Das Beben vom Rheinlanddamm oder: Der Nächste, bitte!

Da hatte ich gedacht, ich würde nach der Rückkehr aus dem Urlaub ganz in Ruhe zwei erwartete Transfers aufarbeiten. Und dann das: Marco Rose und sein Team verlassen Borussia Dortmund bereits nach einer Saison. Die langfristig angedachte Zusammenarbeit endet wie alle jüngeren schwarz-gelben Trainer-Engagements vorzeitig. Es muss beim BVB mehr Spannung in der Luft gelegen haben als von außen fühlbar war. Sie entlud sich in der sogenannten Saisonanalyse am Donnerstag. Oder, um im Bild der Überschrift zu bleiben: Rose, Watzke, Kehl und Sammer, die tektonischen Platten der Borussia, verschoben sich, rieben sich und dabei knirschte und rumpelte es gewaltig.

Die Entscheidung zur Trennung von Rose muss erst am Donnerstag gefallen sein. Alles andere würde die Kommunikation des BVB noch unglaubwürdiger machen als sie es in dieser Causa ohnehin schon ist. Denn trotz aller berechtigten Kritik am Abschneiden in den Pokalwettbewerben war man sich nach außen hin ja einig, mit Marco Rose in die neue Spielzeit gehen zu wollen. Man verortete die Probleme mehr im Kader und in der Verletzungsproblematik als auf der Trainerbank und wollte gemeinsam daran arbeiten. In die Transfers von Nico Schlotterbeck und Karim Adeyemi war der Trainer noch eingebunden.

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Terzic oder Rose – das ist hier die Frage

Teile der Anhängerschaft von Borussia Dortmund und der Medien führten in den letzten Wochen eine heiße Diskussion: Wird zur nächsten Saison etwa der bessere Dortmunder Trainer von Neuankömmling Marco Rose auf den Co-Posten verdrängt? Edin Terzic, ein Mann mit jeder Menge schwarz-gelbem Stallgeruch, hatte einige beachtliche Ergebnisse vorzuweisen, während Noch-Gladbacher Rose ein Spiel ums andere verlor. Nun ist dieser Lauf der Dinge am Wochenende erstmal gestoppt worden: Gladbach hat nicht ganz unerwartet in Gelsenkirchen gewonnen, sogar zu null, und der BVB kann mit dem erst in letzter Minute gesicherten Punkt in Köln nicht zufrieden sein, genauso wenig wie mit der gezeigten Leistung.

Nun könnte man in Frage stellen, ob heute schon der richtige Tag ist, um sich in der oben gestellten Frage zu positionieren. Würden nur kurzfristige Erwägungen und Stimmungen in meine Meinungsbildung eingehen, wäre diese Kritik berechtigt. Schauen wir uns deshalb die gesamte bisherige Saison an: Edin Terzic hat in 15 Ligaspielen einen Punkteschnitt von 1,6 erreicht. Zuvor brachte es Lucien Favre in elf Partien auf durchschnittlich 1,73 Punkte. Mit Terzic hat der BVB außerdem zwei Runden im DFB-Pokal überstanden und ist ins Viertelfinale der Champions League eingezogen. Ersteres gelang eher knapp und ohne viel Glanz. Zweiteres ist trotz weniger Minuten Zitterns eine starke Leistung.

Was sich geändert hat

Wie stark Edin Terzic die Schwarz-Gelben vorangebracht hat, ist angesichts der Ergebnisse eine spannende Diskussion. Einige Spieler, etwa Mats Hummels, haben die Veränderungen und Herangehensweise von Terzic ausdrücklich gelobt. Es gab Partien, in denen mehr Wille zu Pressing und vertikalem Spiel zu sehen war. Andere Begegnungen erwecken den Eindruck, dass sich nichts Substanzielles gegenüber dem ersten Saisondrittel unter Favre geändert hat, in dem eben auch nicht alles schlecht war. Gelegentlich ging das gewünschte aggressivere Auftreten mit unerwünschter größerer defensiver Anfälligkeit einher. Was Lucien Favre in den Pokalwettbewerben erreicht hätte, muss Spekulation bleiben – deshalb ist es schwer, daran einen Fortschritt festzumachen.

