Sancho kriegt die nächste Überschrift

1. Bundesliga, 14. Spieltag / FC Schalke 1 BVB 2

Dieses Mal ist alles anders: Der BVB hat endgültig alle Schatten der vergangenen Saison hinter sich gelassen und ist nach Bayern-Bezwinger nun auch Derbysieger. Hochverdient, ohne viel Glanz, aber mit einer umjubelten Rückkehr nach Dortmund.

Beim Eintreffen des Mannschaftsbusses am Trainingsgelände, natürlich schon im Dunkeln, erleuchtete Pyrotechnik die Szenerie. Hunderte Fans feierten, Axel Witsel und Achraf Hakimi mittendrin. Neu-Dortmunder, bei denen der Abend Eindruck hinterlassen haben dürfte. Schwarz-Gelbe, die schon länger dabei sind, fühlten sich natürlich an das erste Meisterjahr unter Jürgen Klopp erinnert.

Die Partie am Nachmittag hatte die Kräfteverhältnisse der laufenden Saison gut widergespiegelt. Natürlich kam Schalke über den Kampf, natürlich wollten die Blauen. Sie brachten Härte ins Spiel, die zum Glück nie ausuferte. Nerviger war das ewige Lamentieren der Gastgeber gegenüber dem Schiedsrichter, vor allem in der ersten Hälfte. Spielerisch zeigten sich die Blauen allerdings limitiert, vor allem offensiv. Nach dem verletzungsbedingten Ausscheiden von Burgstaller ging da kaum noch was. In Gelsenkirchen muss man sich langsam fragen, ob da nicht auch was in der Transferpolitik schief gelaufen ist.

Die Richtigen treffen

Eine Führung im Derby ist immer erfreulich – und noch mehr, wenn sie von einem Spieler wie Thomas Delaney erzielt wird. Einem Typen, den man in einem Derby braucht und der sich diesen Treffer durch seine Entschlossenheit verdiente. Ein wuchtiger Kopfball nach einer Ecke: Solche Tore dürfte der BVB gerne noch häufiger machen. Allerdings wurden die Gäste, die zuvor dominierten und ansehnlich kombinierten, nach dem 1:0 etwas passiver, ungenauer oder übermütig. Sagen wir es so: Schalke bestimmte jetzt das Niveau.

Es mangelte an echten Torszenen. Am Ende der Partie stand die Borussia bei neun, die Gastgeber bei sechs Torschüssen – und über deren Qualität sagt diese Statistik bekanntlich noch nichts aus. Burgstaller testete Roman Bürki aus kurzer Distanz, spielte aber zuvor Hand. Neben dem Elfmeter war das die einzige Großchance der Blauen. Schalke machte in der zweiten Hälfte etwas mehr, blieb auch nach dem Ausgleich dran, war aber nicht gefährlich. Und dann kam Jadon Sancho. Der 18-jährige Engländer spielte einen Doppelpass mit Raphael Guerreiro, zog dann über links in den Strafraum und traf an Fährmann vorbei ins rechte Eck. Ein großer Treffer von ihm, der in der Woche zuvor seine Großmutter verloren hatte. Ohne Zweifel hatte dieses Derby also die richtigen Torschützen. Und mit Guerreiro erneut einen eingewechselten Scorer.

Schön zu sehen war, wie weit die Blauen derzeit von Schwarz-Gelb entfernt sind. Das tut gut, das wird man ja wohl mal sagen dürfen. Die Arbeit von Zorc, Watzke und vor allem Lucien Favre ist auch unter diesem Gesichtspunkt bewundernswert. Nach dem großartigen Freiburger 3:0 gegen Leipzig sind die Bayern zumindest bis heute Abend wieder erster Verfolger der Borussia. Alles ist möglich und derzeit fühlt sich das so richtig gut an.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Akanji, Diallo, Hakimi – Witsel, Delaney – Sancho (89. Pulisic), Reus, Bruun Larsen (61. Guerreiro) – Paco Alcacer (77. Götze). Gelbe Karten: Piszczek, Hakimi, Reus. Tore: Delaney, Sancho

