Die Schönheit der Play-Offs

Wenn BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sich zum englischen Fußball äußert, kommt selten etwas Gescheites dabei heraus. Auch diese Woche hat er wieder tief in die Populismus-Kiste gegriffen: Aufgrund der Ticketpreise sei die gesamte „working class“ – die es in England so genauso wenig noch gibt wie in Dortmund – aus den Stadien verschwunden. Auf den Tribünen säßen in England nur noch Investmentbanker. Wenn also jemand von „Schwatzke“ reden möchte, dann wegen solcher Äußerungen – die über den deutschen Fußball sind dagegen ziemlich differenziert.

Natürlich sind die Ticketpreise in der Premier League hoch – aber nicht überall gleich und für Auswärtsfans gibt es nun verbilligte Karten. Auch in den drei anderen Profiligen, der Football League, liegen die Preise tendenziell über denen in den entsprechenden deutschen Spielklassen. Aber wir reden dort von Preisen zwischen 20 und 30 Pfund. Und für den nur peripher an Fußball interessierten Investmentbanker zählt doch vor allem die Premier League. Obwohl sich unterhalb davon oft die wahren Dramen abspielen. Wie in dieser Woche …

Es war einmal in Exeter, einer Universitätsstadt von 127.000 Einwohnern, die ansonsten für ihre Kathedrale bekannt ist und im schönen Devon im Südwesten des Landes liegt. Der örtliche Fußballverein Exeter City ist gleich in mehrfacher Hinsicht besonders. Sein Spitzname „The Grecians“ – die (alten) Griechen – lässt sich nicht abschließend erklären. Seit 2003 gehört der Verein dem Supporters Trust – also seinen Fans. Nicht dass es danach nur aufwärts gegangen wäre. Doch seit 2006 hält City trotzdem an Trainer Paul Tisdale fest – einem unglaublich bodenständigen, aber auch kompetenten Mann, der nun die Früchte seiner Arbeit ernten könnte.

Die Saison 2016/17 in der viertklassigen League Two allein war für die Grecians schon eine Achterbahnfahrt sondergleichen: Im November stand der Klub am Tabellenende. Der Absturz aus dem Profifußball in die National League drohte. Doch zum Saisonende hatte sich Exeter tatsächlich auf Platz 5 und damit in die Play-Offs vorgearbeitet. Gegner war Carlisle United, das Team, das die Grecians in dieser Saison zweimal und sogar noch am letzten Spieltag geschlagen hatte. Das Hinspiel letztes Wochenende in Carlisle endete 3:3 – nachdem die Grecians bereits 3:1 geführt hatten.

Ein noch größerer Thriller war dann das Rückspiel am Donnerstag: Exeter lag erneut mit zwei Toren vorne. Erzielt hatte sie Ollie Watkins, ein Produkt der angesehenen Jugendakademie des Vereins – und in dieser Saison „Young Player of the Year“ der Football League (Ligen 2 bis 4). Doch Carlisle kam erneut zurück – der Ausgleich durch John O’Sullivan in der 90. Minute hätte die Verlängerung bedeutet. Hätte nicht Jack Stacey, Leihspieler vom FC Reading, sein erstes Tor für Exeter geschossen. In der fünften Minute der Nachspielzeit, mit einer Perle von Schuss. Ich war nicht da, aber auch 7450 Zuschauer im ausverkauften St James Park können wohl ordentlich Krach machen. Die Grecians fahren nach Wembley und treffen dort auf den FC Blackpool.

Ich weiß nicht, ob Aki Watzke schon einmal von Exeter City gehört hat. Aber der englische Fußball ist mehr als nur Chelsea, Arsenal und die Manchester-Klubs. Und bietet keinen Anlass für Pauschalurteile und billigen Populismus.

