Schafböcke nach neun Monaten gerettet

Ein Happy End. Nur im Fußball, aber immerhin. Der Traditionsverein Derby County, gegründet 1884 und einst erfolgreich unter dem großen Brian Clough, hat einen neuen Besitzer, der die ersten drei Buchstaben seines Nachnamens mit der Trainerlegende gemeinsam hat. David Clowes beziehungsweise sein Unternehmen Clowes Developments hat heute die Übernahme der „Rams“ vollendet und somit den Klub aus den East Midlands aus der Insolvenz geholt.

Die ganze Vorgeschichte findet ihr im letzten Beitrag. Zwei Tage nach dem ursprünglich angepeilten Mittwoch hat die existenzbedrohende Situation nun ein Ende gefunden. Die Abwicklung des Deals sei beispiellos komplex gewesen, betonte Andrew Hosking, einer der Insolvenzverwalter – sicherlich nicht ganz ohne den Hintergedanken, die Länge des Verfahrens zu rechtfertigen, das im September 2021 begonnen hatte.

Clowes schreibt den Fans

Doch das Ende scheint nun beinahe ideal. Ein erfolgreicher und gleichzeitig bodenständiger Unternehmer aus der Region als Eigentümer – viel besser wird es im englischen Profifußball abseits der wenigen fangeführten Vereine nicht. David Clowes hat in einem offenen Brief an die Fans um Geduld gebeten. Er und sein Team bräuchten noch Zeit, um sich ein Bild von innen zu verschaffen, Gespräche zu führen und dann im Anschluss womöglich Veränderungen vorzunehmen.

Dort, wo es schnell gehen muss, soll es schnell gehen: Die Rams brauchen rund vier Wochen vor Saisonstart dringend Spieler – mehr als eine gute Handvoll Profis stehen derzeit nicht unter Vertrag. Natürlich wurden im Hintergrund schon Gespräche vor allem mit vertragslosen Spielern geführt. Es könnten also schon bald erste Vollzugsmeldungen folgen. Alle Transfers müssen einem Business Plan gehorchen, auf den sich die neuen Besitzer mit den Insolvenzverwaltern und dem Ligaverband EFL geeinigt haben. Das heißt: Neuzugänge können nur registriert werden, wenn Transfersumme, Spielergehalt und Beraterkosten vorgegebene Beträge nicht überschreiten. In diesem Rahmen steht es Derby County aber wieder frei, die Transfers zu tätigen, die der Trainer und andere künftig sportlich Verantwortliche für nötig halten.

David Clowes macht in seiner Botschaft an Fans und Angestellte des Vereins auch Hoffnung, dass Vieles, was bei den Rams in der Vergangenheit gut gelaufen ist, erhalten bleibt: Die Jugendakademie soll weiter zur höchsten Kategorie gehören, die gemeinnützige Arbeit des „Community Trust“ in Derby und Umgebung fortgeführt werden. Und Clowes will auch die Frauenmannschaft, Derby County FC Women, ein eigener Verein, aber eng mit den Männern assoziiert, weiter unterstützen. Das alles hört sich für lang leidende Fans sehr positiv an. Einfach wird der Weg zurück aber sicher nicht – für den Verein, der noch vor wenigen Jahren ans Tor zur Premier League klopfte und sich nun einen Kader für die dritte Liga basteln muss. Es könnte heute trotzdem ein entscheidender, womöglich historischer Schritt gelungen sein.

Weiche Landung in Sicht? Neue Hoffnung für Derby County

Seit fast zwei Jahren geht es für die „Rams“ abwärts. Nicht stetig, aber bisher unaufhaltsam. Genau das ist das besonders Schmerzhafte für die Fans: Immer wieder keimte Hoffnung auf, schien sich etwas zu bewegen. Und immer wieder wartete man vergebens. Die sportliche Talfahrt von Derby County begann bereits in der Saison 2020/21: Unter Trainer-Novize Wayne Rooney konnten sich die Rams erst am letzten Spieltag vor dem Abstieg retten. Nicht geholfen hatte in jener Saison ein weiches Transferembargo aufgrund von Verfehlungen der Vereinsführung im finanziellen Bereich. Alles zur Situation im letzten Sommer könnt ihr in meinem damaligen Artikel nachlesen.

