Reality Check: Alter BVB an der Alten Försterei

1. Bundesliga, 13. Spieltag / Union Berlin 2  BVB 1

Ein Schritt vor, einer zurück: Borussia Dortmund lässt ihn Köpenick wieder vieles vermissen, was in Bremen noch zu sehen war. Die Realität ist: Der 1. FC Union ist derzeit einer der Hauptkonkurrenten des BVB.

Neue Ideen, altes Personal

Es war nicht von Beginn an der Favre-BVB, den wir in Berlin zu sehen bekamen. Anfangs war das Bemühen zu erkennen, wieder schneller und direkter nach vorne zu spielen als unter dem Ex-Trainer. Allein, es funktionierte nicht besonders gut. Die Bälle kamen zu selten an, die Gastgeber waren aufmerksam – es war von beidem etwas dabei. Und so verfielen die Schwarz-Gelben wieder in alte Muster, wirkten gerade im Mittelfeld unfähig, Lücken in der kompakten Union-Defensive zu erkennen, so dass fast jeder Angriff früh stockte und der nächste Quer- oder Rückpass kam.

Ein altes Muster ist auch der Leistungsstand einiger verantwortlicher Akteure: Axel Witsel kriegt absolut keinen Zug in seine Aktionen, da nützt auch ein Alibi-Abschluss nichts. Marco Reus war, so ungern ich das schreibe, bis zu seiner Auswechslung weitgehend unsichtbar. Und Jadon Sancho? Der war absolut involviert, ist aber eben völlig glücklos derzeit. Ihm ist jedoch ein schnelles Wiederaufblühen nach einem Erfolgserlebnis am ehesten zuzutrauen.

Hat Edin Terzic also falsch aufgestellt? Hat er überzeugende Alternativen? Die Aufstellung in Berlin kann man schon nachvollziehen. Aber für Braunschweig und die Zukunft sollte der wieder genesene Thomas Delaney Thema für die Zentrale sein, zunächst neben Can oder Dahoud. Ob Julian Brandt derzeit die bessere Option als Marco Reus ist, sei mal dahingestellt. Und im Pokal sollte Terzic Zagadou mal 90 Minuten geben.

Peinliche Wiederholung

Ohne Standards hätte die Borussia die Partie nicht verloren. Wie gegen Köln waren es erneut zwei Ecken, die zu den Gegentoren führten. Einmal ganz ähnlich wie damals nach einer Kopfballverlängerung, einmal nachdem Marvin Friedrich beim Lauf in den Strafraum völlig allein gelassen wurde und vor dem heranstürmenden Hummels einköpfen konnte. Schwer zu entschuldigen, das so etwas nicht verhindert wird – egal ob das an der fehlenden Übung oder, wahrscheinlicher, an der fehlenden Umsetzung des Geübten liegt.

Wie gegen Stuttgart gelang der Borussia ein bemerkenswertes Tor, das nachher niemand mehr so recht interessierte: Youssoufa Moukoko wurde mit seinem ersten Liga-Treffer zum Rekordhalter als jüngster Torschütze. Es war ein schönes Tor, wenn auch nicht ganz so toll wie Reynas Treffer beim 1:5. Moukoko hat jedenfalls Werbung für weitere Startelf-Einsätze gemacht. Dass die Rückkehr von Erling Haaland dem BVB enorm helfen würde, steht trotzdem außer Frage.

Was nun, BVB? Vor Weihnachten wird sich nicht mehr klären, ob Edin Terzic diesem Kader weiterhelfen kann. Das Braunschweig-Spiel, das hier und da schwerer geredet wird als es sein dürfte, kann kein Gradmesser sein. Alle müssen jetzt Geduld aufbringen. Terzic hat die Chance, während des mächtig schweren Programms Anfang 2021 zu zeigen, was er der Mannschaft beibringen kann. Allzuviel Zuversicht fällt momentan allerdings noch schwer.

