Tatort Hafenstraße und was sonst noch geschah

Borussia Dortmund hat sich an der Essener Hafenstraße blamiert – so legen es die Schlagzeilen der Sportseiten heute nahe. 2:3 gegen den Regionalligisten RWE im ersten Spiel unter Peter Bosz: Das hätte man sich tatsächlich schöner vorstellen können. Nun habe ich die Partie nicht gesehen, aber das Ergebnis spricht selbstredend dafür, dass der BVB enttäuscht hat – und der Trainer gab das unumwunden zu.

Die Schwarz-Gelben sind peinliche Testspiel-Pleiten nicht mehr gewohnt – genauso wenig wie peinliche Pokalpleiten. Was ist wohl schlimmer? Abgesehen davon, dass das erste Vorbereitungsspiel wohl immer die geringste Aussagekraft hat, fehlten der Borussia noch einige Spieler und Peter Bosz lässt wie zu erwarten sein präferiertes System einüben. Das 4-3-3 stellt eine größere Umstellung gegenüber der zuletzt unter Thomas Tuchel meistens praktizierten Dreierkette mit massivem Mittelfeld davor dar. Eine weitere Erklärung könnte womöglich ausgerechnet die neue Leichtigkeit unter Bosz sein, die im ersten Spiel vielleicht etwas zu weit um sich gegriffen hat. Sowas sollte sich sicher abstellen lassen.

Mehr Sorgen macht mir da die Transferpolitik – oder präziser formuliert die Personalsituation. Es ist ja sicher nicht so, dass sich Michael Zorc, Aki Watzke und Peter Bosz Angeboten für etwa Sebastian Rode oder Joo-Ho Park verschließen würden. Nur haben wir von solchen noch nichts gehört. Das kann dreierlei bedeuten: Es gibt tatsächlich keine Angebote. Oder die Verantwortlichen haben die Geheimhaltung optimiert. Oder aber entsprechende Gerüchte interessieren die Presse nicht so wie beispielsweise Aubas China Connection – es geht ja nicht gerade um unsere Kronjuwelen.

Die Vergangenheit lehrt uns, dass Möglichkeit 1 nicht unwahrscheinlich ist. Einen Riesenkader gilt es aber unbedingt zu vermeiden. Dass jetzt jedoch Dzenis Burnic leihweise zum VfB Stuttgart geht und Felix Passlack vermutlich nur bleibt, weil sich Raphael Guerreiro doch den Knöchel gebrochen hat, hinterlässt auch kein gutes Gefühl.

Einer meiner Wechselkandidaten wäre ja André Schürrle, unser Rekordeinkauf. Der hat sich nun ausgerechnet über Thomas Tuchel kritisch geäußert, als dessen Spezi und Wunschspieler er doch galt. Nun kann entweder das übertrieben dargestellt gewesen sein oder sich Schürrles Meinung eilig geändert haben. Abgesehen davon, dass es nie eine gute Entscheidung ist, der SportBild ein Interview zu geben: Dass Tuchel ihn nach den Leistungen der letzten Saison nicht zum Stammspieler gemacht hat, ist absolut nachvollziehbar. Bei diesem Transfer hatten wohl alle beteiligten Dortmunder vor allem das Prädikat „Nationalspieler“ vor Augen.

Keine Probleme mit den Krisenschwaben

1. Bundesliga, 31. Spieltag / VfB Stuttgart 0 BVB 3

(Updated) Als Borussia Dortmund vor zweieinhalb Monaten schon einmal im Neckarstadion zu Gast war, da sahen die Fans nicht nur fliegende Tennisbälle, sondern einen zumindest in der zweiten Hälfte engen Pokalfight. Damals war wirklich nicht zu erwarten, dass der VfB am 31. Spieltag wieder knietief im Abstiegssumpf stecken und der BVB dort so wenig Probleme haben würde. Verletzungspech, etwa bei Großkreutz und Die, ist sicher ein, aber nicht der einzige Grund.

Thomas Tuchel hatte angekündigt und gefordert, dass sein Team trotz gesichertem Tabellenplatz, Pokalfinale und Transfergerüchten die Partie seriös angehen und gewinnen wolle. Die angeschlagenen Spieler blieben dabei außen vor; nur Schmelzer wurde noch eingewechselt. Und dem vieldiskutierten Mats Hummels gönnte der Trainer eine Auszeit auf der Bank. Die komplett neue Innenverteidigung: Sokratis und Ginter.

