Wie ich beinahe Lothar Matthäus lieben lernte

1. Bundesliga, 11. Spieltag / BVB 3 Bayern München 2

An so einem Abend geschehen Zeichen und Wunder: Sky-Experte Lothar Matthäus führte nach dem Topspiel ein engagiertes Interview mit Marco Reus, stellte interessante Fragen mit zuvor gut beobachteten Inhalten und wirkte generell begeistert von der Dortmunder Leistung und der Partie insgesamt. Das war erfreulich weit entfernt vom üblichen Standard-nach-dem-Spiel-Gefrage der TV-Journalisten. Für einen kurzen Moment wünschte ich mir – wohl vergeblich – dass Lothar meinen bald Trainer-losen Zweitverein SV Babelsberg 03 übernimmt.

Über die ganze Breite der Südtribüne war gestern ein Banner gespannt, das sich unmissverständlich gegen die Teilnahme von Borussia Dortmund an einer Elite-Liga aussprach. Es passte perfekt zur Gelegenheit: Ein solches Topspiel ist so nur in der Bundesliga denkbar; in einer European Super League wäre dieselbe Begegnung entwertet. Auch wenn das einige RB Leipzig-Fans vielleicht nicht verstehen.

BVB gegen Bayern bot gestern Abend alles, was sich die weltweit zuschauenden Menschen und übertragenden TV-Sender erhofft hatten. Es war mal wieder eine Partie auf Augenhöhe – zum Nägelkauen, auf dem Sitz hin- und herrutschen, Aufregen. Und am Ende jubelten die Schwarz-Gelben, nachdem Robert Lewandowski uns kurz die Hände vors Gesicht schlagen ließ, ehe sein Treffer in der 90+5. Minute zurecht als Abseits gewertet wurde. Weiterlesen „Wie ich beinahe Lothar Matthäus lieben lernte“

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Dortmund holt alles was zählt

DFB-Pokal, Halbfinale / Bayern München 2 BVB 3

Es ist viel mehr als nur ein Finaleinzug, ja sogar mehr als nur ein neuer Rekord für den BVB: Der Sieg beim FC Bayern macht aus einem diffusen Unbehagen über Aspekte des Vereins und des ‚modernen Fußballs‘ gelöste Glückseligkeit. Ging wahrscheinlich nicht nur mir so. Die Dramaturgie des Halbfinales von München folgte dabei dem Ligaspiel in Mönchengladbach – nur dass es die Schwarz-Gelben mit einem viel stärkeren Gegner zu tun hatten, dessen Weiterkommen die logische Konsequenz gewesen wäre.

Drei Gedanken zum Spiel

Was war das denn für ein Spielverlauf? Wir starten gut gegen den FC Bayern: typisch. Wir gehen sogar in Führung: auch schon vorgekommen. Der FCB zieht das Spiel an sich und dreht auch das Ergebnis: typisch Bayern. Und dann? Ich würde schreiben, wir waren doch schon tot – wenn es gerade nicht so makaber wäre. Spätestens nach der Bayern-Führung war die Borussia weg vom Fenster und viel zu weit weg von den Gegenspielern. Doch die Gastgeber ließen eine Reihe hochkarätiger Chancen aus, vor allem durch Lewandowski und Robben. Und dann reichten eine großartige Vorbereitung und ein großartiges Tor von Ousmane Dembelé, verbunden mit einem Fehler von Bayern-Kapitän Lahm, dieses Spiel unfassbarerweise erneut zu drehen.

Die jetzt natürlich wieder alles hinterfragenden Rekordmeister verloren aber in erster Linie, weil sie ihre Riesengelegenheiten nicht nutzten. Man könnte jetzt auch nicht sagen, was Manuel Neuer bei den drei Treffern besser gemacht hätte – obwohl ihm irgendein teuflischer Stunt immer zuzutrauen ist. Weiterlesen „Dortmund holt alles was zählt“

Eichin hat’s gewusst

1. Bundesliga, 27. Spieltag / BVB 0 Bayern München 1

Nach dem Samstagabend-Spiel dürfte Frust unter BVB-Fans das vorherrschende Gefühl sein. Ähnlich wie im Pokalfinale war es eine Partie der zwei Wahrheiten. Der FC Bayern hatte die Sache zumindest taktisch lange im Griff, doch die Borussia wurde vom Schiedsrichter erneut entscheidend benachteiligt.

