Eine Niederlage, die Mut macht

Im Fußball gibt eine Niederlage null Punkte – wenn der Sieger alle Regeln befolgt hat. So hat auch der englische Drittligist Shrewsbury Town aus Barnsley nichts Zählbares mitgenommen. Und doch wird die 1:2-Niederlage beim Tabellenzweiten als Fortsetzung des Aufschwungs gewertet, den „Salop“ endlich geschafft hat. Viereinhalb Monate, nachdem der 37-jährige Sam Ricketts als Trainer übernahm, der zuvor nur ein halbes Jahr Erfahrung bei einem Fünftligisten vorweisen konnte.

Vor dem Spiel in Barnsley hatte Shrewsbury zehn Punkte aus den letzten fünf Partien geholt und sich sechs Punkte von der Abstiegszone absetzen können. Es hatte jedoch einige Zeit gebraucht, bis die Shrews endlich in Schwung kamen. Seit meinem letzten Beitrag über den Verein Ende 2018 waren sie zunächst bis auf die Abstiegsplätze abgerutscht und einige Fans hatten bereits einen erneuten Trainerwechsel gefordert. Doch nun erweisen sich einige der Deals, die Ricketts im Januar während der Transferperiode über die Bühne brachte, doch noch als echte Schritte nach vorne. Etwa der aus dem Nachwuchs von Manchester United fest verpflichtete Innenverteidiger Ro-Shaun Williams. Vor allem aber der bis zum Saisonende vom Zweitligisten Stoke City ausgeliehene junge Stürmer Tyrese Campbell, dem in Barnsley dieses Tor gelang:

Ja, das Spiel ging am Ende noch verloren. Die Shrews hätten aber sehr wohl gewinnen können, wie auch Barnsleys deutscher Trainer, der Ex-Hannoveraner Daniel Stendel zugab. Mehrere Eins-gegen-eins-Situationen hatten die Offensivkräfte der Gäste, darunter eine weitere Szene von Campbell.

Nun beträgt der Vorsprung auf den ersten Abstiegsrang 21 drei Spieltage vor Schluss ’nur‘ noch fünf Punkte. Doch man traut es Shrewsbury Town allemal zu, am Ostermontag zuhause gegen Oxford United die Rettung faktisch klar zu machen – obwohl die Gäste aus der Uni-Stadt gerade einen sehr guten Lauf haben und als 12. noch drei Plätze besser da stehen.

Schön wär’s, denn Shrewsbury ist ein ruhiger, familiärer Klub ohne Schulden. Man gibt jungen Leuten inklusive dem Trainer eine Chance. Große Sprünge sind zwar nicht drin, auch das Stadion bietet nur knapp 10.000 Zuschauern Platz. Aber wenn ein solches Modell Erfolg hat, kann man sich heutzutage nur freuen.

Sternstunde im Mittelmaß

Ein Unentschieden wie ein Sieg, ein Unentschieden, das Standards setzt: So wurde im Umfeld von Shrewsbury Town das 1:1 vom Samstag aus der Ligapartie in Sunderland bewertet. Beim gefallenen Riesen aus dem Norden, der noch vor zwei Jahren in der Premier League spielte und selbst in der League One stets über 30.000 Leute ins Stadium of Light lockt.

Für die Gäste aus der 71.000-Einwohner-Stadt in der eher ländlichen Grafschaft Shropshire war das 1:1 ein Ausrufezeichen, ein Weckruf aus dem Mittelmaß. Am Ende der letzten Saison stand Shrewsbury Town überaus überraschend im Play-Off-Finale um den Aufstieg in die zweitklassige Championship – und blieb erfolglos. 2018/19 läuft es nach großen personellen Umwälzungen eher mäßig. Vor geraumer Zeit wurde John Askey entlassen; der neue Mann auf der Trainerbank hatte nicht an die Leistungen unter Vorgänger Paul Hurst anknüpfen können und zudem stets blass und distanziert gewirkt.