Den Worten folgten Taten. Mehr Ballbesitz ist man vom Tuchel-BVB inzwischen gewöhnt. Aber die Borussia arbeitete sich auch relativ schnell in dieses Spiel, selbst wenn die Viererkette zunächst die ein oder andere Chance der Gastgeber zuließ. Doch im offensiven Mittelfeld hat sich mit Reus, Kagawa und Mkhitaryan scheinbar ein Trio gefunden, das in dieser Kombination auch das individuelle Potenzial mehr und mehr ausreizt. Kommt dann noch ein junger, frischer und technisch starker Mann wie Christian Pulisic dazu, ist das ungemein gut anzuschauen.

Die erste Tat ließ nur 21 Minuten auf sich warten. Miki setzte sich auf dem linken Flügel durch und passte zielsicher zu Shinji, der am langen Pfosten allein gelassen worden war. Eine simple Aufgabe für den Japaner, der aber auch sonst eine starke Leistung zeigte. Das Tor erleichterte den Schwarz-Gelben gegen die nun aufrückenden Schwaben die effektive Nutzung der Räume. Ramos hätte bereits erhöhen können, doch Tyton konnte seinen Versuch noch parieren. Kurz vor der Pause wehrte der Keeper auch einen Miki-Schuss ab, konnte allerdings nur in die Mitte prallen lassen, wo Pulisic bereitstand. Ich sagte ja bereits: Is guter Junge.

In der zweiten Halbzeit schalteten die Schwarz-Gelben dosiert zurück. Der VfB hatte mehr Ballbesitz, wurde aber noch seltener gefährlich. Nach dem 3:0, diesmal durch Mkhitaryan selbst, erneut mit einem Abstauber-Tor, war das Spiel gelaufen. Auch der Neckar fließt nicht entlang der Anfield Road. Dortmund konnte mal selber auf Konter lauern. Hinten musste Bürki nur einmal entscheidend eingreifen. Die Stimmung schien im Stadion gegen Ende sehr flach – die VfB-Fans hatten die Hoffnung aufgegeben, die BVB-Ultras boykottierten mal wieder. Diesmal allerdings aus einem weit schwerer nachvollziehbaren Grund: Am Bahnhof Bad Cannstatt sollen 100 ‚Fans‘ festgesetzt worden sein, als aus der Gruppe heraus versucht wurde, eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen.

Sportlich gesehen war der Sieg ein Ausrufezeichen, dass sich dieser Klub nicht so schnell noch mal aus dem Konzept bringen lassen will. Auch wenn die Meisterschaft endgültig entschieden scheint: Das hat mal wieder Spaß gemacht.

UPDATE: Zu der fehlenden Anfeuerung bzw. den fehlenden Fans gibt es mal wieder verschiedene Darstellungen. Am Bahnhof Bad Cannstatt sollen deutlich mehr BVB-Anhänger in Gewahrsam genommen worden sein – die Rede ist von knapp 300. Die dann im Stadion beim Support ausfielen. Die Polizei sagt, es gab am Bahnhof Aggressionen Dortmunder Fans. Wegen Fans auf den Gleisen wurde der Zugverkehr unterbrochen. Die Fans sehen es anders. Die Stimmung war aufgeheizt wegen der beim Heimspiel auf der Südtribüne präsentierten VfB-Banner. Urteilt und lest selbst –  für mich zu viel Konjunktiv und Kindergarten.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Ginter, Durm – Weigl (82. Sahin) – Mkhitaryan, Kagawa, Reus (76. Leitner), Pulisic (76. Schmelzer) – Ramos. Gelbe Karte: Pulisic. Tore: Kagawa, Pulisic, Mkhitaryan

BVB verwandelt späten Matchball

DFB-Pokal, Viertelfinale / VfB Stuttgart 1 BVB 3

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Englische Witterungsverhältnisse und einen echten Pokalfight hat Borussia Dortmund gestern in Stuttgart überstanden. Dabei konnte der VfB die Partie lange, aus schwarz-gelber Sicht unnötig lange offen halten. Bis die Erlösung durch einen Konter über Aubameyang und Mkhitaryan gelang.

Dass den Stuttgartern ein vergleichbarer Treffer nicht gelang, darf sich die BVB-Defensive durchaus anrechnen. Die Angst vor der Konterstärke der Gastgeber war womöglich auch der Grund für Thomas Tuchel, mit Ginter und Durm und nicht etwa mit Gonzalo Castro zu beginnen. Warum der aber 90 Minuten auf der Bank sitzen blieb, ist eine schwerer zu beantwortende Frage.

