Dortmund zeigt das zweite Gesicht

Champions League, 1. Spieltag / Lazio 3 BVB 1

Ärgerlich erwartbar sind inzwischen die Auftritte von Borussia Dortmund, bei denen die Mannschaft so viel vermissen lässt, dass eine „Mund abputzen, weitermachen“-Haltung schwer fällt. So wird der passable Saisonstart schon wieder durch den blutleeren Auftritt im Stadio Olimpico überschattet – den man mit erschwerten Bedingungen nur ein bisschen entschuldigen kann.

Schwarz-Gelb mit Löcherkette

Lucien Favre blieb trotz akutem Innenverteidiger-Mangel bei einer Dreierkette von zentralen Abwehrspielern. Mats Hummels wurde von Lukasz Piszczek und Thomas Delaney unterstützt und war gestern nicht zu beneiden. Die Diskussion um Dreier-/Fünferkette vs Viererkette wird in Dortmund ja schon eine Weile geführt. Favre galt bisher als Verfechter letzterer Variante, lässt den BVB aber schon seit geraumer Zeit mit drei Innenverteidigern auflaufen. In Rom änderte er dies nach 65 Minuten, um mit Julian Brandt für Piszczek mehr Offensivschwung reinzubringen – der Rest des Spiels endete 1:1.

Bleibt die Frage, ob nicht zwei Innenverteidiger in einer Viererkette von Beginn an mehr Sinn gemacht hätten – angesichts von gefühlt zahllosen Lazio-Pässen durch die Abwehrreihe vor allem in der ersten Halbzeit. Die Antwort ist etwas für versiertere Taktiker. Tatsache ist aber, dass Piszczek und Delaney ihre Probleme hatten – der Däne kompensierte das immerhin in ein paar Szenen mit Härte. Weiterlesen „Dortmund zeigt das zweite Gesicht“

Was anschließend geschah

Für alle, die ebenfalls im Urlaub waren: eine kurze Rekapitulation, was in der schwarz-gelben Welt zuletzt passiert ist.

1. Moritz Leitner ist weg. Dass es Abgänge geben würde, war klar. Regelmäßige Leser dieses Blogs ahnen, dass mich dieser Abschied wenig schmerzt. Leitner hat im schwarz-gelben Trikot weder vor noch nach seiner Ausleihe jene Konstanz zeigen können, die er auf diesem Niveau benötigt. Das hat dann auch etwas mit fehlender Klasse zu tun. Angesichts der illustren Namen im Kader war er auf meiner Liste der erste, der gehen durfte. Viel Erfolg bei Lazio!

2. Fast schon zu souverän gegen Trier gewonnen. Reden wir nicht drum herum: Es war einseitig im Moselstadion. Der übertragenden ARD und neutralen Zuschauern vermutlich zu sehr. Nachdem die Borussia in der ersten Halbzeit die Drei-Tore-Führung hergestellt hatte, verlegte man sich später aufs Auslassen von Chancen und wurde inkonseqenter. Aus der Innenperspektive gefielen zumindest drei Aspekte: Shinji Kagawa weiß, was die Stunde geschlagen hat und kämpft um seine Startelfchance. André Schürrle zeigt ordentliche Frühform und kann erwartungsgemäß gut mit Tuchel. Richtig begeistert hat gegen später dann aber vor allem Emre Mor. Was für ein Dribbler!

3. Wieder Real in der Champions League. Kein einfaches Los ergab die heutige Auslosung der CL-Gruppenphase. Über Real brauchen wir nicht reden; ein Leckerbissen ist es immer wieder. Sporting sollte man bloß nicht unterschätzen. Legia Warschau sollte man dann doch schlagen – noch ist der polnische Vereinsfußball nicht auf dem Niveau des Nationalteams. Diese Gruppenphase wird kein Selbstläufer – aber fragt mal die andere Borussia!

Hass im Spiel

Bestürzende Meldungen kommen gestern und heute aus Italien. Nach den Spielmanipulationen und dem Tod eines Polizisten ist der dortige Fußball nun von einem weiteren Todesfall betroffen. Auf einem Autobahnrastplatz in der Nähe von Arezzo ist der 26-jährige Lazio-Fan Gabriele S. von einem Polizisten erschossen worden – „versehentlich“, wie es überall heißt. Nach neuen Meldungen soll sich bei der Verfolgung der Fans bzw. dem Versuch, deren Autokennzeichen zu erkennen, ein Schuss gelöst haben. Zuvor hatten die Polizisten zufällig beobachtet, wie sich die Gruppe Lazio-‚Fans‘ eine Schlägerei mit Juve-‚Anhängern‘ lieferte.

Als die Nachricht vom Tod von Gabriele S. bekannt wurde, kam es in mehreren italienischen Städten zu Krawallen. Etwa 400 Lazio-Anhänger griffen eine Polizeistation an, die Partie Atalanta Bergamo v Milan musste wegen Ausschreitungen abgebrochen werden, Inter v Lazio und Roma v Cagliari wurden ganz abgesagt. Es soll 40 Verletzte gegeben haben.

Zuallererst muss geklärt werden, warum sich beim Laufen ein Schuss aus der Waffe des Polizisten lösen konnte – das hört sich schon grob fahrlässig an. Herausfinden können das natürlich nur die ermittelnden Behörden. Es stellt sich aber auch die Frage, warum es in Italien immer wieder zu solchen Eskalationen der Gewalt kommt und ob in Deutschland Ähnliches möglich wäre. Ein großes Problem stellt die Tatsache dar, dass die italienische Polizei mehr und mehr zum Konfliktteilnehmer wird; inzwischen scheinen die gewaltbereiten Tifosi die Ordnungshüter genauso als Gegner zu sehen wie die Hooligans der Konkurrenz.

Um es klar zu sagen: Die Hauptschuld an der Eskalation tragen die gewalttätigen Fangruppen. Aber die italienische Polizei hat in den letzten Jahren auch an ihrem schlechten Ruf mitgearbeitet – man denke etwa an das Vorgehen während des G8-Gipfels in Genua (zugegeben ein anderer Zusammenhang, aber ein Zeichen für die zum Teil im Apparat anzutreffenden Denkmuster). Ein weiterer Grund dürfte die mangelhafte Fanarbeit in Italien sein; vor allem mangelt es an zielgerichteter Sozialarbeit. Stattdessen hatten gewaltbereite, radikale Fans zu lange zu großen Einfluss in den Kurven; bei manchen Vereinen waren sie sogar am Ticketing beteiligt. Weiterlesen „Hass im Spiel“