Es folgte eine positive Übergangsphase mit dem eigentlichen Torwarttrainer Danny Coyne in der Verantwortung und dem damaligen Leiter der Jugendakademie Eric Ramsay als Assistenten. Inzwischen sind beide Coaches der ersten Mannschaft. Den neuen Cheftrainer haben die Vereinsverantwortlichen erneut aus dem unterklassigen Fußball geholt: aus der semi-professionellen fünftklassigen National League, vom walisischen Verein AFC Wrexham. Dort hatte Sam Ricketts zu Saisonbeginn gerade seine erste Station als Cheftrainer angetreten. Mit Erfolg: Er führte die ‚Red Dragons‘ in die Play-Off-Ränge. Doch schafft es ein 37-jähriger Beinahe-Trainerneuling auch zwei Ligen höher? Weiterlesen „Sternstunde im Mittelmaß“

Auf roten Sitzen aus der Krise

In den letzten Jahren sorgten die ‚pinken‘ Sitze in Sunderlands Stadium of Light immer wieder für Spott. Die auch im Nordosten Englands manchmal scheinende Sonne hatte für die Verfärbungen gesorgt. Nun erstrahlen 31.000 der größtenteils fest installierten Klappsitze wieder in leuchtendem Rot. Die Ecken des Stadions sind in Weiß, der zweiten Vereinsfarbe des AFC Sunderland, gehalten.

Das Ersetzen der pinken Sitzgelegenheiten war keine Selbstverständlichkeit, wie sie es beim FC Bayern oder dem BVB gewesen wäre. Sowohl die alten wie auch die neuen Sitze standen und stehen sinnbildlich für die Geschicke der „Black Cats“ in der jüngeren Vergangenheit. Noch in der Saison 2016/17 spielte der Klub aus der Industrie- und Universitätsstadt an der Nordseeküste in der Premier League. Besitzer war zum damaligen Zeitpunkt der Amerikaner Ellis Short. Doch nachdem dieser jahrelang viel Geld für Transfers und Trainer in den Verein pumpte, hatte er schließlich genug und war nur noch bereit, die Verluste der „Black Cats“ aus dem laufenden Geschäft auszugleichen.

Die Konsequenzen waren katastrophal: Nach zwei Abstiegen in Folge ist Sunderland nur noch drittklassig. Die Frauenmannschaft, einst eines der Topteams Englands, aus dem viele Nationalspielerinnen stammten, hat ebenfalls gelitten. Auch die Ladies spielen nach einer Reform des Ligensystems nun drittklassig – ohne wirklich abgestiegen zu sein. Es wird gemutmaßt, dass die finanziellen Verluste der letzten Jahre – Short hatte auch hier nicht mehr investiert – zur Entscheidung des Fußballverbands FA beigetragen haben, Sunderland herabzustufen. Eine umstrittene, weil nicht sportlich begründete Maßnahme.

Ein Abschied mit Stil

Umstritten ist sie auch, weil sich inzwischen grundlegende Veränderungen beim AFC Sunderland ergeben haben. Auch wenn die Ellis Short-Ära als „katastrophal“ bezeichnet wird: Seine letzte Entscheidung war großmütig. Im Frühjahr 2018 verkaufte er den Klub an ein internationales Konsortium, das vom Engländer Stewart Donald, zuvor Besitzer des Fünftligisten Eastleigh, angeführt wird. Im Zuge des Deals löste Short die Schulden der Black Cats in dreistelliger Millionenhöhe ab, verzichtete persönlich auf viel Geld. Was im Klartext bedeutet, dass Sunderland nun mit einer weißen Weste den Neustart in Liga 3 angetreten hat. Weiterlesen „Auf roten Sitzen aus der Krise“

Das Jahr nach Wembley

Am 27. Mai bestritt Shrewsbury Town das Play-Off-Finale der League One in Wembley. Die Mannschaft aus der westenglischen Grafschaft Shropshire hatte zeitweise den niedrigsten Marktwert von Englands dritter Liga gehabt. Es war ein Verein ohne große Namen, der alle Erwartungen übertroffen hatte und plötzlich vor dem ganz großen Coup stand. Doch die Partie gegen Rotherham United ging verloren und der unbestrittene Vater des Erfolgs, der 44-jährige Trainer Paul Hurst, verließ die Shrews wie erwartet in Richtung Ipswich und zweite Liga.