Begonnen hatte alles mit dem angesichts Ticketpreisen von teils über 70 Euro nachvollziehbaren Fanboykott der Initiative „Kein Zwanni für nen Steher“. Knapp 20 Minuten blieben die Ultras draußen, während die umliegenden Blocks doch schon mit vielen BVB-Fans gefüllt waren. Kurz nach der Rückkehr der Stimmungsmacher fiel der Stuttgarter Ausgleich, nachdem Reus schon nach fünf Minuten zum 1:0 getroffen hatte. Dennoch kein Grund, gleich zum Tennis gehen zu wollen.

Der VfB blieb abgesehen von seinem Tor in der ersten Hälfte weitgehend ungefährlich, der BVB dominierte. Das schöne Tor von Auba, dessen Auftritt gegen Ingolstadt schnell vergessen war, fiel folgerichtig.

In Halbzeit 2 ging es zunächst so weiter und die Borussia hatte alle Chancen, das Spiel zu entscheiden. Doch Aubameyang scheiterte an Langerak, Gündogan, sonst sehr präsent, spielte nicht ab und einmal wurde der Ball im Strafraum fast schon slapstickhaft vertändelt. Unterdessen bekam der VfB mehr und mehr Zugriff auf das Spiel und hatte seine Chancen. Die durch schwaches Zielen und einen starken Bürki ohne zählbaren Erfolg blieben.

Lange sah es so aus, als würde die Borussia am Ende noch für ihre Fahrlässigkeit bestraft. Doch kurz vor Schluss war es der BVB, der mit zwei Mann alleine auf Torwart Langerak zukam. Und für erleichterte Freude in der Gästekurve sorgte.

Das nächste Spitzenspiel folgt sogleich

Nachdem die Spitze und der Keller der Bundesliga etwas statisch geworden sind – und vor allem da ich das Spiel des Dritten gegen den Zweiten nicht live sehen konnte – soll es hier gleich um den Pokalknaller am Dienstag gehen. Schließlich treffen im ehemaligen Neckarstadion die beiden Spitzenteams der Rückserie aufeinander. Und geht es nach den Ergebnissen 2016, sind die Gastgeber Favorit. Der VfB hat bisher alles gewonnen und neun Punkte geholt, die Borussia ’nur‘ sieben.

Was Jürgen Kramny, ein Mann aus dem Nachwuchsbereich, seit seinem ersten Spiel als Cheftrainer, dem 1:4 in Dortmund, geschafft hat, ist beachtlich. Nicht dass der Zeitraum seither schon für eine abschließende Bewertung ausreicht. Aber die kritischen Worte unseres Ex-Spielers und früheren VfB-Sportdirektors Fredi Bobic wirken da einigermaßen unverständlich. Bei allen Defiziten, die die Stuttgarter in den letzten Jahren auf vielen Ebenen aufwiesen, haben sie nun einen – derzeit – erfolgreichen Trainer mit Stallgeruch.

Für den BVB wird es darauf ankommen, sich die Schwierigkeit der Aufgabe zu vergegenwärtigen. Allzu große Sorgen braucht man sich in diesem Punkt wohl nicht zu machen: Thomas Tuchel wird sicher die bestmögliche Mannschaft aufs Feld schicken und es verstehen, sie auf ein Pokal-Viertelfinale einzustimmen. Das 0:0 in Berlin hatte ein Gutes: Verletzte waren nicht zu beklagen.

Die Schwarz-Gelben werden auf einen Gegner treffen, der seine mannschaftliche Geschlossenheit wiedergefunden hat und zuletzt – dem BVB nicht unähnlich – mit einer torgefährlichen Offensive defensive Schwächen im Ergebnis kompensieren konnte. Das gelang allerdings auswärts noch besser als zu Hause.

Keine Rede kann davon sein, dass Neu-Schwabe Kevin Großkreutz für dieses Spiel gegen seine große Liebe frei bekommt. Als Rechtsverteidiger hat er sich nach seiner Rückkehr aus der Türkei in die VfB-Startelf gespielt und durchaus überzeugt. Vor dem Pokalhit sagt er nun: „Ich brenne auf das Spiel und werde alles raushauen, damit wir die Überraschung schaffen.“ Und in Stuttgart sei er super aufgenommen worden. Es ist ihm zu gönnen. Genau wie seinem Verein, wenn er sich an den eigenen Haaren aus dem Ligasumpf ziehen sollte.

