Spitzenreiter ohne Feier

1. Bundesliga, 2. Spieltag / BVB 2 Eintracht Braunschweig 1

Borussia Dortmund ist Spitzenreiter – doch der Auftritt der Schwarz-Gelben auf dem Feld und den Tribünen wirkte lange Zeit blutleer. Die Ultras verweigerten wegen einer Polizeiaktion vor der Partie den Support und den Spielern musste erst Trainer Klopp eine Infusion namens Jonas Hofmann geben, um den Erfolg zu erzwingen. Dennoch: Auf Platz 1 steht der BVB und hat derzeit keinen Grund, sich nach irgendjemand ängstlich umzuschauen.

Grund für den Stimmungsboykott der Ultras war eine Durchsuchung der Polizei vor dem Spiel, über deren Ziel und Ausmaß es derzeit noch keine eindeutigen Informationen gibt. Die Ruhr Nachrichten schreiben, dass alle drei Ultra-Gruppierungen vor dem Spiel von der Polizei eingekesselt und gefilzt worden seien. Außerdem sei den Gruppen laut The Unity-Sprecher Jan-Hendrik Gruszecki verboten worden, Trommeln mit ins Stadion zu nehmen. Die Polizei Dortmund wiederum hat eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der die Rede davon ist, dass 60 Mitglieder der Desperados angehalten und kontrolliert wurden, da sie in der Vergangenheit strafrechtlich relevante Banner gezeigt hätten. Vergleichbares wurde heute nicht festgestellt.

Was bleibt dem zu sagen, der nicht dabei war und das Spiel in der Kneipe gesehen hat? Ein Westfalenstadion, das am ersten Spieltag fest in der Hand der frisch aufgestiegenen Gästefans war, findet natürlich kein Schwarz-Gelber schön. Ob das wirklich auf das Spiel abgefärbt hat, ist Spekulation – den Anschein hatte es sicherlich. Bis die Polizei weitere belastbare Infos rausgibt, wirkt der Zeitpunkt der Durchsuchung willkürlich – umso mehr, da nichts gefunden wurde. Warum sollten ausgerechnet gegen Braunschweig neue Schmähplakate auftauchen? Andererseits haben die Desperados in der vergangenen Saison mehr als einmal negativ auf sich aufmerksam gemacht und wären wirklich nur sie betroffen, hielte sich das Mitleid wohl bei vielen in Grenzen.

Bleibt die Frage, ob der Stimmungsboykott am ersten Spieltag wirklich die richtige Protestform war. Gruszecki hat ihn als quasi alternativlos dargestellt, weil er am meisten Aufmerksamkeit erzeuge. Doch wird da wirklich die Verhältnismäßigkeit gewahrt angesichts von möglicherweise nur 60 Durchsuchungen? Kann man nicht doch mal über andere Protestaktionen, etwa in der Stadt, nachdenken? Ein endgültiges Urteil sollte man ohnehin erst bilden, wenn weitere Details bekannt sind.

Und das Spiel? Es war meistens nicht gerade ansehnlich. Im letzten Drittel fehlten den Schwarz-Gelben vor allem in der ersten Hälfte die Inspiration und die Genauigkeit. Manche Pässe waren gut gedacht, wurden aber schlecht ausgeführt oder vom Empfänger nicht antizipiert. Kevin Großkreutz hatte auf seiner neuen Position rechts hinten keinen guten Tag und Nuri Sahin ist von seiner früheren Form weit entfernt – Ausnahmen sind seine Standards. Henrikh Mkhitaryan kam von Anfang an zum Einsatz, konnte seine Rolle nach seiner Verletzung aber noch nicht wie gewünscht ausfüllen – das könnte allerdings schon am Freitag wieder anders aussehen. Und auch die Torschützen von letzter Woche, Aubameyang und Lewandowski, wirkten heute in ihren entscheidenden Szenen unglücklich oder scheiterten an Torwart Davari.

Es brauchte wie in den ersten beiden Pflichtspielen die nachlassende Aufmerksamkeit des Gegners und heute dazu die gut getimete Einwechslung von Jonas Hofmann, um den Weg an die Tabellenspitze freizumachen. Einen tollen Doppelpass mit dem sich im Laufe des Spiels erneut steigernden Hummels schloss Hofmann zum 1:0 ab und holte in der 86. Minute den berechtigten Elfmeter zum 2:0 durch Reus heraus. Der Anschlusstreffer der Braunschweiger passte allerdings doch zu dieser Partie, über die man eigentlich nicht so lange nachdenken will: Kratz köpfte nach einem Eckball Lewandowskis Kopf an, der den Ball ins Tor abfälschte. Überaus gefährlich waren die Gäste ansonsten nicht, trotz der einen oder anderen Strafraumszene.