Eigentlich wusste jeder, auch die Fans, dass Shrewsbury ein klassischer Overachiever war. Wembley war eine einzigartige Chance, die nicht so schnell wiederkommen wird. Und doch ist es schwer zu schlucken, wie es einem kleinen Verein nach solch einer verpassten Gelegenheit oft geht. Verlässt mit dem Trainer der allseits anerkannte Erfolgsgarant den Klub, ist es noch schwieriger, Spieler zu halten, die aufgrund des verpassten Aufstiegs sowieso auf gepackten Koffern sitzen.

So kam es, dass ‚Salop‘, wie Town auch genannt wird, 17 neue Leute holte und dazu drei eigene Jugendspieler beförderte. Nur zwei Stammspieler aus dem aktuellen Kader sind schon länger, seit 2015, dabei, Kapitän und Innenverteidiger Mat Sadler und Flügelspieler Shaun Whalley. Beide sind über 30.

Treue Seele, doch auch der richtige Trainer?

Der neue Trainer kam vom Fünftligisten Macclesfield Town. John Askey hatte die ‚Silkmen‘ allerdings zum Abschluss zurück in den Profifußball geführt. Das Bemerkenswerteste am neuen Mann ist seine Vereinstreue. Als Spieler lief er sagenhafte 19 Jahre am Stück für Macclesfield auf. Im Anschluss übernahm er den Verein 2003 als Trainer und blieb 15 Jahre – bis zum vergangenen Juni.

Mit so einem Mann kann man etwas aufbauen, werden sich die Verantwortlichen in Shrewsbury gedacht haben. Der Verein mag klein sein, aber seine seriöse Führung ist über fast jeden Zweifel erhaben.  Die Shrews sind einer der ganz wenigen schuldenfreien Vereine im englischen Profifußball. Wie wichtig wäre für einen Klub mit diesem Profil Kontinuität? Doch die ist in Gefahr. Denn der Start in die Saison 2018/19 verlief nicht vielversprechend. Mit nur zwei Siegen aus 13 Partien in der League One liegt Town derzeit auf Platz 17 (von 24), nur zwei Punkte vor den Abstiegsplätzen.

Vor allem die Tore wollen nicht fallen. Und Trainer Askey wird nicht nur als farblos wahrgenommen, sondern scheint mit dem Niveau der Liga noch seine Probleme zu haben. Nach der jüngsten 1:2-Niederlage in Fleetwood gab er immerhin offen zu, dass er zunächst die falsche Taktik gewählt hatte. Er begründete seinen Wechsel zu einem 4-4-2 unter anderem mit den schlechten, stürmischen Wetterverhältnissen, die am Spieltag im Nordwesten Englands geherrscht hatten. Man kann das als bewundernswerte Ehrlichkeit, aber gleichzeitig die taktische Umstellung als Herumprobieren einstufen.

Würde John Askey die Fans auch emotional mehr mitnehmen, hätte er wahrscheinlich einen etwas leichteren Stand. So wie es ist, wird die Ungeduld spürbar. Das Publikum im „New Meadow“ gilt zwar als freundlich, allerdings nähern sich die Zuschauerzahlen der 5000er-Grenze, von oben. Knapp 10.000 passen ins Stadion. Wembley ist weit weg, der Alltag so trüb wie das Wetter am gestrigen Spieltag.