Im Pokal ist das Viertelfinale hoffentlich Endstation. Obwohl es zuvor mit ziemlicher Sicherheit ein spannender Abend werden dürfte.

Kevin isch a Schwoab – Januzaj back in Manchester

Kevin Großkreutz ist zurück in der Bundesliga – und es wird seltsam sein, ihn im nicht schwarz-gelben Trikot zu sehen. Nach dem völlig missratenen Wechsel nach Istanbul hat sich der 27-jährige Dortmunder Junge nun dem VfB Stuttgart angeschlossen. Die Schwaben müssen nach Istanbuler Angaben rund 2,17 Millionen Euro überweisen. Für Kevin dürfte es das glückliche Ende eines Irrwegs sein. Ich bezweifle allerdings, dass es am 9. Februar schon zu einem Wiedersehen auf dem Platz kommt.

Adnan Januzaj hängt offensichtlich nicht ganz so sehr an Dortmund wie Kevin. Das Gastspiel des für seine Fähigkeiten bisher hoch geschätzten Offensivakteurs bei der Borussia ist bereits wieder vorbei. Der 20-Jährige kehrt vorzeitig zu Manchester United zurück. Der noch von Louis van Gaal trainierte Premier League-Klub war wohl unzufrieden mit den Einsatzzeiten Januzajs – und der BVB hat sich gegen den Wunsch der Engländer nicht ernsthaft gesträubt.

Wir alle haben uns sicher mehr von Adnan versprochen. Gut möglich auch, dass er bald irgendwo anders aufblüht. Vorwürfe könnte man Thomas Tuchel oder Michael Zorc dann aber ebensowenig machen. Die Ergebnisse geben ihnen bisher recht.

Torwart-Roulette zum Vorbereitungsstart

Die Profis von Borussia Dortmund sind heute mit leistungsdiagnostischen Tests in die Saisonvorbereitung gestartet. Mit dabei: ein älterer Torhüter, mit dem man nicht mehr unbedingt gerechnet hätte. Es fehlte: der langjährige Kronprinz zwischen den Pfosten, der nun sein Glück im Reich der Schwaben sucht. Mitchell Langerak wechselt für eine Ablöse von angeblich drei bis vier Millionen Euro zum VfB Stuttgart.

Diese Personalie kam überraschend, auch wenn mit dem Trainerwechsel in Dortmund manche Gewissheit zu Recht beseitigt wurde. Stuttgarts ebenfalls neuer Trainer hat Mitch über den grünen Klee gelobt: „Ich hab von ihm ein schlechtes Spiel gesehen, das war das im DFB-Pokalfinale“, so Alexander Zorniger, der Langerak außerdem als „richtig, richtig guten Keeper“ bezeichnete. Allerdings haben Robin Dutt und Zorniger auch den Polen Przemyslav Tyton verpflichtet und zumindest öffentlich einen offenen Konkurrenzkampf um die Nummer 1 angekündigt.

Was bewegte Mitch Langerak also dazu, einen unsicheren Stammplatz in Dortmund gegen einen unsicheren Stammplatz beim schwäbischen Fast-Absteiger zu tauschen, der zudem nicht im Europapokal vertreten ist? Natürlich wird sich der Australier gegen Tyton und Nachwuchsmann Vlachodimos bessere Chancen ausrechnen als gegen Roman Bürki. Aber es muss bei seiner Entscheidung auch ein Element der Enttäuschung eine Rolle gespielt haben. Die Verpflichtung Bürkis war objektiv gesehen alles andere als ein Vertrauensbeweis. Einen solchen Mann holt man nicht als dauerhafte Nummer 2. Deshalb muss Langerak klar gewesen sein, dass er entgegen früherer Zusagen nicht die klare Nummer 1 werden würde.

Natürlich: Jeder Spieler muss durch Leistung überzeugen. Aber nun bereits ein abschließendes Urteil über Mitchells Qualitäten zu fällen ist voreilig. Wer über das Pokalfinale redet, muss  auch über das trotz eines kleinen Fehlers starke Halbfinale sprechen. Dass sich Langerak nun nicht noch mal auf die Bank setzen will, ist verständlich. Roman Weidenfeller ist demgegenüber inzwischen in Westfalen verwurzelt und dürfte damit weniger Probleme haben. Was genau hinter den Kulissen besprochen wurde, wird voraussichtlich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Es spricht aber einiges dafür, dass Mitch gewisse Zusagen der BVB-Verantwortlichen anders interpretierte hat als diese sie heute gemeint haben wollen.

