Rote Bullen bringen’s nicht

Die einzig wahren Bullen im Fußball sind keine mit Taurin vollgepumpten Mast-Exemplare, sondern Hereford-Rinder – die Wappentiere des aus der gleichnamigen Stadt stammenden Fußballvereins. Über Hereford FC – die „Bulls“- habe ich bereits mehrfach geschrieben – hier etwas über die Geschichte des Phönix-Vereins, hier das letzte Update von 2020. Gerade dieser Tage ist es wieder an der Zeit für einen Blick in den Westen Englands, in die ländlich geprägte Grafschaft Herefordshire. Wo der Hereford United Supporters Trust, die Fan-Stiftung der Bulls, weiterhin daran arbeitet, genügend Mitglieder und Unterstützer zu finden, um die magische Grenze von 50 Prozent der Vereinsanteile zu erreichen, so dass der Club in Zukunft wahrhaft Fan-geführt ist. Die anderen 50 Prozent sollen im Besitz der restlichen Anteilseigner bleiben.

In der abgelaufenen Saison hat Hereford den zwölften Platz in der sechstklassigen National League North belegt, in der die Bulls auch 2020 schon spielten. Doch immerhin sah es lange so aus, als könnte der Sprung auf die Play-Off-Ränge (bis Platz 7) gelingen. Trainer ist nach wie vor der ehemalige Spieler Josh Gowling. Der steht jetzt vor der nicht einfachen Aufgabe, einen Kader für die nächste Saison zusammenzustellen, um einen neuen Anlauf zu starten. Damit ist er in der Liga nicht alleine. Im semi-professionellen Fußball sind längerfristige Verträge selten und so zerfallen Mannschaften am Saisonende regelmäßig zu einem großen Teil, vielleicht mit Ausnahme der Aufsteiger. Auch Tom Owen-Evans, einer der wenigen Spieler und Leistungsträger, die mehrere Jahre in Hereford kickten, hat den Verein nun verlassen.

Fans zahlen für Spieler

Ob Gowling Ersatz für ihn und andere findet, der einen Angriff auf die Play-Off-Plätze zulässt, hängt natürlich auch vom Budget ab. In der sechsten Liga, kurz nach einer Pandemie, ist das in der Regel nicht üppig, soll aber bei Hereford nicht unter dem der Vorsaison liegen. Vereine auf diesem Level, insbesondere Fan-geführte Vereine, versuchen gerne, ihre Finanzen mit Hilfe der Fans aufzubessern. Eine Reihe von Clubs hat sogenannte „Boost the Budget“-Kampagnen gestartet – mit dem klar definierten Zweck, die monatlichen oder einmaligen Spenden in den Spielerkader zu investieren.

Bei den Bulls hat man sich bei der Spendenkampagne ein Ziel von 50.000 Pfund gesetzt – bisher sind 18.880 zusammengekommen (Stand 1. Juni). Zwei Ligakonkurrenten – beides Fan-geführte Vereine – sind schon weiter. Darlington FC aus der nördlichen Grafschaft County Durham hat unglaubliche 137.000 Pfund eingesammelt – hier ist die Aktion bereits beendet. Und Chester FC aus dem Nordwesten Englands hat vier Wochen vor Ende der Kampagne bereits gut 58.000 der avisierten 75.000 Pfund beisammen.

Die Bullen von Hereford schwimmen also nicht gerade in Geld. Zu Beginn der Pandemie, im ersten Lockdown, sah man sich gezwungen, die Jugendakademie und die Frauenmannschaft auf Eis zu legen. Die Nachwuchsarbeit ist in der abgelaufenen Saison wieder angelaufen, allerdings nur in bestimmten Altersgruppen und mit Hilfe der mit dem Verein assoziierten gemeinnützigen Stiftung. Ein Frauen-Team ist unterdessen noch nicht in Sicht.

Große Schritte sind in Hereford derzeit nicht drin. Und trotzdem sind die Rinder von Hereford tausendmal schöner als irgendwelche roten Bullen. Schaut euch einfach das Vereinswappen an…

Die Kosten für die Kleinen

Was macht Corona mit dem Fußball? Neben der Leere in diesem Blog, die die Krise wenigstens mitzuverantworten hat, sorgt sie auch für riesige Belastungen der Vereine. Und doch wird immer wieder auch die Hoffnung oder Erwartung geäußert, dass Covid-19 längerfristig etwas Positives bewirken kann. Wenn selbst DFL-Geschäftsführer Christian Seifert über die Deckelung von Gehältern nachdenkt und eine „Taskforce Zukunft“ einsetzen will, könnte sich nicht tatsächlich etwas zum Besseren ändern?

Hoffen darf man, aber neben den rechtlichen Hürden dafür ist momentan sowieso eher die Zeit, an Andere zu denken, die Schwächeren. Clubs in den unteren Ligen, an der Schwelle vom Amateur- zum Profisport. Clubs, die höhere Kosten haben als echte Amateure, aber keine oder nur äußerst geringe Fernseheinnahmen verbuchen können. Werfen wir einen Blick nach England, auf zwei Vereine, die vor der Pandemie auf dem Weg der Besserung waren und dazu ansetzten, erhebliche Lasten der Vergangenheit hinter sich zu lassen.

