Vom Trauma zum Traumstart

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1:2 im Play-Off-Finale, danach noch den „Young Player of the Year“ und zuletzt den Finaltorschützen verloren – man könnte vermuten, dass der englische Viertligist Exeter City ein wenig länger für den Neuaufbau braucht. Ollie Watkins und David Wheeler, die beiden angesprochenen Spieler, gehörten zu den Säulen des Teams. Nun verdienen sie ihr Geld aber nicht mehr im Südwesten des Landes, sondern in der Metropole London, bei den Zweitligisten Brentford und Queens Park Rangers.

Der über einen Supporters Trust fangeführte Fußballklub aus Exeter ließ Spieler gehen und sich Zeit mit Neuverpflichtungen. Um es am „Transfer Deadline Day“ schließlich krachen zu lassen. Flügelspieler Wheeler ging, doch Trainer Paul Tisdale holte gleich vier Neue. Vom schottischen Erstligisten FC Aberdeen kam Angreifer Jayden Stockley für eine Rekordablösesumme. Um das ins Verhältnis zu setzen und obwohl die genaue Summe nicht bekanntgegeben wurde: Wir reden hier von sechsstelligen Beträgen.

Ein Spieler mit einigen Minuten Premier League-Erfahrung kam aus London von Crystal Palace: Hiram Boateng verstärkt das defensive Mittelfeld. Und ebenfalls aus der ersten Liga, von West Bromwich Albion, konnte Tisdale noch zwei Youngster auf Leihbasis loseisen: Rechtsverteidiger Kane Wilson und Offensivmann Kyle Edwards. Stockley ist mit 23 Jahren der Älteste des Quartetts. weiterlesen

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Das Leben nach Eriksson

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Sven-Göran Eriksson, ehemaliger Trainer der englischen Nationalmannschaft, ist unter der Woche beim chinesischen Zweitligisten Shenzhen FC entlassen worden. Per Gedicht. Der Klub veröffentlichte eine Ode in Reimen an seinen früheren Coach Wang Baoshan, der nun wieder von Eriksson übernehmen wird.

Es war nicht das einzige bizarre Kapitel in der Karriere des 69-jährigen Schweden. 2009 übernahm er den Posten des Sportdirektors beim englischen Viertligisten Notts County, dem 1862 gegründeten ältesten Profiklub der Welt. Natürlich hatte es Eriksson nicht allein die Tradition angetan. Die ‚Magpies‘, nicht zu verwechseln mit Newcastle United, die den selben Spitznamen tragen, waren gerade von einem vermeintlich finanzstarken Konsortium namens Munto Finance übernommen worden. Damals wurde verbreitet, dass wohlhabende Familien aus dem Mittleren Osten, ja sogar das katarische Königshaus über das hinter Munto stehende Unternehmen Qadback Investments zu den Investoren gehörten. Mit Hilfe der großen Geldspritze sollte der Traditionsverein den schnellsten Weg nach oben antreten.

Große Namen an der Meadow Lane

Tatsächlich wurde mächtig eingekauft. Neben diversen bei uns weniger bekannten Spielern wechselten ein junger Torwart namens Kasper Schmeichel und der 34-jährige Sol Campbell nach Nottingham. Letzterer bekam gleich einen Fünfjahresvertrag. Während sich der Kader von County füllte, blieben die vermeintlichen reichen Gönner im Hintergrund. Eine Untersuchung von Unregelmäßigkeiten bei der Übernahme des Vereins brachte schließlich die bittere Wahrheit ans Licht: Hinter Munto und Qadback steckten keine wohlhabenden Scheichs, sondern ein Netzwerk von Betrügern. Sie hatten den Magpies zwar eine Reihe von fähigen Spielern besorgt, die trotz dem Chaos hinter den Kulissen den Aufstieg in die League One schafften. Doch sie hatten auch innerhalb weniger Monate rund 10 Millionen Euro Schulden angehäuft. weiterlesen

Die Schönheit der Play-Offs

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Wenn BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sich zum englischen Fußball äußert, kommt selten etwas Gescheites dabei heraus. Auch diese Woche hat er wieder tief in die Populismus-Kiste gegriffen: Aufgrund der Ticketpreise sei die gesamte „working class“ – die es in England so genauso wenig noch gibt wie in Dortmund – aus den Stadien verschwunden. Auf den Tribünen säßen in England nur noch Investmentbanker. Wenn also jemand von „Schwatzke“ reden möchte, dann wegen solcher Äußerungen – die über den deutschen Fußball sind dagegen ziemlich differenziert.