Marco Rose ist unterdessen in Mönchengladbach in eine Situation geraten, an der er vielleicht nicht komplett unschuldig ist, die aber nur wenig über seine Fähigkeiten als Trainer aussagt. Wie auch immer sich die durch die Ankündigung seines Wechsels entstandene Unruhe genau ausgewirkt hat – wegzuleugnen ist ihr Einfluss nicht. Aber es kann auch niemand behaupten, dass Rose die Mannschaft entglitten ist. Ja, er hat Fehler gemacht, etwa im Derby gegen Köln. Aber das Team hat sich während der Pleitenserie nie willenlos in sein Schicksal ergeben, sondern meistens genügend Chancen auf ein besseres Ergebnis gehabt. Ein kleines Gedankenexperiment: Was wäre gewesen, wenn Roses Gladbach in den erfolglosen Partien Erling Haaland zur Verfügung gehabt hätte und Terzics BVB zur gleichen Zeit an des Norwegers Stelle einen beliebigen Gladbacher Stürmer?

Ich finde, Marco Rose hat in Mönchengladbach insgesamt beachtliche Arbeit geleistet und sich grundsätzlich als BVB-Trainer qualifiziert. Wie jeder Aktive oder Funktionsträger, der mal für das Dosen-Imperium gearbeitet hat, muss er bei mir mehr Überzeugungsarbeit leisten als jemand, der in dieser Hinsicht unbefleckt ist. Der Hauptteil dieser Arbeit wird fällig, wenn Rose in Dortmund ist. Edin Terzic mag ich sehr als Typen – soweit ich das beurteilen kann – und als Borussen von Herzen. Ich hoffe, dass er Schwarz-Gelber bleibt oder in Zukunft wieder wird, gerne auch Cheftrainer. Stand jetzt – und das war letzte Woche nicht anders – gibt es für mich allerdings keinen Grund, ihn Marco Rose vorzuziehen. Möglich, dass diese Meinung am Saisonende schwerer zu halten sein wird – das bleibt schlicht abzuwarten.

Auch das Gras wird wieder grün, wenn in Dortmund Rosen blühen

Es war die Nachricht, auf die viele gewartet hatten – anscheinend so viele, dass heute Nachmittag sogar die Webseite von Borussia Mönchengladbach kurzzeitig in die Knie ging: Trainer Marco Rose verlässt die Gladbacher im Sommer und wechselt zu Borussia Dortmund. Um genau zu sein vermeldet der BVB Roses Zusage, während dessen bisheriger Arbeitgeber seinen bevorstehenden Abgang unter folgender Bedingung bestätigt:

Sollten die in seinem Vertrag festgelegten Bedingungen fristgerecht erfüllt werden, wird er uns also nach dem Saisonende nicht mehr zur Verfügung stehen.

Die Bedingungen dürften darin bestehen, dass der BVB sich bis zu einem bestimmten Zeitpunkt mit Gladbach über die Zahlungsmodalitäten für die angeblich fünf Millionen Euro einigt, die aufgrund von Roses Ausstiegsklausel fällig werden. Daran gibt es trotz der finanziell angespannten Lage wenig Zweifel.

Es war an der Zeit, das Versteckspiel zu beenden und Klartext zu reden – auch wenn es dazu wohl vor allem auf Druck der Medien kam. Jede Woche die gleichen penetranten Fragen beantworten zu müssen macht müde und vielleicht richtet die medial verstärkte Ungewissheit genauso viel oder mehr Schaden an wie ein frühes Bekenntnis zum Vereinswechsel. Letzteres ist aber auch nicht ohne: Für beide Borussias dürfte es die restliche Saison durch die heutige Neuigkeit noch mehr in sich haben. Ja, die Dinge sind geklärt, doch welche Auswirkungen hat das auf die Mannschaften und die Trainingsarbeit? Weiterlesen „Auch das Gras wird wieder grün, wenn in Dortmund Rosen blühen“

The Long Goodbye of Pep Guardiola

Jetzt ist es endlich raus: Pep Guardiola verlässt den FC Bayern nach drei Jahren im Sommer. Und natürlich gehört es zum Selbstverständnis des Rekordmeisters, auch medial keine Sekunde ohne Trainer dazustehen: Mit Carlo Ancelotti steht der Nachfolger bereits fest. Und im nächsten Halbjahr dreht Pep seine Abschiedsrückrunde, die, so das Bayern-Skript, mit dem Champions League-Sieg enden soll.