Der damalige Klubbesitzer Mel Morris galt selber als Derby-Fan und hatte sich in den Jahren zuvor immer mal wieder in die Arbeit der Angestellten eingemischt. 2021 wollte er den Klub verkaufen. Zwei Übernahmeversuche waren bereits gescheitert (siehe den oben verlinkten Artikel). Dann folgte das Szenario, das die Fans nicht für möglich gehalten hätten und das Morris alle Sympathien gekostet hat: Der Eigentümer meldete für die Rams Insolvenz an. Allerdings nicht für das Stadion Pride Park, das er sich ein paar Jahre zuvor quasi selbst verkauft hatte.

Mit 21 Minuspunkten gegen den Abstieg

Die Konsequenz: In der abgelaufenen Saison wurden den Rams zunächst 12 Punkte für die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens abgezogen. Als Insolvenzverwalter wurde die Firma Quantuma eingesetzt. Sie konnte nicht verhindern, dass im November ein weiterer Neun-Punkte-Abzug aufgrund von Verstößen gegen die Regeln zur Profitabilität und Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit dem Stadionverkauf erfolgte. Mit insgesamt 21 Minuspunkten war der Klassenerhalt der Rams schon mitten in der Saison in weite Ferne gerückt. Nicht, dass Wayne Rooney, sein Assistent Liam Rosenior und die Mannschaft nicht alles versuchten: Bis ins neue Jahr hinein hatten sie den enormen Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz so weit reduziert, dass der Klassenerhalt zumindest denkbar erschien. Die Fans zogen mit und feierten den fast aussichtslosen Kampf ihres Teams.

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Sind hier die guten Investoren?

Der Krieg in der Ukraine und die aus ihm folgenden Sanktionen gegen russische Oligarchen wie Roman Abramowitsch haben in England eine Debatte verstärkt, die durchaus schon geführt wurde, aber noch nicht mit der nötigen Intensität: Welche Voraussetzungen sollte der Besitzer/die Besitzerin eines Fußballklubs erfüllen müssen und wie sollten die Besitzverhältnisse generell strukturiert sein? Der Fall Newcastle United und noch mehr die jetzige Ungewissheit um Chelsea könnten – bei all den schrecklichen Hintergründen – den positiven Effekt haben, dass diese Diskussion nun unwiderruflich in Gang kommt.

Gibt es noch das „gute Geld“ im englischen Fußball? Bekanntlich existieren im Mutterland des Sports im Profibereich schon lange ganz andere Strukturen als in der deutschen Bundesliga oder gar im hiesigen Vereinswesen. Doch inzwischen ist auch der wohlhabende und -wollende, aus der Region stammende Klubbesitzer früherer Prägung rar. Die Besitzverhältnisse in den oberen Ligen sind internationaler geworden; eine Affinität zum Heimatort eines Vereins müssen viele Klubführungen erst von sich aus herstellen. Manche überzeugen dabei, manche weniger.

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Winter-Transfers: Hier funktionieren sie doch

Das Transferfenster im Januar hat einen bescheidenen Ruf. Niemand mag es so richtig, viele Trainer empfinden es als störend – vor allem in den Ländern, in denen der Ball im Winter durchgehend rollt. Es ist naheliegend, dass vor allem zwei Sorten Vereine im Januar auf dem Transfermarkt zuschlagen: die, bei denen es in der Hinserie so gar nicht gelaufen ist und jene, die sich keine Gedanken über Geld machen müssen. Andere, wie etwa der BVB, verfeinern zu dieser Zeit höchstens ihren Kader – oder nutzen eine einmalige Gelegenheit wie bei Erling Haaland.

Für die Krisenklubs bringen die winterlichen Nachverpflichtungen unterdessen häufig nicht die erhoffte Trendwende. Doch es geht auch anders: Den Bolton Wanderers in Englands drittklassiger League One scheint nach 2021 erneut eine fantastische Transferphase gelungen zu sein. Im Vorjahr standen die Trotters Anfang Januar auf dem 16. Platz der League Two und stiegen am Ende als Dritter auf. Niemand zweifelt daran, dass die klugen Verpflichtungen zu Beginn des Jahres eine entscheidende Rolle dabei spielten.

Oops, they did it again!

