Gute Spiele, schwache Schiris?

Nach den ersten drei Tagen der Fußball-Weltmeisterschaft zeichnet sich ein deutlich besseres Niveau ab als bei den letzten großen Turnieren – nicht nur wegen des Krachers Niederlande gegen Spanien. Es macht Spaß, es gibt Überraschungen wie Costa Rica und spektakuläre Tore wie durch van Persie und Robben.

Diskussionswürdig sind die Schiedsrichter-Leistungen. In den jüngsten Partien waren sie unauffällig; gesprochen wird vor allem über Brasilien v Kroatien, Mexiko v Kamerun sowie die eben in jeder Hinsicht denkwürdige Final-Wiederholung. Fehl am Platz ist jedenfalls die eurozentristische Sichtweise, in Topspielen wie der WM-Eröffnung müsse ein Referee aus einem der großen, sprich: europäischen, Verbände pfeifen. Das klang heute Vormittag auch im Sport1-WM-Doppelpass an – einer Sendung, die mit dem Anbruch des Sommers und dem Ende der Bundesliga-Saison nicht besser wird. Die Runde war noch nicht mal informiert über den Schiedsrichter des Deutschland-Spiels, den Serben Milorad Mazic, der schon am Samstag bekannt gegeben worden war.

Während die lächerliche Elfmeter-Entscheidung des Japaners Nishimura für Brasilien dem Spiel tatsächlich eine entscheidende Wendung gegeben haben könnte, stehen dem zwei klare Schnitzer des Italieners Rizzoli gegenüber – der folgerichtig vom „Kicker“ ebenso wie Nishimura die Note 5 bekam. Für mich war der Elfer für Costa schon beim ersten Ansehen sehr zweifelhaft, auch wenn das der Kommentator anders gesehen hatte. Das Foul gegen Casillas vor dem 3:1 war dagegen vor dem Bildschirm zunächst schwer zu erkennen – dafür umso deutlicher in der Wiederholung. Und auch zumindest einer der Unparteiischen hätte es sehen müssen.

Dass in den Medien auch der Kolumbianer Perez (leitete Mexiko v Kamerun) so scharf kritisiert wurde, scheint mir eine Überreaktion nach dem Auftaktspiel gewesen zu sein. Ja, er pfiff zwei Treffer zu Unrecht zurück, aber die Abseitssituation war knapp und nur das nicht existente Foul nach einer halben Stunde wirklich schwer verständlich. Ob die Europäer also wirklich die besseren Spielleiter sind – Brych und Kuipers waren tatächlich gut drauf – muss sich noch zeigen.

Ginter will nach Dortmund, Reus bleibt zu Hause

Katastrophen-Nachricht für Marco Reus: Im letzten Vorbereitungsspiel vor der Fußball-WM in Brasilien hat sich der Dortmunder Mittelfeldstar einen „Teilriss des vorderen Syndesmosebandes oberhalb des linken Sprunggelenks“ zugezogen und fällt für das Turnier aus. Bundestrainer Löw, der Shkodran Mustafi nachnominiert hat, zeigte sich betroffen:

Für ihn und für uns ist dies extrem bedauerlich. Marco war super drauf, (…) hat vor Spielfreude gesprüht. In unseren Überlegungen für Brasilien hat er eine zentrale Rolle gespielt.

Zwar hat die deutsche Nationalmannschaft sicher genügend Alternativen im offensiven Mittelfeld, aber das unberechenbar-kreative Element von Marco Reus wird tatsächlich schwer zu ersetzen sein.

Ein schwerer Schlag für Joachim, aber auch für den BVB? Nach DFB-Angaben wird Marco erst in sechs bis sieben Wochen wieder ins Training einsteigen können. Das wäre Mitte bis Ende Juli. Die Saisonvorbereitung der Borussia ist dann zwar schon voll im Gange, sie beginnt am 5.7., aber natürlich steigen die zahlreichen WM-Fahrer ohnehin später ein. Bei normalem Heilungsverlauf könnten wir zum Saisonstart also einen gesunden und trainierten Marco Reus in der Startelf haben. Wie sehr den 25-jährigen das verpasste Turnier belasten wird, ist eine andere Frage – allerdings würde ich ihn nicht so einschätzen, dass er daran Mitte August noch täglich denkt. Für Marco kann es einem sehr leid tun; der Verein könnte dagegen sogar den Vorteil haben, dass der Spieler nicht in einem weiteren internationalen Schaufenster vorspielt.

