Warum Watzke bei Mkhitaryan kein Vorwurf zu machen ist

Einer Lüge muss man sich bewusst sein. Als BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagte, dass in diesem Sommer nicht gleichzeitig Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan den Verein verlassen würden, konnte er sich das jedoch tatsächlich nicht vorstellen. Wenn man ihm etwas vorwerfen will, dann eine Fehleinschätzung oder meinetwegen ein gebrochenes Versprechen. Doch eigentlich weiß der aufgeklärte Fußballfan ja, wie kurzlebig die Branche ist und dass Aussagen ihrer Protagonisten nicht für die Ewigkeit getätigt werden. Immerhin behält durch den bevorstehenden Mkhitaryan-Abgang eine andere Aussage ihre Gültigkeit: Borussia Dortmund werde nach Robert Lewandowski keinen wertvollen Spieler mehr ablösefrei gehen lassen.

Nun scheint die Sache also durch zu sein – auch wenn laut BBC Henrikh Mkhitaryan noch keinen Medizincheck bei Manchester United absolviert hat und weitere Formalitäten zu klären sind. Da Miki in Dortmund noch ein Jahr Vertrag hat, soll die Borussia vom reichen Tabellenfünften der Premier League eine Ablöse in Rekordhöhe bekommen. Kolportiert werden 42,5 Millionen Euro – das wäre sowohl die höchste vom Verein als auch für einen Spieler mit einem Jahr Vertragslaufzeit erzielte Summe.

Watzke und der BVB wollten mit Mkhitaryan ernsthaft verlängern, sie wurden aber vom Spieler und dessen Berater Mino Raiola hingehalten, bis sich die Tür nach Manchester öffnete. Dagegen ist man als ein Verein mit dem Standing der Borussia nicht gefeit. Nach dieser vergangenen Saison war es keinesfalls naiv, sondern einfach zwingend, alles zu versuchen, um Mkhitaryan zu halten. Als die Vertragsverlängerung vom Tisch war, erwies sich Aki Watzke als Mino Raiola – oder zumindest Manchester United – ebenbürtig und lehnte einen Transfer in diesem Sommer zunächst ab.

Was jetzt wohl für die Borussia herausspringen wird, ist verdammt viel Geld. Enttäuscht darf man vielleicht von Miki sein – viele hatten ihn für einen charakterlich anderen Typen gehalten. Wer jetzt von den Regeln des Geschäfts und den Fußballern als Unternehmern anfangen will, hat natürlich nicht Unrecht – trotzdem sind alle im Business Menschen und keine Maschinen. Die einzige Lehre, die die BVB-Führung aus der Geschichte ziehen könnte, ist, die Zusammenarbeit mit Spielerberatern wie Raiola zu hinterfragen.

Sportlich bedeuten die drei Abgänge selbstverständlich einen herben Verlust. In der Form der letzten Spielzeit könnte Miki der herbste sein. Borussia Dortmund hat bereits vielversprechende Verpflichtungen getätigt und wird mit den sprudelnden Millionen mindestens eine weitere tätigen. Die Frage, wie gut die stark umgebaute Mannschaft 2016/17 funktionieren wird, ist eine so spannende, dass auch ein Wechsel von Andre Schürrle zum BVB die Ungewissheit nicht mehr sonderlich erhöhen würde. Ich für meinen Teil würde ihn lieber in schwarz-gelb sehen als Mario Götze – nicht aus Unversöhnlichkeit, sondern weil Letzterer selbst nach wie vor keine Anstalten macht, sich für eine Rückkehr zu erwärmen. Ob Schürrle allerdings immer noch mehr als 30 Millionen wert ist, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht sprechen wir bald noch über ganz andere Namen.

Guerreirowatch

Gestern hat Raphael Guerreiro bei der Fußball-EM mit Portugal 1:1 gegen Island gespielt. Sein Teamkollege Cristiano Ronaldo war darüber not amused. Guerreiro hat sich heute erst mal untersuchen lassen, in der Nähe von Paris, vom BVB-Mannschaftsarzt Dr. Stefan Braun. Ob der Vertrag mit der Borussia auch noch während der EM unterschrieben wird, hängt wohl davon ab, ob das als stilistisch korrekt angesehen wird.