P.S.: Wer wissen will, wie es weiter geht, dem sei der wöchentliche Podcast Salopcast sehr ans Herz gelegt.

Der Sommer der Fanvereine

In Russland wird gekickt, ganz England bejubelt Harry Kane. Im Mutterland des Fußballs sind aber auch, wie anderswo, eine Menge Leute damit beschäftigt, neue Kader für ihren Verein zusammenzustellen. Eine Aufgabe, die unter anderem Geduld und gute Nerven erfordert. Ganz besonders, wenn man für einen nicht auf Rosen gebetteten, von Fans geführten Verein tätig ist.

Die Mutter aller englischen Fanvereine ist der AFC Wimbledon – so war es kürzlich noch mal bei Alina Schwermer nachzulesen. Die ‚Wombles‘ haben keine berauschende Saison gespielt und dennoch ihren vielleicht größten Triumph gefeiert. Zum einen ist der Klassenerhalt in der League One durchaus als Erfolg zu bewerten. Zum anderen wird der AFC Wimbledon in der Saison 2018/19 zum ersten Mal höherklassiger spielen als der Vaterverein, der sich auf Geheiß der Vereinsführung vom Standort West-London lossagte und in die Planstadt Milton Keynes zog. Die MK Dons starteten 2017/18 als Mitfavorit auf den Aufstieg und stiegen am Ende in die League Two ab.

Die Vereinsführung der Wombles weist diese Vergleiche immer weit von sich, den Fans dürften sie aber deutlich mehr bedeuten. Ein weiterer Grund zur Freude: Letzten Winter wurden die Pläne für einen Stadionneubau in Wimbledon genehmigt, nur 200 Meter entfernt von der früheren Heimat an der Plough Lane. Damit kehren die Wombles womöglich schon in der übernächsten Spielzeit in ihren Heimatkiez zurück. Weiterlesen „Der Sommer der Fanvereine“

Vermeintlicher Absteiger fährt nach Wembley

Vor der Saison 2017/18 hatten die meisten Beobachter der englischen League One Shrewsbury Town als ersten Absteiger auf der Liste. Zu gering schienen die Möglichkeiten: Bis vor kurzem war der Marktwert des Kaders laut „Transfermarkt.co.uk“ der niedrigste der Liga – inzwischen wird er als der drittniedrigste eingestuft. Viele Spieler kamen von unterklassigen Vereinen, nur einige Leihspieler von weiter oben. Das Stadion New Meadow am Rand der 71.000-Einwohner-Stadt Shrewsbury hat nur knapp 10.000 Plätze.

Doch am Sonntag steht „Salop“ – so der gängigste Spitzname der Blau-Gelben, der sich auf den lateinischen Namen der Stadt bezieht – im Play-Off-Finale in Wembley gegen Rotherham United. Hätten die Blau-Gelben den lange belegten zweiten Platz gehalten, wäre der Aufstieg schon geschafft. Beinahe unglaublich ist die Geschichte trotzdem.

Die Begründung hat viel mit guter Führung zu tun. Shrewsbury Town gehört Roland Wycherley, Multimillionär und ein Sohn der Stadt. Läge diese in Deutschland, könnte Wycherley mit guten Erfolgsaussichten eine Ausnahme von der 50+1-Regel beantragen. Seit 1996 ist er Vorsitzender des Vereins, den er mit Schulden übernahm. Diese wurden abgebaut und Town zog vom alten, hochwassergefährdeten Stadion Gay Meadow ins frisch erbaute New Meadow. Zwar macht der Verein keine großen Sprünge, aber es sind Ruhe, Wirtschaftlichkeit und zuletzt Zuversicht eingekehrt. Weiterlesen „Vermeintlicher Absteiger fährt nach Wembley“

Der lange Prozess des Wiederaufstehens

Boxing Day 2016. Gut 16.000 Zuschauer verfolgen im Macron Stadium den 2:1-Heimsieg der Bolton Wanderers über Shrewsbury Town bei windigem Wetter und einstelligen Temperaturen. Der 29-jährige Innenverteidiger David Wheater reagiert in der ersten Hälfte nach zwei Standards am schnellsten und sorgt für drei Punkte. Die Spielstätte der Wanderers ist mehr als halb voll und die Besucherzahl an diesem beliebten Spieltag die dritthöchste der Liga.