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Kick it like Sancho

1. Bundesliga, 13. Spieltag / BVB 2 SC Freiburg 0

Der Sportclub ist ein von mir immer gern gesehener Gast im Westfalenstadion. Nicht nur, weil er meistens Punkte da lässt, sondern auch wegen des großen Respekts, den ich vor der Arbeit in Freiburg habe. Ich konnte nie verstehen, warum manche diesen Verein langweilig finden und am liebsten nur die Bundesliga-Dinos sehen würden, selbst wenn die ohne Ende Mist bauen. Trotzdem freut es mich natürlich, dass die Borussia mit ihrem zehnten Sieg in der Liga weiter alle auf Trab hält. Und das kam so:

Die Viererkette steht. Obwohl Manuel Akanji ersetzt werden musste, wirkten die vier Abwehrspieler weitestgehend routiniert und eingespielt. Dan-Axel Zagadou klärte bis zu seiner Verletzung da hinten beinahe alles weg. Was für eine tolle Erfolgsgeschichte nach dem schwierigen Anfang! Lukasz Piszczek und Abdou Diallo ließen sich auch auf Ausflüge nach vorne ein, was gar nicht so schlecht aussah. Und Achraf Hakimi ist ja sowieso häufig in des Gegners Hälfte anzutreffen – ohne dadurch heute defensive Problemchen heraufzubeschwören. Gegen Freiburg passte diese recht offensive Abwehrkonstellation. Ja, es war ’nur‘ Freiburg. Aber dieses Freiburg hat anderen schon enorme Probleme bereitet.

Wehe dem Gegner, der Jadon von der Leine lässt. Bekommt Englands Teenie-Hoffnung den Platz und sprüht er vor Spielfreude wie heute in einigen Szenen, dann ist er inzwischen der bessere Pulisic. Das ist nicht so schön für Letzteren, da Christian deswegen seltener spielt. Aber heute stand das ohnehin nicht zur Debatte, der US-Amerikaner fehlte mit muskulären Problemen. Sancho war dafür an beiden Toren beteiligt: Sein Dribbling im Strafraum führte zum Elfmeter, den Reus verwandelte und sein tolles Power-Dribbling in der Nachspielzeit bereitete die Entscheidung vor.

Arbeitssieg mit einem Hauch Klasse. Der Sportclub machte es den Borussen nicht einfach. Christian Streich hat es nach Anlaufschwierigkeiten auch in dieser Saison wieder geschafft, eine Mannschaft zu bauen, die sehr gut das spielt, was sie kann. Man sah aber doch, dass die Schwarz-Gelben etwas mehr können. Vor allem in der zweiten Halbzeit gab es einige schöne Spielzüge, wenn auch nicht alle in Großchancen mündeten. Marco Reus tat sein Tor gut, auch Jacob Bruun Larsen drehte nach einer unauffälligen ersten Hälfte auf. Es war aber kein Chancenreigen und Freiburg traf durch Gondorf auch die Latte, wie später Piszczek.

Mäßige erste 45 Minuten, passend zur Anti-Montagsspiele-Nicht-Stimmung auf der Südtribüne, dann der souveräne zweite, lautere Teil. Voll ok, das Ganze. Doch jetzt kommt das Derby!

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Diallo, Zagadou (37. Toprak), Hakimi – Delaney, Witsel – Sancho, Reus (81. Philipp), Bruun Larsen – Götze (70. Paco Alcacer). Gelbe Karte: Piszczek. Tore: Reus (EM), Paco Alcacer

 

Borussia hat Vorsprung und Alcacer

Borussia Dortmund im Gute-Laune-Modus: Zur Mitgliederversammlung beschenkten uns die Verantwortlichen mit der festem Verpflichtung von Paco Alcacer; am Samstag zogen die Schwarz-Gelben gegenüber Leipzig und Bayern auf acht bzw. neun Punkte davon. Wie gut kann diese Saison also werden?