Das alles ist jedenfalls Grund genug, um sich Guerreiro mal in Aktion anzusehen. Gegen Island wurde er positionsgemäß als Linksverteidiger eingesetzt, rückte aber vor allem in der zweiten Hälfte immer öfter nach vorne nach. Doch zunächst wurde er eher selten angespielt und seine Aktionen wirkten noch ein wenig schmelzeresk. Die gute Passquote kam auch mit Hilfe des ein oder anderen Quer- und Rückpasses zustande. Defensiv sah man ein, zwei Unsicherheiten.

Anschließend zeigte sich allerdings mehr und mehr, welchen Mehrwert Raphael Guerreiro auch für Schwarz-Gelb haben könnte. Schnelle Antritte, der Mut, auch Gegenspieler anzulaufen, zu umspielen und in den Strafraum zu ziehen – war alles zu sehen. Außerdem durfte Guerreiro einige Freistöße schießen und machte das sehr respektabel. Wenn er einige Wochen mit seiner Mannschaft trainiert, könnte das richtig gut aussehen mit dem Beinahe-Neuzugang.

Weniger positiv hat sich unterdessen eine andere Personalfrage entwickelt: Henrikh Mkhitaryan will Borussia Dortmund verlassen. Oder sein Berater Mino Raiola will, dass er es will. Und Raiola behauptet auch, dass der BVB Miki das bereits vor Monaten zugesagt habe. Aber nicht nur wenn man die Geschichten über Raiola kennt, muss man sich fragen, wie glaubwürdig das ist. Hans-Joachim Watzke wird Mkhitaryan sicher kein bedingungsloses Versprechen gegeben haben. Warum sollte er das tun, wenn danach noch monatelang verhandelt wurde?

Fakt ist nun wohl, dass es keine Vertragsverlängerung geben wird. Der Verein will Miki Stand heute nicht vorzeitig abgeben. Und bei allen finanziellen Gründen, die dagegen sprechen: Ich finde das zumindest nicht falsch. Man muss hier ein Zeichen setzen, um sich nicht immer wieder auf der Nase herumtanzen zu lassen. Wenn es einen Fehler gab, dann den, überhaupt mit Leuten wie Raiola zusammengearbeitet zu haben. Auch auf die Berater sollte man bei der Spielerauswahl verstärkt achten.

Keine Probleme mit den Krisenschwaben

1. Bundesliga, 31. Spieltag / VfB Stuttgart 0 BVB 3

(Updated) Als Borussia Dortmund vor zweieinhalb Monaten schon einmal im Neckarstadion zu Gast war, da sahen die Fans nicht nur fliegende Tennisbälle, sondern einen zumindest in der zweiten Hälfte engen Pokalfight. Damals war wirklich nicht zu erwarten, dass der VfB am 31. Spieltag wieder knietief im Abstiegssumpf stecken und der BVB dort so wenig Probleme haben würde. Verletzungspech, etwa bei Großkreutz und Die, ist sicher ein, aber nicht der einzige Grund.

Thomas Tuchel hatte angekündigt und gefordert, dass sein Team trotz gesichertem Tabellenplatz, Pokalfinale und Transfergerüchten die Partie seriös angehen und gewinnen wolle. Die angeschlagenen Spieler blieben dabei außen vor; nur Schmelzer wurde noch eingewechselt. Und dem vieldiskutierten Mats Hummels gönnte der Trainer eine Auszeit auf der Bank. Die komplett neue Innenverteidigung: Sokratis und Ginter.

Den Worten folgten Taten. Mehr Ballbesitz ist man vom Tuchel-BVB inzwischen gewöhnt. Aber die Borussia arbeitete sich auch relativ schnell in dieses Spiel, selbst wenn die Viererkette zunächst die ein oder andere Chance der Gastgeber zuließ. Doch im offensiven Mittelfeld hat sich mit Reus, Kagawa und Mkhitaryan scheinbar ein Trio gefunden, das in dieser Kombination auch das individuelle Potenzial mehr und mehr ausreizt. Kommt dann noch ein junger, frischer und technisch starker Mann wie Christian Pulisic dazu, ist das ungemein gut anzuschauen.