In diesem Jahr scheint sich die Geschichte zu wiederholen. Bolton hatte einen für einen Aufsteiger sehr ordentlichen Saisonstart. Doch nach der Niederlage am Neujahrstag in Rotherham stand man plötzlich nur noch drei Punkte vor den Abstiegsrängen auf Platz 18. Dazu hatten auch Covid und Verletzungen beigetragen. Trainer Ian Evatt ließ keine Zeit verstreichen und hat bis zum Transfer Deadline Day bereits sechs Spieler verpflichtet sowie die Leihe des vom HSV ausgeliehenen Flügelspielers Xavier Amaechi verlängert.

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Misserfolge, Verletzungen und viele Fragezeichen wegen Covid

Kein Spiel am Boxing Day, noch nicht mal ein Spiel bis Ende 2021 – die Bolton Wanderers hätten sich den Abschluss eines ereignisreichen Jahres anders vorgestellt. Doch Covid-19 funkte dazwischen. Womöglich waren die Angestellten des Vereins, der einst Bayern München ärgerte, daran nicht ganz unschuldig, aber der Reihe nach. Nach meinem ausführlichen Artikel vom März über die dramatische jüngere Geschichte der „Trotters“ setzten diese ihre grandiose Aufholjagd in der League Two fort und schafften am Saisonende den direkten Aufstieg in die drittklassige League One.

Im Sommer wurden mehrere geliehene, ehemals höherklassig auflaufende Spieler fest verpflichtet und einige weitere sinnvoll erscheinende Transfers getätigt. Und so begann die Saison 2021/22 mit einigem Auf und Ab, jedoch durchaus vielversprechend. Nach sieben Spieltagen waren die Whites Fünfter. Nach zwölf Partien tauchten sie zum letzten Mal unter den Top 10 auf. Zuerst schlug das Verletzungspech zu – seit mehreren Wochen häufen sich nun die Covid-Fälle. Das ist angesichts der Omikron-Variante nicht überraschend, doch der Umfang des Problems stimmt nachdenklich: 14 Spieler und vier Staff-Mitglieder waren zuletzt betroffen. Bereits drei Partien hintereinander mussten verschoben werden.

Es gibt in England einige Proficlubs mit sehr hohen Impfquoten. Beispiele dafür sind etwa die Wolverhampton Wanderers in der Premier League oder Boltons Liga-Konkurrent Morecambe in der League One. Deren Kader sind nach Vereinsangaben durchgeimpft. Ansonsten kursieren Statistiken, die deutlich niedrigere Quoten nahelegen. Eine Woche vor Weihnachten veröffentlichte die English Football League (EFL), der Ligaverband der Spielklassen 2 bis 4, Zahlen, wonach zuvor 69 Prozent der Spieler eine Erstimpfung erhalten hätten. Noch bedenklicher: 25 Prozent der Befragten gaben an, sie wollten sich derzeit nicht impfen lassen.

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Die nächste große Hoffnung für Sunderland

Fans zurück in den Stadien – in Großbritannien könnte das schon zum Ende des aktuellen Lockdowns am 2. Dezember und je nach regionaler Pandemie-Lage Realität werden. Die Anhänger des englischen Drittligisten Sunderland AFC hätten dann womöglich gleich doppelt Grund zur Freude. Sie warten seit geraumer Zeit auf eine Übernahme ihres Klubs durch neue finanzkräftige Investoren. Die jetzigen Eigentümer um Mehrheitsaktionär Stewart Donald und Charlie Methven reden seit Langem von laufenden Gesprächen, doch nun könnte es endlich ernst werden. Spekuliert wird über den Abschluss der Verhandlungen und eine zeitnahe Ratifizierung der Übernahme durch den Ligaverband EFL, vielleicht sogar bis Anfang Dezember.

Doch wie die Fan-Rückkehr ist auch der geplante Eigentümerwechsel durchaus zwiespältig zu betrachten. Die jüngere Geschichte der „Black Cats“ ist eine der enttäuschten Hoffnungen. Als ich vor zwei Jahren zum letzten Mal über Sunderland schrieb, waren sie bereits drittklassig, aber Donald und Methven hatten einiges getan, um die Fans nach zwei Abstiegen in zwei Jahren wieder an Bord zu holen. Doch es war nicht genug, denn sportlich verfehlte der Klub das klare Ziel, wieder aufzusteigen, zweimal – sowohl mit Trainer Jack Ross als auch seinem Nachfolger und Noch-Amtsinhaber Phil Parkinson.