Natürlich sind die Ticketpreise in der Premier League hoch – aber nicht überall gleich und für Auswärtsfans gibt es nun verbilligte Karten. Auch in den drei anderen Profiligen, der Football League, liegen die Preise tendenziell über denen in den entsprechenden deutschen Spielklassen. Aber wir reden dort von Preisen zwischen 20 und 30 Pfund. Und für den nur peripher an Fußball interessierten Investmentbanker zählt doch vor allem die Premier League. Obwohl sich unterhalb davon oft die wahren Dramen abspielen. Wie in dieser Woche …

Es war einmal in Exeter, einer Universitätsstadt von 127.000 Einwohnern, die ansonsten für ihre Kathedrale bekannt ist und im schönen Devon im Südwesten des Landes liegt. Der örtliche Fußballverein Exeter City ist gleich in mehrfacher Hinsicht besonders. Sein Spitzname „The Grecians“ – die (alten) Griechen – lässt sich nicht abschließend erklären. Seit 2003 gehört der Verein dem Supporters Trust – also seinen Fans. Nicht dass es danach nur aufwärts gegangen wäre. Doch seit 2006 hält City trotzdem an Trainer Paul Tisdale fest – einem unglaublich bodenständigen, aber auch kompetenten Mann, der nun die Früchte seiner Arbeit ernten könnte.

Die Saison 2016/17 in der viertklassigen League Two allein war für die Grecians schon eine Achterbahnfahrt sondergleichen: Im November stand der Klub am Tabellenende. Der Absturz aus dem Profifußball in die National League drohte. Doch zum Saisonende hatte sich Exeter tatsächlich auf Platz 5 und damit in die Play-Offs vorgearbeitet. Gegner war Carlisle United, das Team, das die Grecians in dieser Saison zweimal und sogar noch am letzten Spieltag geschlagen hatte. Das Hinspiel letztes Wochenende in Carlisle endete 3:3 – nachdem die Grecians bereits 3:1 geführt hatten.

Ein noch größerer Thriller war dann das Rückspiel am Donnerstag: Exeter lag erneut mit zwei Toren vorne. Erzielt hatte sie Ollie Watkins, ein Produkt der angesehenen Jugendakademie des Vereins – und in dieser Saison „Young Player of the Year“ der Football League (Ligen 2 bis 4). Doch Carlisle kam erneut zurück – der Ausgleich durch John O’Sullivan in der 90. Minute hätte die Verlängerung bedeutet. Hätte nicht Jack Stacey, Leihspieler vom FC Reading, sein erstes Tor für Exeter geschossen. In der fünften Minute der Nachspielzeit, mit einer Perle von Schuss. Ich war nicht da, aber auch 7450 Zuschauer im ausverkauften St James Park können wohl ordentlich Krach machen. Die Grecians fahren nach Wembley und treffen dort auf den FC Blackpool.

Ich weiß nicht, ob Aki Watzke schon einmal von Exeter City gehört hat. Aber der englische Fußball ist mehr als nur Chelsea, Arsenal und die Manchester-Klubs. Und bietet keinen Anlass für Pauschalurteile und billigen Populismus.

Klub gegen Land

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Gestern trat England zum EM-Qualifikationsspiel gegen Wales im Millennium Stadium von Cardiff an und gewann mit 2:0. So weit, so wenig überraschend. Die Partie wurde um 15 Uhr Ortszeit angepfiffen, obwohl die FA (Fußballverband) in England den Grundsatz hat, dass zu dieser Zeit keine heimischen Live-Spiele im Fernsehen laufen sollen, um den unterklassigen Fußball zu schützen. Diese Regel befolgt normalerweise auch die walisische FA, schließlich spielen unter anderem die beiden größten Vereine aus Wales, Cardiff City und Swansea City, in der englischen Championship.