Die erste Tat ließ nur 21 Minuten auf sich warten. Miki setzte sich auf dem linken Flügel durch und passte zielsicher zu Shinji, der am langen Pfosten allein gelassen worden war. Eine simple Aufgabe für den Japaner, der aber auch sonst eine starke Leistung zeigte. Das Tor erleichterte den Schwarz-Gelben gegen die nun aufrückenden Schwaben die effektive Nutzung der Räume. Ramos hätte bereits erhöhen können, doch Tyton konnte seinen Versuch noch parieren. Kurz vor der Pause wehrte der Keeper auch einen Miki-Schuss ab, konnte allerdings nur in die Mitte prallen lassen, wo Pulisic bereitstand. Ich sagte ja bereits: Is guter Junge.

In der zweiten Halbzeit schalteten die Schwarz-Gelben dosiert zurück. Der VfB hatte mehr Ballbesitz, wurde aber noch seltener gefährlich. Nach dem 3:0, diesmal durch Mkhitaryan selbst, erneut mit einem Abstauber-Tor, war das Spiel gelaufen. Auch der Neckar fließt nicht entlang der Anfield Road. Dortmund konnte mal selber auf Konter lauern. Hinten musste Bürki nur einmal entscheidend eingreifen. Die Stimmung schien im Stadion gegen Ende sehr flach – die VfB-Fans hatten die Hoffnung aufgegeben, die BVB-Ultras boykottierten mal wieder. Diesmal allerdings aus einem weit schwerer nachvollziehbaren Grund: Am Bahnhof Bad Cannstatt sollen 100 ‚Fans‘ festgesetzt worden sein, als aus der Gruppe heraus versucht wurde, eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen.

Sportlich gesehen war der Sieg ein Ausrufezeichen, dass sich dieser Klub nicht so schnell noch mal aus dem Konzept bringen lassen will. Auch wenn die Meisterschaft endgültig entschieden scheint: Das hat mal wieder Spaß gemacht.

UPDATE: Zu der fehlenden Anfeuerung bzw. den fehlenden Fans gibt es mal wieder verschiedene Darstellungen. Am Bahnhof Bad Cannstatt sollen deutlich mehr BVB-Anhänger in Gewahrsam genommen worden sein – die Rede ist von knapp 300. Die dann im Stadion beim Support ausfielen. Die Polizei sagt, es gab am Bahnhof Aggressionen Dortmunder Fans. Wegen Fans auf den Gleisen wurde der Zugverkehr unterbrochen. Die Fans sehen es anders. Die Stimmung war aufgeheizt wegen der beim Heimspiel auf der Südtribüne präsentierten VfB-Banner. Urteilt und lest selbst –  für mich zu viel Konjunktiv und Kindergarten.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Ginter, Durm – Weigl (82. Sahin) – Mkhitaryan, Kagawa, Reus (76. Leitner), Pulisic (76. Schmelzer) – Ramos. Gelbe Karte: Pulisic. Tore: Kagawa, Pulisic, Mkhitaryan

Offiziell: Das Olympiastadion ist nicht Anfield

DFB-Pokal, Halbfinale / Hertha BSC 0 BVB 3 

Sie haben das BVB-Fanmobil bemalt, die schwarz-gelben Jungs unsanft geweckt, doch genutzt hat es nichts. Borussia Dortmund steht im Pokalfinale in Berlin und das völlig zu Recht.

Eine knappe Woche nach Liverpool hat der BVB bewiesen, dass eine Partie nicht die ganze Saison definieren kann. Tatsächlich lief die Begegnung so deutlich für die Borussia wie es der Riesenvorsprung in der Liga nahelegt. Man hätte nicht mehr von den schwarz-gelben Jungs verlangen können. Außer das Spiel bei einer der zahlreichen Gelegenheiten früher klar zu machen. Dass es nicht so kam, hatte Hertha auch Keeper Jarstein zu verdanken.

Die Vorfreude auf die seltene Gelegenheit, das Pokalfinale daheim zu spielen, schien die Hertha eher zu lähmen. Die Gastgeber überließen der Borussia nicht ganz unerwartet den Spielaufbau, standen aber häufig viel zu weit weg, um rechtzeitig eingreifen zu können. So konnte der BVB ein beeindruckend sicheres Kurzpassspiel aufziehen, das man so souverän von den Schwarz-Gelben auch nicht jeden Tag sieht.

