War das die Rückkehr des wahren BVB?

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DFB-Pokal, 2. Runde / 1. FC Magdeburg 0 BVB 5

Ein Unterschied wie Tag und Nacht: Gegenüber der Partie in Frankfurt wich die extreme Konfusion der Defensive einer weitestgehend souveränen, spielerisch flüssigen Vorstellung der gesamten Mannschaft. Hing das nur mit zwei Klassen Differenz zusammen?

Magdeburg war kein Aufbaugegner

Es liegt nicht nur am grandiosen Support der Gastgeber, dass man den FCM nicht unterschätzen sollte. Hervorzuheben ist der trotzdem. Das war auch schon zu Regionalliga-Zeiten so, als ich die Magdeburger Fans auswärts im Karl-Liebknecht-Stadion in Potsdam-Babelsberg erlebt habe. Laut und mit damals tadellosem Benehmen. Inzwischen ist der Verein Tabellenzweiter der 3. Liga und hat durchaus Zweitliganiveau.

Deshalb braucht man die Leistung der Schwarz-Gelben gestern nicht klein zu reden. Es gab eine Phase Mitte der ersten Halbzeit, in der die Magdeburger das Spiel offen gestalten konnten und drohten, gefährlich zu werden. Die Borussia überstand diese unbeschadet und schaffte es bald, das Geschehen wieder zu diktieren. Dass es erst eine Auswechslung brauchte, um den Führungstreffer zu erzielen, ist nicht mehr als ein Detail. Das Tor war neben Schnellstarter Castro genauso den glänzend aufgelegten Yarmolenko und Isak zu verdanken.

Endlich ist der Aubameyang-Ersatz da

Natürlich steht auch Alexander Isak unter dem Generalverdacht, dass es gegen einen Drittligisten eben leichter ist zu glänzen. Man kann diese Behauptung nicht unmittelbar entkräften, sondern frühestens am Samstag in Hannover. Gestern aber legte er den ersten Treffer vor, den zweiten erzielte er selber, nachdem er den Spielzug auch mit eingeleitet hatte. Isak bewegte sich gut und zielstrebig. Was man unabhängig vom Gegner sagen kann: Alexanders Passspiel ist mindestens so gut wie das von Auba. weiterlesen

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Vier gewinnt: Dortmund holt den Pott

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DFB-Pokal, Finale / Eintracht Frankfurt 1 BVB 2

Mancher wird einfach nur gedacht haben: endlich. Manchem fehlte spielerischer Glanz. Doch wer wären wir denn, wenn wir uns über einen verdienten Pokalsieg – und den ersten echten Titel seit fünf Jahren – nicht mehr richtig freuen könnten? Genau, die Bayern. Mit einer weiteren Auba-Show zum wahrscheinlichen Abschied hat die so ganz andere Saison ein grandioses Ende gefunden.

Drei Gedanken zum Spiel

Natürlich, es war ein Arbeitssieg. Angesichts der vielen zusehenden Länder keine Werbung für eine neue Art von Fußball wie in den erfolgreichsten Klopp-Jahren. Aber die Konstanz aus 2011 und 12 ist passé und dafür gibt es zu akzeptierende Gründe. Nach der frühen Führung durch Dembelé, dessen Tor ein wenig an München erinnerte, machten es die Frankfurter dem BVB im Mittelfeld schwer. Der Spielaufbau der Schwarz-Gelben bestand nach der ersten Viertelstunde weitgehend aus langen Bällen.