Bevor es morgen für die Dortmunder Jungs auf den Trainingsplatz geht, noch ein kurzer Blick auf den neuen Spielplan. Das Auftaktprogramm in der Bundesliga beschert den Schwarz-Gelben den Kracher zu Hause gegen Mönchengladbach am 1. Spieltag. Es folgen Aufsteiger Ingolstadt (A), Hertha BSC (H), Hannover (A) und noch ein Heimspiel-Hit gegen Leverkusen. Ein ausgewogener Start, mit dem man leben kann – wie auch mit dem letzten Saisonspiel, das gegen die ‚befreundeten‘ Kölner erneut zu Hause zu bestreiten ist.

Aufwärtstrend, doch keine Euphorie

1. Bundesliga, 22. Spieltag / VfB Stuttgart 2 BVB 3

DSC_0115 Ausverkauftes Stadion, Freitagabend-Flutlichtspiel, ein Auswärtssieg mit erneut drei erzielten Toren – kann man mehr verlangen? Borussia Dortmund katapultiert sich vorerst auf Platz 10 der Bundesliga, doch die kommenden Aufgaben und einige Unzulänglichkeiten lassen alle auf dem Boden bleiben.

Für den VfB Stuttgart wird es ganz eng, nimmt man die gestrige Leistung zum Maßstab. Selten, eigentlich fast ausschließlich durch Standards wurden die Gastgeber dem BVB-Tor gefährlich – und das obwohl Mats Hummels erneut nicht in der Dortmunder Startelf stand. Die Schwarz-Gelben hatten die Partie weitestgehend unter Kontrolle und hätten sie viel früher entscheiden können. Mit Aubameyang im Sturmzentrum, einem wieder aufblühenden Marco Reus, einem Selbstvertrauen tankenden Shinji Kagawa und den erfreulich konstanten Sahin und Gündogan ist mehr als das Rückgrat einer ansehnlichen Offensive beisammen. Kagawa bereitete zwei Treffer vor; sehenswert vor allem das 2:1, wo er mit der Hacke zu Gündogan weitergab. Den Gegentreffer nach einem von unserer Position aus nicht so deutlichen Elfmeter steckten die Borussen gut weg.

In der zweiten Halbzeit war die Idee wohl zeitweise, ein ruhiges, abwartendes Ballbesitzspiel aufzuziehen, um den VfB zu locken und zu Fehlern zu zwingen. Wiederholt machte etwa Nuri Sahin beruhigende Handbewegungen. Es hätte gegen die ganz schwachen Stuttgarter eine verständliche Taktik sein können, wenn man eigene Ballverluste vermieden und die sich bietenden Chancen genutzt hätte. Lange Zeit geschah das nicht – speziell Henrikh Mkhitaryan, zur Pause für Kampl eingewechselt, tat sich dadurch hervor, in jeder seiner drei auffälligen Szenen die falsche Entscheidung zu treffen. Weiterlesen →

Volle Kapelle gegen Stuttgart

Dieser launige Ausdruck von Jürgen Klopp aus der Pressekonferenz vor dem Stuttgart-Spiel bedeutet keineswegs, dass Borussia Dortmund am Freitagabend seinen vollen Kader zur Verfügung hätte. Vielmehr wollte der Trainer zum Ausdruck bringen, dass niemand, der dem BVB körperlich und spielerisch weiterhelfen kann, geschont wird – etwa wegen eines Champions League-Spiels.

Es gibt jedoch eine Reihe von Spielern, die definitiv nicht auflaufen können. Die Grippewelle hat Dortmund immer noch im Griff. Erik Durm und Kuba sind nach wie vor betroffen; Mats Hummels fehlt ebenfalls schon einige Tage und scheint eher kein Thema für Freitag zu sein. Dagegen könnten sich die Optionen im zentralen Mittelfeld dank der möglichen simultanen Rückkehr von Sven Bender und Sebastian Kehl schlagartig erhöhen. Sollten sie topfit sein, könnten sie eine Alternative darstellen – ansonsten gibt es wenig Änderungsbedarf bzw. -möglichkeiten.