Die besten Borussen neben dem eingewechselten Hofmann: Sokratis, für den Subotic auf die Bank rotierte, und Marcel Schmelzer, der in der entscheidenden Phase extrem viel Charakter und Engagement zeigte. Viele andere sollten sich bis zur Freitagabend-Partie gegen Bremen noch steigern. Was jedoch nicht nur im Bereich des Möglichen liegt, sondern sogar eine gewisse Wahrscheinlichkeit hat.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Großkreutz, Sokratis, Hummels, Schmelzer – Bender, Sahin – Blaszczykowski (60. Reus), Mkhitaryan (90. +2 Duksch), Aubameyang (68. Hofmann) – Lewandowski. Tore: Hofmann, Reus (EM)

Alle Punkte ohne Stimmung

1. Bundesliga, 17. Spieltag / TSG Hoffenheim 1 BVB 3

icon_spielberichtfinalZweiter Ligaerfolg für den BVB in Hoffenheim, der damit als Tabellendritter die Hinserie beendet: Ein Grund zum Feiern, auch wenn der Auswärtssieg in einem selbst für Sinsheimer Verhältnisse gespenstisch stillen Stadion zustande kam. Wie bei einigen anderen Vereinen an diesem Wochenende hatte sich ein Großteil der aktiven Fans einen 90-minütigen Stimmungsboykott verordnet – als Reaktion auf die Verabschiedung des DFL-Sicherheitskonzepts am Mittwoch.

Unter den darin zusammengefassten und gebilligten Anträgen gibt es einige, bei denen man genau hinschauen muss, wie sie umgesetzt werden – allerdings nur einen, der ohne wenn und aber inakzeptabel ist. Heimvereine sollen künftig Risikospiele selber definieren und dann dafür besondere Sicherheitsvorkehrungen treffen dürfen – inklusive der Limitierung des üblichen Kontingents an Gästekarten. Die DFL muss die vom Verein vorgebrachte Begründung für die Einschätzung billigen. Bei diesem Antrag besteht in der Tat die Gefahr der Willkür – andererseits muss jeder Verein seine Entscheidung nicht nur vor der DFL, sondern auch vor der Öffentlichkeit rechtfertigen.

Die Nicht-Stimmung von gestern kann man aufgrund der akuten Enttäuschung verstehen. Spätestens zur Rückserie sollten sich die beteiligten Gruppen jedoch Gedanken über andere, zielgerichtetere Protestformen machen. Von Dingen, die noch nicht geschehen sind und zum großen Teil nicht geschehen werden, sollte man sich nicht die Freude am Fußball nehmen lassen. Vor allem sollte man unsere Mannschaft nicht längerfristig einer ihrer Stärken berauben.

Es kann selbstverständlich andere Gründe gehabt haben, doch das Spiel der Schwarz-Gelben passte in der ersten Halbzeit zur Stimmung ihrer Fans. Auch wenn die Borussia alles in allem deutlich überlegen war, hatte man den Eindruck, dass manche Spieler einen Schritt weniger gingen, einige Pässe lässiger spielten. Und es der TSG somit nicht allzu schwer machten, gut zu stehen und auf ihre Chance zu warten. Letztlich war es eine Einzelaktion von Mario Götze, die die Dortmunder Führung brachte. Der zog einfach mal vom Strafraumrand ab und traf gegen den jungen Torwart Casteels ins kurze obere Eck. Ein schönes Tor, doch die Führung hielt nur zehn Minuten. Dann kamen nach einem guten Seitenwechsel der Gastgeber Piszczek, Subotic und Hummels zu spät gegen Volland und Schipplock – letzterer konnte in der Mitte einschieben.

Sowohl Michael Zorc als auch Ilkay Gündogan deuteten nach dem Spiel an, dass es in der Kabine laut geworden war. Vielleicht war das der Weckruf, den es zuvor von den Rängen nicht gegeben hatte. Denn in der zweiten Hälfte zeigte der BVB sehr souverän, wer Deutscher Meister und wer Tabellensechzehnter ist. Zunächst konnte Casteels noch ‚Schlimmeres‘ verhindern, doch bei einem typisch schnellen Dortmunder Angriff über Götze passte Reus schließlich in die Mitte zu Großkreutz, der den Ball über die Linie drückte. Und in der 66. Minute zeigte Robert Lewandowski mal wieder alle Torjäger-Qualitäten, als er sich erst gegen Delpierre durchsetzte, dann Casteels umspielte und aus sehr spitzem Winkel zum 3:1 traf. Im Anschluss war von der TSG nicht mehr viel zu sehen, die Schwarz-Gelben konnten sich in Ruhe den Ball zupassen und mussten nicht mehr tun als die Partie zu verwalten. Gefahr nach hinten entstand kaum noch, auch wenn Roman Weidenfeller gar keinen besonders guten Tag hatte.