Doch in der zweiten Hälfte gewann die Borussia ihre Dominanz zurück und die Zahl der Torschüsse, 12:8 für Schwarz-Gelb, spiegelt auch das Endergebnis wieder. Pierre-Emerick Aubameyang wurde nach Reus‘ verletzungsbedingtem Ausscheiden zum Mann des Spiels. Ein Fallrückzieher, der fast zum Tor des Jahres geworden wäre und nur mit Mühe von einem Frankfurter an die Latte gelenkt wurde. Ein weiterer Schuss ans Aluminium. Und eben der cool verwandelte Elfmeter, als ob es nie zuvor Fehlschüsse gegeben hätte. Traurig, ihn vielleicht bald nicht mehr in unseren Farben zu sehen. weiterlesen

Zerfetzte Nerven beim Derbysieg

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1. Bundesliga, 10. Spieltag / FC Schalke 1 BVB 3

Eigentlich war es ein perfektes Derby: Zeitweise spannend, emotional und doch wurde ganz deutlich, wer die Nummer 1 im Pott ist. Wären da nicht die Minuten vor dem verzögerten Anpfiff gewesen. Die hier aus chronolgischen Gründen an den Anfang gestellt werden.

Eine niedrige dreistellige Zahl von Menschen, die behaupten, sie wären BVB-Fans begriff das Auswärtsderby mal wieder als Lizenz zu asozialem Verhalten. Was im Stadion vor sich ging, übertraf die Ereignisse bei den Derbys der letzten Jahre deutlich. Wäre es bei gelbem Rauch im BVB-Block geblieben, hätte sich kaum jemand groß darüber aufgeregt. Doch dann flog eine Rauchbombe und eine Leuchtrakete aufs Spielfeld – wo unser Torwart Roman Weidenfeller gerade versuchte, auf die eigenen Fans einzuwirken. Und es wurde eine Leuchtrakete in den vollbesetzten gegnerischen Block geschossen. Das ist nur noch kriminell – und ohne den ’schönen‘ gelben Rauch wäre es für die Täter womöglich schwieriger gewesen, das durchzuziehen.

Was wir Fans jetzt am wenigsten gebrauchen können, sind irgendwelche Apologeten, die die Vorkommnisse verharmlosen oder von einer vorherigen Eskalation durch die Polizei sprechen – die anreisenden Ultras am Bahnhof Essen West womöglich nicht deren freien Willen gelassen hat. Selbst wenn dort überreagiert wurde, darf das niemals als Erklärung oder gar Entschuldigung für den Beschuss von Menschen in der Turnhalle gelten. Ich habe von den verantwortlichen Gruppen und der Opferrolle, die sie gerne einnehmen, die Schnauze voll bis oben hin. Um ein Haar hätten sie uns den Derbysieg kaputt gemacht und es wird Zeit, dass sie keine Solidarität mehr bekommen. Es sind Einzeltäter, aber ihre Taten funktionieren nur aus dem Schutz einer Gruppe heraus. Die BVB-Verantwortlichen haben gesagt, was gesagt werden musste und Hans-Joachim Watzke verdient die Unterstützung der echten Fans, wenn er ankündigt:

Es wird etwas von unserer Seite geschehen, das ist sicher. Wir können einschätzen, wer die Rädelsführer waren, und wir werden handeln.

Cut. Zum Fußball. Schwer, aber bei einem Derbysieg durchaus machbar. Die Mannschaft hat sich durch den verzögerten Beginn nicht beeindrucken lassen. Schnell wurde deutlich, dass der FC Schalke derzeit weder die Torgefahr noch die defensive Sicherheit ausstrahlt, die nötig wäre, um an der Ligaspitze mitzuhalten. Nach zwei Derbypleiten zuletzt war der Wille bei den Schwarz-Gelben zu 100 Prozent vorhanden. Das zeigte sich an Laufbereitschaft und Gegenpressing – der BVB legte beides an den Tage wie in den Spielen, in denen das zum Markenzeichen des Klopp’schen Fußballs wurde.

Ein schneller Angriff führte bereits in der 14. Minute zur Führung. Der Ball wurde gut von hinten heraus gespielt. Der sensationelle Mkhitaryan, der alle drei Treffer vorbereiten sollte, passte aus zentraler Position nach halbrechts zu Reus, der in der Mitte Aubameyang und Lewandowski als freie Anspielstationen hatte. Pierre-Emerick stand näher zu Reus und lenkte den Ball ins Tor. In der Folge spielten die Schwarz-Gelben die Gastgeber phasenweise an die Wand und hätten weitere Tore erzielen müssen. Aubameyang kam einen Schritt zu spät, Lewandowski traf ein paar Mal falsche Entscheidungen. Schön zu sehen war trotz der ausbaufähigen Chancenverwertung, dass die zentrale Achse gut funktionierte: Hummels und Subotic spielten von hinten viele gute Pässe, die Kreativspieler Sahin und Mkhitaryan waren glänzend aufgelegt. Beweis: das spätere 2:0, als der Neuzugang den zentral freien Sahin fand, der dann mit einem wundervollen Schuss ins rechte Eck traf.