Jürgen Klopp wird ein Roter

Dortmunds Trainer-Legende hat einen neuen Verein: Jürgen Klopp ist in Liverpool eingetroffen, um bei den „Reds“ einen Dreijahresvertrag zu unterschreiben. Seine Vorstellung steht morgen Vormittag an. Für den lukrativen und ohne Zweifel reizvollen Job in der Premier League unterbricht Kloppo also sein Sabbatical und wird ein Roter – und das nicht in der Bundesliga. Für seine nach wie vor große Fangemeinde unter den BVB-Anhängern ist das sicher leichter erträglich.

Ohnehin kann man das Engagement gut nachvollziehen: Ein sportlich ins Trudeln gekommener Traditionsklub mit ebenfalls großer Fangemeinde, der finanziell  durchaus Potenzial hat – das kann man sich als offener, selbstbewusster Trainer schon mal antun. Jürgen Klopp beherrscht die englische Sprache sehr ordentlich und ist ohne Zweifel in der Lage, Aufbruchstimmung zu erzeugen. Trotzdem wird es natürlich sehr spannend zu sehen sein, wie er mit den hohen Erwartungen, den Stars und den Medien zurechtkommt. Das kann klappen, muss aber nicht.

Besonders interessant und in der britischen Presse bereits thematisiert ist die Frage, welche Kompetenzen Klopp in der Transferpolitik bekommt. Beim FC Liverpool gibt es ein sechsköpfiges ‚Komitee‘, bestehend aus Scouts, Geschäftsführer, einem Eigentümervertreter, einem ‚Analysten‘ und – immerhin – dem Trainer. Dieses Gremium entscheidet über alle Transfers und stand zuletzt in der Kritik. Ob sich auch der neue Trainer hier der Mehrheitsmeinung unterwerfen muss, ist noch nicht bekannt.

Ein prominenter deutscher Trainer in England – das Thema wird uns in den nächsten Monaten und hoffentlich Jahren noch öfter beschäftigen. Ich werde nun zwar nicht zum Liverpool-Fan werden – meine Präferenzen lassen sich neuerdings ja hier im Blog ablesen – aber verfolgen werde ich den Werdegang von Jürgen Klopp in England ganz bestimmt. Viel Glück, Kloppo!

Fußball-Geschichten von Freud und Leid

Weihnachten – Zeit der Besinnung und des Innehaltens. Und beinahe Gewissheit, dass man während der Feiertage nicht von Breaking News zum Lieblingsverein überrascht wird. Traditionell bietet sich daher die Gelegenheit für einen Blick nach England, wo das Fußball-Geschehen zwischen Weihnachten und Neujahr besonders geschäftig ist.

Im Nordosten des Landes haben die als besonders begeisterungsfähig geltenden Fans des Premier League-Klubs AFC Sunderland eine bemerkenswerte erste Saisonhälfte fast hinter sich. An der Tabelle lassen sich die Hochs und Tiefs, durch die die ‚Black Cats‘ gegangen sind, allerdings nicht ablesen. Dort steht ein unspektakulärer 14. Platz, immerhin vier Punkte vor den Abstiegsrängen. Insgeheim hatten sich die Anhänger vielleicht mehr von der ersten Saison, die mit Gus Poyet als Cheftrainer begann, versprochen. Doch die Tabellenregion sind sie gewöhnt. Poyet, früherer uruguayanischer Nationalspieler, war in England zuvor schon bei Brighton & Hove Albion erfolgreich als Trainer tätig – allerdings nicht in der Premier League.

In Sunderland hat er im Herbst 2013 das Erbe des berüchtigten Paolo di Canio angetreten, der nicht nur verbrannte Erde, sondern auch einen zusammengewürfelten Kader hinterließ. Der Italiener hat allerdings immer bestritten, für den allein verantwortlich gewesen zu sein und inzwischen wurde auch ein neuer Sportdirektor installiert. Poyet begreift sich seither nur als Head Coach – auch um Druck auf den Verein und seinen amerikanischen Besitzer Ellis Short zu machen. In der kommenden Transferphase möchte der ehrgeizige Cheftrainer personell nachlegen dürfen.