Dennoch: Shrewsbury hat bei allem Respekt nicht den gleichen Glamour-Faktor wie der FC Bayern, den die „Trotters“ noch 2007 im Europapokal mächtig ärgerten – Stichwort: Fußball ist keine Mathematik. Als Any Given Weekend vor genau zwei Jahren zum letzten Mal über Bolton berichtete, war der Verein bereits in die zweite Liga abgestiegen und steckte bis zum Hals in Schulden. Doch immerhin gab es in Eddie Davies einen scheinbar geduldigen Besitzer, der viele Millionen investiert hatte und selber Fan war. Damals war nicht abzusehen, wie viel schlimmer es noch kommen konnte.

Inzwischen spielt Bolton drittklassig in der League One. Doch für die größten Negativschlagzeilen sorgte das Geschehen abseits des Platzes. Die finanzielle Situation spitzte sich so zu, dass sowohl die Steuerbehörden als auch die Football League tätig wurden. Wegen Verstößen gegen das Finanical Fair Play – es ging um nicht eingereichte Unterlagen – wurden die Trotters mit einem Transferembargo belegt, das ihnen verbietet, Transfer- oder Leihgebühren zu bezahlen. Sie dürfen allerdings Spieler kostenlos verpflichten und natürlich Gehälter zahlen. Noch dramatischer waren die Steuerschulden: Wäre es nicht zu einer Reduzierung der Verbindlichkeiten gekommen, hätte Bolton in die Insolvenz gehen müssen. Besitzer Davies suchte inzwischen nach einem Käufer für den Klub. Weiterlesen „Der lange Prozess des Wiederaufstehens“

Jenseits der Milliarden

In der Bundesliga und besonders bei ihrem reichsten Vertreter wird ja gerne der Eindruck erweckt, der englische Fußball schwimme dank der aktuellen TV-Verträge in Geld. Das ist natürlich allenfalls in der Premier League und bei deren Absteigern der Fall. Unterhalb davon haben sich die Vereine mit den gleichen Problemen auseinanderzusetzen wie die kleinen Klubs in Deutschland: Die Kluft zur ersten Liga und den ‚Großen‘ ist riesig. Und wenn es mal gut läuft, wecken Spieler oder gar der Trainer Begehrlichkeiten bei denen, die sportlich und finanziell noch mehr zu bieten haben.

Letztes Jahr war ich in den West Midlands, in Walsall in der Nähe von Birmingham. Der dortige Drittligist Walsall FC ist ein recht sympathischer Verein, der über seine Verhältnisse spielt, aber nicht lebt. Das Bescot Stadium hat gut 11.000 Plätze, die normalerweise zu etwa 40 Prozent gefüllt sind. Der Vorsitzende und Geldgeber Jeff Bonser ist wohlhabend, aber kein Scheich oder Abramowitsch. Wer mehr über den Klub und das Ligaspiel, das ich damals besuchte, lesen möchte, klickt hier.

Walsall – Spitzname: Saddlers – spielt nach wie vor in der League One und hat sich in dieser Saison nach 20 von 46 Spielen wieder eine gute Ausgangsposition erarbeitet: Punktgleich mit Aufstiegsplatz 2 steht man derzeit an dritter Stelle. Und nun das: Dean Smith, der Trainer, der im Bescot Stadium fünf Jahre lang etwas aufgebaut hat, verabschiedete sich zum Zweitligisten Brentford nach London. Bei seiner jüngsten Vertragsverlängerung hatte man vereinbart, dass er sich bei einer attraktiven Anfrage selbst entscheiden könne.