Doch noch in der ersten Hälfte hatte Schalke die große Chance zum Ausgleich. Subotic traf Fuchs im Strafraum bei einem Tackling leicht am Fuß, Schiedsrichter Kircher deutete vertretbarerweise auf den Punkt. Heilsbringer Boateng trat an, schoss kräftig, aber in einer für den Torwart dankbaren Höhe – trotzdem ein von Weidenfeller toll gehaltener Elfer. Erstaunlich, dass Roman vom chancenlosen Hinterherflieger zum Elfmetertöter geworden ist. Spätestens nach diesem emotionalen Highlight war aber klar, dass das Derby trotz Dortmunder Dominanz nicht zum Selbstläufer werden würde. Schalke kam besser ins Spiel, hatte zunächst aber nur eine halbe Chance durch Boateng. Nach dem 2:0 in der 51. Minute ließ die Borussia den Gastgebern zu viel Raum, was diese zumindest in viel Ballbesitz und einen gewissen Druck umzusetzen verstanden. Der Anschlusstreffer durch das kurz zuvor eingewechselte Talent Meyer war daher nicht unverdient.

Dass die Schwarz-Gelben bei vollem Einsatz mit den derzeit zur Verfügung stehenden Spielern und Trainern deutlich vor den Blauen stehen, zeigte sich jedoch in der Folge. Unsere Jungs standen wieder sicherer und nutzten eine sich bietende Gelegenheit in der 74. Minute brillant zur Entscheidung. Mkhitaryan diesmal nach Ballverlust von Draxler mit einem Lauf über den ganzen Platz und der Übersicht, nicht in die Mitte, sondern auf den weiter rechts völlig freien Kuba zu legen. 3:1. Danach war die Luft ziemlich raus, einige Akteure wirkten auch etwas platt, was aber verständlich und nicht weiter schlimm war.

Sportlich war es ein überzeugender, toller Derbysieg; nach dem Erfolg in London die gelungene Fortsetzung einer heißen Saisonphase. Nach gestern, dem zehnten Spieltag, kann man sagen, dass alle Neuzugänge – Sokratis vielleicht mit leichten Abstrichen – sich bisher als wichtige Verstärkungen erwiesen haben. Hoffen wir auf ein weises Vorgehen der DFL und des Vereins hinsichtlich der Ausschreitungen – freuen wir uns auf ein tolles Freitagabendspiel gegen den VfB Stuttgart!

Die Aufstellung: Weidenfeller – Großkreutz, Subotic, Hummels, Schmelzer (46. Durm) – Bender, Sahin – Aubameyang (71. Blaszczykowski), Mkhitaryan, Reus (89. Hofmann) – Lewandowski. Gelbe Karte: Schmelzer. Tore: Aubameyang, Sahin, Blaszczykowski

Mit Übertreibung, ohne Plan: die DFL-Sicherheitsdiskussion

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Aufgeregte Reaktionen, reihenweise Vereine, die auf Distanz gehen und eine Fankampagne, initiiert von Schwatzgelb.de – die Vorschläge einer „Kommission Sicherheit“ des DFL-Ligaverbandes zur Verbesserung der Sicherheit in Fußballstadien haben ein großes Echo hervorgerufen. Diskutiert wird über ein Maßnahmenpapier (auffindbar via Ruhrbarone), das auf der Mitgliederversammlung des Ligaverbandes Ende September präsentiert wurde, aber noch keineswegs beschlossene Sache ist. Leider gibt es dabei auf Seiten der Fans ein Äquivalent zur ausufernden Medien-Berichterstattung über Gewalt im Fußball-Umfeld. Auch die Äußerungen von Bloggern, Fan- und fanfreundlichen Vereinsvertretern beinhalten Übertreibungen und Schwarz-Weiß-Malerei.