Der VfB Stuttgart ist trotz Huub Stevens neuerdings Tabellenschlusslicht, ohne in den letzten Partien katastrophal aufgetreten zu sein. Immerhin ging es auswärts nach Köln und Hoffenheim sowie zu Hause gegen Gladbach und Bayern. Trotzdem fehlt den Schwaben die spielerische Rafinesse, die der BVB zuletzt hier und da wieder gezeigt hat. In dieser Hinsicht ist jedoch der Winter-Neuzugang fürs Mittelfeld Serey Dié zu beachten, der vom FC Basel kam. Dagegen müssen die Gastgeber am Freitag auf Kapitän Christian Gentner verzichten, der gesperrt ist und auch noch Vater wird.

Jürgen Klopp erwartet morgen einen aggressiven VfB auf einem schlechten Platz. Für die Borussia muss beides kein Nachteil sein. Aggressivität kann sich auch in Fehlern äußern, gerade bei schwierigem Untergrund. Die Schwarz-Gelben haben dagegen bereits in Freiburg bewiesen, dass sie mit solchen Voraussetzungen zurechtkommen können. Dagegen steht für die Stuttgarter bisher ein einziges Rückserien-Tor zu Buche.

So scheinen die Chancen für den sage und schreibe dritten BVB-Sieg in Folge nicht so schlecht zu stehen, auch wenn es gegen den VfB wirklich nicht immer rund lief. Vorbedingung: Ähnliche Aufmerksamkeit wie zuletzt, gepaart mit Selbstbewusstsein.

BVB ist sein stärkster Gegner

1. Bundesliga, 5. Spieltag / BVB 2 VfB Stuttgart 2

Es war angerichtet: Der Tabellenletzte musste auf Maxim sowie Ibisevic verzichten und opferte am Mittwoch Sportdirektor Fredi Bobic. Doch die Vorzeichen können noch so schlecht stehen – wenn sich der Gegner solch katastrophale Fehler wie die Borussia leistet, kann jede Bundesligamannschaft gegen jede andere punkten.

Mit naheliegenden Änderungen in der Startelf – Subotic für Ginter, Schmelzer für Durm und Immobile für Ramos – ging der BVB ins Spiel. Doch die angespannte Personallage ließ gegen disziplinierte Stuttgarter zunächst wenig Zwingendes zu. Das ist nicht respektlos gegenüber der Leistung der Gäste gemeint, aber wenn Shinji Kagawa der einzige Spieler mit zündenden Ideen ist, wird es eben schwierig. Zur Mitte der ersten Halbzeit wirkten die Schwaben kurzzeitig sogar gefährlicher – ein Eindruck, der sich nach Piszczeks schönem Lupfer in den Lauf von Kagawa wieder legte.

Die Borussia beendete die Hälfte stark und wirkte Anfang der zweiten ebenso entschlossen. Doch dann leistete man sich hinten einen kollektiven Blackout, den man so in diesem Stadion auch nicht alle Tage sieht. Beteiligt waren unter anderem Immobile (Fehlpass, im Anschluss zu spät), Jojic (ließ Flanke zu), Schmelzer (verlorener Zweikampf) sowie innen die eigentlich chancenlosen Piszczek und Subotic. Eine wirklich peinliche Szene, die zumindest durch einen Schuss auf die Tribüne hätte entschärft werden können. So gelangte der Ball von Stuttgarts rechter Seite irgendwie zum zentral stehenden Torschützen Didavi.

Die Schein-Dominanz der Borussia führte in der Folge kaum zu echten Torchancen. Großkreutz und Aubameyang auf den Flügeln ließen nach, Bender und Jojic steuerten offensiv ebenfalls kaum Effektives bei. Und dann ließ sich die Defensive durch einen einfachen hohen Pass von Rüdiger düpieren, so dass Schmelzer plötzlich im Strafraum allein gegen Werner und Didavi stand. Hätte der Linksverteidiger den Ball durchgelassen, hätte vermutlich Weidenfeller geklärt. Doch Schmelle produzierte eine beinahe akrobatische Vorlage auf Werner, der nur noch zu seinem Mitspieler querlegen musste.