Hans-Joachim Watzke ist zwar bekanntlich eher pessimistisch veranlagt, was seine Borussia angeht, aber trotzdem hat seine Mahnung an die Spieler Berechtigung,„scharfgestellt“ zu bleiben. Es ist erst November, beim FCB dürfte in absehbarer Zeit ein neuer Mann auf der Bank sitzen und die andere Borussia bleibt dran, dreht dabei sogar Spiele wie heute gegen Hannover. Es sind eben nicht nur die Bayern und für eben jene sind neun Punkte an 22 Spieltagen natürlich aufholbar. Nachlässigkeiten wären also tatsächlich der „Anfang vom Ende“, wie Watzke sagt.

Wichtig ist auch, sich nicht ablenken zu lassen. Wenn für Aki Watzke die Bundesliga das Non-plus-ultra ist, wie zuletzt beteuert, dann muss dieser Wettbewerb im Zweifelsfall auch im Zentrum der Konzentration stehen. Ja, in dieser Saison ist da etwas möglich. Deswegen interessiert mich die Super, äh Champions League da höchstens als eine gute Trainingsveranstaltung.

Ich habe das Mainz-Spiel nicht sehen können, aber manchmal reicht auch ein Ticker, um zu wissen: Der unglaubliche Paco hat es wieder getan. Zwei Minuten im Spiel und schon wieder getroffen. Die Frage bleibt, wie die ganzen Partien ausgingen, wenn Favre ihn und gewisse andere Spieler von Anfang an bringen würde. Paco jetzt zu verpflichten ist zwar einerseits ein Feel-Good-Bonbon für die Mitgliederversammlung gewesen, aber eben auch ein No-Brainer. Einen so treffsicheren Stürmer zu diesen Konditionen vom FC Barcelona zu kriegen ist einfach verdammt gutes Verhandlungsgeschick von Zorc und Watzke. Auch wenn Alcacer noch nicht so lange hier ist, auch wenn er relativ verletzungsanfällig erscheint.

Auf roten Sitzen aus der Krise

In den letzten Jahren sorgten die ‚pinken‘ Sitze in Sunderlands Stadium of Light immer wieder für Spott. Die auch im Nordosten Englands manchmal scheinende Sonne hatte für die Verfärbungen gesorgt. Nun erstrahlen 31.000 der größtenteils fest installierten Klappsitze wieder in leuchtendem Rot. Die Ecken des Stadions sind in Weiß, der zweiten Vereinsfarbe des AFC Sunderland, gehalten.

Das Ersetzen der pinken Sitzgelegenheiten war keine Selbstverständlichkeit, wie sie es beim FC Bayern oder dem BVB gewesen wäre. Sowohl die alten wie auch die neuen Sitze standen und stehen sinnbildlich für die Geschicke der „Black Cats“ in der jüngeren Vergangenheit. Noch in der Saison 2016/17 spielte der Klub aus der Industrie- und Universitätsstadt an der Nordseeküste in der Premier League. Besitzer war zum damaligen Zeitpunkt der Amerikaner Ellis Short. Doch nachdem dieser jahrelang viel Geld für Transfers und Trainer in den Verein pumpte, hatte er schließlich genug und war nur noch bereit, die Verluste der „Black Cats“ aus dem laufenden Geschäft auszugleichen.

Die Konsequenzen waren katastrophal: Nach zwei Abstiegen in Folge ist Sunderland nur noch drittklassig. Die Frauenmannschaft, einst eines der Topteams Englands, aus dem viele Nationalspielerinnen stammten, hat ebenfalls gelitten. Auch die Ladies spielen nach einer Reform des Ligensystems nun drittklassig – ohne wirklich abgestiegen zu sein. Es wird gemutmaßt, dass die finanziellen Verluste der letzten Jahre – Short hatte auch hier nicht mehr investiert – zur Entscheidung des Fußballverbands FA beigetragen haben, Sunderland herabzustufen. Eine umstrittene, weil nicht sportlich begründete Maßnahme.