Spieler wie Castro und Kagawa, die sich zunächst noch häufiger verzettelten, fanden letztlich so gut ins Spiel, dass sie zu Matchwinnern aufstiegen. Gleiches gilt für Marco Reus, dem ja nachgesagt wird, kein Mann der großen Spiele zu sein. Dass Miki und Mats überragten, überraschte da gar nicht mehr so sehr.

Es brauchte keinen Aubameyang, ja nicht mal ein Stürmertor des sichtlich bemühten Ramos, um die Partie zu entscheiden. Castro mit einem veritablen Kracher und Reus mit eigenem Tor und der Vorlage für Miki reichten – der BVB zeigte, dass mit ihm auch nach Liverpool zu rechnen ist.

Zwar blieb Hertha BSC nicht ohne Chancen, hatte sogar eine fast hundertprozentige – doch es wirkte immer eher zufällig oder wie ein Strohfeuer wenn den Berlinern etwas gelang. Die Borussia behielt diesmal immer die Kontrolle. Ob die Mannschaft nun bereit ist, auch die Schummelbayern zu stoppen? An einem Abend wie diesem erscheint nichts unmöglich.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Bender, Hummels, Schmelzer (84. Durm) – Weigl, Castro (77. Gündogan) – Mkhitaryan, Kagawa, Reus – Ramos. Gelbe Karte: Castro. Tore: Castro, Reus, Mkhitaryan 

Dortmund reichen 45 Minuten

Eine Halbzeit lang spielte sich im Westfalenstadion ein Deja Vu ab: Wieder mal ein Drecksspiel gegen Hoffenheim. Doch nach rund 93 Minuten jubelte nur noch Schwarz-Gelb. In einem klassischen Spiel der zwei Hälften brachten sich die Gäste auch selbst um ihre Punkte.

Der Eindruck von der Aufstellung der Borussia war vor der Partie kein negativer: Insgeheim hatte man mit noch mehr Änderungen gerechnet. Während einer Halbzeit zum Vergessen zeigte sich jedoch der Wert einer IV aus Hummels und Sokratis ebenso wie die Wichtigkeit von Ilkay Gündogan. Die in den letzten Wochen gewonnenen Eindrücke setzten sich fort, obwohl man es sich anders gewünscht hätte: Julian Weigl ist nicht das Wunderkind, zu dem er in dieser Saison bereits hochgejazzt wurde. Und Nuri Sahin kann nicht aus dem Stand das Level von Gündogan erreichen. Gegen aggressiv auftretende Hoffenheimer, die mit Julian Nagelsmann wohl nicht absteigen werden, fehlte sowohl der Zugriff im Mittelfeld als auch das energische Aufbauspiel unseres Kapitäns.

Eine entblößte Zentrale, Pech von Bürki: Es stand tatsächlich 0:1 zur Pause. Die Statistiker haben uns allerdings beigebracht, dass ‚Hoffe‘ gerne mal in Führung geht und dann nicht immer gewinnt.

In Dortmund kam nach der Pause endlich Gündogan und Sebastian Rudy sah Rot. Zwar war der Hoffenheimer nicht letzter Mann und das Foul sah nicht brutal aus. Allerdings war es ein klassischer Fall einer Grätsche von hinten – und da gibt es ja gewisse Regeln.

Nach dem Platzverweis war der zuvor zur Schau gestellte Optimismus der Gäste verschwunden. Es ging nur noch ums Verteidigen und zum Glück schief. Auch wenn sich die Geduld des BVB erst in der letzten Viertelstunde auszahlte: Am Ende war der Sieg verdient. Mkhitaryan unterstrich seine Ausnahmestellung mit dem Ausgleich und der Vorlage zum 3:1, das dem Tor zum selben Ergebnis in Stuttgart entsprach. Nur dass diesmal Miki die Vorlage für Auba gab.

Zwischendurch hatte ausgerechnet Adrian Ramos mit einem tollen Kopfball zum natürlich besonders umjubelten 2:1 getroffen. Über seine Einwechslung braucht man nicht zu diskutieren. Fragen wirft allerdings auf, dass Thomas Tuchel erneut Moritz Leitner Gonzalo Castro vorzog. Um es klar zu sagen: Am Sieg der Borussia war Leitner weitgehend unschuldig.