Unterdessen verdichten sich die Anzeichen, dass Defensiv-Allrounder Matthias Ginter zum BVB wechseln wird. Zumindest ist das nach Lesart des „Kicker“ der Wunsch des Spielers. Dem SC Freiburg ist es dagegen verständlicherweise nicht recht. Auch wenn bei den Breisgauern derzeit kein vergleichbarer Exodus wie im Sommer 2013 zu befürchten ist, würden sie mit Ginter erneut einen ihrer Topspieler verlieren. Zwar wird nach den Worten von Sportdirektor Hartenbach der Wunsch des Spielers respektiert, aber Michael Zorc dürfte ein harter Verhandlungspartner gegenübersitzen.

Für die Borussia stellt sich die Frage, ob das Ausgeben einer weiteren zweistelligen Millionensumme mit dem Standing korrespondiert, das Ginter in absehbarer Zeit im Team haben könnte. An einer direkten Rückleihe an Freiburg scheint der 20-jährige nicht interessiert zu sein. Der große Vorzug bei ihm ist seine Vielseitigkeit. Zwar wird kolportiert, dass Michael Zorc ihn vorwiegend als Innenverteidiger sieht, doch Ginter wäre nicht der erste Spieler, den Jürgen Klopp auf einer anderen Position erfolgreich einsetzt – zumal der Noch-Freiburger diese Allrounder-Qualitäten bereits hat. Die Möglichkeit, einen derartigen jungen deutschen Nationalspieler zu bekommen, der auch noch eine alte Affinität zum BVB hat, ist verlockend. Warum sollte man Ginter nicht zutrauen, sich auf einer der möglichen Positionen auch gegen Konkurrenz durchzusetzen?

Der Fortschritt der Verhandlungen zwischen Sportclub und Borussia ist allerdings unklar. Jüngst hatte die „Badische Zeitung“ berichtet, die Gespräche lägen auf Eis. Freiburg will offenbar die WM abwarten – entweder um Ginter noch mal umzustimmen oder einen höheren Preis zu erzielen. Dem Spieler wäre es lieber gewesen, die Sache vor dem Turnier zu klären. Deshalb war noch unter der Woche gemeldet worden, der Transfer könne bald über die Bühne gehen. Gibt es die Hängepartie oder eine weitere Wendung? Relativ sicher scheint nur zu sein, dass Dortmund Ginters bevorzugtes Ziel ist.

Die Bundesliga blüht und gedeiht

Platz zwölf für den FC Bayern – das ist nicht nur Ausdruck einer Krise, das ist auch ein Kompliment für die Bundesliga. (Klaus Hoeltzenbein, SZ 5.10.2010, S.27)

Der Leitartikel der gestrigen SZ-Sportseiten bringt es auf den Punkt. Der FC Bayern hat seinen Vorsprung erst mal verspielt, einige andere Vereine haben aufgeholt. Manche von ihnen haben dafür viel Geld investiert – Wolfsburg, Hoffenheim, Leverkusen. Andere stehen momentan völlig überraschend unter den ersten fünf der Liga – Hannover, Freiburg und natürlich Mainz. Borussia Dortmund kann man keiner der beiden Gruppen so richtig zuordnen. Der finanzielle Graben zu den Werksclubs und Hoppenheim ist jedenfalls nach wie vor riesig.

