Auf roten Sitzen aus der Krise

In den letzten Jahren sorgten die ‚pinken‘ Sitze in Sunderlands Stadium of Light immer wieder für Spott. Die auch im Nordosten Englands manchmal scheinende Sonne hatte für die Verfärbungen gesorgt. Nun erstrahlen 31.000 der größtenteils fest installierten Klappsitze wieder in leuchtendem Rot. Die Ecken des Stadions sind in Weiß, der zweiten Vereinsfarbe des AFC Sunderland, gehalten.

Das Ersetzen der pinken Sitzgelegenheiten war keine Selbstverständlichkeit, wie sie es beim FC Bayern oder dem BVB gewesen wäre. Sowohl die alten wie auch die neuen Sitze standen und stehen sinnbildlich für die Geschicke der „Black Cats“ in der jüngeren Vergangenheit. Noch in der Saison 2016/17 spielte der Klub aus der Industrie- und Universitätsstadt an der Nordseeküste in der Premier League. Besitzer war zum damaligen Zeitpunkt der Amerikaner Ellis Short. Doch nachdem dieser jahrelang viel Geld für Transfers und Trainer in den Verein pumpte, hatte er schließlich genug und war nur noch bereit, die Verluste der „Black Cats“ aus dem laufenden Geschäft auszugleichen.

Die Konsequenzen waren katastrophal: Nach zwei Abstiegen in Folge ist Sunderland nur noch drittklassig. Die Frauenmannschaft, einst eines der Topteams Englands, aus dem viele Nationalspielerinnen stammten, hat ebenfalls gelitten. Auch die Ladies spielen nach einer Reform des Ligensystems nun drittklassig – ohne wirklich abgestiegen zu sein. Es wird gemutmaßt, dass die finanziellen Verluste der letzten Jahre – Short hatte auch hier nicht mehr investiert – zur Entscheidung des Fußballverbands FA beigetragen haben, Sunderland herabzustufen. Eine umstrittene, weil nicht sportlich begründete Maßnahme.

Ein Abschied mit Stil

Umstritten ist sie auch, weil sich inzwischen grundlegende Veränderungen beim AFC Sunderland ergeben haben. Auch wenn die Ellis Short-Ära als „katastrophal“ bezeichnet wird: Seine letzte Entscheidung war großmütig. Im Frühjahr 2018 verkaufte er den Klub an ein internationales Konsortium, das vom Engländer Stewart Donald, zuvor Besitzer des Fünftligisten Eastleigh, angeführt wird. Im Zuge des Deals löste Short die Schulden der Black Cats in dreistelliger Millionenhöhe ab, verzichtete persönlich auf viel Geld. Was im Klartext bedeutet, dass Sunderland nun mit einer weißen Weste den Neustart in Liga 3 angetreten hat. Weiterlesen „Auf roten Sitzen aus der Krise“

Ein Stadion mit vier Seiten

Wer sich die gravierenden Unterschiede hinsichtlich des Potenzials (nicht nur) im englischen Profifußball vergegenwärtigen möchte, kann sich den ‚Topklub‘ der 103.000-Einwohner-Stadt Oldham genauer anschauen. Dessen Fans freuen sich auf die neue Saison, weil ihr Stadion Boundary Park im Lauf der Spielzeit nach mehreren Jahren endlich wieder vier Tribünen haben wird. Der neue, derzeit in Bau befindliche North Stand wird die Kapazität der Heimstätte von Oldham Athletic um rund 2600 auf gut 13.000 Plätze erhöhen. Dazu kommen VIP- und andere Räumlichkeiten sowie ein fesches, modernes Aussehen. Über den Baufortgang können sich die Anhänger der ‚Latics‘ auf der Vereins-Homepage auf einer eigenen Unterseite informieren.

Für Außenstehende erschließt sich die Notwendigkeit der neuen Nordtribüne nicht unmittelbar: Der Zuschauerschnitt des Drittligisten schwankt zwischen 3000 und 5000. Die Lage des Klubs (Grundlegendes dazu an anderer Stelle) in unmittelbarer Nähe zu Manchester macht es nicht leicht, außerhalb der höchsten Spielklasse neue Fans zu gewinnen. Doch den Faktor, endlich wieder ein vollständiges Stadion zu haben – nachdem zwischenzeitlich ein Neubau außerhalb der Stadt zur Diskussion stand – sollte man nicht unterschätzen. Den Fans gibt der Anblick nach langen Jahren von Niedergang und später Stagnation wieder Selbstbewusstsein zurück.

