Die Farce ist vollendet

RB Salzburg spielt in der nächsten Saison Champions League – wenn es mal mit der Qualifikation klappen sollte. Man hieße dann plötzlich FC Salzburg. Denn nicht dass es zu Verwechslungen kommt: Ein ‚Verein‘ namens RB Leipzig spielt 2017/18 auf jeden Fall Champions League. Das hat die UEFA nun zugelassen.

Man musste naiv sein, um etwas anderes zu erwarten. Schließlich arbeiten gut bezahlte Anwälte seit einem Jahrzehnt daran, Red Bull den Weg in den Profifußball zu ebnen. Die UEFA hat wahrscheinlich gemäß ihrer Statuten richtig entschieden – nur hätten diese schon längst geändert werden müssen, um die Wettbewerbsintegrität zu schützen.

Man muss auch naiv oder ein Fanboy/-girl sein, um an die Unabhängigkeit von RB Salzburg auf der Entscheidungsebene zu glauben. Jetzt werden manche Beschwichtiger wieder auf die sportlich so tollen Leistungen in Leipzig hinweisen, auf die fairen Fans, auf die angeblich vorbildliche Nachwuchsarbeit. Abgesehen davon, dass diese Idealbilder schon Kratzer bekommen haben (Timo Werner, Auflösung der zweiten Mannschaft): Wenn sich die Frage konkret stellt, ob RB Leipzig gegen RB Salzburg in einem Pflichtspiel eine sportlich faire Begegnung sein kann, wird das Unbehagen zurückkommen. Egal, was die Statuten sagen: Ein solches Spiel sollte unmöglich sein.

Die UEFA kann die Sportlichkeit im Fußball nicht schützen. Vielleicht will sie es auch gar nicht ernsthaft, schon gar nicht in der Champions League. Nun muss man sich als Fußballfan herkömmlicher Prägung überlegen, wie man sich gegenüber dem Produkt Champions League verhalten möchte, das womöglich zwei Produkte von Red Bull beinhaltet. Ich hoffe für die Fans der Letzteren, dass sie sich bei einem RB-internen Duell wenigstens ein klein bisschen unwohl fühlen.

Alle Kritiker, die sich zu einem CL-Boykott durchringen können, obwohl sie etwa BVB- oder Bayern-Fans sind, haben meinen Respekt. Dass der Wettbewerb in Deutschland bald nicht mehr im Free-TV zu sehen sein wird, ist gegen diese UEFA-Entscheidung eine Fußnote.

Leipzig lässt die Maske fallen

Lange genug hat man Kritik erduldet und Bescheidenheit geheuchelt. Nun geht RB Leipzig-Vorstandschef Oliver Mintzlaff in die Offensive, natürlich bei Bild. Die Kritiker des Brausevereins sind von gestern oder „vermummte 18- bis 25-jährige, die sich nicht benehmen können“. Ansonsten ist der Tenor: Wir sind die Guten, weil wir erfolgreich sind. Mit Mintzlaffs Worten:

Wir haben was Historisches erreicht. Und Klischees wie Geld, Tradition und Abneigung gehören der Vergangenheit an. Dass hat auch der Letzte kapiert, wenn er es denn gedanklich zulässt.

Die Zusammenfassung des Grauens gibt es unter anderem bei Spox.com.

Das etwas andere Bayern-Spiel

Schlimm war es 2015: Der BVB schlägt den FCB im Pokal-Halbfinale in München nach Elfmeterschießen. Ich weile im Urlaub in den herrlichen Yorkshire Dales, aber ohne Möglichkeit, deutschen Fußball zu sehen. Das Netradio mit dem weinenden Nobby Dickel bleibt das Höchste der Gefühle. Zwei Jahre später, am vergangenen Samstag, verpasse ich die Begegnung erneut, doch es fühlt sich nicht nur wegen des Ergebnisses ganz anders an.