Ein Abschied mit Stil

Umstritten ist sie auch, weil sich inzwischen grundlegende Veränderungen beim AFC Sunderland ergeben haben. Auch wenn die Ellis Short-Ära als „katastrophal“ bezeichnet wird: Seine letzte Entscheidung war großmütig. Im Frühjahr 2018 verkaufte er den Klub an ein internationales Konsortium, das vom Engländer Stewart Donald, zuvor Besitzer des Fünftligisten Eastleigh, angeführt wird. Im Zuge des Deals löste Short die Schulden der Black Cats in dreistelliger Millionenhöhe ab, verzichtete persönlich auf viel Geld. Was im Klartext bedeutet, dass Sunderland nun mit einer weißen Weste den Neustart in Liga 3 angetreten hat. Weiterlesen „Auf roten Sitzen aus der Krise“

Wie ich beinahe Lothar Matthäus lieben lernte

1. Bundesliga, 11. Spieltag / BVB 3 Bayern München 2

An so einem Abend geschehen Zeichen und Wunder: Sky-Experte Lothar Matthäus führte nach dem Topspiel ein engagiertes Interview mit Marco Reus, stellte interessante Fragen mit zuvor gut beobachteten Inhalten und wirkte generell begeistert von der Dortmunder Leistung und der Partie insgesamt. Das war erfreulich weit entfernt vom üblichen Standard-nach-dem-Spiel-Gefrage der TV-Journalisten. Für einen kurzen Moment wünschte ich mir – wohl vergeblich – dass Lothar meinen bald Trainer-losen Zweitverein SV Babelsberg 03 übernimmt.

Über die ganze Breite der Südtribüne war gestern ein Banner gespannt, das sich unmissverständlich gegen die Teilnahme von Borussia Dortmund an einer Elite-Liga aussprach. Es passte perfekt zur Gelegenheit: Ein solches Topspiel ist so nur in der Bundesliga denkbar; in einer European Super League wäre dieselbe Begegnung entwertet. Auch wenn das einige RB Leipzig-Fans vielleicht nicht verstehen.

BVB gegen Bayern bot gestern Abend alles, was sich die weltweit zuschauenden Menschen und übertragenden TV-Sender erhofft hatten. Es war mal wieder eine Partie auf Augenhöhe – zum Nägelkauen, auf dem Sitz hin- und herrutschen, Aufregen. Und am Ende jubelten die Schwarz-Gelben, nachdem Robert Lewandowski uns kurz die Hände vors Gesicht schlagen ließ, ehe sein Treffer in der 90+5. Minute zurecht als Abseits gewertet wurde. Weiterlesen „Wie ich beinahe Lothar Matthäus lieben lernte“

Die Super League oder das Ende des Fußballs wie wir ihn kennen

Die Dementis kamen prompt: Hans-Joachim Watzke hatte dem Spiegel schon rechtzeitig vor Erscheinen von dessen Enthüllungen zur heimlich geplanten European Super League gesagt, der BVB würde unter seiner Führung nicht aus der Bundesliga aussteigen. Karl-Heinz Rummenigge, dessen Vorgehen vor allem im Jahr 2016 im Artikel des Nachrichtenmagazins als doppelzüngig dargestellt wird, erklärte nun ebenfalls, der FC Bayern stehe unter ihm als Vorstandsvorsitzendem zur Bundesliga wie zu den mit UEFA und ECA (European Club Association) vereinbarten Wettbewerben.

Die Stellungnahmen lassen keine Eindeutigkeit vermissen. Hinter sie kann man nicht so schnell zurück. Es wird also auch weiterhin eine Bundesliga mit dem FCB und dem BVB geben. Doch ist eine europäische Super League seit 2016 wirklich vom Tisch? Damals bauten einige der Topklubs eine glaubhafte Drohkulisse auf, von der KHR als damaliger ECA-Vorsitzender zumindest gewusst haben muss. In der Folge wurden die finanziellen Aspekte der Champions League und die Startrechte noch mehr im Sinne der großen Vereine und Ligen geregelt. Seit dieser „Reform“ erscheint es erst mal glaubhaft, wenn Vertreter von Großklubs behaupten, eine Super League sei kein Thema oder ganz weit weg.