Die Black Cats haben in der Liga zwar nur vier Niederlagen, aber auch erst drei Siege zu Buche stehen. Sie sind bisher mit Abstand Meister des Unentschiedens. Was Poyet jedoch noch mehr zu schaffen macht: Sunderland hat in 17 Spielen bisher nur 15-mal getroffen. Stürmer Steven Fletcher, eigentlich ein guter Schütze, war lange verletzt. Dem jungen Kollegen Connor Wickham, der vor Kurzem einen neuen Vertrag unterzeichnet hat, wird viel zugetraut – noch fehlt ihm aber die Konstanz. Ganz zu schweigen vom US-Amerikaner Jozy Altidore, den wir noch von der WM kennen: Er macht vor allem durch spektakuläre Fehlversuche von sich reden. Weiterlesen „Fußball-Geschichten von Freud und Leid“

Die Derbykönner

Das ist der Stoff, aus dem Derbyträume sind: Im sogenannten Tyne-Wear-Derby hat der AFC Sunderland am Samstagmittag 3:0 im St. James Park seines großen Lokalrivalen Newcastle United gewonnen. Damit lassen die ‚Black Cats‘ die Abstiegsränge der Premier League um vier Plätze hinter sich – der Punktevorsprung beträgt allerdings nur zwei. Was den Fans viel mehr eine glückliche Woche bescheren dürfte: Es waren bereits das zweite 3:0 und der dritte Derbysieg gegen die ‚Magpies‘ hintereinander.

Den letzten Auswärtstriumph im St. James Park durfte noch Paolo di Canio als Trainer feiern – außer diesem Erfolg rechnet dem umstrittenen Italiener heute so gut wie kein Sunderland-Anhänger noch etwas positiv an. Nachfolger Gus Poyet konnte nach verbesserten Leistungen zuletzt auch mehrere Siege vorweisen – darunter den Einzug ins League Cup-Finale gegen Manchester City in Wembley, das erste Endspiel seit langem für die Black Cats.

Darüber hinaus hat es Poyet in der Transferphase im Gegensatz zu manchem Ligakonkurrenten geschafft, mehrere sinnvoll erscheinende Verpflichtungen zu tätigen und mehrere ‚Kaderfüller‘ loszuwerden. Vom ehemaligen Verein des Trainers, Zweitligist Brighton & Hove Albion, kam beispielsweise der junge englische Mittelfeldspieler Liam Bridcutt, der in Newcastle gleich von Beginn an ran durfte und direkt überzeugen konnte. Auch Tor, Abwehr und Sturm wurden verstärkt, so dass die interne Konkurrenz nun recht groß sein dürfte.

Das Positive: Am Samstag zeigte das Team einen geschlossen guten mannschaftlichen Auftritt. Der Koreaner Ki Sung-Yueng ist zum sicheren Passgeber im Mittelfeld geworden und der vor eineinhalb Jahren von Manchester City gekommene Flügelspieler Adam Johnson zeigt endlich die brillanten Offensivaktionen, die man sich von ihm erhofft hat. Das I-Tüpfelchen auf dem Derby-Triumph war jedoch, dass den dritten Treffer ausgerechnet ‚Local Boy‘ Jack Colback erzielte, der aus der Jugend des AFC Sunderland zu den Profis kam.

Newcastle United startete verheißungsvoll in die Premier League-Saison, dümpelt jedoch inzwischen im Mittelfeld herum. Im Januar wurde Top-Mann Yohan Cabaye an Paris St. Germain verkauft und kein permanenter Ersatz geholt. Die scheinbar extrem blutleere Vorstellung der Magpies im Derby war da für manche zu viel: Die Fans wanderten in Scharen frühzeitig ab; ein paar liefen jedoch auch aufs Spielfeld. Einer soll Trainer Alan Pardew seinen Mitgliedsausweis vor die Füße geschmissen haben. Heute gab es Konsequenzen: Sportdirektor Joe Kinnear, dem viele Fans und zuletzt auch – kaum verklausuliert – Pardew die schwache Transferpolitik vorgeworfen hatten, räumte nach nur knapp acht Monaten seinen Posten.