Konzedieren muss man, dass Pep Guardiola es vor allem in der ersten Hälfte besser schaffte, sein dezimiertes Team effizient agieren zu lassen. Die Gäste waren zur Pause genau das eine Tor besser, das Robert Lewandowski nahezu allein zuzuschreiben ist. Er gewann im Mittelfeld den Zweikampf gegen den aufgerückten Hummels. Nachdem Weidenfeller aus dem Kasten geeilt war und gegen Müller pariert hatte, brauchte es aber jede Menge Bayern-Dusel, dass der Ball genau in Lewandowskis Richtung sprang, so dass dieser ins leere Tor köpfen konnte.

Guardiola für seine Aufstellung wieder als Taktikguru zu feiern, wie es der „Kicker“ ansatzweise tut, ist allerdings überzogen. Die Idee, dank einer Dreierkette hinten das Mittelfeld zu verdichten, ist gegen den flügellahmen BVB sowas von naheliegend, wenn man die personelle Qualität in der Innenverteidigung hat. Gestern sah die Situation auf den Außenverteidiger-Positionen der Schwarz-Gelben bekanntlich noch trister aus als sonst: Es spielten der gelernte Innenverteidiger Sokratis rechts und der gerade genesene Marcel Schmelzer links. Die beiden konnten den offensiveren Außen Kuba und Kampl so gut wie keine Unterstützung geben, so dass die Borussia über die Flügel weitestgehend ungefährlich blieb.

Dennoch hatten die Schwarz-Gelben in den zweiten 45 Minuten mehrere Chancen auf mindestens einen Punkt. Reus verzog alleine vor Neuer; kurz vor Schluss parierte Letzterer einen Freistoß des Ersteren auf der Linie im linken Winkel. Aubameyang hielt von rechts drauf, als er besser abgespielt hätte. Etwas Zählbares wäre für den BVB verdient gewesen, denn vom FCB kamen genauso wenige Torszenen wie von den Gastgebern. Ein meisterwürdiges Spiel lieferte Peps Elf nicht ab – nicht dass das für einen Meister in jeder Begegnung verpflichtend wäre. Weiterlesen „Eichin hat’s gewusst“

Trotzdem Super

Supercup / BVB 2 Bayern München 0

Is‘ ja nur Supercup… aber trotzdem schön, ihn zu haben! Mit einer deutlichen Leistungssteigerung wichtiger Akteure gegenüber dem Liverpool-Spiel und dank des Spieler-Roulettes von Pep Guardiola hat sich Borussia Dortmund die erste Trophäe der Saison gesichert. Nicht zu vergessen: die Arbeit von Jürgen Klopp, der den schwarz-gelben Jungs viel taktische Flexibilität verordnet hatte.

Gerade in der Offensive wurde innerhalb des Spiels immer wieder rotiert: So fanden sich mal Hofmann, mal Mkhitaryan in der zentralen Position wieder – und der starke Aubameyang wich immer wieder mal auf die Flügel aus. Bayern gewann die Ballbesitz-Wertung der ersten Halbzeit, aber kriegte nur einen Schuss von Shaqiri aufs Tor. Vor allem die schwarz-gelbe Innenverteidigung zeigte sich stark verbessert gegenüber dem Auftritt an der Anfield Road – Sokratis ohnehin, Neuling Ginter nach einem Flüchtigkeitsfehler ebenfalls.