Gerade die Vereine, die nicht die Ressourcen für Großtransfers haben, müssen vieles andere richtig gemacht haben. Beim Personal, bei der Vereinsstrategie, bei Taktik und täglicher Trainingsarbeit. Viele Vertreter und Fans von erfolgsverwöhnten Vereinen wie Bayern oder Bremen gehen nach wie vor davon aus, dass eigentlich andere Vereine ‚da oben‘ stehen sollten, dass also der aktuelle Tabellenstand lediglich ein Unfall der Fußballgeschichte ist. Vor drei Monaten war ja mal eine WM, die war auch furchtbar anstrengend. Aus BVB-Sicht kann man dazu drei Dinge sagen: 1. Der FC Bayern hat einige Tage vor dem BVB die Saisonvorbereitung aufgenommen. 2. Ein BVB-Spieler stand im WM-Viertelfinale: Lucas Barrios. 3. Zu allen Länderspiel-Terminen nach der WM musste der BVB genauso viele oder mehr Spieler abstellen als der FCB.

Vermutlich werden sich nicht alle der Überraschungsmannschaften unter den Top 5 halten können. Manchen traut man dies mehr zu, manchen weniger. Vielleicht startet in der Rückrunde oder schon vorher die große Aufholjagd der Bayern, vielleicht kaufen sie sich in der Winterpause die Meisterschaft. Durch Investitionen in neue Spieler, versteht sich. Kein Zweifel sollte allerdings daran bestehen, dass der momentane Tabellenstand gerecht ist. Die ‚Kleinen‘ haben gut gearbeitet, manche der ‚Großen‘ haben es – verallgemeinernd gesprochen – versäumt, adäquat auf auftretende Probleme zu reagieren. Dies hätten sie mit Hilfe ihrer finanziellen Mittel tun können.

Die sportliche Situation im Oktober 2010 ist gut für die Liga und gut für den deutschen Fußball. Wenn die Verhältnisse festzementiert sind, wenn die Bayern neun von zehn Mal deutscher Meister werden, dann gefällt das außer den Bayern-Fans niemandem. Kein Verein sollte ein quasi erbliches Recht auf die Meisterschaft haben. Schön wäre es deshalb, wenn sich der Prozess der sportlichen ‚Annäherung‘ fortsetzen würde, wenn die innovativen Konzepte von Vereinen wie Mainz oder Dortmund auch längerfristig erfolgreich wären. Nur dann wäre es möglich, dass die Bayern auch in der Champions League irgendwann mal deutsche Konkurrenz kriegen (nicht unbedingt durch die genannten Vereine). Der FCB wird alles versuchen, eine solche Entwicklung zu verhindern. Das müssen sie tun und wahrscheinlich werden sie erfolgreich sein. Doch die ersten sieben Spieltage dieser Saison haben gezeigt, dass eine andere Bundesliga möglich ist – zumindest als Utopie.

WM Schwarz-Gelb

Zeit für eine Zwischenbilanz. Andere Blogger haben die Fußball-WM in Südafrika viel intensiver schriftlich begleitet als ich, deshalb werde ich mich in diesem Beitrag auf meine ‚Kernkompetenzen‘ beschränken und einen Blick auf die bisher gezeigten Leistungen der Dortmunder Nationalspieler werfen. Es waren bekanntlich (nur) drei.

Neven Subotic hat für Serbien nur einmal von Beginn an gespielt: Gegen Deutschland. In dieser Begegnung konnte er überzeugen, ohne besonders spektakuläre Aktionen zu verzeichnen. Gefährliche deutsche Aktionen kamen meist über außen zustande, Subotic spielte in der Innenverteidigung eine sehr solide Partie gegen über lange Zeit nur zehn Deutsche. Im letzten Gruppenspiel vertraute Trainer Antic trotzdem wieder Lukovic, den Subotic nach dessen Platzverweis bereits gegen Ghana in der letzten Viertelstunde ersetzt hatte. Durch das serbische Vorrunden-Aus sind weitere WM-Einsätze erst in vier Jahren möglich. Neven konnte sich aufgrund der beschränkten Einsatzzeit und den Umständen des Spiels gegen Deutschland nicht wirklich in den Vordergrund spielen und dürfte seinen Marktwert in Südafrika nicht wesentlich gesteigert haben. Schade für ihn, gut für den BVB. Trotzdem ist nicht ausgeschlossen, dass sich noch im Sommer Interessenten für ihn melden werden.