Nun sagen manche Medienvertreter – womöglich, weil sie keinen bevorzugten Zugang zu Guardiola bekamen – der Drei-Jahres-Trainer habe keine Ära geprägt, weil er bisher nicht die CL mit dem FCB gewonnen hat. Andere trauern gleich, dass die Bundesliga einen Verlust erleide, wenn Bayern ohne Pep daherkommt. Beides ist natürlich Quatsch. Guardiola hat dem FC Bayern gut getan. Die Liga verliert mit seinem Abgang zwar einen echten Fußball-Typen, aber unattraktiver wird sie sicher nicht.

Zum einen kommt Ancelotti, zum anderen mit ihm auch ein Hoffnungsschimmer, dass es für die Bayern ein wenig weniger souverän zugeht in der Meisterschaft. Denn auch wenn die Liga 18 Vereine hat, entscheidet doch der Kampf um die Meisterschaft zu einem wesentlichen Teil darüber, als wie attraktiv der Wettbewerb wahrgenommen wird.

Jenseits der Milliarden

In der Bundesliga und besonders bei ihrem reichsten Vertreter wird ja gerne der Eindruck erweckt, der englische Fußball schwimme dank der aktuellen TV-Verträge in Geld. Das ist natürlich allenfalls in der Premier League und bei deren Absteigern der Fall. Unterhalb davon haben sich die Vereine mit den gleichen Problemen auseinanderzusetzen wie die kleinen Klubs in Deutschland: Die Kluft zur ersten Liga und den ‚Großen‘ ist riesig. Und wenn es mal gut läuft, wecken Spieler oder gar der Trainer Begehrlichkeiten bei denen, die sportlich und finanziell noch mehr zu bieten haben.

Letztes Jahr war ich in den West Midlands, in Walsall in der Nähe von Birmingham. Der dortige Drittligist Walsall FC ist ein recht sympathischer Verein, der über seine Verhältnisse spielt, aber nicht lebt. Das Bescot Stadium hat gut 11.000 Plätze, die normalerweise zu etwa 40 Prozent gefüllt sind. Der Vorsitzende und Geldgeber Jeff Bonser ist wohlhabend, aber kein Scheich oder Abramowitsch. Wer mehr über den Klub und das Ligaspiel, das ich damals besuchte, lesen möchte, klickt hier.

Walsall – Spitzname: Saddlers – spielt nach wie vor in der League One und hat sich in dieser Saison nach 20 von 46 Spielen wieder eine gute Ausgangsposition erarbeitet: Punktgleich mit Aufstiegsplatz 2 steht man derzeit an dritter Stelle. Und nun das: Dean Smith, der Trainer, der im Bescot Stadium fünf Jahre lang etwas aufgebaut hat, verabschiedete sich zum Zweitligisten Brentford nach London. Bei seiner jüngsten Vertragsverlängerung hatte man vereinbart, dass er sich bei einer attraktiven Anfrage selbst entscheiden könne.

Auch in dieser Saison haben die Saddlers mit relativ geringen Mitteln wieder ein sehr solides Team mit scheinbar gutem Zusammenhalt formiert. Darin stehen junge Spieler, auch aus der erweiterten Region, und daneben charakterstarke Akteure, die es aber höherklassig nicht in die Stammformationen ihrer Klubs schafften.

Ist so eine Mannschaft allein vom Trainer abhängig? In der ersten Begegnung nach Smiths Weggang und geleitet von einem Übergangs-Triumvirat aus den eigenen Reihen, gewann Walsall auswärts bei Shrewsbury Town mit 3:1. Die Partie heute bei Fleetwood Town wurde wegen eines durchgeweichten Platzes abgesagt. Unter Fans und Medien darf also erst mal vor allem über den neuen Mann auf der Bank spekuliert werden – und ob er von außen oder innen kommen sollte.

Und nun kommen wir zur Pointe dieser sonst gar nicht so absonderlichen Geschichte. Am Dienstag muss Walsall zum Wiederholungsspiel der zweiten Runde des FA Cups antreten – zu Hause gegen Chesterfield, nachdem die erste Partie Unentschieden ausgegangen war. Die dritte Runde ist bereits ausgelost: Sollten die Saddlers gewinnen, geht es in Londons Südwesten, in den Griffin Park, die Heimstätte des FC Brentford, Dean Smiths neuem Klub.