Gloucester ist die sehenswerte Hauptstadt der Grafschaft Gloucestershire. Die Kathedrale der Heiligen Dreifaltigkeit, die hier steht, war sogar bei Harry Potter zu sehen. Den lokalen Fußballclub Gloucester City AFC kennen mit Sicherheit deutlich weniger Menschen. Die „Tigers“ haben in ihrer 137-jährigen Geschichte noch nie im Profibereich gekickt; diese Saison bestritten sie in der sechstklassigen National League North. Nachdem die Spielzeit unterhalb der vier Profiligen für beendet erklärt worden ist, kann sich Gloucester City immerhin eines Nichtabstiegsplatzes sicher sein. Was in Sachen Auf- und Abstieg in der National League (Klassen 5+6) geschieht, ist noch nicht geklärt. Weiterlesen „Die Kosten für die Kleinen“

Phönix an der Decke?

Eine mehrjährige Erfolgsgeschichte ist ins Stocken geraten: Als ich im Juni 2018 zuletzt über den englischen Phönix-Club Hereford FC schrieb, war der Nachfolger des insolventen Hereford United gerade zum dritten Mal in drei Jahren, und damit in jedem Jahr seiner Existenz, aufgestiegen. Seither spielen die „Bulls“ in der sechstklassigen National League North und sind nicht vorangekommen. Das ist bei dem vorherigen rasanten Aufschwung eigentlich normal und verzeihlich, doch die Erwartungen bei manchen Vereinsvertretern und Fans waren offenbar schneller gewachsen als die sportliche und strukturelle Leistungsfähigkeit.

Hereford FC möchte vieles anderes machen als der Vorgängerclub und eigentlich nicht mehr abhängig von einzelnen Besitzern oder Geldgebern sein. Die Mitglieder des Hereford United Supporters Trust sind der größte Anteilseigner, haben aber aufgrund der eigenen finanziellen Möglichkeiten noch nicht die angestrebten und laut Statuten maximal möglichen 50 Prozent erreicht. Einzelpersonen oder Gruppen dürfen maximal 24 Prozent halten.

Trainer-Roulette und Familienbande

Der Verein hat schon einiges erreicht – so spielt die Frauenmannschaft gerade ihre sehr ordentliche zweite Saison in der siebtklassigen Midwest Counties Female Football League. Bei den Herren hat sich die überstürzte Entlassung des dreimaligen Aufstiegstrainers Peter Beadle im September 2018 nicht ausgezahlt. Zu dieser Zeit standen die Bulls im Mittelfeld der Liga, auf Platz 12. Keiner der Nachfolger brachte konstanten Erfolg mit. Zunächst versuchte sich Marc Richards auf der Trainerbank, eingesetzt von seinem Schwiegervater Tim Harris, der zuvor Fußballdirektor geworden war. Richards hielt gerade so bis in die aktuelle Saison durch, wurde Mitte August 2019 entlassen. Weiterlesen „Phönix an der Decke?“

Der Sommer der Fanvereine

In Russland wird gekickt, ganz England bejubelt Harry Kane. Im Mutterland des Fußballs sind aber auch, wie anderswo, eine Menge Leute damit beschäftigt, neue Kader für ihren Verein zusammenzustellen. Eine Aufgabe, die unter anderem Geduld und gute Nerven erfordert. Ganz besonders, wenn man für einen nicht auf Rosen gebetteten, von Fans geführten Verein tätig ist.

Die Mutter aller englischen Fanvereine ist der AFC Wimbledon – so war es kürzlich noch mal bei Alina Schwermer nachzulesen. Die ‚Wombles‘ haben keine berauschende Saison gespielt und dennoch ihren vielleicht größten Triumph gefeiert. Zum einen ist der Klassenerhalt in der League One durchaus als Erfolg zu bewerten. Zum anderen wird der AFC Wimbledon in der Saison 2018/19 zum ersten Mal höherklassiger spielen als der Vaterverein, der sich auf Geheiß der Vereinsführung vom Standort West-London lossagte und in die Planstadt Milton Keynes zog. Die MK Dons starteten 2017/18 als Mitfavorit auf den Aufstieg und stiegen am Ende in die League Two ab.

Die Vereinsführung der Wombles weist diese Vergleiche immer weit von sich, den Fans dürften sie aber deutlich mehr bedeuten. Ein weiterer Grund zur Freude: Letzten Winter wurden die Pläne für einen Stadionneubau in Wimbledon genehmigt, nur 200 Meter entfernt von der früheren Heimat an der Plough Lane. Damit kehren die Wombles womöglich schon in der übernächsten Spielzeit in ihren Heimatkiez zurück. Weiterlesen „Der Sommer der Fanvereine“