Das soll nicht davon ablenken, dass die Schwarz-Gelben in den zweiten 45 Minuten die richtigen Antworten gefunden haben. Ohne Reibungsverluste geht der Spagat zwischen komfortablem zweiten Platz in der Liga und zwei deutlich umkämpfteren Wettbewerben aber nicht vonstatten.

Schwarz-gelbe Fastenkost, ein Glanzpunkt

1. Bundesliga, 21. Spieltag / BVB 1 Hannover 96 0

Nein, ein erwärmendes Erlebnis war dieser knappe Heimsieg nicht. Vier Tage nach dem erneuten Einzug ins Pokalhalbfinale servierte die Borussia eher unterkühlten Fußball, der nicht allzu anstrengend aussah, aber letztlich zu den gewünschten drei Punkten führte.

Viel Grund zu meckern gibt es daran nicht, denn was dem BVB heute fehlte, war erstens offensichtlich, zweitens  altbekannt und drittens nicht das Engagement. Natürlich lag es auch an der Taktik des Tabellenletzten, dem Thomas Schaaf ein 4-1-4-1 verordnet hatte. Dieser breite Mittelfeldriegel erwartete die Schwarz-Gelben bei Dortmunder Ballbesitz meterweit in der eigenen Hälfte. Über weite Strecken funktionierte das für Hannover besser als man es gemeinhin von einem Tabellenletzten erwarten kann. Das Zentrum war halbwegs dicht und den Rest erledigte Torwart Ron-Robert Zieler.

Kommen wir zur Frage, warum es dem Tabellenzweiten nicht öfter gelang, die Mauer zu durchbrechen. Denn häufiger als sonst waren die Torschüsse und halbwegs gefährlichen Szenen der Borussia Fernschüsse und Freistöße. Natürlich fehlte Pierre-Emerick Aubameyang, der leicht angeschlagen im weißen Puschelmantel auf der Tribüne Platz nahm. Nicht nur, dass er Tore schießen kann. Die Gegner sind sich dessen bewusst und fürchten auch seine Schnelligkeit, weswegen Auba immer ordentlich Abwehrkraft bindet. Genau das machen zweitens unsere Außenverteidiger zu selten. Machen wir es mal wieder am heutigen Auftritt von Marcel Schmelzer fest: Sein Engagement ist bewundernswert und wenn er großen Freiraum hat, kann er sogar gefährlich werden. Doch technisch, insbesondere beim Dribbling, jagt er keinem Abwehrspieler Angst ein. Weswegen es häufig reicht, das Zentrum dicht zu machen.

Es gab die eine Ausnahme, den einen Glanzpunkt, als nach einem Hannoveraner Angriff über Schmelle, Gündogan und Reus ein schneller Konter eingeleitet wurde. Dann zischte Mkhitaryan mit dem Ball ab und Schmelzer zog links an der Abwehrkette vorbei. Der vielleicht dadurch ausgelöste Moment der Unentschlossenheit bei 96 reichte Miki, um in die richtige Position für seinen fulminanten Schuss zu kommen. Es war, wie Sky-Kommentator Lindemann wusste, der erste BVB-Saisontreffer von außerhalb des Sechzehnmeterraums. Ein bemerkenswerter Fakt, denn es ist ja nicht so, dass sowas nicht gelegentlich versucht würde. Auch heute gab es Distanzschüsse, die Zieler vor keine größeren Probleme stellten. Es gab zwei gezielte Reus-Freistöße, von denen einer an die Latte ging. Und es gab Angriffe, die am letzten Pass scheiterten.