Nelson Valdez ist einer der Dortmunder, dem man keine Steine in den Weg legen würde, wie es so schön heißt. Die BVB-Verantwortlichen hätten nichts dagegen, wenn er in Südafrika positiv auf sich aufmerksam macht. Bisher hat Nelson so gespielt wie Nelson Valdez spielt: Engagiert und mit einigen Torschüssen, bei denen er aber glücklos blieb. In allen drei Vorrundenpartien spielte er von Beginn an, wurde jedoch immer nach einer guten Stunde ausgewechselt. Im Achtelfinale war es umgekehrt. Das Spiel gestern gegen Japan war alles andere als ein Fußball-Leckerbissen und vielleicht das schwächste des Achtelfinals. Valdez hatte nach seiner Einwechslung noch die eine oder andere Szene, aber nichts, dass die Scouts großer Vereine hätte aufmerken lassen. Wie alle Paraguayaner wird er froh sein, seinen Elfmeter verwandelt zu haben, der zum ersten Viertelfinal-Einzug bei einer WM beitrug. Auch für Nelson gilt, dass er wahrscheinlich auf den Listen einiger Club-Manager steht, aber seine bisherigen Auftritte in Südafrika die Zahl der Interessenten nicht groß beeinflusst haben dürften. Den ‚großen Sprung‘ wird es für ihn nach jetzigem Stand nicht geben.

Lucas Barrios war nach seinen Toren in der WM-Vorbereitung vermutlich der Dortmunder, der in Südafrika am Genauesten beobachtet wurde. Der gebürtige Argentinier spielt bekanntlich für Paraguay und kann natürlich nicht losgelöst von seiner Mannschaft betrachtet werden. In den Spielen, in denen die Rot-Weißen vorsichtig und defensiv agierten – gegen den noch amtierenden Weltmeister Italien und im Achtelfinale gegen Japan – kam Barrios nur schwer zur Geltung, da er vorne häufig auf sich allein gestellt war. Besser lief es im Spiel gegen die Slowakei, in dem Lucas agiler wirkte und eines der schönsten Tore der Vorrunde, durch Vera, vorbereitete. Im folgenden Vorrundenspiel gegen Neuseeland wurde er trotzdem erst nach 66 Minuten eingewechselt. Gegen Japan war er über 120 Minuten dabei, hatte aber nur zwei Chancen.

Letztendlich wird ein anerkannter Torjäger an Toren gemessen und die sind Lucas bisher noch nicht gelungen. Ein Scorerpunkt in vier Spielen liest sich auch nicht beeindruckend. Wir Schwarz-Gelbe wissen natürlich, zu was er mit der richtigen Taktik und in der richtigen Form in der Lage ist. Im Viertelfinale trifft Paraguay auf Spanien. Sollte Lucas in diesem Topspiel ein schönes Tor gelingen, könnte das die Aufmerksamkeit erregen, die er bisher noch nicht haben dürfte. Trotz allen Implikationen hätte ich nichts dagegen, wenn Lucas und Nelson mit Paraguay eine Überraschung gegen Spanien gelingt – obwohl einem das nach gestern wenig wahrscheinlich vorkommt.

It’s official: Deutschland v England und Italien ist draußen

Die WM gewinnt an Fahrt und beschert uns am Sonntag das Achtelfinale, auf das nicht nur die Boulevardpresse insgeheim spekuliert hatte. Deutschland gegen England wird ein Knaller, egal wie es ausgeht, ein Spiel, das für Gesprächsstoff sorgen wird. Es ist ungewiss, ob es ein qualitativ gutes Spiel wird, aber ich denke, Einsatz und Spannung werden stimmen. 😉

Weder die drei Löwen noch die Löwschen Jungs haben bisher konstante Leistungen gezeigt. Bei den Engländern war in der Partie gegen Slowenien ein Aufwärtstrend zu erkennen, allerdings war die Chancenverwertung noch alles andere als kaltblütig. Das deutsche Team wirkte gegen Ghana wenig kreativ und kam nur durch die Einzelaktion von Mesut Özil zum knappen Sieg, der auch den Gruppensieg bedeutete. Ausgerechnet Mesut Özil, dem ich noch 20 Minuten vor seinem Tor prophezeiht hatte, niemals ein WM-Tor zu schießen.