Das ist fast noch extremer, als wenn Borussia Dortmund gegen den FC Liverpool antreten müsste. Wird doch wohl nicht passieren? …

Jürgen Klopp wird ein Roter

Dortmunds Trainer-Legende hat einen neuen Verein: Jürgen Klopp ist in Liverpool eingetroffen, um bei den „Reds“ einen Dreijahresvertrag zu unterschreiben. Seine Vorstellung steht morgen Vormittag an. Für den lukrativen und ohne Zweifel reizvollen Job in der Premier League unterbricht Kloppo also sein Sabbatical und wird ein Roter – und das nicht in der Bundesliga. Für seine nach wie vor große Fangemeinde unter den BVB-Anhängern ist das sicher leichter erträglich.

Ohnehin kann man das Engagement gut nachvollziehen: Ein sportlich ins Trudeln gekommener Traditionsklub mit ebenfalls großer Fangemeinde, der finanziell  durchaus Potenzial hat – das kann man sich als offener, selbstbewusster Trainer schon mal antun. Jürgen Klopp beherrscht die englische Sprache sehr ordentlich und ist ohne Zweifel in der Lage, Aufbruchstimmung zu erzeugen. Trotzdem wird es natürlich sehr spannend zu sehen sein, wie er mit den hohen Erwartungen, den Stars und den Medien zurechtkommt. Das kann klappen, muss aber nicht.

Besonders interessant und in der britischen Presse bereits thematisiert ist die Frage, welche Kompetenzen Klopp in der Transferpolitik bekommt. Beim FC Liverpool gibt es ein sechsköpfiges ‚Komitee‘, bestehend aus Scouts, Geschäftsführer, einem Eigentümervertreter, einem ‚Analysten‘ und – immerhin – dem Trainer. Dieses Gremium entscheidet über alle Transfers und stand zuletzt in der Kritik. Ob sich auch der neue Trainer hier der Mehrheitsmeinung unterwerfen muss, ist noch nicht bekannt.

Ein prominenter deutscher Trainer in England – das Thema wird uns in den nächsten Monaten und hoffentlich Jahren noch öfter beschäftigen. Ich werde nun zwar nicht zum Liverpool-Fan werden – meine Präferenzen lassen sich neuerdings ja hier im Blog ablesen – aber verfolgen werde ich den Werdegang von Jürgen Klopp in England ganz bestimmt. Viel Glück, Kloppo!

Tuchel macht’s – vielleicht bis 2018

Es ist dann doch schnell gegangen. Noch vor Wochenbeginn hat Borussia Dortmund in dürren Worten verkündet, dass Thomas Tuchel ab 1. Juli Trainer der Schwarz-Gelben wird und einen Dreijahresvertrag bekommt. Vorgestellt wird der Neue nach Saisonende; bis dahin sind Nachfragen unerwünscht.

Vieles spricht dafür, dass Tuchel – auch auf Klopps Empfehlung hin – einziger ernst zu nehmender Kandidat war und es Aki Watzke mit seinen jüngsten Äußerungen nur noch mal ein bisschen spannend machen wollte. Schaut man sich den deutschen Markt an, gab es realistisch gesehen kaum andere Optionen. Favre war nicht zu haben, Weinzierl schwer. Und Letzterer ist zwar Mann der Stunde, aber noch nicht über einen Zeitraum, der ihn begehrenswerter als Tuchel machen würde.

Die Alternative wäre gewesen, sich noch auf dem internationalen Markt umzusehen, wie es ja der Reviernachbar gemacht hat. Da fallen mir neben Ex-Spielern mit beschränkten Deutsch-Kenntnissen (Sousa, Lambert) und nicht zu bekommenden Star-Trainern keine weiteren Namen ein. Was nicht ausschließen soll, dass Kenner der Szene jemand hätten ausfindig machen können. Doch wenn man ehrlich ist, stellt Thomas Tuchel die weit weniger riskante Variante dar.

Unter den gegebenen Umständen ist er die logische und eine gute Wahl. Deren Zustandekommen ich zwar nicht so schnell erwartet hätte, mit der ich aber sehr gut leben kann. Wie schon angedeutet, empfinde ich keine Euphorie wie bei der Verpflichtung Klopps. Dessen Nachfolger hätte es in der öffentlichen Meinung zunächst mal immer schwer gehabt, unabhängig vom Zeitpunkt des Wechsels.