Auch in dieser Saison haben die Saddlers mit relativ geringen Mitteln wieder ein sehr solides Team mit scheinbar gutem Zusammenhalt formiert. Darin stehen junge Spieler, auch aus der erweiterten Region, und daneben charakterstarke Akteure, die es aber höherklassig nicht in die Stammformationen ihrer Klubs schafften.

Ist so eine Mannschaft allein vom Trainer abhängig? In der ersten Begegnung nach Smiths Weggang und geleitet von einem Übergangs-Triumvirat aus den eigenen Reihen, gewann Walsall auswärts bei Shrewsbury Town mit 3:1. Die Partie heute bei Fleetwood Town wurde wegen eines durchgeweichten Platzes abgesagt. Unter Fans und Medien darf also erst mal vor allem über den neuen Mann auf der Bank spekuliert werden – und ob er von außen oder innen kommen sollte.

Und nun kommen wir zur Pointe dieser sonst gar nicht so absonderlichen Geschichte. Am Dienstag muss Walsall zum Wiederholungsspiel der zweiten Runde des FA Cups antreten – zu Hause gegen Chesterfield, nachdem die erste Partie Unentschieden ausgegangen war. Die dritte Runde ist bereits ausgelost: Sollten die Saddlers gewinnen, geht es in Londons Südwesten, in den Griffin Park, die Heimstätte des FC Brentford, Dean Smiths neuem Klub.

Das ist fast noch extremer, als wenn Borussia Dortmund gegen den FC Liverpool antreten müsste. Wird doch wohl nicht passieren? …

Ein Stadion mit vier Seiten

Wer sich die gravierenden Unterschiede hinsichtlich des Potenzials (nicht nur) im englischen Profifußball vergegenwärtigen möchte, kann sich den ‚Topklub‘ der 103.000-Einwohner-Stadt Oldham genauer anschauen. Dessen Fans freuen sich auf die neue Saison, weil ihr Stadion Boundary Park im Lauf der Spielzeit nach mehreren Jahren endlich wieder vier Tribünen haben wird. Der neue, derzeit in Bau befindliche North Stand wird die Kapazität der Heimstätte von Oldham Athletic um rund 2600 auf gut 13.000 Plätze erhöhen. Dazu kommen VIP- und andere Räumlichkeiten sowie ein fesches, modernes Aussehen. Über den Baufortgang können sich die Anhänger der ‚Latics‘ auf der Vereins-Homepage auf einer eigenen Unterseite informieren.

Für Außenstehende erschließt sich die Notwendigkeit der neuen Nordtribüne nicht unmittelbar: Der Zuschauerschnitt des Drittligisten schwankt zwischen 3000 und 5000. Die Lage des Klubs (Grundlegendes dazu an anderer Stelle) in unmittelbarer Nähe zu Manchester macht es nicht leicht, außerhalb der höchsten Spielklasse neue Fans zu gewinnen. Doch den Faktor, endlich wieder ein vollständiges Stadion zu haben – nachdem zwischenzeitlich ein Neubau außerhalb der Stadt zur Diskussion stand – sollte man nicht unterschätzen. Den Fans gibt der Anblick nach langen Jahren von Niedergang und später Stagnation wieder Selbstbewusstsein zurück.

Spielerisch war schon die vergangene Saison ein Fortschritt für die Latics – obwohl sie ’nur‘ auf Platz 15 endete. Doch für einen Verein, dessen Leistungsträger sich selten auf langfristige Verträge einlassen und der daher im Grunde jede zweite Saison einen Neuaufbau starten muss, ist die Leistung unter dem 33 Jahre jungen Trainer Lee Johnson dennoch beachtlich. Oldham spielt erfrischenden offensiven Fußball und will dies auch in der kommenden Spielzeit beibehalten.