Pep Guardiola hatte eine gewagte Mittelfeld-Formation gewählt: Vor einer nominellen Dreier-Abwehr spielten die Nachwuchskräfte Hojberg und Gaudino neben den Neuzugängen Rode und Bernat. Dortmund hatte im Zentrum in entscheidenden Situationen Vorteile. Der Spielaufbau lief flüssiger, auch weil Kirch und vor allem Mkhitaryan mehr Platz hatten – und der Armenier richtig viel draus machte. In der 23. Minute zog „Miki“ an, gab zu Aubameyang weiter, dessen unfreiwilligen Abpraller er dann wuchtig versenkte. Der Junge kann so viel und ich bin ziemlich sicher, dass er in dieser Saison noch mehr davon zeigen wird.

Nach dem Dortmunder Führungstreffer verschob sich das spielerische Moment endgültig zugunsten des BVB – und dabei sollte es bleiben. Guardiola musste nach einer guten halben Stunde Martinez mit Verdacht auf eine Knieverletzung ersetzen, doch auch die nicht erzwungenen Wechsel – Lahm und Götze kamen für Müller und Höjberg – änderten nichts an der Richtung, in die das Spiel lief. Lewandowski konnte sich nur einmal kurz nach der Pause nachhaltig in Szene setzen, doch Keeper Mitch Langerak bestätigte in dieser Szene seine blitzsaubere Leistung. Mehr zu tun hatte freilich Manuel Neuer – x Bälle wehrte er mit zwei Fäusten ab. Ein etwas platzierterer Abschluss und die Partie hätte früher entschieden sein können.

Das folgerichtige 2:0 durch Pierre-Emerick Aubameyangs Kopfball fiel nach einem Doppelpass mit dem ebenfalls verbesserten Lukasz Piszczek. Da dachte man gerade, Auba sei seriös geworden mit seiner braven Frisur, da holt unsere Nummer 17 eine Spiderman-Maske aus dem Stutzen und setzt sie auf. Manche mögen das albern finden, ich fands gerade in diesem Spiel richtig cool – ein bisschen Spaß muss sein.

Was in Hälfte 2 noch auffiel: Eric Durm durfte für Marcel Schmelzer ran, der bei der Martinez-Verletzung vom Spanier am Arm getroffen worden war. Und mit ihm kam einfach deutlich mehr Schwung auf die linke Seite – eine Tatsache, die irgendwann auch mal Jürgen Klopp zu denken geben muss. Ciro Immobile war noch etwas zu eigensinnig – einige seiner Schüsse waren ordentliche Torannäherungen, jedoch in Szenen, wo der italienische Neuzugang mit einem Abspiel für noch mehr Gefahr hätte sorgen können.

Und dann war da die hässliche Bayern-Verlierer-Fratze in Form des frustrierten Jerome Boateng, der Oliver Kirch an der Seitenlinie übel umsenste und dafür mit Gelb zu gut bedient war. Ist aber auch hart, wenn man gegen den Konkurrenten eine Torschussbilanz von rund 3:21 aufweist.

Muss man jetzt noch mal erwähnen, dass diese Bayern nicht die Bayern der nächsten Monate sein werden? Wir bleiben lieber bei Schwarz-Gelb: Da haben Spieler und Trainer heute erneut bewiesen, wie lernfähig sie sind. Wir haben den Supercup und auf einmal auch keine Angst mehr vor Leverkusen!

Die Aufstellung: Langerak – Piszczek, Sokratis, Ginter, Schmelzer (46. Durm) – Kehl, Kirch (85. Bender), Mkhitaryan, Hofmann – Aubameyang (63. Ramos), Immobile. Tore: Mkhitaryan, Aubameyang

Was nun, Borussia?

Während anderswo schon diskutiert wird, ob es Roman Weidenfeller von 0 auf Platz 1 in Joachim Löws Torwart-Charts schafft, wirft dieses Blog noch mal einen Blick zurück und selbstverständlich einen voraus in die nahe Zukunft von Borussia Dortmund. Die nüchternen Fakten der schwarz-gelben Saison lauten: Vizemeister mit 19 Punkten Rückstand auf den FC Bayern und sieben Vorsprung auf die Blauen. Im Pokalfinale unglücklich am Meister gescheitert. In der Champions League im Viertelfinale denkbar knapp dem späteren Sieger unterlegen. Das ist alles andere als eine Bilanz des Scheiterns – das ist die Behauptung eines sehr hohen Niveaus.