Um es klar zu sagen: Der Sieg war mehr als verdient. Hannover gelang nach vorne noch deutlich weniger und sie versuchten es selbst nach dem Rückstand zu selten. Ein paar vielversprechende Spielzüge, die rechtzeitig gestört wurden, nur eine richtig gute Torchance durch den Hoffmann-Kopfball – das ist zu wenig, um 2015/16 aus dem Westfalenstadion etwas mitzunehmen. Der BVB hätte das Spiel auch durch die Mitte früher entscheiden können, wenn die Mannschaft im offensiven Mittelfeld Normalform gezeigt hätte. Doch Kagawa war weit davon entfernt und Castro rechtfertigte meine Hoffnungen in ihn auch nicht ganz – ein gewisses Gefälle hinter Reus, Gündogan, Miki und Auba ist zu erkennen. Auch der erneut starke Hummels konnte da von hinten nicht ausreichend helfen.

Doch das Schöne ist: Es gibt noch keinen Grund zu vermuten, dass das alles im nächsten Spiel genauso aussehen wird. Bring on Porto!

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Ginter (75. Weigl) – Gündogan, Castro (64. Pulisic) – Mkhitaryan (75. Durm), Kagawa – Reus. Gelbe Karte: Kagawa. Tor: Mkhitaryan

BVB verwandelt späten Matchball

DFB-Pokal, Viertelfinale / VfB Stuttgart 1 BVB 3

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Englische Witterungsverhältnisse und einen echten Pokalfight hat Borussia Dortmund gestern in Stuttgart überstanden. Dabei konnte der VfB die Partie lange, aus schwarz-gelber Sicht unnötig lange offen halten. Bis die Erlösung durch einen Konter über Aubameyang und Mkhitaryan gelang.

Dass den Stuttgartern ein vergleichbarer Treffer nicht gelang, darf sich die BVB-Defensive durchaus anrechnen. Die Angst vor der Konterstärke der Gastgeber war womöglich auch der Grund für Thomas Tuchel, mit Ginter und Durm und nicht etwa mit Gonzalo Castro zu beginnen. Warum der aber 90 Minuten auf der Bank sitzen blieb, ist eine schwerer zu beantwortende Frage.

Begonnen hatte alles mit dem angesichts Ticketpreisen von teils über 70 Euro nachvollziehbaren Fanboykott der Initiative „Kein Zwanni für nen Steher“. Knapp 20 Minuten blieben die Ultras draußen, während die umliegenden Blocks doch schon mit vielen BVB-Fans gefüllt waren. Kurz nach der Rückkehr der Stimmungsmacher fiel der Stuttgarter Ausgleich, nachdem Reus schon nach fünf Minuten zum 1:0 getroffen hatte. Dennoch kein Grund, gleich zum Tennis gehen zu wollen.

Der VfB blieb abgesehen von seinem Tor in der ersten Hälfte weitgehend ungefährlich, der BVB dominierte. Das schöne Tor von Auba, dessen Auftritt gegen Ingolstadt schnell vergessen war, fiel folgerichtig.

In Halbzeit 2 ging es zunächst so weiter und die Borussia hatte alle Chancen, das Spiel zu entscheiden. Doch Aubameyang scheiterte an Langerak, Gündogan, sonst sehr präsent, spielte nicht ab und einmal wurde der Ball im Strafraum fast schon slapstickhaft vertändelt. Unterdessen bekam der VfB mehr und mehr Zugriff auf das Spiel und hatte seine Chancen. Die durch schwaches Zielen und einen starken Bürki ohne zählbaren Erfolg blieben.

Lange sah es so aus, als würde die Borussia am Ende noch für ihre Fahrlässigkeit bestraft. Doch kurz vor Schluss war es der BVB, der mit zwei Mann alleine auf Torwart Langerak zukam. Und für erleichterte Freude in der Gästekurve sorgte.

Die Traumstarter sind wieder da

1. Bundesliga, 18. Spieltag / Borussia Mönchengladbach 1 BVB 3

Was will man mehr? Borussia Dortmund hat die Eindrücke aus den Testspielen bestätigt und zum Rückrundenauftakt auch das Spiel im Borussia-Park gegen Gladbach souverän gewonnen. Thomas Tuchel und sein Team scheinen die freie Zeit genutzt zu haben. Ein Fortschritt gegenüber den vollgestopften Wochen vor Weihnachten ist deutlich erkennbar.