Die Aufstellung: Bürki – Meunier (80. Morey), Akanji (85. Schulz), Hummels, Guerreiro – Witsel, Can (80. Bellingham) – Sancho, Reus (72. Brandt), Reyna – Moukoko. Gelbe Karte: Witsel. Tor: Moukoko

Mats Hummels, mach‘ den Trainerschein!

1. Bundesliga, 11. Spieltag / BVB 1 VfB Stuttgart 5

Nach einer ärgerlichen knappen Niederlage gegen Köln erlebt Borussia Dortmund im folgenden Heimspiel ein Desaster und geht gegen den Aufsteiger VfB Stuttgart mit 1:5 unter. Die beste Analyse kommt kurz nach dem Spiel von Mats Hummels – auf dem Platz hatten seine analytischen Fähigkeiten leider keine Auswirkung.

Die Worte zum Spiel

Hummels nannte die offensichtlichen Gründe für die Niederlage – entscheidende Ballverluste vor drei Gegentoren gegen einen starken VfB. Aber er ging auch so in die Tiefe, wie man es von Lucien Favre nicht nur wegen der Sprachbarriere nicht hören wird:

Wir versuchen immer klein-klein durch enge Räume durchzuspielen und haben dabei eine riesig hohe Ballverlustquote. (…) Es ist zu viel ‚Geschnicke‘, würde ich sagen, wir haben zu wenig Tiefe im Spiel, kommen zu wenig entgegen und provozieren so die eigenen Ballverluste.

Das sei kein sinnvoller Fußball, meinte Mats und erläuterte, dass die Schwarz-Gelben oft in den falschen Räumen Risiko spielten: Dort, wo es wenig bringt, aber schnell gefährlich werden kann. All das konnte man gegen den VfB erkennen, aber so eine Zusammenfassung musst du Minuten nach der Partie erst mal bringen. Als Spieler. Da stellt sich die Frage, ob Mats Hummels nicht auf der Trainerbank gut aufgehoben wäre – auch wenn er dem BVB derzeit in der Abwehr noch arg fehlen würde. Längerfristig aber ein charmanter Gedanke – obwohl ich etwas daran zweifle, dass Mats diesen Karriereschritt anstrebt. Weiterlesen „Mats Hummels, mach‘ den Trainerschein!“

Jung und jünger

1. Bundesliga, 8. Spieltag / Hertha BSC 2 BVB 5

BVB-Trainer Lucien Favre schickte gestern in Berlin keine besonders junge Startelf auf den Rasen des Olympiastadions: 27,6 Jahre war deren Durchschnittsalter. Nach der Partie fokussierte sich dennoch alles auf die Jugend. Der 20-jährige Stürmer Erling Haaland traf viermal und Sturmkollege Youssoufa Moukoko wurde zum jüngsten Bundesligaspieler aller Zeiten, als er wenige Minuten vor Schluss mit 16 Jahren und einem Tag eingewechselt wurde.

Goal Phenomenon

Ein Hattrick innerhalb einer Viertelstunde, vier Tore in 33 Minuten – es war ein Tag der Superlative für den Dortmunder Superstürmer, der auf dem besten Weg ist, alle großen schwarz-gelben Torjäger der jüngeren Vergangenheit in den Schatten zu stellen. Marcio Amoroso, Lucas Barrios, Pierre-Emerick Aubameyang und vielleicht sogar der damalige Robert Lewandowski verblassen gegenüber der gestrigen Leistung des Erling Haaland.

Der Norweger kann das auf diesem Niveau nicht jede Woche abrufen – siehe Bayern-Spiel. Aber der BVB wird sich spätestens im Sommer vor äußerst lukrativen Angeboten nicht retten können. Erlings Antritt, die Ballannahme und -verarbeitung sowie sein Torriecher waren schlicht sensationell in Berlin. Er kreiert Tore selber – wie das dritte, begünstigt durch den schludrigen Pass des Berliners Plattenhardt auf Alderrete – oder er ist einfach an der richtigen Stelle, wie bei Cans Querpass vor dem 1:1. Weiterlesen „Jung und jünger“