Warum sich die beiden britischen Verbände über den vor allem auf den Ligabetrieb bezogenen Grundsatz hinwegsetzten, wurde nicht direkt kommuniziert, ist aber unschwer zu erraten. Man erhoffte sich im britischen Duell von der traditionellen britischen Anstoßzeit die höchstmöglichen Einschaltquoten und Einnahmen. Die beiden obersten englischen Ligen, die Premier League und die Championship, legen an Länderspiel-Wochenenden selbstverständlich eine Pause ein und waren so nicht betroffen. Dagegen stellte sich für alle Vereine ab der League One abwärts die Frage, ob sie beim üblichen Termin bleiben oder ihre Partien um Stunden oder einen Tag nach hinten oder vorne verschieben sollten.

Von den verbleibenden 24 Profispielen aus League One und League Two wurden 23 verschoben. Die einzige Partie, die gestern um 15 Uhr angepfiffen wurde, war Bradford City gegen Shrewsbury Town in der League Two (4. Liga). Natürlich hatten auch die Verantwortlichen der gastgebenden ‚Bantams‘ Interesse an einer Verlegung gehabt, aber die Gäste aus Shrewsbury spielten nicht mit. Ein Termin am Sonntag kam für sie nicht in Frage, weil sie bereits am Dienstag ihr nächstes Spiel haben. Für ein Vorziehen der Begegnung auf Samstagmittag forderten sie die Übernahme der Kosten für die dann notwendige Übernachtung durch die Gastgeber. Dies lehnte Bradford ab. weiterlesen

Schnee und das Mutterland des Fußballs

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Schnee schippen oder Premier League im Fernsehen schauen? Vor dieser Wahl standen am 26. und 28. Dezember wohl viele englische Fußballfans – dabei wären sie an diesen traditionellen Spieltagen viel lieber selber im Stadion gewesen. Am ‚Boxing Day‘ (26.12.) sind die britischen Fußballarenen so voll wie selten sonst und auch der Spieltag kurz vor Jahresende erfreut sich großer Beliebtheit, da viele Fans noch Urlaub haben.

In diesem Jahr sind jedoch aufgrund des zweiten strengen Winters in Folge selbst in der Premier League schon eine Reihe von Partien ausgefallen. Besonders stark ausgedünnt wurde der Spielplan natürlich in den unterklassigen Ligen. Der Viertligist Lincoln City aus der ostenglischen Grafschaft Lincolnshire hat seit fünf Wochen nicht mehr gespielt, das letzte Pflichtspiel war die FA-Cup-Begegnung in Hereford am 27. November. Zu allem Überfluss ging diese Unentschieden aus, so dass ein Rückspiel in Lincoln fällig wurde. Dieses soll nun am 8. Januar ausgetragen werden, das für jenen Samstag terminierte Ligaspiel wurde dafür verschoben. Somit müssen die ‚Imps‘ nun insgesamt sechs Partien der League Two nachholen.

Die Schwierigkeit, diese Spiele im verbleibenden Saisonkalender unterzubringen, kümmert Trainer Steve Tilson jedoch erst mal wenig. Am morgigen Neujahrstag soll Lincoln endlich wieder Fußball spielen – im heimischen Stadion „Sincil Bank“ wird der ehemalige Premier League-Club Bradford City erwartet. Der gefrorene Boden ist halbwegs aufgetaut, die Partie wird aller Voraussicht nach stattfinden. Doch Tilson wie auch seine Spieler sind sich bewusst, dass die ‚Match-Fitness‘ nicht so einfach durch Training zu ersetzen ist. Natürlich hat die Mannschaft während der erzwungenen Pause eifrig trainiert – allerdings auf einer künstlichen Oberfläche, auf der man besser nicht voll in die Zweikämpfe gehen sollte, wie Innenverteidiger Adam Watts bei der Pre-Match-Pressekonferenz erklärte. Nun müssen die Spieler nach fünf Wochen Pause gleich wieder voll auf der Höhe sein, denn Bradford hat nach einer 0:4-Klatsche unter der Woche in Cheltenham etwas gutzumachen.

