Zu viel Abwechslung?

1. Bundesliga, 6. Spieltag / 1. FC Nürnberg 1 BVB 1

Jürgen Klopp machte am Samstagnachmittag in Nürnberg einiges anders als vergangenen Mittwoch. Er ließ sich auch von einem umstrittenen Gegentor nicht aus der Ruhe bringen und schüttelte nach gut 90 Minuten die Hand des vierten Offiziellen. Und er stellte die Startelf massiv um, ließ Sahin, Mkhitaryan und Lewandowski auf der Bank beginnen – was Stoff für Diskussionen bietet. Unter dem Strich war es die bisher schwächste schwarz-gelbe Woche der Saison, an deren Ende der BVB immerhin knapp die Tabellenführung behauptet.

Die Gedanken hinter der weitreichenden Rotation liegen auf der Hand: Das Trainerteam nimmt das Pokalspiel am Dienstag sehr ernst, denn bei jenem Wettbewerb ist der Titel am realistischsten. Außerdem wurden Spieler mit Einsätzen belohnt, die es sich verdient hatten: Aubameyang, Duksch, Sokratis, Durm. Doch das Ergebnis gibt Klopp Unrecht und auch der Spielverlauf zeigte, dass die Umstellungen zu massiv waren. Die Souveränität im Mittelfeld und das herrliche Kombinationsspiel aus dem HSV-Spiel waren selten zu sehen; die Taktik war eine Art 4-3-3 mit Sven Bender in der zentral defensiven Mittelfeldposition. Auch Kuba und Großkreutz agierten zentraler als gewöhnlich im Mittelfeld – und diese Formation funktionierte schlichtweg weit weniger flüssig als die der letzten Wochen. Kurioserweise machte Kevin Großkreutz dennoch ein gutes Spiel, nur füllte er nicht wirklich die ihm zugedachte Position aus und kehrte in der zweiten Halbzeit bedingt durch Schmelzers Auswechslung nach hinten rechts zurück.

Die flinken Offensivleute Reus und Aubameyang bekamen zu wenig Bälle auf den Fuß oder in den Raum gespielt und Duksch vermochte es weniger als bei seinen bisherigen Auftritten, den mitspielenden Stürmer zu geben. So kam es, dass die Borussen nach ordentlichen ersten Minuten die Dominanz verloren und nahezu auf das spielerische Niveau der Nürnberger sanken, bei denen eigentlich nur Hiroshi Kiyotake hin und wieder Brillanz aufblitzen ließ.

Die Dortmunder Führung fiel nach einem Freistoß – endlich mal wieder. Manchmal braucht es nur einen neuen Schützen. Marcel Schmelzer hätte man diesen perfekt ins rechte Eck geschossenen Freistoß nicht unbedingt zugetraut – umso schöner war er dann. Doch zuvor überhaupt Foul zu pfeifen war genauso ein Fehler wie letzte Woche vor dem Ausgleich des HSV – Kuba hielt sich an seinem Gegenspieler fest und fiel dann ohne nennenswerte Einwirkung desselben. Innerhalb der heutigen Partie wurde die Fehlentscheidung bereits fünf Minuten nach der Pause wieder ausgeglichen, als Nilsson aus Abseitsposition zum 1:1 traf. Ein absichtliches Handspiel war allerdings nicht zweifelsfrei zu erkennen. In der Szene sahen beide Dortmunder Innenverteidiger bei ihren Zweikämpfen im Strafraum etwas unglücklich aus.

Man kann nicht in Abrede stellen, dass die Borussia in der Folge zulegte. Hofmann und Sahin waren bereits zur Pause für die angeschlagenen Reus und Schmelzer gekommen und brachten wieder etwas Leben ins BVB-Spiel. Doch die erspielten Chancen wirkten zufälliger als noch letzte Woche und man stand einem klar suboptimal in die Saison gestarteten Team gegenüber. Kuba und Duksch hatten die Führung auf dem Fuß; gegen letzteren musste Schäfer retten. Jürgen Klopp stellte nach der Einwechslung von Lewandowski in der 65. Minute wieder auf das gewohnte System um. In der Folge dominierten die Schwarz-Gelben zwar die Schlussphase, aber ein Lewandowski-Schuss, eine Aubameyang-Hereingabe und ein Sokratis-Kopfball in Schäfers Arme sind kein Vergleich mit dem, was die Mannschaft letzten Samstag in einer ähnlichen Zeitspanne bot. Nicht zu vergessen: Der eingewechselte Esswein hatte die beste Chance der Schlussphase, als er allein vor Weidenfeller über das Tor zielte – zuvor hatte Subotic sich verladen lassen.