Natürlich gab es Partien, die enttäuscht haben. Sie waren häufig genug mit dem Fehlen wichtiger Stammkräfte verbunden und dennoch durfte man sich einige Male zu Recht ärgern – erinnern wir uns etwa an das letzte Hinserienspiel gegen Hertha BSC. Doch welcher Verein kann solche Rückschläge über eine ganze Saison schon vermeiden? Gemessen an den finanziellen Kräfteverhältnissen ist der BVB jedenfalls weiterhin ‚over-achiever‘.

Doch wie geht es weiter? Unbestritten ist der Weggang von Robert Lewandowski ein beträchtlicher Einschnitt für den Verein, der vermutlich nicht ohne Weiteres kompensiert werden kann. Es sieht danach aus, dass Jürgen Klopp und Michael Zorc nach Adrian Ramos noch einen zweiten Topstürmer verpflichten wollen, um die Last auf mindestens vier Schultern zu verteilen. Im Gespräch ist nach wie vor Italiens Torjäger Ciro Immobile, dessen Transferrechte bei den beiden Turiner Serie A-Klubs liegen. Doch sicher ist hier noch nichts: Unter 20 Millionen Euro wird der Spieler nicht zu bekommen sein und zumindest gerüchteweise sollen Atletico Madrid und der FC Barcelona ebenfalls Interesse (gehabt) haben.

Ob es nun Immobile oder jemand anders wird: Ein zweiter Topstürmer birgt die Frage, ob es den Verantwortlichen um taktische Flexibilität (Zwei-Mann-Sturm), motivationsfördernde Konkurrenz oder einfach die Sicherheit eines erstklassigen Kaders geht. Keiner der beiden Spieler ist wohl so einzuschätzen, dass er sich monatelang still auf die Bank setzen würde. Außerdem gibt es mit Ji Dong-Won und Aubameyang weitere Kandidaten für den Angriff, über deren Einsatzmöglichkeiten man sich Gedanken machen muss. Doch will man Lewa halbwegs adäquat ersetzen, muss die Borussia wohl klotzen statt kleckern und auf das Beste hoffen. Finanziell verrückte Sachen wird die Führung hoffentlich nicht machen.

Zu hoffen bleibt auch, dass die Stärkung der Defensive nicht wieder hinten runter rutscht. Mit Matthias Ginter vom SC Freiburg ist ein junger und sehr flexibler Spieler im Gespräch. Wie schon im letzten Sommer halte ich es für wichtig, einen Mann zu holen, der überzeugend eine oder beide Außenverteidiger-Positionen bekleiden kann – dort war die Leistungsdichte in der letzten Saison am geringsten. Viel mehr muss man gar nicht tun – schließlich werden nach derzeitigem Stand Bender, Gündogan und Kuba zurückkehren und den Kader von innen vertiefen. Schön wäre natürlich, die wichtigen Deals vor der WM abzuwickeln, um neue Unsicherheiten durch das Turnier zu vermeiden.

Schön war’s, Jungs!

1. Bundesliga, 34. Spieltag / Hertha BSC 0 BVB 4

Zwar gab es in dieser letzten Partie der Saison in den Mittelteilen beider Halbzeiten etwas Leerlauf, doch was will man meckern, wenn die schwarz-gelben Jungs kaum Chancen zulassen und ihrerseits vier zum Teil richtig schöne Tore schießen? Nehmen wir das1:0 durch den neuen Torschützenkönig Robert Lewandowski nach einem tollen Hummels-Pass durch die Hertha-Abwehr. Oder die indiviuelle Klasse, die Milos Jojic vor und bei seinem Schlenzer von rechts zum 2:0 bewies.