Das Gewicht der Geschichte

Man muss die Größe des Klubs und seiner Anhängerschaft kennen, um die Dimension des Problems zu verstehen. Neben Newcastle United und Middlesbrough ist Sunderland eines von drei sportlichen Aushängeschildern im Nordosten Englands, einer Region mit wirtschaftlichen Problemen. Die Black Cats haben in ihrer Geschichte sechs Meisterschaften geholt und sind damit in dieser Hinsicht der sechsterfolgreichste Fußballverein Englands. Auch wenn nur einer der Titelgewinne in den letzten 100 Jahren gelang (1936), sehen die Fans ihren Verein weiter als einen der großen an. Noch verständlicher wird ihre derzeitige Frustration, wenn man sich vergegenwärtigt, dass Sunderland in seiner vor 2018 knapp 140-jährigen Geschichte nur eine einzige Saison (1987/88) in der dritten Liga verbringen musste, 87 Spielzeiten insgesamt und vor 2017 zehn am Stück erstklassig war. Weiterlesen „Die nächste große Hoffnung für Sunderland“

Eine Niederlage, die Mut macht

Im Fußball gibt eine Niederlage null Punkte – wenn der Sieger alle Regeln befolgt hat. So hat auch der englische Drittligist Shrewsbury Town aus Barnsley nichts Zählbares mitgenommen. Und doch wird die 1:2-Niederlage beim Tabellenzweiten als Fortsetzung des Aufschwungs gewertet, den „Salop“ endlich geschafft hat. Viereinhalb Monate, nachdem der 37-jährige Sam Ricketts als Trainer übernahm, der zuvor nur ein halbes Jahr Erfahrung bei einem Fünftligisten vorweisen konnte.

Vor dem Spiel in Barnsley hatte Shrewsbury zehn Punkte aus den letzten fünf Partien geholt und sich sechs Punkte von der Abstiegszone absetzen können. Es hatte jedoch einige Zeit gebraucht, bis die Shrews endlich in Schwung kamen. Seit meinem letzten Beitrag über den Verein Ende 2018 waren sie zunächst bis auf die Abstiegsplätze abgerutscht und einige Fans hatten bereits einen erneuten Trainerwechsel gefordert. Doch nun erweisen sich einige der Deals, die Ricketts im Januar während der Transferperiode über die Bühne brachte, doch noch als echte Schritte nach vorne. Etwa der aus dem Nachwuchs von Manchester United fest verpflichtete Innenverteidiger Ro-Shaun Williams. Vor allem aber der bis zum Saisonende vom Zweitligisten Stoke City ausgeliehene junge Stürmer Tyrese Campbell, dem in Barnsley dieses Tor gelang:

Ja, das Spiel ging am Ende noch verloren. Die Shrews hätten aber sehr wohl gewinnen können, wie auch Barnsleys deutscher Trainer, der Ex-Hannoveraner Daniel Stendel zugab. Mehrere Eins-gegen-eins-Situationen hatten die Offensivkräfte der Gäste, darunter eine weitere Szene von Campbell.

Nun beträgt der Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang 21 drei Spieltage vor Schluss ’nur‘ noch fünf Punkte. Doch man traut es Shrewsbury Town allemal zu, am Ostermontag zuhause gegen Oxford United die Rettung faktisch klar zu machen – obwohl die Gäste aus der Uni-Stadt gerade einen sehr guten Lauf haben und als 12. noch drei Plätze besser da stehen.

Schön wär’s, denn Shrewsbury ist ein ruhiger, familiärer Klub ohne Schulden. Man gibt jungen Leuten inklusive dem Trainer eine Chance. Große Sprünge sind zwar nicht drin, auch das Stadion bietet nur knapp 10.000 Zuschauern Platz. Aber wenn ein solches Modell Erfolg hat, kann man sich heutzutage nur freuen.

Sternstunde im Mittelmaß

Ein Unentschieden wie ein Sieg, ein Unentschieden, das Standards setzt: So wurde im Umfeld von Shrewsbury Town das 1:1 vom Samstag aus der Ligapartie in Sunderland bewertet. Beim gefallenen Riesen aus dem Norden, der noch vor zwei Jahren in der Premier League spielte und selbst in der League One stets über 30.000 Leute ins Stadium of Light lockt.