Angesichts dieser schwierigen Umstände, die mit der Häufung von Spielausfällen einhergehen, denkt man in England immer lauter über die Einführung einer Winterpause nach – völlig konträr zur Diskussion, die wir bis letztes Jahr in Deutschland hatten. Damals ging es gerade darum, sich dem englischen Kalender anzupassen, um den Spielplan zu entzerren. Diese Überlegungen dürften nun erst mal auf Eis gelegt sein (tadaa). Es ist allerdings sehr fraglich, ob im Mutterland des Fußballs wirklich der entgegengesetzte Schritt getan wird. Für eine Winterpause plädieren vor allem einige Vertreter der Premier League – die kleineren Vereine möchten in ihrer Mehrheit wohl nicht auf die für sie ungleich wichtigeren Einnahmen aus den Spielen zwischen Weihnachten und Neujahr verzichten. Für die ‚Kleinen‘ wäre eine Verlängerung der Saison im Falle strenger Winter oder eine Abschaffung des League Cups die bessere Alternative.

Mit dem Pro und Contra einer Winterpause für die Football League (Liga 2-4) beschäftigte sich kürzlich das Fanzine „The Seventy Two“.

Der Star auf der Trainerbank

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Neben der wachsenden Anzahl von südeuropäischen Trainern im englischen Fußball gibt es einen weiteren Mini-Trend, der nicht so neu ist: Ehemalige Stars, die ihr Glück auf der Trainerbank versuchen. Und das oft an der Stätte ihrer einstmals größten Erfolge. In der Premier League ist Owen Coyle umstrittenerweise zu seinem ehemaligen Club, den Bolton Wanderers, gewechselt, für die er allerdings ’nur‘ gut zwei Jahre spielte. Auf zwei weitere Beispiele trifft man in der League Two (4. Liga) und diese beiden Herren sind wirkliche Vereinslegenden. Trotzdem meint es das Schicksal offensichtlich unterschiedlich gut mit ihnen.

Am Samstag Nachmittag gegen 16:50 Uhr Ortszeit ging Stuart McCall auf eine emotionale Ehrenrunde im Stadion „Valley Parade“. Sein Verein, Bradford City, hatte soeben gegen den Tabellendritten Bury eine erneute Heimniederlage kassiert. Die „Bantams“ lagen nun 12 Punkte hinter den Play-Off-Rängen abgeschlagen auf Platz 16. McCall winkte ins Publikum und jedem Fan war klar, dass es sein letztes Spiel als Trainer gewesen war. Der ehemalige Premier League-Club Bradford hat die höchsten Zuschauerzahlen der League Two, am Samstag waren es beinahe 12.000. So wurde es eine würdige Abschiedsrunde für den rothaarigen Schotten, der als Spieler eines der größten Klubidole der Bantams gewesen war. Es gab langen Applaus und auf den diversen Fanseiten im Netz berichteten die Anhänger später von ihrer Ergriffenheit.

McCall hatte in den 80er Jahren sechs Jahre und um die Jahrtausendwende weitere vier Jahre für Bradford gespielt, insgesamt kam er auf 395 Einsätze allein in der Liga. Deshalb empfingen ihn die allermeisten Fans mit offenen Armen, als er vor gut 2 1/2 Jahren als unerfahrener Trainer zurückkehrte. Jeder wollte, dass es funktionierte und natürlich stand McCalls Engagement nie in Frage. Die Ergebnisse blieben jedoch hinter den Erwartungen zurück. In der ersten Saison unter McCall verpasste Bradford mit deutlichem Punkteabstand als 10. die Play-Off-Plätze. Vor der folgenden Spielzeit nahm der Verein für Viertliga-Verhältnisse viel Geld in die Hand, aber auch mit den neuen Spielern wurden die Play-Offs knapp verpasst.

Das Konzept vor dieser Saison sah anders aus. Eine weitere Spielzeit mit einer teuren Mannschaft in der League Two konnte oder wollte sich der Verein nicht mehr leisten. Einige Besserverdiener wurden abgegeben und dafür einige ‚junge, hungrige‘ Leute aus den Amateurligen geholt. Dieses Konzept hatte in der jüngeren Vergangenheit bei einigen Konkurrenten Früchte getragen – nicht jedoch bei den Bantams. Warum weder das eine noch das andere funktioniert hat, dürfte die Fans noch eine Weile beschäftigen. War McCall doch zu unerfahren und vielleicht zu sehr emotional verbunden mit seinem Ex-Verein? Fehlte ihm daher der kühle Kopf, wurde er zu schnell nervös? Ein Charakteristikum der letzten Wochen seiner Amtszeit waren neben unglücklichen Schiedsrichterentscheidungen seine häufigen Umstellungen. weiterlesen