Es waren spätestens nach der besten Hertha-Chance, einem Kopfball von Wagner, den Sahin in der 4. Minute auf der Linie klärte, die Borussen, die das Spiel qualitativ dominierten. Irreführenderweise verbuchten die Gastgeber neun Ecken und der BVB keine, doch die Schwarz-Gelben trafen dennoch per Standard: Lewandowski kann auch Freistoß, zirkelte den Ball in der 80. Minute direkt über die Mauer ins Tor.

Es war auch stimmungsmäßig ein ansehnlicher und hörbarer Liga-Abschluss, es gab Choreographien von beiden Seiten und am Ende wollten alle Bayern ohne Hosen sehen. Aber dazu kommen wir noch.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Friedrich, Hummels (56. Sokratis), Schmelzer – Sahin (46. Kirch), Jojic – Großkreutz, Mkhitaryan, Reus (70. Aubameyang) – Lewandowski. Tore: Lewandowski (2), Jojic, Mkhitaryan

Glaubwürdiges Unentschieden

1. Bundesliga, 32. Spieltag / Bayer Leverkusen 2 BVB 2

Borussia Dortmund bleibt voll engagiert, kommt zweimal nach Rückstand zurück und schafft ein sehr respektables Unentschieden in Leverkusen. Kleine Unkonzentriertheiten und ein wenig Stagnation bei dem ein oder anderen Akteur sorgten dafür, dass nicht mehr daraus wurde.

Jürgen Klopp ließ Oliver Kirch für den verletzten Kehl neben Sahin im zentralen Mittelfeld ran; über rechts durfte sich Jojic versuchen. Die erste Halbzeit der Partie war geprägt von hoch stehenden Abwehrreihen und hohem Niveau, wogegen die zweiten 45 Minuten deutlich abfielen. Zunächst entwickelte sich ein spannender Schlagabtausch zweier Spitzenmannschaften, der schon nach sieben Minuten im Führungstor für die Gastgeber mündete. Dabei war für Schwarz-Gelb jede Menge Pech im Spiel: Von Kießling prallte eine Son-Flanke an die Latte, so dass Weidenfeller und ein auf der Linie stehender Verteidiger nicht eingreifen konnten. Der Ball prallte vielmehr fröhlich zurück in den Fünfmeterraum, wo Lars Bender zur Stelle war.

Die Borussia war keineswegs geschockt, sondern hielt gleich dagegen. Wobei sich ein Muster schon früh abzeichnete, das später noch stärker zum Tragen kommen sollte: Nach unverhofften Balleroberungen agierten die schwarz-gelben Jungs mit starkem Umschaltspiel, der Aufbau von hinten wirkte jedoch deutlich ideenloser. Hummels‘ Pässe kamen nicht immer präzise an, in derselben Hinsicht zeigte auch Olli Kirch Licht und Schatten. Und Nuri Sahin kommt schon seit Monaten nicht aus dem Durchschnitt hinaus. Dennoch: Das Spiel war schnell und ansehnlich und der Ausgleich, wenn auch nach Standard, absolut verdient. Einen Reus-Freistoß von links platzierte Kirch mit dem Rücken zum Tor mit dem Kopf ins lange Eck.

Doch nur sechs Minuten später lag der BVB erneut hinten. Es war ohne Frage ein starker Leverkusener Angriff mit Seitenwechseln, doch dass an dessen Ende Castro mutterseelenallein links vor dem Dortmunder Tor stand, wäre vielleicht trotzdem zu vermeiden gewesen. Beim erneuten Ausgleich dürfte sich dafür Lewandowski der Trainer über einen seiner Spieler geärgert haben. Roberto Hilbert streckte im Strafraum die Hand zum Himmel, die prompt den Ball traf. Beim fälligen Elfmeter bewies Marco Reus auch gegen den Elfmeterkiller Leno seine bestechende Form, traf hoch genug knapp rechts von der Mitte das Tor. Ach hätte er doch nur kurze Zeit später allein vor dem Keeper erneut einen solchen Riecher gehabt.

