Vermeintlicher Absteiger fährt nach Wembley

Vor der Saison 2017/18 hatten die meisten Beobachter der englischen League One Shrewsbury Town als ersten Absteiger auf der Liste. Zu gering schienen die Möglichkeiten: Bis vor kurzem war der Marktwert des Kaders laut „Transfermarkt.co.uk“ der niedrigste der Liga – inzwischen wird er als der drittniedrigste eingestuft. Viele Spieler kamen von unterklassigen Vereinen, nur einige Leihspieler von weiter oben. Das Stadion New Meadow am Rand der 71.000-Einwohner-Stadt Shrewsbury hat nur knapp 10.000 Plätze.

Doch am Sonntag steht „Salop“ – so der gängigste Spitzname der Blau-Gelben, der sich auf den lateinischen Namen der Stadt bezieht – im Play-Off-Finale in Wembley gegen Rotherham United. Hätten die Blau-Gelben den lange belegten zweiten Platz gehalten, wäre der Aufstieg schon geschafft. Beinahe unglaublich ist die Geschichte trotzdem.

Die Begründung hat viel mit guter Führung zu tun. Shrewsbury Town gehört Roland Wycherley, Multimillionär und ein Sohn der Stadt. Läge diese in Deutschland, könnte Wycherley mit guten Erfolgsaussichten eine Ausnahme von der 50+1-Regel beantragen. Seit 1996 ist er Vorsitzender des Vereins, den er mit Schulden übernahm. Diese wurden abgebaut und Town zog vom alten, hochwassergefährdeten Stadion Gay Meadow ins frisch erbaute New Meadow. Zwar macht der Verein keine großen Sprünge, aber es sind Ruhe, Wirtschaftlichkeit und zuletzt Zuversicht eingekehrt. Weiterlesen „Vermeintlicher Absteiger fährt nach Wembley“

Die Schönheit der Play-Offs

Wenn BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sich zum englischen Fußball äußert, kommt selten etwas Gescheites dabei heraus. Auch diese Woche hat er wieder tief in die Populismus-Kiste gegriffen: Aufgrund der Ticketpreise sei die gesamte „working class“ – die es in England so genauso wenig noch gibt wie in Dortmund – aus den Stadien verschwunden. Auf den Tribünen säßen in England nur noch Investmentbanker. Wenn also jemand von „Schwatzke“ reden möchte, dann wegen solcher Äußerungen – die über den deutschen Fußball sind dagegen ziemlich differenziert.

Natürlich sind die Ticketpreise in der Premier League hoch – aber nicht überall gleich und für Auswärtsfans gibt es nun verbilligte Karten. Auch in den drei anderen Profiligen, der Football League, liegen die Preise tendenziell über denen in den entsprechenden deutschen Spielklassen. Aber wir reden dort von Preisen zwischen 20 und 30 Pfund. Und für den nur peripher an Fußball interessierten Investmentbanker zählt doch vor allem die Premier League. Obwohl sich unterhalb davon oft die wahren Dramen abspielen. Wie in dieser Woche …

Es war einmal in Exeter, einer Universitätsstadt von 127.000 Einwohnern, die ansonsten für ihre Kathedrale bekannt ist und im schönen Devon im Südwesten des Landes liegt. Der örtliche Fußballverein Exeter City ist gleich in mehrfacher Hinsicht besonders. Sein Spitzname „The Grecians“ – die (alten) Griechen – lässt sich nicht abschließend erklären. Seit 2003 gehört der Verein dem Supporters Trust – also seinen Fans. Nicht dass es danach nur aufwärts gegangen wäre. Doch seit 2006 hält City trotzdem an Trainer Paul Tisdale fest – einem unglaublich bodenständigen, aber auch kompetenten Mann, der nun die Früchte seiner Arbeit ernten könnte.

Die Saison 2016/17 in der viertklassigen League Two allein war für die Grecians schon eine Achterbahnfahrt sondergleichen: Im November stand der Klub am Tabellenende. Der Absturz aus dem Profifußball in die National League drohte. Doch zum Saisonende hatte sich Exeter tatsächlich auf Platz 5 und damit in die Play-Offs vorgearbeitet. Gegner war Carlisle United, das Team, das die Grecians in dieser Saison zweimal und sogar noch am letzten Spieltag geschlagen hatte. Das Hinspiel letztes Wochenende in Carlisle endete 3:3 – nachdem die Grecians bereits 3:1 geführt hatten.