Machen wir einen Strich unter diese Woche. Der erste Punktverlust im sechsten Ligaspiel ist nichts, worüber man meckern kann. Für sich alleine genommen wäre in diesem Spiel mehr drin gewesen. Die Champions League habe ich aus Zeitgründen vernachlässigt; sie ist aber mit den Worten „dumm gelaufen“ ganz gut zusammengefasst. Für die nächsten Partien in allen drei Wettbewerben muss man allerdings drei Siege erwarten dürfen: Ein Ausscheiden im Pokal bei einem Zweitligisten wäre indiskutabel, ein Heimsieg gegen den SC Freiburg in seiner derzeitigen Verfassung ist Pflicht. Und auch in der CL muss man zuhause gegen Marseille drei Punkte holen, wenn die Perspektive in der schweren Gruppe stimmen soll. Vertrauen wir auf die oft bewiesene Lernfähigkeit des BVB!

Die Aufstellung: Weidenfeller – Durm, Subotic, Sokratis, Schmelzer (46. Sahin) – Blaszczykowski (65. Lewandowski), Bender, Großkreutz – Aubameyang, Reus (46. Hofmann) – Duksch. Gelbe Karten: Reus, Subotic. Tor: Schmelzer

Ein dunkles Pferd

Borussia Dortmund mag am Sonntag in Nürnberg um das virtuelle Ziel ‚Herbstmeisterschaft‘ kämpfen, aber wirklich wichtig ist das nur für Statistik-Freunde und manchen Journalisten. Zu gewinnen sind im Frankenstadion drei Punkte – nicht mehr und nicht weniger. Um dieses Mantra kommt man dieser Tage irgendwie nicht herum. Ob den Schwarz-Gelben wirklich der neunte Auswärtssieg in Folge gelingen wird? Zu sicher sollte sich niemand sein. Der ‚Club‘ hat sich im bisherigen Saisonverlauf als eine der am schwersten einzuschätzenden Mannschaften präsentiert. Drei Unentschieden in den ersten vier Spielen, danach vier Heimsiege und ein Erfolg in Bremen aus den nächsten sieben Partien, zuletzt gab es drei Niederlagen. Macht dann den zehnten Platz.

Der Mannschaftsteil, der bei den Nürnbergern bisher am meisten überzeugt hat, ist das Mittelfeld. Mit dem Belgier Timmy Simons hat man einen erfahrenen Defensiv-Haudegen geholt, daneben bzw. davor kamen junge Leute wie Mehmet Ekici, Mike Frantz und vor allem Ilkay Gündogan gut zur Geltung. Frantz fällt allerdings übermorgen voraussichtlich wegen eines Magen-Darm-Virus aus. Der Sturm geizt in Abwesenheit des verletzten Albert Bunjaku mit Toren – der aus Stuttgart geliehene Julian Schieber ist mit drei Toren erfolgreichster Angreifer, Gündogan hat sogar eines mehr erzielt. Auch die Abwehr, die aufgrund von Ausfällen immer wieder verändert werden musste, wackelt öfter, als Dieter Hecking lieb ist. Es wird den Trainer nicht erfreuen, dass der aus Hoffenheim geholte Per Nilsson sein Comeback verschieben muss – er sollte in der Viererkette wieder für Stabilität sorgen. Ganz bestimmt nicht erfreut hat Hecking, dass der eminent wichtige Linksverteidiger Javier Pinola in München Probleme mit seinem Speichelfluss hatte und daraufhin für vier Spiele gesperrt wurde.

Es fehlen dem ‚Club‘ also erneut mehrere Leistungsträger, so dass erneut einiges für den BVB spricht. Jürgen Klopp hat sogar noch etwas Hoffnung auf einen Einsatz von Lucas Barrios. Robert Lewandowski sollte jedoch zunächst die Stürmer-Position übernehmen. Mohamed Zidan wird wieder im Kader stehen. Sein Auftritt am Donnerstag war ermutigend, seine Rückkehr kommt zur rechten Zeit, denn die Borussia wird voraussichtlich Shinji Kagawa im Januar zum Asien-Cup abstellen müssen. Das ist jedoch Zukunftsmusik, Nürnberg schon beinahe Gegenwart. Können die Schwarz-Gelben die letzten Leistungen konservieren, sollten auch drei Punkte Realität werden.