Dabei hatte Tuchel noch gar nicht seine Bestbesetzung zur Verfügung. Für Nuri Sahin kam die Partie ohnehin zu früh, aber auch Marcel Schmelzer stand nicht im Kader. Für ihn kam erneut Joo-Ho Park zum Einsatz. Nach einer ordentlichen ersten Hälfte war der Linksverteidiger dann nicht unschuldig am Gladbacher Anschlusstreffer und wird über den Status des Ersatzmannes wohl nicht hinauskommen.

Abgesehen davon bewies das Team aber absolut Rückrundenreife. Auch wenn Gladbach nach einem Eckball die erste Chance per Lattenkopfball markieren konnte, wirkte der BVB schon vor der Führung wie die Heimmannschaft. Vor allem die Präsenz im Mittelfeld, die vielen gewonnenen Zweikämpfe und Balleroberungen waren beeindruckend. Und das betraf ja nicht nur die klassischen Mittelfeldspieler. Besonders stark agierte der Käpt’n: Mats Hummels brillierte sowohl in letzter Reihe wie auch in vorgezogener Position und selbst einen Sturmlauf ließ er sich nicht nehmen.

Wichtig war gestern vor allem, dass alle ähnlich wach waren wie Mats. Das sah man beim 1:0: Präziser Abschlag von Bürki, der superstarke Gündogan leitet weiter auf Reus rechts außen und der schließt ins lange Eck ab. So schnell kann es gehen, wenn alle mitmachen. Tuchel und allen voran die Spieler können auch Klopp. Exemplarisch für das schwarz-gelbe Spiel war auch der zweite Treffer, den Hummels mit einem, ja, bockstarken Tackling einleitete, ehe es wieder über Gündogan und Reus lief und schließlich Miki vor dem Tor cool blieb.

Die Schwächen über die linke Seite versuchte Thomas Tuchel später mit der Hereinnahme des genesenen Erik Durm zu kompensieren; Mkhitaryan wechselte auf rechts. Sonst gab es tatsächlich wenig zu kritisieren, denn eine Mannschaft wie Gladbach schießt man eben nicht aus deren eigenem Stadion. Die Gastgeber bekamen nach dem Anschluss kurzfristig Oberwasser, aber die Mentalität eines griechischen Helden sorgte für die Entscheidung. Nach Hummels war es nun Sokratis, der den Ball eroberte und einfach mal nach vorne durchlief, um dann in den Laufweg von Miki zu legen. Flanke in den Rückraum und Ilkay hatte endlich mal Glück im Abschluss. Mehr als Aubameyang, dem das gestern fehlte.

Die schwarz-gelbe Borussia scheint gerüstet – selbst wenn Yunus Malli oder ein anderer nicht kommen sollten. Das Einzige, was einem nach diesem Auftakt zu denken gibt: Die Interessenten für Ilkay, Miki und – trotz null Toren – Aubama werden nicht weniger. Und ohne diese drei möchte man sich den BVB derzeit doch nicht vorstellen.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Hummels, Park – Weigl – Gündogan, Castro (70. Ginter) – Reus (70. Durm), Mkhitaryan – Aubameyang (76. Ramos). Gelbe Karte: Weigl. Tore: Reus, Mkhitaryan, Gündogan

DO trotzt dem Schema F

1.Bundesliga, 16. Spieltag / BVB 4 Eintracht Frankfurt 1

Nach sieben Minuten der letzten Bundesliga-Begegnung dieses Spieltags gab es unter BVB-Fans wohl einen sehr weit verbreiteten Gedanken: Nicht schon wieder. Die Schwarz-Gelben hatten in der Anfangsphase unheimlich Druck gemacht und sich dann beim ersten Eintracht-Angriff gleich kalt erwischen lassen. Also schon wieder die Baustelle Abwehr, mit einem halbherzigen Hummels. Und warum hatte der Tuchel bloß einen fitten Sokratis auf der Bank gelassen?

Am Ende der gut 90 Minuten konnte man keinem Borussen inklusive Trainer mehr einen Vorwurf machen. Mats Hummels hatte mit einem Klassepass in die Tiefe den Ausgleich vorbereitet und später das 3:1 erzielt. Eine Unaufmerksamkeit hatte er mit viel Präsenz, gerade auch nach vorne, wieder mehr als wettgemacht.