Nun hat der Spiegel jedoch über seine Informanten von der Football Leaks-Plattform eine E-Mail bekommen, die an Real Madrid gerichtet war. Sie datiert vom Oktober 2018 und beinhaltet einen genauen Plan für eine European Super League mit 16 Vereinen ab 2021. Diese „bindende Absichtserklärung“ soll laut Datum noch im November unterzeichnet werden. Laut dem Plan würden in diesem Wettbewerb elf europäische Topklubs, darunter Bayern München, ein auf 20 Jahre garantiertes Startrecht bekommen. Fünf weitere Vereine, darunter Borussia Dortmund, wären zunächst Gäste, die auch wieder absteigen könnten. Weiterlesen „Die Super League oder das Ende des Fußballs wie wir ihn kennen“

Vom Zypern-Freund zum Supercupsiegerbesieger

Champions League, 3. Spieltag / BVB 4 Atletico Madrid 0

Es ist erstaunlich bis atemberaubend wie sich die Europapokal-Geschicke von Borussia Dortmund gewandelt haben. Nach Nikosia und dem Ausscheiden gegen Salzburg nun der dritte Sieg in der Champions League, mit 4:0 gegen Atletico. Der Mannschaft, die angeblich so wenig zulässt.

Lucien Favre probierte es mit einem recht klassischen 4-2-3-1, wobei Marco Reus ganz vorne seine Rolle doch etwas anders spielte als Paco Alcacer. Zeitweise fehlte die Präsenz eines echten Neuners den Schwarz-Gelben: Wenn es keinen Abnehmer für die Flanken der flotten Außen gab. Dass unter den Torschützen des BVB letztendlich nur ein echter Offensivmann war, ist aber schon ein Hinweis, wie die Mannschaft des Fehlen von Paco ausgleichen konnte: mit einer fantastischen Mannschaftsleistung.

Wie so oft – außer in der letzten Saison – wirkte das Auftreten der Borussen in der Champions League noch etwas spritziger und engagierter als in der Bundesliga. Favre hatte es offensichtlich geschafft, die immense Qualität von Atletico allen klarzumachen. Wenn man jemand herauspicken will aus der Mannschaft, muss man mindestens diese Namen nennen: Witsel, Hakimi, die Innenverteidiger Diallo und Zagadou und Marco Reus. Auch dessen Kumpel Mario Götze hielt gut mit.

Die vier Tore fielen, weil das Team in entscheidenden Momenten heiß, schnell und kombinationssicher war. Sie fielen weniger durch herausragende Einzelleistungen. Es gab auch die Phase, in der die Partie wackelte und Madrid den Ausgleich hätte schießen können. Die Borussia kam gar nicht mehr ordentlich hinten raus. Mehr als ein Elftel Schuld daran hatte der für den verletzten Delaney eingewechselte Mahmoud Dahoud. Dessen Passspiel war zunächst absolut gruselig, nicht zum ersten Mal. Doch später bereitete er immerhin das 3:0 durch Sancho mit vor.

Aber ansonsten: Was waren das wieder für Einwechslungen von Favre? Okay, von Jadon Sancho erwartet die Fußballwelt das inzwischen fast schon. Aber zwei Tore vom schon ins zweite Glied gerückten Guerreiro? Klar: Das 0:2 in einer für sie bis dahin positiven zweiten Hälfte beeindruckte Atletico und euphorisierte Schwarz-Gelb sowie das Westfalenstadion. Aber wie das dann zu Ende gespielt wurde, war trotzdem extrem beeindruckend. Es spielte auch keine Rolle, dass Roman Bürki nur einen ordentlichen und keinen bockstarken Tag wie zuletzt immer erwischt hatte. Nicht jeder Pass und Abschlag von ihm saß.

Ein sehr großes Spiel also. Natürlich aber noch kein Fingerzeig, dass es der BVB auch in der Champions League weit bringen kann. Nun kommt mit Hertha BSC erst mal eine der derzeit unangenehmsten Mannschaften der Bundesliga nach Dortmund.