Ach wie süß schmeckt dagegen ein Derbysieg. Die Fans haben die personellen Turbulenzen und die sportliche Talfahrt – bis vor Kurzem war Sunderland Tabellenletzter – schon fast verziehen. Eins der bekanntesten Fanzines, A Love Supreme, schrieb in seinem Spielbericht:

What a life it is being a Sunderland fan, but I wouldn’t change it for anything. For all the lows we have, the highs are ever so much sweeter.

Spanischer Schriftsteller in der Premier League

Spanische Spieler sind in der Premier League gerne gesehen. In der nach landläufiger Auffassung besten Liga der Welt bedient man sich schon seit mehreren Jahren gerne im Land des Welt- und Europameisters, das für modernen und erfolgreichen Fußball steht. Und auch auf den Trainerbänken sitzen oder saßen schon bekannte Spanier wie Rafael Benitez (Liverpool, Chelsea), Roberto Martinez (Everton) sowie der ‚Fußball-Spanier‘ Michael Laudrup (Swansea). Jüngstes Beispiel: Pepe Mel, bis Dezember knapp vier Jahre bei Real Betis (Sevilla), seit letzter Woche neuer Trainer bei West Bromwich Albion.

Der Klub aus dem sogenannten ‚Black Country‘ nördlich von Birmingham gilt schon seit Jahren als solide geführt, es gibt eine Reihe von Spielern, deren Verweildauer bei ihrem aktuellen Verein deutlich über dem Ligaschnitt liegt. Und doch hatten die ‚Baggies‘ zuletzt einiges zu verkraften: Zunächst wurde 2012 Ex-Trainer Roy Hodgson Dompteur der ‚Three Lions‘, dann wanderte der erfolgreiche Sportdirektor Dan Ashworth zum Fußballverband FA ab. Nach einer sehr ordentlichen ersten Saison unter Hodgsons Nachfolger Steve Clarke ging es 2013/14 bergab, so dass Mitte Dezember zunächst Assistenztrainer Keith Downing interimsweise die Leitung übernahm.

Zuletzt gab es Ärger mit einem bekanntermaßen schwierigen Spieler: Nicolas Anelka zeigte nach einem Torerfolg eine Geste, die als invertierter Hitlergruß beschrieben wurde und auf den in Frankreich äußerst umstrittenen Komiker Dieudonné M’Bala M’Bala zurückgeht, dem antisemitische Tendenzen nachgesagt werden. Die FA ermittelt; Anelka hat versprochen, die Geste nicht mehr zu zeigen, doch Trikotsponsor Zoopla, ein Immobilienportal, hat schon angekündigt, den Vertrag mit West Bromwich nicht zu verlängern, da der Verein an Anelka festhalten will.

In dieser bewegten Zeit haben sich der Verein und dessen junger neuer Sportdirektor Richard Garlick für den Spanier Pepe Mel als neuen Trainer entschieden. Man kann den Schritt als mutig bezeichnen, als ein Experiment, aber waghalsig ist er nicht. Mel führte Real Betis von der Segunda Division zurück in Spaniens höchste Spielklasse und bekam dort erst in dieser Saison größere Probleme, unter anderem wegen Verletzungssorgen. Trotz der schlechten Tabellenposition bei seiner Entlassung im Dezember singen die Betis-Fans noch heute im Stadion seinen Namen. Weiterlesen „Spanischer Schriftsteller in der Premier League“

Letzte Chance Derbysieg

Borussia Dortmund hat in Gelsenkirchen gewonnen und wir freuen uns alle sehr. Auf den sportlichen Wettbewerb bezogen, um den es geht, ist die Bedeutung des Derbysiegs jedoch weitaus geringer als beispielsweise am legendären 33. Spieltag der Saison 2006/07. Schließlich traf am Samstag der Tabellenzweite auf einen Verein, der bereits mit einer zweistelligen Punktzahl im Rückstand war und nun ins Mittelfeld der Liga abgerutscht ist.