Für mich ist das Spiel am Sonntag völlig offen. Es ist einfach zu sagen, aber in diesem Fall wird wirklich die Tagesform der Mannschaften entscheiden. Aufgrund der bisher gezeigten Leistungen einen Favoriten auszurufen, halte ich für äußerst gewagt. Um so spannender dürfte die Partie werden. Dass sie überhaupt zustande kam, ist den US-Amerikanern zu verdanken, die in der Nachspielzeit gegen Algerien das Weiterkommen und den Gruppensieg schafften – durch Landon Donovan, für den das Tor eines seiner größten Karriere-Highlights gewesen sein dürfte. Die USA stehen natürlich vollkommen zu Recht im Achtelfinale, nachdem ihnen gegen Ghana noch das Siegtor geklaut worden war.

Zu einer spannenden Weltmeisterschaft gehören Überraschungen und der heutige Tag hatte die bisher größte zu bieten. Das Ausscheiden der Franzosen hatten Fußballinteressierte angesichts des desolaten Zustands der Mannschaft vermutlich nicht ausgeschlossen. Dass aber Weltmeister Italien sich in einer leichten Gruppe mit den Gegnern Neuseeland, Slowakei und Paraguay nicht durchsetzen würde, hat wohl kaum jemand vorhergesehen. Ausgerechnet die Slowaken schickten die Italiener nach Hause – mit einer gewaltigen Leistungssteigerung, die ebenfalls niemand vorhergesagt haben dürfte. Robert Vittek, der ehemalige Nürnberger, der inzwischen in der Türkei bei Ankaragücü spielt, bereitete mit zwei Toren den Weg für die Sensation. Und in den letzten 20 Minuten war es ein Spiel, wie man sich das bei einer WM vorstellt: Packend und spannend bis zuletzt, mit Toren und strittigen Szenen gespickt. Geht doch!

Das Ausscheiden eines weiteren europäischen Spitzenteams scheint das Südamerika-Comeback bei dieser WM zu bestätigen. Auch Paraguay mit Lucas Barrios und Nelson Valdez ist weiter, heute gab es allerdings nur ein 0:0 gegen Neuseeland. Der Gegner im Achtelfinale wird voraussichtlich der Sieger des heutigen Abendspiels Japan v Dänemark sein – hört sich nach einer lösbaren Aufgabe für die ‚Dortmunder Jungs‘ an.

Die Halbwertszeit ist vorbei

Vieles, was in der ersten WM-Woche geschrieben wurde, beginnt sich bereits zu relativieren. Fußball ist bekanntlich ungemein schnelllebig – zu schnelllebig für den einen oder anderen. Die Spiele in Südafrika sind besser oder zumindest spannender geworden – eine Steigerung, die aufgrund des sich erhöhenden Drucks zu erwarten war. Die deutsche Mannschaft, nach dem 4:0-Sieg gegen Australien schnell zum Mitfavoriten erklärt, wurde von Serbien gebremst und könnte im letzten Gruppenspiel gegen Ghana zum Siegen verdammt sein. Die Gelb-Rote Karte gegen Miroslav Klose war so unberechtigt wie die Rote gegen Tim Cahill letzten Sonntag. Joachim Löw wirkte heute mit seinen fragwürdigen Wechseln sehr irdisch und fehlbar. Und es zeigte sich, dass es nicht ausreicht, ein Bayern-Trikot zu tragen, um ein fähiger Nationalspieler zu sein. Bei Serbien kam unterdessen der Dortmunder Neven Subotic über 90 Minuten zum Einsatz und wirkte präsent und souverän.

Wenn sich überhaupt ein Trend aus den bisherigen Partien herauslesen lässt, dann der, dass es das Turnier der Südamerikaner werden könnte. Alle fünf Vertreter haben gute Chancen, sich fürs Achtelfinale zu qualifizieren – Stand heute. Alle fünf Mannschaften haben passablen bis guten Fußball gezeigt. Argentinien und ja, auch Brasilien, könnten die südamerikanische Nullrunde, die das WM-Halbfinale in Deutschland darstellte, vergessen machen. Mal sehen, ob diese Vorhersage die drei restlichen Turnierwochen übersteht.

