstein zu verdanken.

Die Vorfreude auf die seltene Gelegenheit, das Pokalfinale daheim zu spielen, schien die Hertha eher zu lähmen. Die Gastgeber überließen der Borussia nicht ganz unerwartet den Spielaufbau, standen aber häufig viel zu weit weg, um rechtzeitig eingreifen zu können. So konnte der BVB ein beeindruckend sicheres Kurzpassspiel aufziehen, das man so souverän von den Schwarz-Gelben auch nicht jeden Tag sieht.

Spieler wie Castro und Kagawa, die sich zunächst noch häufiger verzettelten, fanden letztlich so gut ins Spiel, dass sie zu Matchwinnern aufstiegen. Gleiches gilt für Marco Reus, dem ja nachgesagt wird, kein Mann der großen Spiele zu sein. Dass Miki und Mats überragten, überraschte da gar nicht mehr so sehr.

Es brauchte keinen Aubameyang, ja nicht mal ein Stürmertor des sichtlich bemühten Ramos, um die Partie zu entscheiden. Castro mit einem veritablen Kracher und Reus mit eigenem Tor und der Vorlage für Miki reichten – der BVB zeigte, dass mit ihm auch nach Liverpool zu rechnen ist.

Zwar blieb Hertha BSC nicht ohne Chancen, hatte sogar eine fast hundertprozentige – doch es wirkte immer eher zufällig oder wie ein Strohfeuer wenn den Berlinern etwas gelang. Die Borussia behielt diesmal immer die Kontrolle. Ob die Mannschaft nun bereit ist, auch die Schummelbayern zu stoppen? An einem Abend wie diesem erscheint nichts unmöglich.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Bender, Hummels, Schmelzer (84. Durm) – Weigl, Castro (77. Gündogan) – Mkhitaryan, Kagawa, Reus – Ramos. Gelbe Karte: Castro. Tore: Castro, Reus, Mkhitaryan 

Borussia Dortmund und das unerwartete Topspiel

1. Bundesliga, 28. Spieltag / BVB 3 Werder Bremen 2

Der SV Werder – tendenziell sympathischer gestrauchelter Spitzenverein, der sich gerade in einer Umbau- und Findungsphase befindet. Und auch in dieser Saison wieder gegen den Abstieg spielt. Daher hatten sicher nicht viele Dortmunder damit gerechnet, dass die Partie gegen die Weser-Kicker am Samstagabend wieder so umkämpft werden würde, wie sie traditionell ist.

Gegen gut gestaffelte und zunächst erstaunlich offensiv verteidigende Gäste taten sich die Schwarz-Gelben schwer. Wenige Chancen, mehr Ballverluste als gewohnt – das Gute an der Borussia 2015/16 ist, dass sie trotzdem unbeirrt weitermacht. Diese Geduld nötigt Respekt ab und ich persönlich kann mich mit der Spielweise unter Tuchel gut anfreunden. Der lange Pass wird nur gespielt, wenn er Sinn macht – selbst wenn eine Situation in der Nähe des eigenen Sechzehnmeterraums auf den Betrachter brenzlig wirkt.

Dass man sich gegen Bremen schwer tat, dürfte auch mit der Rotation zu tun gehabt haben. In der Innenverteidigung spielten Ginter und Bender; Sokratis war krank, Hummels wurde geschont. Man merkte dem BVB an, dass ihm die schwer berechenbaren Vorstöße des Kapitäns fehlten, der deshalb auch immer ein, zwei Gegenspieler bindet. Ebenso seine Übersicht in der Viererkette, die gestern fast eine Dreierkette war, da Marcel Schmelzer sehr offensiv spielte.

Klar, die Borussia hätte früher führen können. Der sehr aktive Erik Durm machte vor dem Tor keine glückliche Figur; hätte in einer Szene zu Reus abspielen MÜSSEN. Möglich, dass die EM-Fahrkarte noch im Hinterkopf mitspielte. Das schöne Tor über Reus, Miki und im Abschluss Aubameyang einige Minuten nach der Pause schien das Spiel dann zunächst in die gewünschte Bahn zu lenken. Bremen stand bei gegnerischem Ballbesitz nun deutlich tiefer und konnte kaum noch für Entlastung sorgen. Doch das unglückliche Eigentor von Castro in der Folge einer Ecke sorgte für die überraschende Wende. Beim 1:2 sechs Minuten später wurden die entblößten Flügel zum Problem – sie sind nicht das Territorium von Sven Bender.

Aber wer gut wechselt, darf auch rotieren. Thomas Tuchel brachte Ramos für Schmelzer und Pulisic für Reus, nachdem schon vor dem Rückstand Kagawa für Durm gekommen war. Alle drei Wechsel zahlten sich aus, auch wenn Pulisic ’nur‘ für Schwung sorgte. Dieser Kader hat inzwischen ein sehr positives Selbstverständnis, eine Niederlage wird schlichtweg nicht akzeptiert.

Wieder mal wurde also eine spannende Partie im Westfalenstadion gedreht. Selbst wenn es aufregender war als erwartet – die Freude auf die kommenden drei Spiele wird dadurch nur noch größer. Ach ja, und im Herbst spielen wir wieder Champions League.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Ginter, Bender, Schmelzer (80. Ramos) – Weigl – Durm (74. Kagawa), Mkhitaryan, Castro, Reus (80. Pulisic) – Aubameyang. Gelbe Karte: Castro. Tore: Aubameyang, Kagawa, Ramos