Wie viel dramatischer war die Ausgangssituation da im Nordosten Englands. Das Tyne-Wear-Derby zwischen Newcastle United und dem AFC Sunderland gehört ohnehin zu den heißesten lokalen Begegnungen im englischen Fußball. Am Samstag stand das Aufeinandertreffen unter ganz besonderen Vorzeichen, denn die Gastgeber aus Sunderland hatten einen absoluten Katastrophenstart in die Premier League-Saison hingelegt und aus acht Partien genau einen Zähler geholt.

Es lohnt sich hier etwas weiter auszuholen: Trainer der ‚Black Cats‘ war bis einschließlich des fünften Spieltags Paolo di Canio – jener notorische ehemalige Lazio-Spieler, der vor der Fankurve schon mal den Arm zum faschistischen Gruß erhob. Diese Gestik und die Tatsache, dass sich di Canio immer nur von den Auswüchsen der Ideologie distanzieren mochte, wurden nach seiner Ernennung im Frühjahr dieses Jahres natürlich auch im Nordosten sowie im Rest von England eifrig diskutiert. Viele Fans sahen die Personalie jedoch eher unpolitisch (di Canio hat überdies in England aufgrund seiner Zeit als Spieler dort den Ruf, ein guter Sportsmann zu sein) und waren spätestens dann vom Italiener überzeugt, als er die Black Cats tatschlich zu einem 3:0-Auswärtssieg beim letzten Derby im St. James Park führte. Di Canios anschließender Jubel auf Knien ging ebenso in die Derby-Folklore ein wie die Ereignisse nach dem Spiel, als unter anderem ein frustrierter Newcastle-Fan auf ein Polizeipferd einschlug.

Der Trainer hielt Sunderland in der Folge in der Premier League und hatte im Sommer ein ansehnliches Budget zur Verfügung, um das Team zu verstärken. Zur Seite standen ihm dabei zwei weitere Italiener, die der Club verpflichtete: Sportdirektor Roberto de Fanti und Chefscout Valentino Angeloni. Wie genau die Verpflichtung der 14 Neuzugänge  zwischen den dreien abgestimmt war, ist nicht bekannt und hier soll auch nicht auf einzelne Namen eingegangen werden. Im Ergebnis gelang es di Canio jedoch nicht, aus den vielen Spielern eine Mannschaft zu formen, die seinen Idealen – Kampf und hundertprozentiges Engagement – genügte.

Viele Beobachter machen dafür die gelinde gesagt gewöhnungsbedürftige Menschenführung des 45-jährigen verantwortlich. Das Führen könnte di Canio in der Tat zu wichtig gewesen sein: Auf dem Trainingsgelände verbot er seinen Spielern Handys, Ketchup und sogar Eiswürfel in der Cola. Entscheidender für die sich in dieser Saison rapide verschlechternden Beziehungen zu wichtigen Spielern dürfte allerdings die harsche Kritik sein, die der Trainer öffentlich an ihnen äußerte. Seinen vermeintlich hehren Idealen konnte scheinbar niemand genügen. Das Ende von di Canios kurzer Amtszeit kam bezeichnenderweise, nach dem sich angeblich mehrere Führungsspieler an Geschäftsführerin Margaret Byrne wandten und eine weitere Zusammenarbeit für aussichtslos erklärten.