WM-Parallelen

Das erste verlängerte WM-Wochenende ist vorbei und ich werde nichts über Vuvuzelas schreiben. Mir sind vielmehr einige Parallelen zum letzten Turnier in Deutschland aufgefallen. Damals wurde genauso wie in den letzten Wochen über den offiziellen WM-Ball gemeckert. Bei den ersten Spielen in Südafrika war dieser wirklich nicht der Freund der Torhüter. Aber haben Englands Robert Green und Algeriens Chaouchi harmlose Schüsse durchrutschen lassen, weil der Ball irgendwie komisch geflogen ist? Mit dem bloßen Auge und vor dem Fernseher lässt sich das leider nicht erkennen. Da müssen wir wohl noch etwas abwarten, ob es zu einer Häufung von Torwartpatzern kommt.

Das Niveau in den ersten WM-Spielen war überschaubar, ähnlich wie in Deutschland. Allgemeine defensive Stabilität und lahmendes Flügelspiel scheinen die Hauptgründe zu sein. Die Defensiven fast aller bisher zu sehenden Teilnehmer sind taktisch ordentlich geschult und verschieben gut. Wie 2006 war es die deutsche Mannschaft, die in ihrem ersten Spiel am besten zu gefallen wusste und dazu noch defensivstärker als vor vier Jahren auftrat. Eine recht souveräne Vorstellung lieferten noch die Argentinier ab und gespannt sein darf man auf die nächsten Partien der Südkoreaner. Die zeigten gegen schwache Griechen technisch ansprechenden Fußball, auch wenn nicht alles funktionierte. Für das Achtelfinale könnte das reichen.

Heute Abend haben Lucas Barrios und eventuell Nelson Valdez mit Paraguay ihren ersten Auftritt – gegen den amtierenden Weltmeister. Mehr dazu morgen an dieser Stelle.

Any Given Weekend empfiehlt Paraguay

Es soll nicht der Eindruck entstehen, ich freue mich nicht auf die WM. Nein, inzwischen kribbelt es schon. Ich freue mich auf hoffentlich schöne und spannende internationale Spiele mit bekannten und unbekannten Spielern, die man nicht jeden Tag zu sehen bekommt. Da ich ein FußballFAN bin, werde ich auch nicht neutral sein können. Fansein, Partei ergreifen, gehört für mich zum Fußball dazu und deshalb werde ich bei den meisten Partien meinen Favoriten haben.

Wer hier öfter liest, den wird es nicht überraschen, dass ich Sympathien für Paraguay hege. Zwei der drei Dortmunder Nationalspieler, Lucas Barrios und Nelson Valdez, spielen für das in Zentral-Südamerika zwischen Brasilien und Argentinien gelegene Land. Im Fußball stand Paraguay stets im Schatten der beiden Nachbarn. Allerdings belegte das Team in der beendeten WM-Qualifikation mit nur einem Punkt Rückstand auf den Gewinner Brasilien Platz 3. In Südafrika wartet eine absolut lösbare Vorrundengruppe: Die Gegner heißen Italien, Neuseeland und Slowakei.

Ich drücke Lucas und Nelson die Daumen für eine erfolgreiche WM. Gleichzeitig bin ich mir bewusst, dass das größte Fußballturnier auch das größtmögliche Schaufenster darstellt. Lucas Barrios hat schon in den Testspielen für sein neu adoptiertes Land überzeugt und getroffen. In der Bundesliga ist er drittbester Torschütze geworden. Sollte sich seine Erfolgswelle in Südafrika unvermindert fortsetzen, dürfte er unweigerlich auf dem Zettel vieler Scouts großer Vereine landen. Natürlich würde sich auch Lucas‘ Marktwert weiter erhöhen. Für den BVB wären das zwiespältige Aussichten, aber zumindest finanziell können wir nur gewinnen – wenn Barrios gesund zurückkommt.