Natürlich ist die Bedeutung eine andere: Es ist ein Ligaspiel und die Gastgeber haben schon vorher 15 Punkte Vorsprung auf die Borussia. Nur drei Tage später ist Champions League-Viertelfinale gegen die Pep-Bezwinger vom AS Monaco. Und natürlich folgt in wenigen Wochen die Neuauflage des Pokal-Halbfinales in München. Thomas Tuchel selbst vermutete, dass erst dann alle Karten auf den Tisch gelegt würden. Die vielen Verletzten – Reus, Kagawa, Weigl, Durm, um nur vier zu nennen – dienten von vornherein als Entschuldigung, warum man nicht mit einem ’normalen Spitzenspiel‘ rechnen könne.

So kam es: Der BVB hatte in der Arroganz Arena scheinbar wenig zu melden. Jetzt lässt sich trefflich diskutieren, ob die niedrige Erwartungshaltung dafür mitverantwortlich war. Für mich ist diese Vorstellung Küchenpsychologie mit höchstens einem Funken Plausibilität. Die Schwarz-Gelben sind den Bayern in deren jetziger Form schlicht qualitativ unterlegen, wenn wichtige Spieler fehlen. Fragen darf man eher nach dem Spielsystem oder einzelnen Besetzungen. Weiterlesen →

Und wir kritisieren euch doch!

Über Dortmund zieht das sich schon am Sonntag ankündigende Gewitter hinweg und lässt die BVB-Verantwortlichen sowie die große Mehrheit der friedlichen und anständigen Fans im Hagelschauer stehen. Eingebrockt haben uns das wohl egoistische, unverbesserliche Teile der Ultra-Szene sowie die neuen Hooligans. Ja, es wurden Grenzen überschritten, physisch und verbal. Mit diesen Überschreitungen waren vermutlich mindestens 24.500 der 25.000 Südtribünen-Besucher so nicht einverstanden. Diese wurden und werden nun neben allen anderen BVB-Fans von zwei Seiten in Geiselhaft genommen: Einerseits von den widerlichen Kriminellen aus den eigenen Reihen, andererseits durch Medien, Polizei, Politik und natürlich den Gegner vom Samstag.

Denn leider gab es die erwartbare Überreaktion und nur wenige differenzierende Stimmen, nachdem die Polizei Dortmund die Wortwahl vorgegeben hatte – in dieser Form vielleicht auch, um von der Tatsache abzulenken, dass man die Partie gegen RB Leipzig unverständlicherweise nicht als Hochrisikospiel deklariert hatte. Nun wird also allen Ernstes Hans-Joachim Watzke eine moralische Mitschuld an den Ausschreitungen gegeben, weil er sich in der Vergangenheit kritisch zum Dosenklub geäußert hat. Die Vorwürfe kommen nicht nur von organisierten RB-Fans, sondern auch von der Gewerkschaft der Polizei und anderen.

Wie vorhergesagt schlüpft nun RB Leipzig in die Opferrolle, nachdem der Schein der Normalität vorerst nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Um eines klar zu sagen: Auch in Dortmund muss sich etwas ändern. Der Radikalisierung eines kleinen Teils der Fanszene muss Einhalt geboten werden, denn diese Fraktion hat das Potenzial, großen Schaden anzurichten – auch an der Dortmunder Fankultur. Vielleicht kann der Selbstreinigungsprozess tatsächlich nur durch einen einmaligen Zuschauer-Teilausschluss der besonders betroffenen Blöcke angestoßen werden. Ich schreibe das mit Fragezeichen und Bauchschmerzen – aber wir brauchen eine kritische Masse, die sich den Gewalttätern und Idioten gegenüberstellt.

Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Trotz all dem dürfen und müssen wir weiter das Modell RB Leipzig kritisieren. Das taten übrigens schon bisher nicht nur Fans aus Dortmund oder von anderen großen Traditionsvereinen, sondern auch die Anhänger vieler kleinerer Klubs. Selbst in Leipzig gibt es fußballbegeisterte Menschen, die sich nicht von Mateschitz, Rangnick und Co. „zwangsbeglücken“ lassen wollen – wie ein großartiges Blog beweist. Es gibt ja nach wie vor genügend Anlässe für Kritik und diese liegen nicht nur in der Vergangenheit. So war bereits in österreichischen und deutschen Medien nachzulesen, wie der Brause-Konzern dafür sorgen will, dass RB Leipzig und RB Salzburg trotz UEFA-Beschränkungen im Europapokal starten dürfen. Da wird Red Bull mal eben zum bloßen Hauptsponsor der Salzburger herabgestuft – angeblich ohne direktes Mitspracherecht in Vereinsgremien. Und die sportlich gesinnten Fußballfans fragen sich, was passiert, wenn die beiden RB-Klubs in Champions oder Europa League direkt aufeinandertreffen.

Rindfleischburger zum Frühstück

1. Bundesliga, 19. Spieltag / BVB 1 RB Leipzig 0

Ein Sieg für die Freunde des Fußballs – da schmecken die Brötchen und der koffeinhaltige Kaffee am Sonntagmorgen besonders gut. Borussia Dortmund fand gegen den Tabellenzweiten die richtige Taktik und die richtige Einstellung, ließ kaum Chancen zu und hatte es sich selbst zuzuschreiben, dass die beinahe letzte Spielsekunde beinahe noch schrecklich wurde.

Drei Gedanken zum Spiel

Es war auch ein Sieg des Matchplans. Ein Sieg von Thomas Tuchel über seine Kritiker, die tatsächlich äußerst diffus in ihren Argumenten sind und vor allem das nachplappern, was die Bild-Zeitung kolportiert. Gestern hatte sich der Trainer die richtigen Gedanken vor dem Spiel gemacht und seine Spieler setzten sie um. Gegen bekanntlich sehr früh pressende Leipziger einen spielstarken Innenverteidiger wie Marc Bartra zu bringen, zahlte sich aus – auch wenn der Spanier nicht komplett ohne Fehl und Tadel blieb. In der Offensive setzte Tuchel überspitzt gesagt alles auf einen Flügel: Erik Durm und Ousmane Dembelé bildeten über rechts ein technisch starkes, handlungsschnelles Duo, das vor allem in zwei Situationen, darunter das 1:0, glänzend agierte.

Überhaupt: Dem fantastischen Dembelé gebührt in Normalverfassung ein Stammplatz. Mit Auba und ihm zwei äußerst schnelle Spieler gegen die Pressingmaschine Leipzig zu setzen, war ohnehin goldrichtig. Marco Reus erwischte dagegen einen, nun ja, unglücklichen Tag. Einsatz und Laufwege stimmten, doch der Abschluss kostete die Fans der Schwarz-Gelben einige Nerven. Drei Großchancen gegen RB zu vergeben wäre fast unverzeihlich gewesen. Dennoch: Für mich gehört Reus neben Aubameyang und Dembelé in die BVB-Offensive. Dass damit ein 55-Millionen-Duo auf der Bank Platz nehmen muss, haben andere zu verantworten. Weiterlesen →

Wie RB Leipzig normal werden soll

Wir schreiben das Jahr 2016. Der deutsche Fußballalltag sieht mittlerweile so aus: Zehn Spieltage der Bundesliga-Saison sind absolviert. Auf Platz 1 steht der FC Bayern, punktgleich auf Platz 2 RB Leipzig. Was bedeutet der schnelle sportliche Erfolg für die Wahrnehmung des ungeliebten Emporkömmlings? Und welche Strategie verfolgt der Brauseklub bei seiner Selbstdarstellung?

Einerseits bestätigt der aktuelle Tabellenstand schlimmste Befürchtungen. Bei denen, die „das Konstrukt“ ohnehin ablehnen. Wird die Liga schon in absehbarer Zeit zu einem Zweikampf zwischen Dauermeister und Retortenklub? So weit ist es vielleicht noch nicht. Doch für die Akzeptanz beim neutralen oder nur leicht skeptischen Publikum ist die sportliche Situation Gold wert. Auch von BVB-Fans habe ich schon gehört, dass RB ja einen gepflegten Ball spiele. Und das im ersten Jahr in der höchsten Spielklasse, mit jungem Kader und einem Gehaltsbudget im Mittelfeld der Liga, wie Sportdirektor Ralf Rangnick gerne betont.