Weiter zu arbeiten mit Geduld und Übersicht, das machte heute den Unterschied gegenüber der Partie gegen PAOK aus. Natürlich griff die Eintracht nach der Führung erst recht auf ihr übliches Schema gegen spielstarke Teams zurück. Es war gegen den Ball ein Spiel mit zwei Abwehrreihen, fünf bis sechs Leute ganz hinten und drei davor, die frühestens Mitte der eigenen Hälfte attackierten. Die Borussia tat sich eine Zeit lang schwer damit, blieb aber geduldig und hatte am Ende 75 Prozent Ballbesitz. Weiterlesen „DO trotzt dem Schema F“

The Believers

1. Bundesliga, 15. Spieltag / VfL Wolfsburg 1 BVB 2

Es geht immer weiter – und wer nicht glaubt, verliert. Am Ende eines größtenteils würdigen Spitzenspiels mit zwei ungleichen Halbzeiten wollte sich Borussia Dortmund nicht mit einem Punkt beim Tabellendritten abfinden und machte auch in der 93. Minute noch Druck. Elfmeterverursacher Lukasz Piszczek war ebenso am entscheidenden Angriff beteiligt wie Superassistent Henrikh Mkhitaryan. Und ausgerechnet Shinji Kagawa schob dann zum Last-Minute-Sieg ein. Großartig und schon wieder viel zu lange her – da kann man schon mal ein halbes Kahn-Zitat bringen.

Der Siegtorschütze Shinji Kagawa war zuvor nicht unbeteiligt an der deutlich passiveren, wenig effektiven zweiten Hälfte der Borussia gewesen. In der 55. Minute kam der Japaner für den angeschlagenen Ilkay Gündogan, der die Partie in Halbzeit 1 mit gesteuert hatte. Die Schwarz-Gelben hatten sehr dominant begonnen, kaum etwas vom Pokalsieger und Vizemeister zugelassen. Umso verwunderlicher, da die gesetzten Innenverteidiger Mats Hummels und Sokratis mit Magen-Darm-Infekt ausgefallen waren. Doch zunächst machten es die Vertreter und vor allem das Mittelfeld-Duo Ginter und Gündogan richtig gut.

Nachdem es schon in der Anfangsviertelstunde mehrmals brandgefährlich für die Gastgeber geworden war. dauerte es noch bis zur 32. Minute, ehe Mkhitaryan und Marco Reus einen Fehler von Guilavogui ausnutzten. Schön, Marco wieder treffen zu sehen. Was danach bis zur Pause geschah, lässt sich durchaus noch mit „aus einer Position der Stärke den Gegner kommen lassen“ beschreiben, auch wenn Wolfsburg nun die ersten Abschlüsse verzeichnen konnte.

Erst in den zweiten 45 Minuten gab der BVB die Spielkontrolle aus der Hand. Was gegen ein Topteam durchaus mal passieren kann. Hätten die Schwarz-Gelben allerdings vorher die Chancen genutzt, wäre es ebenso entspannter geworden, wie wenn die Entlastungsangriffe in Halbzeit 2 konzentriert zu Ende gespielt worden wären. Es war also mindestens so sehr die fehlerhafte Offensive, die für die gekippte Spielkontrolle verantwortlich war – nicht nur die kleinen Unsicherheiten bei Bürki, Subotic und Co.

Und auch Schiedsrichter Stieler, laut „Kicker“-Noten einer der besten, tat das seinige dazu, als er Maximilian Arnold nach einem Griff in Benders Gesicht nicht die fällige gelb-rote Karte zeigte, dafür aber in der Nachspielzeit auf den Punkt, nachdem Piszczek Schürrle an die Schulter gefasst hatte. Rodriguez verwandelte sicher und man hätte von einem glücklichen, aber nicht unverdienten Punkt für die Gastgeber sprechen müssen. Doch Tuchels BVB glaubte weiter, spielte weiter und bescherte uns mal wieder einen dieser Momente, für die man ganz besonders ins Stadion oder die Kneipe geht. Und das ohne dass jemand eine Eckfahne ausreißen musste.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Subotic, Bender, Schmelzer – Ginter, Gündogan (55. Kagawa) – Mkhitaryan, Castro (82. Park), Reus – Aubameyang (82. Hofmann). Gelbe Karten: Reus, Piszczek. Tore: Reus, Kagawa