Ein noch größerer Thriller war dann das Rückspiel am Donnerstag: Exeter lag erneut mit zwei Toren vorne. Erzielt hatte sie Ollie Watkins, ein Produkt der angesehenen Jugendakademie des Vereins – und in dieser Saison „Young Player of the Year“ der Football League (Ligen 2 bis 4). Doch Carlisle kam erneut zurück – der Ausgleich durch John O’Sullivan in der 90. Minute hätte die Verlängerung bedeutet. Hätte nicht Jack Stacey, Leihspieler vom FC Reading, sein erstes Tor für Exeter geschossen. In der fünften Minute der Nachspielzeit, mit einer Perle von Schuss. Ich war nicht da, aber auch 7450 Zuschauer im ausverkauften St James Park können wohl ordentlich Krach machen. Die Grecians fahren nach Wembley und treffen dort auf den FC Blackpool.

Ich weiß nicht, ob Aki Watzke schon einmal von Exeter City gehört hat. Aber der englische Fußball ist mehr als nur Chelsea, Arsenal und die Manchester-Klubs. Und bietet keinen Anlass für Pauschalurteile und billigen Populismus.

Noch ein Deutscher in Wembley

Vor Borussia Dortmund und Bayern München steht ein weiterer Deutscher im Finale von Wembley. Bereits am Sonntag in einer Woche trifft Uwe Rösler mit dem von ihm trainierten FC Brentford im Play-Off-Finale der englischen League One auf Yeovil Town. Der Gewinner steigt als dritter Verein in die zweite Liga auf. Und wenn das Champions League-Endspiel nur annähernd so dramatisch wird wie die entscheidenden letzten Wochen beim Londoner Vorstadtverein, wäre es besser, den Defibrillator gleich mitzunehmen.

Nachdem Rösler, an dessen trockene, direkte Art sie sich in Brentford schnell gewöhnt haben, mit dem Team in seiner ersten Saison einen Play-Off-Platz knapp verpasste, standen die „Bees“ in dieser Saison schon länger sehr aussichtsreich da. Sogar der direkte Aufstieg, für den man einen der ersten beiden Ränge belegen muss, war bis zum Schluss möglich. Mit einem Sieg im direkten Duell gegen die Doncaster Rovers am letzten Spieltag wäre man am Konkurrenten vorbei direkt in die höhere Liga eingezogen. Das Spiel im heimischen Griffin Park war mit 12.300 Zuschauern restlos ausverkauft – was bei dem im Schatten der großen Londoner Clubs stehenden Drittligisten eine Seltenheit ist.

Lange Zeit hielt die resolute Defensive der Gäste aus Doncaster stand. Sehr lange. In der vierten Minute der Nachspielzeit wurde Brentfords Mittelfeldspieler Toumani Diagouraga im Strafraum gefoult, Schiedsrichter Oliver zeigte auf den Punkt. Schießen sollte Klubveteran Kevin O’Connor – so war es zumindest von Uwe Rösler angeordnet. Doch den Ball schnappte sich der junge Stürmer Marcello Trotta, der vom benachbarten Premier League-Club Fulham ausgeliehen ist – und schoss an die Latte. Im Gegenzug erzielte Doncasters James Coppinger das 0:1 und beförderte seinen Verein somit in die zweite Liga. Den Aufstieg vor Augen – der Tiefschlag so nah. Bitterer kann Fußball gar nicht sein.

Trainer Rösler kritisierte in seiner direkten Art sogar die Mitspieler Trottas dafür, dass sie diesen nicht eindringlicher daran erinnerten, wer als Schütze auserkoren war. Gleichzeitig richtete er seine Spieler rechtzeitig zum nun folgenden Play-Off-Halbfinale gegen Swindon Town wieder auf. Das Hinspiel fand in Swindon statt. In der 70. Minute schoss Massimo Luongo die Gastgeber in Führung. In der dritten Minute der Nachspielzeit grätschte Luongo Brentfords Mittelfeldspieler Harry Forrester im Strafraum um. Schiedsrichter Eltrigham entschied auf Elfmeter. Marcello Trotta saß weit weg auf der Bank – es trat diesmal tatsächlich Kevin O’Connor an und sicherte den Bees ein sehr spätes Unentschieden.