Dass nach sieben Jahren Klopp ein menschlich anderer Typ als Klopp Trainer wird, muss nun wirklich nicht schlimm sein. Thomas Tuchel mag weniger volksnah sein, aber dass das die Fans abschrecken soll, halte ich für Folklore, die mit der langen Amtszeit seines Vorgängers zu tun hat. Tuchel wird sagen, wenn ihm etwas nicht passt – und das ist ok so. Das Einzige, was er beweisen muss, ist seine Loyalität. Da ließ er durch seinen vorzeitigen Abschied bei Mainz leise Zweifel aufkommen.

Fachlich hat Tuchel, der Co-Trainer Arno Michels mitbringt, viel drauf, das wird kaum jemand in Fußball-Deutschland bestreiten. Es wurde schon einiges über seine Art des Fußballs geschrieben – so früh nach der Bekanntgabe seiner Verpflichtung begnüge ich mich mit einer Zahl, auf die der „Kicker“ hingewiesen hat: Mainz stünde in einer Tabelle über Tuchels Amtszeit dort auf Platz 5 der Liga.

Euphorie nein, Spannung aber sicher, Zuversicht ja – wenn die BVB-Verantwortlichen sich nicht auf der Verpflichtung ausruhen, sondern Tuchel unterstützen. Nicht mit Unsummen von Geld, sondern mit der schon im letzten Text geforderten gemeinsamen ehrlichen Analyse. Für die nötigen Konsequenzen gibt es dann sicher mehr als eine Option. Ach ja, den Willkommensgruß an Thomas Tuchel verschiebe ich – sicher im Sinne aller Beteiligten – bis zum ersten offiziellen Auftauchen des Klopp-Nachfolgers in Dortmund.

Erdbeben in Dortmund – Klopp geht am Saisonende

Wer hätte das gedacht? Berufszyniker und Erfolgsfans werden jetzt vielleicht zufrieden die Hände heben. Ich habe es bis zuletzt für unwahrscheinlich gehalten, dass Jürgen Klopp beim BVB vor Vertragsende aufhört. Klopp selbst hat betont, seine Verträge stets zu erfüllen. Doch heute hat der Erfolgstrainer der letzten Jahre auf einer emotionalen Pressekonferenz bekanntgegeben, dass sich die Wege von ihm und Borussia Dortmund am Saisonende trennen. Am Morgen waren entsprechende Gerüchte von der „Bild“ lanciert worden; der Verein sah sich daraufhin gezwungen, die Öffentlichkeit früher als geplant zu informieren.

Zunächst ergriff Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke das Wort, dem man ansah und –hörte, dass die Entscheidung nicht von ihm kam und er sie so nicht getroffen hätte. Er gab Klopps Weggang offiziell bekannt. Die mit Abstand meiste Redezeit hatte natürlich Kloppo selber. Seine Begründung ist aus seiner Sicht nachzuvollziehen. Er habe das Gefühl gehabt, für die Zukunft nicht mehr der bestmögliche Trainer für die Borussia zu sein. Sicher wird der bisherige Saisonverlauf auch an ihm gezehrt haben, aber nicht so sehr, dass er es nicht mehr ausgehalten hätte.

Zum Nachdenken regt ein Satz von Klopp an, der nicht im Zentrum der PK stand: „Für Entwicklung brauchst du die Möglichkeit, kleine Schritte zu machen.“ Die Erwartungen, sicher auch von Teilen der Fangemeinde und geschürt von den Medien, waren so hoch, dass der Trainer den im Sommer nötigen Neuaufbau in Gefahr sah. Dieser hätte nämlich unter Umständen weitere Geduld vom Umfeld gefordert.

Wenig überzeugend ist die Argumentation, dass dieser Neuaufbau nun gar nicht mehr nötig sei, weil ja der Kopf bald weg ist. Wer wirklich glaubt, dass Klopp das Hauptproblem ist, denkt schlicht unterkomplex. Ob mit oder ohne Klopp: Es braucht keinen radikalen Schnitt, aber eine ehrliche Analyse ohne Rücksicht auf Namen und mit Sicherheit Änderungen in mehreren Mannschaftsteilen.