Zum Nachfolger des Italieners wurde mit Billigung des amerikanischen Clubbesitzers Ellis Short erneut ein Trainer erkoren, der zuvor noch nicht in der Premier League tätig war – zumindest nicht in dieser Funktion. Der Urugayaner Gus Poyet war im Mai unter etwas seltsamen Umständen beim Zweitligisten Brighton & Hove Albion entlassen worden, wo er zuvor vier Jahre erfolgreich gearbeitet hatte. Das erste Spiel unter Poyet – zuvor hatte Co-Trainer Kevin Ball zweimal das Sagen – endete in einer 0:4-Klatsche bei Swansea City. Dann kam das Derby.

Ein Punkt aus acht Spielen, der neue Trainer mit einem denkbar schlechten Start – mit solch einer Ausgangsposition will wohl niemand gegen den großen Lokalrivalen antreten. Und doch kann man mit einem Sieg so viel wieder wettmachen – zumindest vom Feeling her. Und genau das gelang den Black Cats. Steven Fletcher hatte die Gastgeber im Stadium of Light früh per Kopf in Führung gebracht, nach etwa einer Stunde gelang Newcastle durch Debuchy der Ausgleich. Fünf Minuten vor Schluss steckte Stürmer Jozy Altidore den Ball zum eingewechselten, von Liverpool ausgeliehenen Fabio Borini durch, der einen wunderbaren Schuss im Kasten von Torwart Krul versenkte. Und den Großteil des Stadions zum Ausrasten brachte.

Es war ein wahrhaftig essenzieller Derbysieg, wie wir Schwarz-Gelbe ihn wohl tatsächlich zuletzt 2007 erlebt haben. Und doch nur ein erster Schritt für Gus Poyet und seinen quantitativ gut bestückten Kader. Erst in den nächsten Wochen und Monaten wird sich zeigen, wie gut der Premier League-Novize mit dem bisher eher zusammengewürfelt wirkenden Erbe von Paolo di Canio umzugehen versteht.

Steiler Weg ins neunte Jahr

Niemand hatte geglaubt, dass es einfach werden würde. Auch im achten Jahr der Premier League-Zugehörigkeit spielt Wigan Athletic gegen den Abstieg und niemand ist überrascht. Und doch könnte man den Fans der Latics verzeihen, wenn der ein oder andere von ihnen der jährlichen Sisyphos-Arbeit überdrüssig wäre. Tatsächlich hat das DW Stadium von Wigan mit einem Zuschauerschnitt von knapp 18.700 die zweitschwächsten Zahlen der Liga aufzuweisen, die nur vom Aufsteiger Queens Park Rangers unterboten werden. Dazu muss man jedoch auch wissen, dass die Stadt nur ca. 81.000 Einwohner hat und der Club erst vor 35 Jahren aus dem Amateurbereich aufstieg.

In der Premier League schien es für die Latics zuletzt düster zu werden. Vor dem 27. Spieltag standen sie auf dem 19. Tabellenplatz, in der Abstiegszone, und ihre drei Hauptkonkurrenten hatten alle mehr oder minder gute Gründe, größere Hoffnung zu haben als Wigan. Der 17., Aston Villa, hat zumindest einen größeren Namen, den man sich schwer in der zweiten Liga vorstellen kann. Wem das als Grund zu soft ist: Trainiert wird der Verein aus Birmingham vom Ex-Dortmunder Paul Lambert und in seinen Reihen steht mit Christian Benteke ein veritabler Torjäger, der sogar schon – rein hypothetisch  – mit dem BVB in Verbindung gebracht wurde.

Aufsteiger Reading, zuletzt 18., scheint zunächst größter Außenseiter zu sein, genoss aber einen ordentlichen Start ins Jahr 2013 und wurde in den letzten Wochen für späte Tore bekannt. Und der nach wie vor Tabellenletzte QPR hat immerhin Harry ‚Houdini‘ Redknapp auf der Trainerbank sitzen.