Das Rückspiel im Griffin Park am Dienstag hat viele Engländer, die es live im Fernsehen verfolgt haben, wieder für den unterklassigen Fußball eingenommen. Es geht doch so viel spannender als in der Premier League. Die Bees führten vor heimischen Publikum mit 2:0 und kurz nach der Pause mit 3:1. Torjäger Clayton Donaldson hatte erneut zweimal getroffen – unter Mithilfe des ‚Sünders‘ vom letzten Heimspiel, Marcello Trotta. Doch auch diese Begegnung hielt wieder spätes Drama bereit. Swindon war nach 57 Minuten auf 3:2 herangekommen. In der fünften Minute der Nachspielzeit gab es noch mal Ecke für die Gäste und Swindons Flint brachte den Ball über die Linie.

Im Gegensatz zum Tiefschlag aus dem Doncaster-Spiel folgten vorgestern allerdings noch 30 Minuten Verlängerung – die Auswärtstorregel gilt in den englischen Play-Offs nicht. In dieser halben Stunde wurde Swindons Linksverteidiger Byrne mit Gelb-Rot vom Platz gestellt, doch auch das half nicht: Es kam zum Elfmeterschießen. Ob es daran lag, dass Uwe Rösler noch mal eindringlich nach dem Feeling seiner Schützen fragte, oder an etwas anderem – alle fünf Auserwählten trafen. Und Brentfords junger, aber sehr begabter Torwart Simon Moore hielt den vierten Versuch der Gäste.

Nach drei Nervenschlachten sondergleichen stehen die Bees in Wembley. Und wer so etwas mitgemacht hat, ist wohl auch gestählt für ein weiteres atemberaubendes Spiel. Also noch mal schnell den Malaga-Mitschnitt rauskramen, Herr Klopp!

Ein Drama, das vor Gericht begann

Am Freitag, den 20. April, wurde Sheffield United-Torjäger Ched Evans von einem walisischen Gericht zu fünf Jahren Haft wegen Vergewaltigung einer 19-jährigen Frau verurteilt. Der Stürmer und sein mitangeklagter, aber freigesprochener Freund Clayton McDonald – Fußballspieler bei Port Vale – hatten das Opfer bei einer ’night out‘ in einem Küstenort kennengelernt und später auf ihr Hotelzimmer mitgenommen. Vor Gericht wurden Beweise und Zeugenaussagen vorgebracht, die nahelegen, dass die junge Frau zu betrunken war, um ihr Einverständnis zum folgenden Geschlechtsverkehr zu geben. Evans sitzt seit dem Gerichtsurteil im Gefängnis.

Der Fall wurde in England natürlich umfassend medial begleitet, es gibt neben der angeführten Quelle genügend andere, um weiter zu recherchieren. In der Folge des Urteils gab es auf sozialen Netzwerken erschreckend viele Äußerungen, die unreflektiert „Freiheit“ oder „Gerechtigkeit“ für Ched Evans forderten – und teilweise sogar das Opfer verunglimpften.

Gravierende Folgen hatte das Urteil auch für Evans‘ Verein. Und darum soll es an dieser Stelle in erster Linie gehen. Zum Zeitpunkt des Juryspruchs stand Sheffield United auf Platz 2 der League One (dritte Liga), der den direkten Aufstieg bedeutet hätte. Auf Platz 3 stand der große Stadtrivale Sheffield Wednesday – mit vier Punkten Abstand, drei Spieltage vor Schluss. Beide Clubs hatten sich ein packendes Duell um den Aufstiegsplatz geliefert, auch Wednesday hatte unter dem neuen Trainer Dave Jones gut ausgesehen und kein Spiel unter dessen Führung verloren. Doch United, die ‚Blades‘, schienen das bessere Ende für sich zu haben.

Natürlich hing der Gerichtsprozess gegen den Star-Stürmer wie eine dunkle Wolke über dem Verein, der jedoch auf dem Spielfeld niemand Beachtung zu schenken schien. Evans traf in der abgelaufenen Saison nach Belieben, 35-mal in allen Wettbewerben. Ohne seine Tat hätte der 23-jährige bald seinen nächste Karriereschritt gemacht, daran zweifelte in Sheffield niemand. Das Problem für United und deren Trainer Danny Wilson: Evans war im Sturm der Alleinunterhalter. Niemand sonst im Kader erzeugte auch nur annähernd dessen Torgefährlichkeit.

Und so nahm das Unheil seinen Lauf. Es war wohl eine Mischung aus fehlender Durchschlagskraft und ein bisschen Verunsicherung, der die Blades im Aufstiegsrennen zum Stolpern brachte. Am Tag nach dem Gerichtsurteil verlor United bei den Milton Keynes Dons und Wednesday kam durch einen Sieg in der Nachspielzeit über Carlisle United bis auf einen Punkt an den Rivalen heran. Es folgten zwei Unentschieden für die Blades und zwei Siege für die Owls (Wednesday), so dass letztere am abschließenden 46. Spieltag der Saison in Hillsborough und einige Tage später am Rathaus von Sheffield den Aufstieg feiern konnten.