Der schnelle Erfolg ist eine gute Argumentationshilfe für die Leipziger Verantwortlichen, zumindest gegenüber dem Mainstream-Publikum. Denn noch kann ja nicht die Rede davon sein, dass etablierte Vereine wie der BVB, Schalke oder Gladbach von RBL wirtschaftlich überrollt werden. Dass viel Geld auch in die Strukturen und die Infrastruktur geflosen ist, die den derzeitigen Erfolg begünstigen, wird gerne übersehen. So kann dann unkritisch vom frischen Wind fabuliert werden, den der Klub in der Liga und natürlich im Osten verbreite. Einige Medien sind schon auf diesen Trip gekommen. Weiterlesen →

Der Albtraum wird wahr

1. Bundesliga, 2. Spieltag / RB Leipzig 1 BVB 0

Die Boykotteure werden sich sagen: „Alles richtig gemacht.“ BVB-Fans, die ins Zentralstadion gereist sind, erlebten eine Horrorshow. Ausgerechnet gegen die Borussia gewinnt der Verein, der eigentlich keiner ist, sein erstes Spiel in der 1. Bundesliga. Durch einen Treffer in der 89. Minute. Nach einem vorausgegangenen Handspiel vorbereitet durch 15-Millionen-Mann Oliver Burke und vollendet durch 15-Millionen-Mann Naby Keita.

Nun hat niemand unserem neuen 55-Millionen-Offensivduo verboten, schon vorher zu treffen. André Schürrle traf zumindest die Latte, hätte in der Szene aber auch abgeben können. Ein Problem sind ja weniger die großen Summen, die RB zur Verfügung hat. Da läuft man argumentativ gegen die Wand, wenn man sich immer nur darauf beruft – gerade als BVB-Fan, wie der Auftritt von Jan-Henrik Gruszecki bei Kicker TV auf Eurosport vor Kurzem zeigte. Denn andere Vereine bekommen eben auch viel Geld von Sponsoren.

Das Problem ist, dass der Verein so gar nicht hätte entstehen dürfen. Dass er keine Mitglieder will. Dass er mit anderen Vereinen eng verflechtet ist – was sogar die RB Salzburg-Fans nun nicht mehr so cool finden. Naby Keita kam von eben dort.Und diese Fakten werden nicht zur Vergangenheit, nur weil Zeit vergeht. Auch nicht, wenn wir RBL im Rückspiel aus dem Stadion schießen.

Natürlich hätte es die Borussia gestern besser machen müssen. Ich konnte das Spiel nur teilweise sehen, aber soviel ist klar. In der Abwehr passte es beim Gegentreffer gar nicht. Marc Bartra ließ Keita sträflich aus den Augen. Zu viele Schwarz-Gelbe konzentrierten sich auf Burke. Thomas Tuchel nannte außerdem die Präzision als Problem, Marcel Schmelzer sprach von den nicht genutzten Räumen. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn der Trainer Dembélé früher gebracht hätte.

Dennoch: Es fühlt sich nicht richtig an, was da passiert. Mehr dazu bald. Und wenn jemand Respekt kriegt, dann der andere Aufsteiger aus Freiburg, der die andere Borussia nach Rückstand mit 3:1 bezwang.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Bartra, Schmelzer – Rode, Weigl – Castro (71. Dembélé), Götze, Schürrle (71. Guerreiro) – Aubameyang (85. Ramos). Gelbe Karten: Castro, Bartra

So geht’s los

Am Montag ist Trainingsauftakt bei Borussia Dortmund. Im Juli und August planen die Schwarz-Gelben zehn Testspiele, unter anderem gegen die Premier League-Klubs Manchester United, AFC Sunderland und Manchester City. Doch natürlich warten wir alle auf den Moment, an dem es wieder richtig losgeht. Mit den Pflichtspielen, mit der Bundesliga.