Das Jahr nach Wembley

Am 27. Mai bestritt Shrewsbury Town das Play-Off-Finale der League One in Wembley. Die Mannschaft aus der westenglischen Grafschaft Shropshire hatte zeitweise den niedrigsten Marktwert von Englands dritter Liga gehabt. Es war ein Verein ohne große Namen, der alle Erwartungen übertroffen hatte und plötzlich vor dem ganz großen Coup stand. Doch die Partie gegen Rotherham United ging verloren und der unbestrittene Vater des Erfolgs, der 44-jährige Trainer Paul Hurst, verließ die Shrews wie erwartet in Richtung Ipswich und zweite Liga.

Eigentlich wusste jeder, auch die Fans, dass Shrewsbury ein klassischer Overachiever war. Wembley war eine einzigartige Chance, die nicht so schnell wiederkommen wird. Und doch ist es schwer zu schlucken, wie es einem kleinen Verein nach solch einer verpassten Gelegenheit oft geht. Verlässt mit dem Trainer der allseits anerkannte Erfolgsgarant den Klub, ist es noch schwieriger, Spieler zu halten, die aufgrund des verpassten Aufstiegs sowieso auf gepackten Koffern sitzen.

So kam es, dass ‚Salop‘, wie Town auch genannt wird, 17 neue Leute holte und dazu drei eigene Jugendspieler beförderte. Nur zwei Stammspieler aus dem aktuellen Kader sind schon länger, seit 2015, dabei, Kapitän und Innenverteidiger Mat Sadler und Flügelspieler Shaun Whalley. Beide sind über 30.

Treue Seele, doch auch der richtige Trainer?

Der neue Trainer kam vom Fünftligisten Macclesfield Town. John Askey hatte die ‚Silkmen‘ allerdings zum Abschluss zurück in den Profifußball geführt. Das Bemerkenswerteste am neuen Mann ist seine Vereinstreue. Als Spieler lief er sagenhafte 19 Jahre am Stück für Macclesfield auf. Im Anschluss übernahm er den Verein 2003 als Trainer und blieb 15 Jahre – bis zum vergangenen Juni.

Mit so einem Mann kann man etwas aufbauen, werden sich die Verantwortlichen in Shrewsbury gedacht haben. Der Verein mag klein sein, aber seine seriöse Führung ist über fast jeden Zweifel erhaben.  Die Shrews sind einer der ganz wenigen schuldenfreien Vereine im englischen Profifußball. Wie wichtig wäre für einen Klub mit diesem Profil Kontinuität? Doch die ist in Gefahr. Denn der Start in die Saison 2018/19 verlief nicht vielversprechend. Mit nur zwei Siegen aus 13 Partien in der League One liegt Town derzeit auf Platz 17 (von 24), nur zwei Punkte vor den Abstiegsplätzen.

Vor allem die Tore wollen nicht fallen. Und Trainer Askey wird nicht nur als farblos wahrgenommen, sondern scheint mit dem Niveau der Liga noch seine Probleme zu haben. Nach der jüngsten 1:2-Niederlage in Fleetwood gab er immerhin offen zu, dass er zunächst die falsche Taktik gewählt hatte. Er begründete seinen Wechsel zu einem 4-4-2 unter anderem mit den schlechten, stürmischen Wetterverhältnissen, die am Spieltag im Nordwesten Englands geherrscht hatten. Man kann das als bewundernswerte Ehrlichkeit, aber gleichzeitig die taktische Umstellung als Herumprobieren einstufen.

Würde John Askey die Fans auch emotional mehr mitnehmen, hätte er wahrscheinlich einen etwas leichteren Stand. So wie es ist, wird die Ungeduld spürbar. Das Publikum im „New Meadow“ gilt zwar als freundlich, allerdings nähern sich die Zuschauerzahlen der 5000er-Grenze, von oben. Knapp 10.000 passen ins Stadion. Wembley ist weit weg, der Alltag so trüb wie das Wetter am gestrigen Spieltag.

P.S.: Wer wissen will, wie es weiter geht, dem sei der wöchentliche Podcast Salopcast sehr ans Herz gelegt.