Am letzten Wochenende kehrte zumindest der Feel-Good-Factor zurück nach Wigan. Erst zum zweiten Mal in ihrer Geschichte erreichten die Latics das Viertelfinale des FA-Cups. Beim 4:1-Auswärtssieg in Huddersfield setzte Trainer Roberto Martinez auf Rotation, ohne das Team komplett umzukrempeln. Besonders die jungen Spieler aus der zweiten Reihe wie Callum McManaman und Fraser Fyvie wussten das Vertrauen zu rechtfertigen – nicht jeder Club aus Englands Topliga kann das in den aktuellen Pokalwettbewerben von sich behaupten. In der nächsten Runde, die schon kommendes Wochenende ausgetragen wird, trifft Wigan nun erneut auswärts auf den Sieger des Wiederholungsspiels zwischen dem FC Everton und Liverpool-Bezwinger Oldham Athletic.

Doch auch in England zählt die Liga, zumal die Premier League, mehr als der Pokal. So war die heutige Begegnung beim Tabellen-Nachbarn Reading für die Latics ebenso wichtig wie der Sieg des FC Augsburg über die TSG Hoffenheim – mit dem FCA habe ich Wigan Athletic vor zwei Monaten verglichen. Und tatsächlich gelang den Gästen der erste Sieg des Jahres – in beeindruckender Art und Weise. 0:3 hieß es am Ende und endlich einmal kam das von Roberto Martinez gelehrte ansehnliche Passspiel zur Geltung, ohne gleichzeitig für defensiv prekäre Situationen zu sorgen. Die Rückkehr von Ex-Hannover-Stürmer Arouna Kone  (erzielte zwei Treffer) vom Afrika-Cup hatte ebenso positive Auswirkungen wie die Gesundung mehrerer anderer Akteure. Und HSV-Leihgabe Paul Scharner, der schon früher mehrere Jahre in Wigan spielte, entschärfte eine der kritischsten Situationen mit einem exzellenten Tackling.

Durch den großen Sieg und die gleichzeitige Niederlage von Villa beim FC Arsenal haben die Latics die Abstiegsplätze verlassen. Ausruhen darf man sich darauf selbstverständlich nicht. Bis der Stein wieder auf den Berg gerollt ist, sind noch elf Partien zu absolvieren. Wigan-Fan Ned fasst daher in seinem Blog „Los Three Amigos“ das einzig Doofe an diesem Spieltag wie folgt zusammen:

Despite escaping the bottom three, the league table is still frighteningly tight. But today’s was a performance to celebrate.

Setzt euch, wenn ihr Man City schlagt!

Gestern, wenige Minuten vor fünf Uhr Ortszeit, ertönte im Stadium of Light kollektiver Jubel aus 40.000 Kehlen. Schiedsrichter Friend hatte soeben die Premier League-Partie zwischen dem AFC Sunderland und dem amtierenden Meister Manchester City abgepfiffen. Zum dritten Mal hintereinander siegten die ‚Black Cats‘ an dieser Stelle gegen die favorisierten Citizens – trotz eines Formanstiegs in den letzten Partien kam der Erfolg für das enttäuschend in die Saison gestartete Team von Martin O’Neill überraschend. Möglicherweise konnten jedoch nicht alle Fans der Heimmannschaft in den Jubel miteinstimmen – falls sie zuvor als ‚Dauersteher‘ des Stadions verwiesen wurden.

Vor der Begegnung am traditionellen Spieltag – die Partien am 26. Dezember gehören in England zu den bestbesuchten der Saison – hatte Sunderland auf seiner Website an die Fans appelliert, auf „persistent standing“ zu verzichten. In dieser Spielzeit habe der Verein bereits zahlreiche Beschwerden wegen dauerhaft stehender Besucher bekommen und 38 von ihnen aus dem Stadion geworfen – beinahe doppelt so viele wie in der gesamten Vorsaison. Der Sicherheitschef der Black Cats Paul Weir beruft sich auf geltendes Recht:

We certainly dont wish to spoil the enjoyment of any supporters, we want a vibrant lively matchday atmosphere just as much as the fans do, but we also have legal obligations that we must be seen to be adhering to.