In der zweiten Hälfte ließen sich die Leverkusener weiter zurückfallen und Dortmund fiel wenig ein. Da war viel Stückwerk dabei – auch weil Großkreutz oder Mkhitaryan abbauten und es nicht der Tag von Robert Lewandowski war, der sich in Zweikämpfen aufrieb und eine Portion Frust aufbaute. Da auch die Wechsel – Aubameyang und Hofmann kamen für Mkhitaryan und Jojic, kurz vor Schluss Schieber für Lewy – so gut wie nichts brachten, muss man zugestehen, dass die Gastgeber in dieser Halbzeit ein wenig mehr überzeugten. Doch dafür durfte sich die schwarz-gelbe Defensive mal wieder auszeichnen: Weidenfeller rettete beispielsweise einhändig allein gegen Brandt und Sokratis wurde einmal mehr zum König des präzisen Last-Second-Tacklings.

Es fehlen momentan ein paar Prozent im Aufbauspiel, die Besetzung des zentralen Mittelfelds ist nicht optimal, aber alles in allem kann die Borussia ihre gute Form konservieren. Nach einem Abschenken der Bundesliga sieht es wirklich nicht aus und für das letzte Heimspiel gegen die Freunde aus Hoffenheim sollte die Motivation allemal da sein.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Sokratis, Hummels, Großkreutz – Kirch, Sahin – Jojic (82. Hofmann), Reus, Mkhitaryan (75. Aubameyang) – Lewandowski (90. Schieber). Gelbe Karte: Lewandowski. Tore: Kirch, Reus (EM)

Kälte in der Freiburger Wärme gefragt

Über 20 Grad im Breisgau, ein sympathischer Klub mit einem ebensolchen Trainer, dem vor der Saison die halbe Mannschaft weggekauft wurde und der nun erwartbar im Abstiegskampf steckt. Freiburg strahlt Wärme aus, auch und gerade an diesem Wochenende. Christian Streich und die Fans des Sportclubs haben notgedrungen gelernt, nach jedem Rückschlag wieder aufzustehen und es wäre ihnen allemal zu gönnen, wenn sie erstklassig blieben.

Man kann davon ausgehen, dass sich Jürgen Klopp und die schwarz-gelben Jungs vergleichbare Gedanken vor und während des Spiels im Dreisamstadion nicht machen werden. Dennoch wird es am Sonntagnachmittag darum gehen, in möglicherweise hitziger Atmosphäre auf dem Platz kühl zu bleiben und nicht unaufmerksam und fahrig aufzutreten wie beim anderen Abstiegskandidaten in Hamburg. Der Sportclub hat prinzipiell eine gute Spielkultur, doch reicht die Qualität aufgrund des personellen Aderlasses selten für fehlerfreie Auftritte. Jürgen Klopp charakterisiert die Freiburger Leistungen in der heutigen Pressekonferenz treffend, wenn er sagt, dass Streichs Team immer im Spiel sei. Ein Zusammenbruch wie etwa gelegentlich bei den Blauen wird man von den Breisgauern nicht erleben – was nicht heißen muss, dass man gegen sie nicht mal höher gewinnen kann.

Christian Streich muss übermorgen auf Mittelfeldmann Vaclav Pilar und Stürmer Sebastian Freis verzichten. Beide sind keine absoluten Stammkräfte; der von Wolfsburg ausgeliehene Pilar hatte in dieser Saison besonders lange mit Verletzungen zu kämpfen. Jürgen Klopp ließ einen Einsatz von Robert Lewandowski, der mit einer Bänderdehnung von der Nationalmannschaft abreiste, offen. Ein Verletzungsrisiko scheint der BVB-Trainer beim Tabellen-17. nicht eingehen zu wollen, Gedanken über den Ersatz hat er sich schon gemacht. Ob im Fall der Fälle aber Schieber oder Aubameyang den Vorzug im Sturmzentrum erhalten würde, wollte er noch nicht verraten. Die Variante mit dem treffsicheren Neuzugang in der Mitte und Reus sowie Großkreutz auf den Flügeln erscheint jedoch deutlich wahrscheinlicher. Marvin Duksch kommt wegen einer Verletzung nicht in Frage. In der Innenverteidigung dürfte unterdessen das Duo Hummels / Sokratis wiedervereint werden.