Was die Diskussion wesentlich erschwert, ist die Uneinigkeit über die Dimension der Problematik. Durch aufgeregte Medienberichte wird das Fehlverhalten einiger Fans in immer kürzeren Abständen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit transportiert. Daraus konstruiert der Meinungsmainstream einen Handlungsdruck. „Ich fühl‘ mich sicher“, die schon erwähnte Kampagne von Schwatzgelb.de, bestreitet dagegen, dass der Besuch eines Fußballspiels in den letzten Jahrzehnten gefährlicher geworden sei und belegt, dass beispielsweise beim Münchener Oktoberfest das Risiko eines Personenschadens deutlich höher liegt.

Wir haben es hier allerdings mit einem generellen Problem von Statistiken zu Massenveranstaltungen zu tun. Während der Fußball über die Saison betrachtet sicher erscheint, gibt es bei einzelnen Partien Vorkommnisse, über die man nicht so einfach hinweggehen kann. Das Relegationsrückspiel zwischen Düsseldorf und Hertha BSC kommt einem in den Sinn, hierbei vor allem das Verhalten der Berliner Fans. Oder als jüngstes Beispiel der Platzsturm der Gästefans bei der Pokalpartie Hannover 96 gegen Dynamo Dresden. Die Ausschreitungen beim Revierderby in Dortmund fanden zwar überwiegend außerhalb des Stadions statt, sind aber nicht vom Ereignis zu trennen. Mag es auch bei den ersten zwei Beispielen keine Verletzten gegeben haben, so wandelt man da auf einem schmalen Grat. Wenn sich aggressive Fangruppen Zutritt zum Spielfeld oder womöglich zu anderen Blocks verschaffen können und dabei auch noch Pyrotechnik unsachgemäß benutzen, wird das nicht immer glimpflich ausgehen.

Am Beispiel der Pyrotechnik kann man die Problematik, der sich Vereine wie Fans gegenüber sehen, gut verdeutlichen. Bengalos könnten eine stimmungsvolle Zutat des „Stadionerlebnisses“ sein, doch stellen sie in den falschen Händen eine Gefahr nicht nur für die unmittelbar Umstehenden dar. Es gibt eine Minderheit von Menschen im Umfeld der Fußballvereine, je Club eine dreistellige oder niedrige vierstellige Personenzahl, die sich nicht an Spielregeln halten, die schlicht und einfach notwendig sind. Diese Personen nutzen Pyrotechnik mutwillig unsachgemäß. Sie werfen Bengalos aufs Spielfeld und in gegnerische Fanblocks oder zünden Rauchbomben. Zu den Problemfällen gehören auch Gewalttäter und Rechtsradikale, die den Fußball für ihre Zwecke missbrauchen. weiterlesen

Das Ende der Toleranz

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Am vergangenen Sonntag trat Borussia Dortmund beim Blitzturnier in Düsseldorf an. Sportlich ist das Geschehen schnell zusammengefasst: Im ersten Spiel verloren die Schwarz-Gelben mal wieder ein Elfmeterschießen, so dass dem Gastgeber und späteren Turniersieger Fortuna eine Mini-Revanche für das Pokalaus glückte. Im mäßigen Spiel um Platz 3 gelang dann ein 1:0-Sieg über Werder Bremen durch ein weiteres Tor des abwanderungswilligen Mohamed Zidan.