Für die Gäste aus der 71.000-Einwohner-Stadt in der eher ländlichen Grafschaft Shropshire war das 1:1 ein Ausrufezeichen, ein Weckruf aus dem Mittelmaß. Am Ende der letzten Saison stand Shrewsbury Town überaus überraschend im Play-Off-Finale um den Aufstieg in die zweitklassige Championship – und blieb erfolglos. 2018/19 läuft es nach großen personellen Umwälzungen eher mäßig. Vor geraumer Zeit wurde John Askey entlassen; der neue Mann auf der Trainerbank hatte nicht an die Leistungen unter Vorgänger Paul Hurst anknüpfen können und zudem stets blass und distanziert gewirkt.

Es folgte eine positive Übergangsphase mit dem eigentlichen Torwarttrainer Danny Coyne in der Verantwortung und dem damaligen Leiter der Jugendakademie Eric Ramsay als Assistenten. Inzwischen sind beide Coaches der ersten Mannschaft. Den neuen Cheftrainer haben die Vereinsverantwortlichen erneut aus dem unterklassigen Fußball geholt: aus der semi-professionellen fünftklassigen National League, vom walisischen Verein AFC Wrexham. Dort hatte Sam Ricketts zu Saisonbeginn gerade seine erste Station als Cheftrainer angetreten. Mit Erfolg: Er führte die ‚Red Dragons‘ in die Play-Off-Ränge. Doch schafft es ein 37-jähriger Beinahe-Trainerneuling auch zwei Ligen höher? Weiterlesen „Sternstunde im Mittelmaß“

Auf roten Sitzen aus der Krise

In den letzten Jahren sorgten die ‚pinken‘ Sitze in Sunderlands Stadium of Light immer wieder für Spott. Die auch im Nordosten Englands manchmal scheinende Sonne hatte für die Verfärbungen gesorgt. Nun erstrahlen 31.000 der größtenteils fest installierten Klappsitze wieder in leuchtendem Rot. Die Ecken des Stadions sind in Weiß, der zweiten Vereinsfarbe des AFC Sunderland, gehalten.

Das Ersetzen der pinken Sitzgelegenheiten war keine Selbstverständlichkeit, wie sie es beim FC Bayern oder dem BVB gewesen wäre. Sowohl die alten wie auch die neuen Sitze standen und stehen sinnbildlich für die Geschicke der „Black Cats“ in der jüngeren Vergangenheit. Noch in der Saison 2016/17 spielte der Klub aus der Industrie- und Universitätsstadt an der Nordseeküste in der Premier League. Besitzer war zum damaligen Zeitpunkt der Amerikaner Ellis Short. Doch nachdem dieser jahrelang viel Geld für Transfers und Trainer in den Verein pumpte, hatte er schließlich genug und war nur noch bereit, die Verluste der „Black Cats“ aus dem laufenden Geschäft auszugleichen.

Die Konsequenzen waren katastrophal: Nach zwei Abstiegen in Folge ist Sunderland nur noch drittklassig. Die Frauenmannschaft, einst eines der Topteams Englands, aus dem viele Nationalspielerinnen stammten, hat ebenfalls gelitten. Auch die Ladies spielen nach einer Reform des Ligensystems nun drittklassig – ohne wirklich abgestiegen zu sein. Es wird gemutmaßt, dass die finanziellen Verluste der letzten Jahre – Short hatte auch hier nicht mehr investiert – zur Entscheidung des Fußballverbands FA beigetragen haben, Sunderland herabzustufen. Eine umstrittene, weil nicht sportlich begründete Maßnahme.

Ein Abschied mit Stil

Umstritten ist sie auch, weil sich inzwischen grundlegende Veränderungen beim AFC Sunderland ergeben haben. Auch wenn die Ellis Short-Ära als „katastrophal“ bezeichnet wird: Seine letzte Entscheidung war großmütig. Im Frühjahr 2018 verkaufte er den Klub an ein internationales Konsortium, das vom Engländer Stewart Donald, zuvor Besitzer des Fünftligisten Eastleigh, angeführt wird. Im Zuge des Deals löste Short die Schulden der Black Cats in dreistelliger Millionenhöhe ab, verzichtete persönlich auf viel Geld. Was im Klartext bedeutet, dass Sunderland nun mit einer weißen Weste den Neustart in Liga 3 angetreten hat. Weiterlesen „Auf roten Sitzen aus der Krise“