Nebenbei konterte Jürgen Klopp heute auch mit deutlichen Worten und feiner Ironie den immer unerträglicher egozentrischen Matthias Sammer, der die Arbeit der Bayern-Konkurrenten in Frage gestellt hatte. Endlich mal keine Ergebenheitsadressen an den größten Klub aller Zeiten – und Klopp stellt es auch noch deutlich geschickter als ‚Aki‘ Watzke an.

Als ob nichts gewesen wäre

1. Bundesliga, 23. Spieltag / BVB 3 1. FC Nürnberg 0

Die Borussia siegt gegen formstarke Nürnberger dank einer sehr guten Mannschaftsleistung garniert mit Nachweisen individueller Klasse. Also allem, was man braucht, um in der Bundesliga erfolgreich zu sein. Der Dortmunder Auftritt beweist, dass die Pleite beim HSV nur einen Ausrutscher darstellte – der Bremer, dass sie unnötig war.

Das Auftreten der Schwarz-Gelben legt auch nahe, dass die Nicht-Leistung in Hamburg nicht auf die leichte Schulter genommen wurde. Der Einsatz wirkte 50 Prozent besser, etwa beim auch hier kritisierten Marcel Schmelzer, der ein gutes Spiel machte. Mit Hummels und Sokratis war die aktuelle 1A-Innenverteidigung am Werk, die jedoch für die einzige Chance der Nürnberger aus dem Spiel heraus sorgte. Es war die Schuld des Griechen, der einen schlampigen Pass auf Mats spielte, den Pekhart abfangen konnte – zum Glück traf er im Anschluss nur den Pfosten. Sokratis, der am Dienstag in der CL noch beängstigend lange verletzt auf dem Feld gelegen hatte, musste wegen seiner Achillessehne noch vor der Pause runter.

Der BVB hatte das Spiel im Griff, obwohl er den Gästen in der ersten Hälfte verhältnismäßig viel Ballbesitz gestattete – oder deswegen? Konstantes Pressing ließ Jürgen Klopp jedenfalls nicht praktizieren; dafür stand die Abwehr mit der erwähnten Ausnahme sicher und die Offensivabteilung ließ sich die Partie unter der Woche nicht anmerken. Nürnberg tat sich schwer nach vorne und offenbarte Lücken, wenn Mkhitaryan, Lewandowski, Großkreutz oder gelegentlich Sahin schnelle Angriffe inszenierten. Den Schwarz-Gelben konnte man gestern nur vorwerfen, dass es zu lange 0:0 stand. Die Chancenverwertung bleibt ausbaufähig, doch immerhin war Konsequenz in den gut anzusehenden Spielzügen zu spüren.

In der 49. Minute hätte es für Schiedsrichter Dingert nur eine richtige Entscheidung gegeben, als Pogatetz Mkhitaryan am Strafraumeck von hinten in die Beine grätschte – es gibt wenig klarere Elfer. Dafür stand beim erlösenden 1:0 Lewandowski leicht im Abseits, als er den Ball von Sahins Freistoß aufs Tor köpfte. Schäfer konnte abwehren, aber Hummels stocherte die Kugel auf der Torlinie ins Netz. Henrikh Mkhitaryan sorgte mit seinem Querpass auf Lewa für die Vorbereitung zum 2:0 und erzielte selbst ganz cool das dritte, nachdem Hofmann Pogatetz zuvor einen tollen Pass durch die Beine gespielt hatte. In Abwesenheit von Reus spielten ‚Miki‘ und Lewa richtig stark auf, assistiert von enorm fleißigen Außenspielern. Nicht zu vergessen: Kapitän Sebastian Kehl findet mehr und mehr zu früherer Souveränität zurück.