Die BVB-Fans im geschlossenen Stadion zogen sich den Unmut des restlichen Publikums und aller Beobachter zu, weil es aus dem schwarz-gelben Fanblock zu (mindestens) zwei Böllerwürfen kam. Einer davon ging in Richtung Spielfeld. Wir reden hier über Exemplare, die schon im Fernsehen sehr laut rüberkamen. Natürlich muss jetzt der Hinweis erfolgen, dass sicher nur ganz wenige Fans, eventuell sogar nur eine Einzelperson, daran beteiligt waren. Trotzdem habe ich die Schnauze gestrichen voll von den Typen, die so was werfen und sich dann feige in der Menge verstecken. Man weiß nicht erst seit dem Karriereende von Georg Koch oder nur wenn man Silvester öfter in Berlin verbringt, wie gefährlich diese Knallkörper sind.

Kein normaler Fan, Ultra oder was auch immer unterstützt diese kriminellen Handlungen. Aber tut jemand aus Fankreisen etwas dagegen? Hat irgendjemand Strafanzeige wegen Körperverletzung gestellt wie gegen die TSG Hoffenheim? Sollte ein Leser in Düsseldorf dabei gewesen sein, würde mich interessieren, ob er/sie irgendetwas von Reaktionen anderer BVB-Fans mitgekriegt hat. Ich möchte mal wieder Mats Hummels zitieren, weil er einfach so häufig recht hat:

Es [die Böllerwerferei] beweist weder, dass ihr uns besonders unterstützt, es hilft der Mannschaft nicht (es nervt uns sogar) und es ist gefährlich. Bei mehreren tausend Leuten außenrum sollte es eigentlich möglich sein, diese Randalierer zu stoppen.

Natürlich ist eine Reaktion aus dem Fanblock nicht einfach. Vor allem als Einzelperson oder Kleingruppe möchte man sich nur ungern mit Personen anlegen, die Böller dieses Kalibers werfen. Aber man kann es sich auch nicht so einfach machen, alle Verantwortung an die Sicherheitskräfte abzuschieben. Denn die sind unter anderem aus Gründen der Deeskalation nicht in größerer Anzahl im Block. Nehmen wir an, die Polizei und/oder Ordner würden wegen der Wiederholungsgefahr versuchen, identifizierte Übeltäter mit Gewalt aus dem Block zu holen – würde es nicht möglicherweise zu einer Solidarisierung mit den Gesuchten kommen?

Die Sache ist schwierig, ein Dilemma. Denn niemand will Gewalt oder Selbstjustiz unter Fans. Aber müssten sich nicht die Fans gegen die Böllerwerfer solidarisieren und dafür sorgen, dass sie den Ordnungskräften ‚zugeführt‘ werden? Größere Fangruppen und gerade auch die Ultras sollten ein Interesse daran haben, dass im Fanblock und auf dem Spielfeld niemand zu Schaden kommt und der Ruf des Vereins nicht leidet. Fanvertreter werden erst dann als Gesprächspartner ernst genommen werden, wenn es ihnen gelingt, in solchen Situationen Verantwortung zu übernehmen.

Auf die Belehrbarkeit der Leute, die solch extreme Pyrotechnik im Stadion zünden, braucht man nicht zu hoffen. Genau das Gleiche gilt für jene, die rassistische oder antisemitische Sprüche machen. Es muss unter organisierten Fans und größeren Gruppen einen Konsens geben, gegen solche Taten angemessen vorzugehen. Oft kann das nur heißen, bei der schnellen Identifikation der Täter behilflich zu sein – das hat nichts mit Denunziation zu tun. In einigen Fällen können möglicherweise auch deutliche Warnungen helfen. Der Satz „es darf keine Toleranz gegenüber Intoleranz geben“ ist wahr – und Riesenböller im Stadion zu zünden ist verdammt intolerant.

Kollektiv-Haftung nicht ausgeschlossen

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Die DFB-Sportgerichtsbarkeit hat heute das Prinzip der kollektiven Haftung in der 1. Bundesliga eingeführt und geht damit einen Schritt hin zu italienischen Verhältnissen. Zum ersten Mal in der höchsten deutschen Fußball-Spielklasse werden alle Fans eines bestimmten Vereins von einem Spiel ausgesperrt. Betroffen sind die Anhänger des 1. FC Köln, denen für das Auswärtsspiel bei Hoffenheim am 10. April keine Karten verkauft werden dürfen. Das Sportgericht sanktioniert damit das Entzünden von Pyrotechnik bei fünf Kölner Auswärtsspielen in dieser Saison.