Spielerisch war schon die vergangene Saison ein Fortschritt für die Latics – obwohl sie ’nur‘ auf Platz 15 endete. Doch für einen Verein, dessen Leistungsträger sich selten auf langfristige Verträge einlassen und der daher im Grunde jede zweite Saison einen Neuaufbau starten muss, ist die Leistung unter dem 33 Jahre jungen Trainer Lee Johnson dennoch beachtlich. Oldham spielt erfrischenden offensiven Fußball und will dies auch in der kommenden Spielzeit beibehalten.

Wieder muss Johnson drei wichtige Spieler ersetzen, die es zu scheinbar ambitionierteren oder besser zahlenden Klubs gezogen hat – unter ihnen der von den Fans gewählte ‚Player of the Season‘, Mittelfeldmotor James Wesolowski. Mit dem jungen Linksverteidiger Joseph Mills vom Neu-Erstligisten Burnley, dem erfahrenen Rechtsverteidiger Brian Wilson (Colchester United) und Mittelfeldmann Mike Jones (Crawley Town) hat er die Abgänge bereits halbwegs kompensiert – nun arbeitet Johnson an der Stärkung der Offensive. Dabei setzt er auch auf die eigene Jugendarbeit: Der 18-jährige Stürmer Jordan Bove hat wie Torwart Joel Coleman seinen ersten Profivertrag unterschrieben. Ein weiteres positives Zeichen – auch wenn er sicher zu Beginn nicht im Zentrum von Johnsons Überlegungen stehen dürfte.

Jung, sympathisch und verhältnismäßig mittellos – vielleicht können die Latics mit dieser Mischung im hoffentlich bald fertigen Stadion für eine Überraschung sorgen. Allgemein wird die League One ohne die Wolves im Schafspelz – die wieder aufgestiegenen Wolverhampton Wanderers, die schon bald wieder Premier League spielen könnten – und ohne Top-Absteiger als ausgeglichener angesehen. Ob es aber gleich für einen Platz in den Play-Offs reicht?

Stehplätze im Test?

Ich muss etwas gestehen: Mich beginnt die Debatte über das „sichere Stadionerlebnis“ zu langweilen. Auf der einen Seite regieren Populismus und Drohkulisse, aber von der anderen hört man ebenfalls wenig Konstruktives. Nach der Verabschiedung des überarbeiteten DFL-Sicherheitskonzepts könnte man meinen, der Untergang der Fußballkultur stünde bevor – wenn man den Angstmachern auf Seiten der Fans Glauben schenkt. Dabei sind der Kontrollwahn bei den einen und die Angst vor jeder Veränderung bei den anderen nur die Effekte einer ähnlich gelagerten, medienbefeuerten Paranoia.

Eine der vernünftigsten Aussagen der letzten Tage kam vom Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte Michael Gabriel:

Entscheiden wird sich ohnehin alles damit, wie die Fans in Zukunft behandelt werden. Am wichtigsten ist das Verhältnis zwischen dem jeweiligen Klub und seinen Fans. Dort muss man sich die Mühe machen, gemeinsam gegen die negativen Entwicklungen vorzugehen.

Die Devise kann nur lauten: Abwarten und im Dialog bleiben. Zwar sind die Formulierungen im DFL-Konzept sicher bewusst schwammig, doch kamen bisher aus der Fanszene auch kaum effiziente, konstruktive Vorschläge, was gegen die Gewalt getan werden kann, die – in welchem Ausmaß auch immer – da ist. Bisher war man vor allem gegen die Vorschläge der anderen Seite.

Anderswo sieht es ganz anders aus. In England kämpft die Fanvereinigung „Football Supporters Federation“ (FSF) um die Wiedereinführung der Stehplätze. Vorerst nur probeweise und mit zweifelhaften Erfolgsaussichten. Neben den Behörden und fast allen Premier League-Clubs gibt es einen besonders bedeutenden Gegner des Stehens im Stadion: Die Hillsborough Family Support Group, eine Vereinigung für die Opfer der Katastrophe von Hillsborough.

Es ist im Mutterland des Fußballs also deutlich umstrittener, sich für Stehplätze einzusetzen. Trotzdem unterstützen neben den aktiven Fans immerhin 13 Profivereine, darunter Aston Villa aus der Premier League und einer meiner englischen Lieblingsclubs, Derby County, einen Feldversuch. Doch der Premier League-Verband lehnt diesen aus durchsichtigen Gründen ab und um ihn zu starten, müsste erst das britische Parlament das entsprechende Gesetz ändern. Diese Debatte finde ich bedeutender und bedeutend spannender als die deutsche.