Nelson Valdez werden die BVB-Fans mit zwei lachenden Augen ein gutes Turnier wünschen. Man muss ihn einfach mögen, auch wenn er alles in allem während seiner Dortmunder Zeit hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist. Klar ist da Eigennutz dabei; klar ist zu hoffen, dass er in positiver Weise Aufmerksamkeit erregt. Jürgen Klopp plant bekanntlich ohne Valdez und der Verein sollte noch Einnahmen erzielen und Ausgaben sparen, um etwa den weiterhin ungewissen Transfer von Robert Lewandowski gegenfinanzieren zu können. Trotzdem gönne ich den beiden Dortmundern und ihrer Mannschaft den Erfolg auch einfach so.

Und Deutschland? Ich werde wohl erst beim Anpfiff der ersten Partie wirklich wissen, wie ich mich zu dieser Mannschaft verhalte. Besonders groß wird mein Enthusiasmus vermutlich nicht sein. Gespannt bin ich besonders auf meine Gefühle bei einem möglichen Achtelfinale gegen England.

Warten auf Lewandowski

Vielerorts wurde der Wechsel von Robert Lewandowski zum BVB schon als sicher dargestellt. Doch obwohl der aktuelle polnische Torschützenkönig letzte Woche zur medizinischen Untersuchung in Dortmund war, lässt die Vollzugsmeldung weiter auf sich warten. Inzwischen ist weitgehend klar, woran die Verzögerung liegt: Lewandowskis Vertrag in Posen enthielt eine Klausel, die ihm und seinem Berater (natürlich…) eine hohe sechsstellige Summe von einem möglichen Transfererlös zusichert. Lech Posen scheint nun diese Vertragsklausel nicht erfüllen zu wollen, da für den Stürmer lukrativere Angebote von den Blackburn Rovers und Sampdoria Genua vorgelegen hätten, dieser aber unbedingt nach Dortmund wollte.

Das ist zunächst einmal schmeichelhaft und freut den Fan, aber dieses Geschacher im Anschluss an die vermeintliche Einigung wirkt natürlich unprofessionell. Auf den ersten Blick ist der Schwarze Peter schnell verteilt: Lech Posen und dessen Besitzer Jacek Rutkowski hatten mit der Borussia eine Übereinkunft erzielt und waren sich der Vertragsdetails bewusst. Trotzdem kann man die Argumente aus Posener Sicht nachvollziehen. Für den besten Torjäger des Landes soll der aktuelle polnische Meister nach Abzug des Anteils von Spieler und Berater nur gut 3,5 Millionen Euro bekommen. Das ist bitter, aber Vertrag ist Vertrag. Trotzdem könnte Lewandowski die Sache beschleunigen, indem er sich kompromissbereit zeigt. Ob sein Berater allerdings bereit dafür ist, wage ich erst mal zu bezweifeln.

Es sind schon öfter Transfers an solchen ‚Lappalien‘ gescheitert. Bisher gehen jedoch alle Beteiligten davon aus, dass der Wechsel in absehbarer Zeit über die Bühne geht. Gestern zitierte der „Kicker“ Rutkowski so:

Es sind nur Kleinigkeiten, die uns aufhalten. Sie zu klären ist schwer. Trotzdem glaube ich, dass Robert nach Dortmund gehen wird.

In der Montagsausgabe hatte schon Hans-Joachim Watzke bekräftigt, dass er vollkommen überzeugt vom Gelingen des Geschäfts sei. Warten wir also weiter.

Unterdessen hat Jürgen Klopp deutliche Worte für den abwanderungswilligen Nelson Valdez gefunden und wie im Fall Kringe gezeigt, dass er vor harten Entscheidungen nicht zurückschreckt: „Nelson könnte eine Luftveränderung möglicherweise guttun.“ Es gibt für Nelson angeblich Interesse aus der Premier League – ob es von dort oder aus anderer Richtung zu einem vernünftigen Angebot kommt, wird nicht unwesentlich von der Weltmeisterschaft des paraguayanischen Top-Torschützen (in der Qualifikation) abhängen.