Der FC hat den drastischen Sanktionen, die auch eine Geldstrafe und Entschädigungszahlungen an die TSG Hoffenheim beinhalten, bereits zugestimmt. Laut Manager Michael Meier wollte man damit einem Ausschluss von Fans bei Heimspielen entgehen. Der Gedankengang dahinter, dem die Richter ebenfalls gefolgt sein dürften: Mit der Kollektivstrafe soll der Druck auf ’normale‘ friedliche Fans erhöht werden, sich von den Pyromanen zu distanzieren und diese mit Worten oder Taten (sprich: Meldung an Ordner) von Zündeleien abzuhalten.

Ob diese Vorgehensweise notwendig, zielführend und gerechtfertigt ist, darf jedoch bezweifelt werden. Von italienischen Verhältnissen, was vorsätzliche körperliche Gewalt gegen Personen angeht, ist die Bundesliga ein großes Stück entfernt. Es gab und gibt immer wieder hässliche Szenen, gerne bei den verschiedenen Derbys oder anderweitigen Problemspielen wie Rostock v St. Pauli, aber Eskalationen wie in Rom konnte die Polizei bislang vermeiden.

Das vorherrschende Problem in den Erstliga-Stadien ist zurzeit die Pyrotechnik – darum ging es auch im jetzigen DFB-Urteil. Zu erwarten, dass andere Fans das Abbrennen verhindern könnten, scheint jedoch illusorisch. Die Gruppen, in deren Mitte die Pyros entzündet werden, treten meistens geschlossen auf und sind eher beratungsresistent. Insofern trügt die Hoffnung auf Selbstheilungskräfte innerhalb der Fanszene und kann nicht als Rechtfertigung für den Ausschluss aller Fans gelten.

Um an die Problemfans heranzukommen, wäre vielmehr nachhaltige Fanarbeit nötig, die irgendwie finanziert werden muss. Man darf sich selbstverständlich auch hier keine Illusionen machen: Fanprojekte und -abteilungen erreichen bei weitem nicht alle Gruppierungen, insbesondere nicht die, für die Gewalt ein wesentlicher Bestandteil des Erlebnisses Fußball ist. Soziale und gesellschaftliche Probleme lassen sich nicht völlig aus dem Fußball verbannen – unschuldige Fans dafür zu bestrafen, ist der falsche Weg. Die TSG wird ohnehin nicht ganz verhindern können, dass sich Kölner Fans Karten aus dem Heimkontingent besorgen.

Ich möchte die Gewalttäter und Pyrotechniker jedoch nicht ihrer persönlichen Verantwortung entheben. Wie es ohnehin bereits gemacht wird, müssen die Strafverfolgungsbehörden die umfangreichen Videoaufzeichnungen sichten und wenn möglich, die Täter feststellen. Bei zweifelsfrei feststehender Täterschaft können von mir aus lange Stadionverbote verhängt werden – natürlich abgestuft nach Art des Vergehens. Ja, Pyrotechnik sieht schön aus, aber selbst 15-jährige sollten schon begreifen, dass sie gefährlich sein kann und letztendlich allen Fans und dem Verein schadet. Beim Aufspüren der Zündler könnten zusätzliche Ordner im Block helfen – für den Fall, dass die Bengalos etc. ‚heimlich‘ im Schutz der Masse entzündet werden.

Mit dem heutigen Urteil hat das DFB-Sportgericht einen Präzedenzfall geschaffen. Zu befürchten steht, dass wir in Zukunft häufiger ausgesperrte Fans erleben werden. Heute wurden ausgerechnet die im positiven Sinne leidenschaftlichsten Fans kollektiv bestraft: Die, die zu Auswärtsspielen fahren. Ob die wenigen Pyrotechniker und Randalierer unter ihnen dadurch domestiziert oder eher radikalisiert werden, darum kümmert sich das Urteil nicht.