Heute hat die DFL den neuen Spielplan bekanntgegeben. Der BVB hat ein interessantes und nicht zu schweres Auftaktprogramm zu bewältigen. Am 1. Spieltag, am 27. oder 28. August, gibt es ein Heimspiel gegen die mir nach wie vor sympathischen Mainzer. Danach geht es zum nach wie vor äußerst unsympathischen Aufsteiger nach Leipzig – dem man aber gerne so früh begegnet. Ins Westfalenstadion kommen die arg geschwächten Darmstädter und die aufgestiegenen Freiburger. Dazwischen muss die Borussia zum Noch-Schürrle-Klub VfL Wolfsburg. Kein Grund zum Zittern – hier noch mal die Übersicht der ersten fünf Spieltage:

(H) FSV Mainz 05
(A) RB Leipzig
(H) SV Darmstadt 98
(A) VfL Wolfsburg
(H) SC Freiburg

Immer spannend ist natürlich der Gegner am 34. Spieltag. Diesmal kommt Werder Bremen ins Westfalenstadion. Wie 15 Jahre zuvor.

Warum RB Leipzig nicht Normalität wird

Der nun unvermeidliche Aufstieg von Rasenballsport Leipzig in die 1. Bundesliga hat zu einer erneuten Auseinandersetzung der Medien mit dem Konstrukt geführt, das bald den deutschen Fußball aufmischen will. Die Mehrheit der Artikel in Tages- und Sportpresse steht dem Klub von Milliardär Dietrich Mateschitz neugierig oder wohlwollend gegenüber, auch wenn hier und da die Schattenseiten pflichtschuldig benannt werden. Eine Ausnahme bildet der Kommentar von René Hofmann bei Sueddeutsche.de.

Unter den RB-Apologeten kristallisieren sich unterdessen drei Argumentationslinien heraus, die eine genauere Betrachtung lohnen:

  1. Leipzig macht die Bundesliga wieder spannend. Ein sportlich gesehen nachvollziehbarer Wunsch, der nach den letzten paar Spielzeiten Konjunktur hat. Red Bull verfügt mit Sicherheit über die Mittel, langfristig den FC Bayern anzugreifen. Doch darf man sich keinen Illusionen hingeben: Der Vorsprung der Bayern ist immens. Der Rekordmeister wird abgesehen von seinem Festgeldkonto von einer Reihe potenter Sponsoren unterstützt. Und auch der Ruf des FCB wird ihn auf viele Jahre hinaus attraktiver machen als den Emporkömmling aus Sachsen. Früher könnte es RB gelingen, Vereine wie Wolfsburg, Leverkusen, Gladbach oder Schalke einzuholen. Und auch den BVB, wenn weiterhin regelmäßig Topspieler den Verein verlassen. Mateschitz‘ Ziel ist ohne Frage, das höchste Niveau zu erreichen und möglichst bald Champions League zu spielen. Mit RB Salzburg ist er daran regelmäßig gescheitert. Nun soll es also im Land des Weltmeisters gelingen. Die entscheidende Frage in diesem Punkt ist jedoch: Wollen wir überhaupt einen Zweikampf Bayern gegen RB? Soll das die Lösung für den deutschen Liga-Fußball mit seinen vielen anderen beliebten Vereinen sein? Hieße das nicht, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben?
  2. Eigentlich ähnelt RBL dem englischen Sensationsmeister Leicester. Über den grandiosen Erfolg von Leicester City in der Premier League jubelt die Fußballwelt. Vor allem den Romantikern gibt der Titelgewinn der Foxes wieder ein wenig Hoffnung. Nun zieht mancher Kommentator, etwa Dominik Bardow im Tagesspiegel, den Vergleich zum Brauseklub. Hat nicht auch Leicester einen ausländischen Mäzen, der womöglich sogar versteckte Zahlungen geleistet hat, um das Financial Fair Play zu umgehen? Bardow selbst nennt einen gewaltigen Unterschied: Vichai Srivaddhanaprabha hat in einen 1884 gegründeten Verein investiert. Kaum ein Fußballfan hierzulande würde sich echauffieren, wenn Dietrich Mateschitz unter Beachtung der 50+1-Regel sein Geld in einen Traditionsverein wie Dynamo Dresden oder Lok Leipzig gesteckt hätte. Dass der Thailänder Srivaddhanaprabha auch Vereinsvorsitzender in Leicester sein kann, hat mit der ganz anders ausgeprägten Fußball-Vereinskultur in England zu tun. Diese kennt keinen vergleichbaren Schutzmechanismus wie „50+1“. Und trotz der beachtlichen Investitionen des Besitzers ist Leicester finanziell gesehen noch viel mehr Außenseiter als RBL.
  3. Es gibt wieder Hoffnung für den Fußball im Osten. Und nicht nur das: Die Region Leipzig wird am Aufstieg kräftig mitverdienen, wie Wirtschaftswissenschaftler Henning Zülch der Leipziger Volkszeitung erklärt hat. RB ist außerdem bisher nicht durch Problemfans aufgefallen, wie einige der ehemals großen Namen im Ost-Fußball. Also Sport für die ganze Familie, ohne lästige Nebenschauplätze? So weit, so gut – fragt sich nur, was der Rest vom Osten davon hat. Schon heute suchen die Talentscouts von RB Leipzig bundesweit nach Spielern und definieren den Begriff „aus der Region“ großzügig. Das haben sie nicht exklusiv. Aber es spricht einiges dafür, dass Mateschitz‘ Klub für viele junge Fußballer der einzige strahlende Stern im Osten sein und schon früh potenzielle Stars anlocken wird. Sowohl was Fans als auch Spieler angeht, müssen sich die anderen Vereine gegen den Bundesligisten RB Leipzig erst mal behaupten. Dynamo Dresden und Erzgebirge Aue haben die Rückkehr in die zweite Liga geschafft – doch wo werden die Talente hingehen? Es bleibt die äußerst vage Hoffnung, dass RBL als Vorbild für andere Investoren dienen könnte, die dann einen der Ost-Traditionsvereine unterstützen möchten.

Man kann die drei Punkte positiver oder optimistischer sehen. Man kann auch die fatalistische Auffassung vertreten, dass der Siegeszug des Kommerzes ohnehin nicht aufzuhalten ist und man besser die Show genießen sollte. Trotzdem bleiben die eklatanten Geburtsfehler beim Konstrukt RB Leipzig. Egal wie rechtmäßig die ganze Sache nun abgelaufen ist: Ein Verein, der Mitglieder mit anfänglich vierstelligen Jahresbeiträgen abzuschrecken versucht, ist keiner. Bis heute kann man bei RB als Außenstehender kein stimmberechtigtes, sondern nur Fördermitglied werden. Es gibt auch keine Anteilseigner außer Red Bull.

Etwas mehr Respekt hätte der Quasi-Alleinherrscher Mateschitz verdient, wenn er mit seinem „Verein“ in der Kreisklasse eingestiegen wäre, wie es bei einer Neugründung üblich ist. Aber da ihm dieser Weg wohl zu lange war, übernahm man die Oberliga-Lizenz des Umland-Klubs SSV Markranstädt – welche Summen dabei geflossen sind, ist unbekannt. Der SSV wurde nicht etwa aufgelöst, sondern spielte nach einem Jahr als RB Leipzig mit seiner zweiten als neue erste Mannschaft weiter. Heute steht man wieder in der Oberliga. Läuft so das Business?