Es war eine schöne zweite Halbzeit, auch wenn das Spannendste nach dem 2:0 die Frage war, wie viele Sekunden Milos Jojic nach seiner Einwechslung für ein Tor brauchen würde. Der einzige Wermutstropfen: Es wird noch gezählt.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Sokratis (36. Friedrich), Hummels, Schmelzer – Sahin, Kehl – Aubameyang (71. Hofmann), Mkhitaryan (85. Jojic), Großkreutz – Lewandowski. Tore: Hummels, Lewandowski, Mkhitaryan

Unter der Woche wird gearbeitet

Champions League, Achtelfinale / Zenit St. Petersburg 2 BVB 4

Eine gegenüber Samstag nicht wiederzuerkennende schwarz-gelbe Mannschaft gewinnt in St. Petersburg und hat beste Chancen, erneut das Viertelfinale der Champions League zu erreichen. Die Akteure waren allerdings zum großen Teil dieselben wie am Wochenende; nur Kehl und Reus kamen neu ins Team. Ein hervorragendes Beispiel für den Unterschied wie Tag und Nacht: Marcel Schmelzer. Von dem sehr behäbigen, unkonzentrierten ‚Schmelle‘ vom Hamburg-Spiel war nichts mehr zu sehen – gestern Abend war er ein Vorbild an Laufbereitschaft, Zweikampfverhalten und Einsatz. Wollen wir hoffen, dass er und die anderen eine Lektion gelernt und nicht nur einfach in den Champions League-Overdrive geschaltet haben.

Die vier Auswärtstore des BVB hatten auch viel mit Marco Reus zu tun – an dreien war er direkt beteiligt. Ein ganz großer Schritt war bereits mit dem Doppelschlag in der 4. und 5. Minute zu tun. Zunächst schnappt sich Reus den Ball und läuft einfach immer weiter, obwohl er von Zenit-Spielern mehrfach angegangen wird. Erst im Strafraum kommt er zu Fall, doch den freien Ball schießt Mkhitaryan ins Tor. Der Neuzugang bereitet kurz darauf mit einer Vorlage für Großkreutz das 2:0 vor. Kevin lässt in den Lauf von Reus abtropfen und der vollendet von rechts ins lange Eck, fast wie ‚Miki‘ eine Minute zuvor.

Auch wenn in der ersten Hälfte eine Reihe von vielversprechenden Spielzügen gegen scheinbar wirklich sehr kalt gestartete St. Petersburger nicht effektiv genug zu Ende geführt wurden, hatte die Borussia die Partie für eine Auswärtsmannschaft beeindruckend im Griff. Da brannte auch nichts an, als die Gastgeber durch ein Abseitstor und einen viel zu harten Elfmeter in der zweiten Halbzeit zweimal verkürzen konnten. Denn es gibt ja noch den talentierten Mr. Lewandowski, der von Piszczek und eben wieder Reus mustergültig bedient wurde und aus zentraler Position zweimal traf. Es war erneut eine Glanzvorstellung des polnischen Torjägers und es bleibt erneut die Erkenntnis, dass der BVB ihn in der nächsten Saison extrem vermissen wird.

Eine großartige Vorstellung zeigte allerdings auch fast die komplette Belegschaft, nur Nuri Sahin fiel leicht ab. Richtig zu schätzen kann man das trotzdem erst wissen, wenn am Samstag drei Punkte gegen Nürnberg raus springen.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Friedrich, Sokratis, Schmelzer – Kehl, Sahin – Großkreutz (90. +1 Durm), Mkhitaryan (70. Aubameyang), Reus (85. Hofmann) – Lewandowski. Gelbe Karte: Piszczek. Tore: Mkhitaryan, Reus, Lewandowski (2)