Aus Übermut über ihren ‚Coup’ hat die „Bild“ gleich mal Thomas Tuchel als Nachfolger ins Spiel gebracht. Es ist ja auch schön nahe liegend, nachdem er anderen Vereinen abgesagt hat. Doch dass eine solche Entscheidung beim BVB nach sieben Jahren Klopp so schnell getroffen wird, ist sehr unwahrscheinlich. Außerdem ist Tuchel in mancher Hinsicht Klopp ähnlich, etwa beim favorisierten Spielstil und dem Verhalten am Spielfeldrand. Es gibt auch taktische und menschliche Unterschiede, aber ob Watzke und Zorc noch mal den Weg nach Mainz gehen? Es sagt auch nicht wirklich etwas über Tuchels Qualitäten aus, dass sich Vereine wie der HSV, der FC Schalke und RB Leipzig um ihn bemüht haben. Nachdenklich machen darüber hinaus Tuchels Abschied von Mainz und die Meinung, die der ausgebootete Ex-Torwart Heinz Müller vom Ex-Trainer hat.

Sieben Jahre sind tatsächlich eine sehr beachtliche Zeit im Fußball. Sie war die großartigste, die ich als Fan erlebt habe, trotz der 90er. Ich habe mich in den letzten Jahren ganz gelegentlich bei dem Gedanken ertappt, wie es wohl ohne Klopp wäre, mit einem etwas gelasseneren Trainer. Richtig gewünscht habe ich mir das nie. Und auch jetzt muss sich erst erweisen, ob es derzeit einen besseren Trainer für diesen Verein gibt. Wir werden weiter diskutieren, wir werden es irgendwann sehen. Ein schöner Tag ist das heute nicht, außer in Portugal. Danke für alles, Jürgen Klopp, jetzt schon mal!

Boltons gefallene Wanderer richten sich wieder auf

Ganz aufrecht – um im Bild zu bleiben – geht der englische Zweitligist Bolton Wanderers noch nicht. Doch die ‚Trotters‘ sind dabei, den Beweis anzutreten, wie viel ein Trainerwechsel bewirken kann. Die Daten sind eindeutig: Neil Lennon, bis Mai vier Jahre Trainer bei Celtic, ersetzte Mitte Oktober Dougie Freedman. Damals stand der Klub auf dem 24. und letzten Platz der Championship. Zweieinhalb Monate später ist Bolton um zehn Plätze geklettert und musste in dieser Zeit nur zwei Niederlagen hinnehmen. Die Saison ist zwar noch lang, doch der Punkteabstand zu den Abstiegsrängen ist inzwischen genauso groß wie zu den Play-Off-Plätzen.

Einen weiteren Abstieg hätte der Verein, der noch vor sieben Jahren auf europäischer Ebene die Bayern ärgerte, nur schwer verkraftet. Die Trotters drückt ein Schuldenberg von über 200 Millionen Euro. Zwar ist der Hauptgläubiger gleichzeitig der Besitzer und Bolton-Fan, doch die Financial Fair Play-Regeln dürften dem Klub in der drittklassigen League One noch mehr zu schaffen machen. Mit Lennon kam vermutlich noch rechtzeitig die ideale Verbindung aus Fachkenntnis und Temperament ins Macron Stadium. Schon in der ersten Partie, einem 1:0-Auswärtssieg bei Birmingham City, musste der rothaarige Schotte wegen Protestierens auf die Tribüne. Doch wer jahrelang erfolgreich bei Celtic gearbeitet hat (obwohl es schwierigere Aufgaben im Weltfußball gibt), dem sieht man so manches nach.

Neil Lennon hat den Wanderers Entschlossenheit und Willen zurückgegeben, aber auch mutige Personalentscheidungen getroffen. Anfang des Monats horchte nicht nur die englische Fußball-Welt auf, als der Klub die Verpflichtung des zuvor vereinslosen Eidur Gudjohnsen bekanntgab. Der Vertrag des ehemaligen Chelsea- und Barca-Stars bei Club Brügge war im Sommer ausgelaufen. Der isländische Offensivmann ist inzwischen 36, doch Lennon überzeugte ihn, bis zum Ende der Saison nach Bolton zurückzukehren, wo er Ende des letzten Jahrtausends bereits zwei Jahre spielte.