United musste in die Play-Offs und zog mit einem einzigen Tor in Hin- und Rückspiel gegen Stevenage ins Finale in Wembley ein. Wo gegen Huddersfield das ultimative Drama lauerte, das Bayern München-Fans bekannt vorkommen dürfte. In Wembley fielen jedoch in 120 Minuten keine Tore und auch die Zahl der Chancen blieb überschaubar. Doch dann …zunächst sah es nach einem ‚typisch englischen‘ Elfmeterschießen aus. Von den ersten acht Schützen verwandelten lediglich zwei, es stand 1:1. Und dann trafen sie plötzlich alle. So lange, bis es 7:7 stand und die Torhüter an der Reihe waren. Huddersfields Alex Smithies erzielte das 8:7. Steve Simonsen, der zuvor zwei Elfmeter gehalten hatte, trat an und schoss über das Tor. Heartbreak für die Blades, die Terriers aus dem ebenfalls in Yorkshire gelegenen Huddersfield feierten den Aufstieg in die 2. Liga.

Unglaubliche Geschichten, die in diesem Fall nicht nur der Fußball schrieb. Sheffield Wednesday spielt in der Saison 2012/13 in der Championship, für Sheffield United folgt ein weiteres Jahr in der League One. Die Meinung unter den Fans der Owls, die das Stadtduell für sich entschieden haben, dürfte gespalten sein: Manche hätten sich einen Play-Off-Sieg des Rivalen sicher gewünscht, um eines der prickelndsten Derbys Englands auch in der nächsten Spielzeit miterleben zu können.

Duell in der Stahlstadt

Borussia Dortmund gegen Bayern München – ein packendes Duell um die Meisterschaft. Nur drei Punkte trennen die Kontrahenten fünf Spieltage vor Schluss. Aus schwarz-gelber Sicht wäre die Spannung nur dann noch größer, wenn der Verfolger Schalke 04 hieße, der große Lokalrivale, der seit 100-x Jahren auf den Titel wartet.

In England sorgt ein vergleichbares Duell schon seit Wochen für Spannung und dürfte sich bis zum bitteren Ende fortsetzen. Nicht in der Premier League, sondern ’nur‘ in der League One (dritte Liga) – doch stehen sich zwei hochgradig rivalisierende Traditionsvereine gegenüber. Das „Steel City Derby“ zwischen Sheffield Wednesday und Sheffield United ist das Spiel der Saison für die Fans beider Seiten – wenn die Vereine in der gleichen Klasse spielen. Genau das könnte sich bald ändern.

Beide Klubs aus der ‚Stahlstadt‘ Sheffield – die den Strukturwandel längst hinter sich gebracht hat und in der die meisten Bäume pro Einwohner in Europa wachsen – haben höhere Ambitionen als die Drittklassigkeit. Sowohl die ‚Owls‘ (Wednesday) als auch die ‚Blades‘ (United) hatten mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen, die den Absturz in die League One begünstigten. Wednesday wurde erst kurz vor zwölf vor der Insolvenz gerettet – durch den serbisch-amerikanischen Geschäftsmann Milan Mandaric. Der ist eine schillernde Figur in der englischen Fußballwelt und bekannt dafür, Vereine und Trainer in schneller Folge zu wechseln. Nach Portsmouth und Leicester ist Sheffield Wednesday bereits der dritte englische Fußballklub, von dem Mandaric Mehrheitseigner ist (selbstverständlich nacheinander).

Die jüngste Trainerentlassung des Owls-Besitzers war für Außenstehende besonders bizarr. Wednesday war Tabellendritter und hatte gerade das große Derby gegen United mit 1:0 gewonnen, als Mandaric den bekennenden Owls-Fan Gary Megson feuerte. Erklärbar war der Schritt allenfalls durch die unkonstanter werdenden Leistungen und Ergebnisse unter Megson. Denn für den ehrgeizigen und ungeduldigen Mandaric ist der Aufstieg in seiner zweiten vollen Saison als Klubeigentümer Pflicht. Um den direkten Aufstieg zu schaffen, muss man in der League One Zweiter werden – den Platz belegte zum Zeitpunkt der Trainerentlassung Sheffield United und tut es bis heute. Weiterlesen „Duell in der Stahlstadt“