Ein Tiefschlag, doch es war noch nicht vorbei. Eingedenk der oft seltsamen Spiele gegen Stuttgart war auch das Stadion noch hellwach und tatsächlich gelang Aubameyang nach cleverem Zuspiel von Piszczek der Anschlusstreffer. Direkt im Anschluss musste der schnelle Offensivmann an der Seite von Kevin Großkreutz raus – Hummels und Gyau kamen. Eine mindestens diskussionswürdige Entscheidung von Jürgen Klopp, die durch den Ausgleich nach Freistoß und Ullreich-Patzer nur teilweise bestätigt wurde.

Am Ende hätte Lukasz Piszczek die Partie gegen die Schwaben erneut zu einer denkwürdigen machen können – hätte nicht erneut Rüdiger entscheidend eingegriffen und kurz vor der Linie geklärt. Doch ganz am Ende gibt es bei aller Erleichterung kaum eine Entschuldigung, warum gegen diesen Gegner zu diesem Zeitpunkt zu Hause keine drei Punkte geholt wurden. Mats Hummels‘ Einwechslung war zwar ein Versprechen für eine stabilere Abwehr-Zukunft, aber bei der Riesenchance für Gentner sah auch der Hoffnungsträger nicht gut aus.

Der BVB steht also nach fünf Spieltagen auf Platz 8, mit vier Punkten Rückstand auf die Tabellenspitze. Nun muss das Derby am Samstagnachmittag von allen als Chance begriffen werden, mit 90 Minuten wieder alles gerade zu rücken. So schnell könnte es gehen.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Sokratis, Schmelzer – Bender (66. Ramos), Jojic – Aubameyang (74. Gyau), Kagawa, Großkreutz (74. Hummels) – Immobile. Gelbe Karten: Sokratis, Subotic. Tore: Aubameyang, Immobile

Gemischte Gefühle

Wer wie ich die drei letzten BVB-Spiele verpasst hat und jetzt das Geschehene zusammenfassen soll, kann das nur mit widerstreitenden Gefühlen tun. Einem routinierten Bundesliga-Sieg mit dem ersten Kagawa-Tor in dessen erstem Heimspiel folgte die Champions League-Gala gegen Arsenal, bei der der teuerste Einkauf des Sommers Ciro Immobile zum ersten Mal traf – und wie! Doch am Samstag folgte die blöd gelaufene 0:2-Niederlage in Mainz und am Sonntag die Nachricht, dass sich auch Henrikh Mkhitaryan in die lange Verletztenliste einreiht.

In der Bundesliga sind die Schwarz-Gelben plötzlich nur noch Zehnter und nun in den nächsten Partien in Sachen Kreativität vorwiegend von Shinji Kagawa abhängig. Doch das Glas ist sicher mehr als halb voll: Die Topteams Bayern und Bayer sind absolut in Reichweite und der Spielplan meint es auch nicht so schlecht mit der Borussia.

Am Mittwoch kommt der neue Tabellenletzte VfB Stuttgart ins Westfalenstadion. Bei den Schwaben ist gewaltig Druck auf dem Kessel – auch von Seiten mancher Fangruppen. Armin Veh hat es noch nicht geschafft, aus einem reichlich durchschnittlichen Kader eine siegreiche Mannschaft zu formen – was nicht unbedingt seine Schuld ist. Von den Namen, die in der Startelf zu erwarten sind, flößt höchstens Vedad Ibisevic echten Respekt ein. Doch es gilt selbstverständlich auch für den angeschlagenen VfB: Die Qualität für einen Punktgewinn haben sie – sollten die Schwarz-Gelben nur halbwach sein.

Jürgen Klopp bereitet die angespannte Personallage sicher keine Freude, doch sie nimmt ihm immerhin viele Entscheidungen ab, was die Aufstellung angeht. Fragen, die übrig bleiben: Kehrt Marcel Schmelzer anstelle von Erik Durm zurück in die Startelf? Letzterer hat angedeutet, was er besser kann als Ersterer, aber insgesamt noch häufig unsicher gewirkt. Im Sturm stellt sich natürlich die Frage „Ramos oder Immobile“, nachdem beide in Mainz unglücklich Großchancen vergeben haben. Sehr wahrscheinlich ist unterdessen ein Wechsel in der Innenverteidigung, nachdem Matthias Ginter bei beiden Gegentoren vom Samstag nicht glücklich aussah.

Ich hoffe persönlich auf einen gelungenen Wiedereinstieg in die Saison des BVB am Mittwoch. Dass dann das Derby in Gelsenkirchen folgt, bei dem die Gastgeber nun auch noch auf den gesperrten Julian Draxler verzichten müssen, ist zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht verkehrt.