Doch damit nicht genug: An Heiligabend kam ein weiterer großer Name des englischen Fußballs dazu, bekannt aus der Premier League und der Nationalmannschaft. Emile Heskey wird im Januar bereits 37, doch auch in ihm muss Neil Lennon noch eine mögliche Verstärkung gesehen haben. Nach zwei Jahren im australischen Newcastle wollte Heskey noch einmal in England spielen und überzeugte Boltons Trainer im Probetraining.

Derbysieg mit frischen Altstars

Alles nur fromme Wünsche oder ein bisschen PR? Die ersten Anzeichen sprechen dagegen – und für die sportliche Sinnhaftigkeit von Lennons Coup. Am gestrigen Boxing Day, traditionell ein Fußball-Spieltag in England, stand für Bolton ausgerechnet das Lokalderby gegen die Blackburn Rovers an. Nach einer ersten Hälfte mit allerlei Schnitzern und einem 0:1-Rückstand wechselte Lennon Heskey ein, der fortan knapp vor Gudjohnsen Sturmspitze spielte. Die Kombination sollte sich schon bald auszahlen: Gudjohnsen passte von links scharf in den Strafraum, wo Heskey nur noch zum Ausgleich einschieben musste. Mittelfeldmann Darren Pratley drehte die Partie wenig später mit dem 2:1 ganz. Trainer, Fans und Medien lobten im Anschluss Gudjohnsens Vision ebenso wie Heskeys Präsenz. Eines der besten Wanderers-Blogs, Lions of Vienna Suite, brach in eine wahre Lobeshymne über den Isländer aus:

Eidur Gudjohnsen is on another level. He’s quite easily the most intelligent player I’ve ever seen, you can almost see the quality oozing out of him. (…) It’s a privilege that I can watch this man play for my club, and I can’t thank Neil Lennon enough for letting it happen.

Zu viel der Lorbeeren? Wer weiß. Dass ein Derbysieg nicht zwingend einen Aufschwung einleiten muss, hat am Boxing Day der AFC Sunderland, Subjekt meines letzten Beitrags, erfahren. Die Black Cats verloren in der Premier League zu Hause recht kläglich 1:3 gegen den Tabellenvorletzten Hull City. Die nächste Partie für Bolton findet bereits morgen statt – auswärts beim Neunzehnten, Huddersfield Town.

Unterdessen in Gelsenkirchen …

In Dortmund ist Ergebniskrise, in Gelsenkirchen Drama: Schalke 04 hat heute – zu diesem Zeitpunkt überraschend – Jens Keller, Co-Trainer Peter Hermann und Torwarttrainer Holger Gehrke entlassen. Als Nachfolger kommt Roberto di Matteo, der mit dem FC Chelsea in München gegen den FC Bayern die Champions League gewonnen hat.

Was mit Blick auf den Revier-Vergleich überzogen erscheint – immerhin steht S04 dank des Derbysiegs vor der Borussia – macht im Rückblick auf die Ära Keller durchaus Sinn. Die Blauen sind der Inbegriff fehlender Konstanz. Nie gelang es ihnen, eine positive Serie zu starten, in der sie auch durchgängig spielerisch überzeugen konnten. Angesichts der Qualität des Kaders ist das keine überzogene Forderung.

Nicht alle in Gelsenkirchen haben Keller so kritisch gesehen und natürlich wird nun wieder eifrig über alles und jeden diskutiert. Doch ganz unbescheiden: Es gibt Außenstehende, die schon ganz am Anfang etwas ahnten. Fragen sollte man sich lieber, warum die Verantwortlichen Roberto di Matteo nicht schon eher geholt haben.

Vielleicht hatte man Angst vor der eigenen Courage. Denn natürlich ist bei einem bodenständigen, aber auch fantasielosen Typen wie Jens Keller das Risiko eines spektakulären Scheiterns mit internationalem Medienrummel geringer als beim Champions League-Sieger di Matteo. Dass der sich in einem gegenüber Chelsea ganz anderen Milieu zurechtfinden wird, ist nicht sicher. Einen Hinweis darauf gibt aber sein positives Wirken bei seinem zweiten Premier League-Klub, dem absolut bodenständigen West Bromwich Albion. Nach all dem typischen Drama könnte aus den Blauen unter di Matteo in dieser Saison zumindest ein ernsthafter Konkurrent um die Revier-Meisterschaft werden.