Am Mittwoch trifft die Borussia im letzten Pflichtspiel 2012 auf Hannover 96. Es wird wohl ein frommer Weihnachtswunsch bleiben, dass dabei im Westfalenstadion noch mal richtige Pokal-Stimmung aufkommt. Enorm wichtig ist die Partie trotzdem.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Blaszczykowski – Gündogan, Leitner – Reus (83. Kirch), Götze (89. Hofmann), Großkreutz (74. Perisic) – Lewandowski. Tore: Götze, Großkreutz, Lewandowski

Macht keine Welle!

Gestern fanden in England einige Wiederholungsspiele sowie verlegte Partien der 3.Runde des FA Cup statt. Dabei konnte West Bromwich Albion entgegen aller Befürchtungen das Replay beim Drittligisten Peterborough United mit 2-0 für sich entscheiden. Jay Simpson, bis Saisonende von Arsenal ausgeliehen, erzielte aus über 25 Metern das 1-0 und damit sein erstes Tor für die Baggies. Das zweite gelang fünf Minuten vor dem Pausenpfiff dem zuletzt etwas in die Kritik geratenen Ex-Kapitän Paul Robinson. Das Wiederholungsspiel war notwendig geworden, da West Brom zuhause im „The Hawthorns“ nicht über ein 1-1 hinausgekommen war.

Als nächster Gegner im FA Cup kommt nun übernächsten Samstag der FC Burnley nach West Bromwich. Burnley gewann gestern sein Replay zuhause gegen Queens Park Rangers, den Klub der dank Flavio Briatore und Bernie Ecclestone aus der Formel 1 zur Zeit im Geld schwimmt, nach Verlängerung mit 2-1. Der Siegtreffer fiel dabei in der letzten Minute nach einem Abwehrfehler der Gäste. Burnley steht zur Zeit in der Championship auf Platz 7, einen Platz unter den Play Off-Rängen. Die werden sich mit Sicherheit etwas ausrechnen. Und deshalb wäre West Brom-Trainer Tony Mowbray eine etwas andere Atmosphäre in „The Hawthorns“ lieber als die, die bei besagtem Drittrundenspiel gegen Peterborough herrschte:

I just hope our stadium has a big-game feel to it rather than a low-key atmosphere.

In the last round, it was the first time in my two-and-a-half years here that I saw a sort of Mexican Wave at The Hawthorns.

It doesn’t fit in with what we want to see.

Es soll ja in Deutschland noch Fernseh-Kommentatoren und ‚Fans‘ geben, die denken, die ‚Welle‘ sei ein Zeichen für gute Stimmung im Stadion…

(Quelle: WBA)

Stimmungskanonen

Selbst wenn wir uns in BVB-Fankreisen immer mal wieder zu Recht Gedanken über einzelne Aspekte des Fanverhaltens machen und auch schon Stimmungsdiskussionen geführt wurden, die Hauptakteure des Fußballs, die Spieler, sagen eindeutig: Im Westfalenstadion ist die Stimmung doch am Besten! In der aktuellen Kicker-Umfrage unter 234 Bundesliga-Profis (Kicker Nr. 6/2009, S.14-16) sind gut 38% dieser Ansicht. Auf den Plätzen folgen Köln (20%), Hamburg (17%), der S 04 (12%) und Frankfurt (6%). Die Spieler durften übrigens nicht ihr Heimstadion nennen.

Nur an der Größe kann es nicht liegen: Die nächstgrößeren Stadien in Berlin und München landeten auf hinteren Plätzen. Natürlich dürfte die Bauart trotzdem eine Rolle spielen; die steilen Ränge, gerade auf der Südtribüne, verstärken sicher den imposanten Eindruck, den man kriegt, wenn man in Dortmund aus dem Tunnel ins Stadion einläuft. Und auch die immer noch enormen Besucherzahlen hatten sicher einen Einfluss auf das Ergebnis. Ginge es nur nach dem Support der Fans, hätten z.B. die Frankfurter weiter vorne landen müssen.

Trotzdem halten wir mal fest: In Dortmund macht es offensichtlich am meisten Spaß zu spielen, es geht ja auch um Fußball und nicht um Kunstturnen. Ach ja, wo ist eigentlich Hoppmannheim gelandet?