Natürlich verweist Weir auch auf die Rechte von älteren und behinderten Besuchern, die nicht so einfach aufstehen können. Und für Fans, die sich eine im Vergleich zu deutschen Verhältnissen deutlich teurere Dauerkarte leisten, dafür aber gerne sitzen möchten, muss man ebenfalls Verständnis aufbringen.

Es ist ja nicht so, dass es solche Probleme in deutschen Stadien überhaupt nicht gibt. Doch hierzulande existiert bekanntlich nach wie vor und auf absehbare Zeit die Möglichkeit, in Teilen der Spielstätten unseren Lieblingssport stehend zu verfolgen. 19 von 20 Premier League-Klubs einschließlich Sunderland sehen hingegen derzeit keinen Grund, einen Modellversuch zur Wiedereinführung von Stehplätzen in englischen Stadien zu unterstützen. Deshalb wird auch im Stadium of Light die Stimmung längst nicht an jedem Wochenende an die Minuten nach dem gestrigen Schlusspfiff heranreichen. Weiterlesen „Setzt euch, wenn ihr Man City schlagt!“

Stehplätze im Test?

Ich muss etwas gestehen: Mich beginnt die Debatte über das „sichere Stadionerlebnis“ zu langweilen. Auf der einen Seite regieren Populismus und Drohkulisse, aber von der anderen hört man ebenfalls wenig Konstruktives. Nach der Verabschiedung des überarbeiteten DFL-Sicherheitskonzepts könnte man meinen, der Untergang der Fußballkultur stünde bevor – wenn man den Angstmachern auf Seiten der Fans Glauben schenkt. Dabei sind der Kontrollwahn bei den einen und die Angst vor jeder Veränderung bei den anderen nur die Effekte einer ähnlich gelagerten, medienbefeuerten Paranoia.

Eine der vernünftigsten Aussagen der letzten Tage kam vom Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte Michael Gabriel:

Entscheiden wird sich ohnehin alles damit, wie die Fans in Zukunft behandelt werden. Am wichtigsten ist das Verhältnis zwischen dem jeweiligen Klub und seinen Fans. Dort muss man sich die Mühe machen, gemeinsam gegen die negativen Entwicklungen vorzugehen.

Die Devise kann nur lauten: Abwarten und im Dialog bleiben. Zwar sind die Formulierungen im DFL-Konzept sicher bewusst schwammig, doch kamen bisher aus der Fanszene auch kaum effiziente, konstruktive Vorschläge, was gegen die Gewalt getan werden kann, die – in welchem Ausmaß auch immer – da ist. Bisher war man vor allem gegen die Vorschläge der anderen Seite.

Anderswo sieht es ganz anders aus. In England kämpft die Fanvereinigung „Football Supporters Federation“ (FSF) um die Wiedereinführung der Stehplätze. Vorerst nur probeweise und mit zweifelhaften Erfolgsaussichten. Neben den Behörden und fast allen Premier League-Clubs gibt es einen besonders bedeutenden Gegner des Stehens im Stadion: Die Hillsborough Family Support Group, eine Vereinigung für die Opfer der Katastrophe von Hillsborough.

Es ist im Mutterland des Fußballs also deutlich umstrittener, sich für Stehplätze einzusetzen. Trotzdem unterstützen neben den aktiven Fans immerhin 13 Profivereine, darunter Aston Villa aus der Premier League und einer meiner englischen Lieblingsclubs, Derby County, einen Feldversuch. Doch der Premier League-Verband lehnt diesen aus durchsichtigen Gründen ab und um ihn zu starten, müsste erst das britische Parlament das entsprechende Gesetz ändern. Diese Debatte finde ich bedeutender und bedeutend spannender als die deutsche.