Aki und der Feind seines Feindes

Ende letzten Monats kritisierte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke das Transfergebaren des Red Bull-Konzerns und seiner Fußballvereine, nachdem ein Spieler aus Österreich per Auslands-Ausstiegsklausel von RB Leipzig verpflichtet und dann direkt zu RB Salzburg weiterverschoben wurde. Nur wenige Tage später verkündete er, wenn die DFL die „demokratischen Regeln des Fußballs“ überwache, sei er „überhaupt kein Gegner von RB Leipzig“. Nun machte er sich gegenüber der „FAZ“ erneut für das Leipziger Projekt stark:

Leipzig wird in meinen Augen ein richtig großer Verein. Ein großer Verein ist für mich nicht derjenige, der zweihundert Jahre alt ist, ein großer Verein ist in meinen Augen ein Klub, der die Herzen vieler Fans bewegt, die regelmäßig in großer Zahl ins Stadion gehen oder auch Sky-Abos kaufen und so dazu beitragen, den deutschen Fußball in Gänze zu stärken.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte Watzkes neuer Intimfeind Karl-Heinz Rummenigge vor einer Missachtung der Financial Fair Play-Regeln durch RB Leipzig gewarnt. Dass dabei das stetige Bemühen der Bayern-Granden, einen künftigen Konkurrenten klein zu halten, auch eine Rolle gespielt haben dürfte, ist naheliegend

Macht ‚Aki‘ mit seinem Eintreten für den Ost-Fußball also nur wieder Front gegen die Bayern? So einfach ist es – leider – nicht. Über solche Kinderspielchen könnte man hinwegsehen. Doch Watzke vertritt nicht zum ersten Mal eine rein betriebswirtschaftlich geprägte Auffassung des Sports, die auf dem Recht des Stärkeren, dem Recht des Erfolgreichen basiert – und sich damit gerade doch an die beim Kontrahenten im Süden verbreiteten Denkmuster anlehnt.

Weil er in Leipzig ein so großes Potenzial an Fans, Stadiongängern und „Sky“-Kunden ausmacht, geht er in seinen jüngsten Äußerungen über die keineswegs demokratischen Strukturen des Klubs hinweg. RB verlangte bisher bekanntlich horrende Mitgliedsbeiträge, um eine Mitbestimmung durch dem Imperium nicht ergebene Personen auszuschließen. Bei der DFL muss der Werksverein, den es eigentlich nicht mehr hätte geben dürfen, noch ein Konzept vorlegen, wie an diesem Punkt nachgebessert werden kann. Von weichen Werten und Wettbewerbsverzerrung braucht man da eigentlich gar nicht mehr anzufangen.

Doch Hans-Joachim Watzke scheint mal wieder nur die Euro-Zeichen zu sehen. So war es auch bei dem von ihm selbst im FAZ-Artikel noch mal erwähnten Vorschlag, bei der Verteilung der Fernsehgelder Faktoren wie Tradition und Zuschaueraufkommen zu berücksichtigen – „Any Given Weekend“ kommentierte das bereits 2009. Dass er mit dem populistischen Vorschlag nicht nur die einstmals ungeliebten Hoffenheimer und Wolfsburger, sondern auch Klubs wie Paderborn und Augsburg träfe, die gerade aus eigener Kraft ihren sportlichen Traum leben und versuchen, möglichst lange nicht aufzuwachen, ist ihm scheinbar egal. Seine ohnehin kaum umsetzbare Idee – wie misst man Tradition, wenn selbst die TSG Hoffenheim angeblich 115 Jahre alt ist? – würde auch Vereine aus dünner besiedelten Regionen benachteiligen.

Nein, Aki, bei dieser rein profitorientierten Haltung, die wesentliche Werte außer Acht lässt, kann ich nicht mit. Die Aussagen über RB Leipzig dürften für viele Fußballfans – auch und gerade von Ost-Traditionsvereinen – wie Hohn klingen. Was uns in der neuen Brause-Welt noch alles blühen könnte, ist doch gar nicht so schwer auszumalen: Was passiert eigentlich, wenn eines (hoffentlich fernen) Tages RB Leipzig und RB Salzburg in eine Champions League-Gruppe gelost werden und einer der beiden Klubs noch ein bestimmtes Ergebnis braucht?