Wieder muss Johnson drei wichtige Spieler ersetzen, die es zu scheinbar ambitionierteren oder besser zahlenden Klubs gezogen hat – unter ihnen der von den Fans gewählte ‚Player of the Season‘, Mittelfeldmotor James Wesolowski. Mit dem jungen Linksverteidiger Joseph Mills vom Neu-Erstligisten Burnley, dem erfahrenen Rechtsverteidiger Brian Wilson (Colchester United) und Mittelfeldmann Mike Jones (Crawley Town) hat er die Abgänge bereits halbwegs kompensiert – nun arbeitet Johnson an der Stärkung der Offensive. Dabei setzt er auch auf die eigene Jugendarbeit: Der 18-jährige Stürmer Jordan Bove hat wie Torwart Joel Coleman seinen ersten Profivertrag unterschrieben. Ein weiteres positives Zeichen – auch wenn er sicher zu Beginn nicht im Zentrum von Johnsons Überlegungen stehen dürfte.

Jung, sympathisch und verhältnismäßig mittellos – vielleicht können die Latics mit dieser Mischung im hoffentlich bald fertigen Stadion für eine Überraschung sorgen. Allgemein wird die League One ohne die Wolves im Schafspelz – die wieder aufgestiegenen Wolverhampton Wanderers, die schon bald wieder Premier League spielen könnten – und ohne Top-Absteiger als ausgeglichener angesehen. Ob es aber gleich für einen Platz in den Play-Offs reicht?

Sheffield sucht den Supertrainer

Klar, es ist zuletzt alles etwas unglücklich gelaufen beim englischen Drittligisten Sheffield United. Im April wurde Trainer Danny Wilson entlassen, der den Club immerhin in ein extrem unglücklich verlorenes Play-Off-Finale geführt hatte. Zum Zeitpunkt der Trennung lagen die ‚Blades‘ erneut auf einem Play-Off-Platz, mit Tuchfühlung zu den direkten Aufstiegsplätzen. Sie steckten allerdings in einer kleinen Ergebniskrise, spielten zu häufig Unentschieden und erzielten zu wenige Tore.

Schon damals wurde die Entlassung Wilsons kurz vor Saisonende kontrovers diskutiert. Immerhin hatte die Vereinsführung in der Winter-Transferphase Top-Torschütze Nick Blackman verkauft und die andere Sturm-Hoffnung Shaun Miller war verletzt. Wilsons Nachfolger wurde Chris Morgan, der noch bis vor kurzem für die Blades gespielt hatte und ihr Kapitän gewesen war. Doch eine Trendwende gelang auch ihm nicht – in den Play-Offs scheiterte United im Halbfinale am späteren Sieger Yeovil Town, den vor der Saison kaum jemand als Aufsteiger auf der Rechnung gehabt hatte.

Wie es nun auf der Trainerbank weitergeht, ist auch Anfang Juni noch offen. Chris Morgan ist als permanente Lösung noch im Rennen, doch der Verein hat auch andere Kandidaten im Visier. Bei den Fans steigt die Ungeduld und viele werfen Clubbesitzer Kevin McCabe, einem Unternehmer aus der Immobilienbranche und lebenslangem Blades-Fan, fehlende Investitionen vor, die potenzielle Kandidaten abschreckten.

Komisch wirkte auch die Rückkehr von Julian Winter als Geschäftsführer im Mai. Nicht weil ihm die Kompetenz abgesprochen werden kann – Winter ist schon jahrelang im Fußball tätig und spielte selber bei Huddersfield. Doch der CEO war erst acht Monate zuvor von seinem Posten bei den Blades zurückgetreten. Manche sagen, er habe sich damals aus Kostengründen selber geopfert. Nun leitet er zusammen mit McCabe-Sohn Scott und David Green wieder das Tagesgeschäft an der Bramall Lane. Weiterlesen „Sheffield sucht den Supertrainer“