Das Jahr nach Wembley

Am 27. Mai bestritt Shrewsbury Town das Play-Off-Finale der League One in Wembley. Die Mannschaft aus der westenglischen Grafschaft Shropshire hatte zeitweise den niedrigsten Marktwert von Englands dritter Liga gehabt. Es war ein Verein ohne große Namen, der alle Erwartungen übertroffen hatte und plötzlich vor dem ganz großen Coup stand. Doch die Partie gegen Rotherham United ging verloren und der unbestrittene Vater des Erfolgs, der 44-jährige Trainer Paul Hurst, verließ die Shrews wie erwartet in Richtung Ipswich und zweite Liga.

Eigentlich wusste jeder, auch die Fans, dass Shrewsbury ein klassischer Overachiever war. Wembley war eine einzigartige Chance, die nicht so schnell wiederkommen wird. Und doch ist es schwer zu schlucken, wie es einem kleinen Verein nach solch einer verpassten Gelegenheit oft geht. Verlässt mit dem Trainer der allseits anerkannte Erfolgsgarant den Klub, ist es noch schwieriger, Spieler zu halten, die aufgrund des verpassten Aufstiegs sowieso auf gepackten Koffern sitzen.

So kam es, dass ‚Salop‘, wie Town auch genannt wird, 17 neue Leute holte und dazu drei eigene Jugendspieler beförderte. Nur zwei Stammspieler aus dem aktuellen Kader sind schon länger, seit 2015, dabei, Kapitän und Innenverteidiger Mat Sadler und Flügelspieler Shaun Whalley. Beide sind über 30.

Treue Seele, doch auch der richtige Trainer?

Der neue Trainer kam vom Fünftligisten Macclesfield Town. John Askey hatte die ‚Silkmen‘ allerdings zum Abschluss zurück in den Profifußball geführt. Das Bemerkenswerteste am neuen Mann ist seine Vereinstreue. Als Spieler lief er sagenhafte 19 Jahre am Stück für Macclesfield auf. Im Anschluss übernahm er den Verein 2003 als Trainer und blieb 15 Jahre – bis zum vergangenen Juni.

Mit so einem Mann kann man etwas aufbauen, werden sich die Verantwortlichen in Shrewsbury gedacht haben. Der Verein mag klein sein, aber seine seriöse Führung ist über fast jeden Zweifel erhaben.  Die Shrews sind einer der ganz wenigen schuldenfreien Vereine im englischen Profifußball. Wie wichtig wäre für einen Klub mit diesem Profil Kontinuität? Doch die ist in Gefahr. Denn der Start in die Saison 2018/19 verlief nicht vielversprechend. Mit nur zwei Siegen aus 13 Partien in der League One liegt Town derzeit auf Platz 17 (von 24), nur zwei Punkte vor den Abstiegsplätzen.

Vor allem die Tore wollen nicht fallen. Und Trainer Askey wird nicht nur als farblos wahrgenommen, sondern scheint mit dem Niveau der Liga noch seine Probleme zu haben. Nach der jüngsten 1:2-Niederlage in Fleetwood gab er immerhin offen zu, dass er zunächst die falsche Taktik gewählt hatte. Er begründete seinen Wechsel zu einem 4-4-2 unter anderem mit den schlechten, stürmischen Wetterverhältnissen, die am Spieltag im Nordwesten Englands geherrscht hatten. Man kann das als bewundernswerte Ehrlichkeit, aber gleichzeitig die taktische Umstellung als Herumprobieren einstufen.

Würde John Askey die Fans auch emotional mehr mitnehmen, hätte er wahrscheinlich einen etwas leichteren Stand. So wie es ist, wird die Ungeduld spürbar. Das Publikum im „New Meadow“ gilt zwar als freundlich, allerdings nähern sich die Zuschauerzahlen der 5000er-Grenze, von oben. Knapp 10.000 passen ins Stadion. Wembley ist weit weg, der Alltag so trüb wie das Wetter am gestrigen Spieltag.

P.S.: Wer wissen will, wie es weiter geht, dem sei der wöchentliche Podcast Salopcast sehr ans Herz gelegt.