Borussia kompakt: Die neue Reife

Champions League, 2. Spieltag / BVB 3 AS Monaco 0

Nach dem Gewinn der High-Speed-Oper in Leverkusen zeigt Borussia Dortmund ein zweites Mal, dass das 7:0 gegen Nürnberg keinesfalls so bizarr war wie es sich nach der langen Wartezeit auf sieben eigene Tore zunächst anfühlte. Natürlich war es wieder nicht durchweg gut, was die Schwarz-Gelben spielten. Die erste Hälfte gehörte nach etwa einer Viertelstunde überwiegend den Monegassen. Doch der BVB 2018/19, der Favre-BVB, kann reagieren und findet Lösungen.

Auch heute hing das auch mit dem Gegner zusammen. Monaco hatte in den ersten 45 Minuten viel investiert und war wie in der Liga auch an der Chancenverwertung gescheitert. Normalerweise hätten sie über 90 Minuten ein, zwei Dinger machen müssen. Aber neben Roman Bürki überzeugten bei der Borussia auch die Innenverteidiger, Manuel Akanji und Dan-Axel Zagadou. Die spielen zwar nicht komplett fehlerfrei, aber weit souveräner, als man es aufgrund des Alters bzw. der bisherigen Einsatzzeiten vermuten würde.

Wieder schlug ein Wechsel von Lucien Favre voll ein. Unglaublich, wie Jacob Bruun Larsen sich selbst in der Champions League zurechtfindet. Ein Tor, eine herrliche Vorarbeit – wie schön, dass so eine Nachwuchs-Geschichte mal wieder funktioniert, auch wenn Larsen mit sechs Jahren noch kein Schwarz-Gelber war. Jadon Sancho, der gerade bis 2022 verlängert hat, legte Larsen das erste Tor vor. Die Zukunft kann kommen.

Stark auch, wie sich Paco Alcacer von seinem Elfmeter an die Latte erholte und umso entschlossener kurz danach das 2:0 machte. Weniger stark auch über 90 Minuten dagegen Axel Witsel, der mir in den letzten Partien öfter zu zögerlich wirkte und manchmal ins Fußgänger-Tempo verfiel. Für was die Borussia in dieser Saison reif ist? Sollen sich andere überlegen. Das CL-Achtelfinale erscheint jedenfalls möglich.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Akanji, Zagadou, Diallo – Witsel, Delaney (65. Weigl) – Sancho (84. Philipp), Reus, Wolf (46. Larsen) – Paco Alcacer. Tore: Larsen, Alcacer, Reus

Spaß mit Favre

1. Bundesliga, 5. Spieltag / BVB 7 1. FC Nürnberg 0

Wann hat Borussia Dortmund eigentlich zum letzten Mal in der Bundesliga siebenmal getroffen? Sechs Tore haben sich mir in den vielen Jahren, die ich die Schwarz-Gelben verfolge, als eine Art Schwelle eingeprägt, die wir nie überschritten haben. Oder, liebe Statistiker?

Wie konnte es also dazu kommen, dass die Borussia gegen den sehr achtbar in die Saison gestarteten Aufsteiger zu dieser seltenen Ausbeute kam? Nun, wenn man mit einer derart konservativ-defensiven, nur auf Konter lauernden Taktik im Westfalenstadion antritt, darf man sich so gut wie keinen Fehler erlauben. Zunächst klappte das bei den Gästen ja trotz Rückstand noch leidlich, man war das eine oder andere Mal auch in der Dortmunder Hälfte. Aber sie forderten den BVB im Mittelfeld zu selten, sie hatten keine gefährlichen Außen wie Hoffenheim, die Präzision war zu niedrig und die Fehlerquote zu hoch.

Gut für uns! So konnte die Borussia eine beeindruckende Leistungsschau abliefern. Und wem das zu sehr nach Business klingt: Das war super, das war elegant. Und mit Sicherheit auch Lucien Favre zu verdanken, der sich vor dem Spiel von Sky mal wieder die ewig gleichen Fragen nach Mario Götze anhören musste. Der war nicht im Kader, weil er im Moment schwächer spielt als die, die im Kader stehen. Punkt. Dass da so viele im Kader stehen, haben in erster Linie andere als der Trainer zu verantworten. Weiterlesen „Spaß mit Favre“