Die Farce ist vollendet

RB Salzburg spielt in der nächsten Saison Champions League – wenn es mal mit der Qualifikation klappen sollte. Man hieße dann plötzlich FC Salzburg. Denn nicht dass es zu Verwechslungen kommt: Ein ‚Verein‘ namens RB Leipzig spielt 2017/18 auf jeden Fall Champions League. Das hat die UEFA nun zugelassen.

Man musste naiv sein, um etwas anderes zu erwarten. Schließlich arbeiten gut bezahlte Anwälte seit einem Jahrzehnt daran, Red Bull den Weg in den Profifußball zu ebnen. Die UEFA hat wahrscheinlich gemäß ihrer Statuten richtig entschieden – nur hätten diese schon längst geändert werden müssen, um die Wettbewerbsintegrität zu schützen.

Man muss auch naiv oder ein Fanboy/-girl sein, um an die Unabhängigkeit von RB Salzburg auf der Entscheidungsebene zu glauben. Jetzt werden manche Beschwichtiger wieder auf die sportlich so tollen Leistungen in Leipzig hinweisen, auf die fairen Fans, auf die angeblich vorbildliche Nachwuchsarbeit. Abgesehen davon, dass diese Idealbilder schon Kratzer bekommen haben (Timo Werner, Auflösung der zweiten Mannschaft): Wenn sich die Frage konkret stellt, ob RB Leipzig gegen RB Salzburg in einem Pflichtspiel eine sportlich faire Begegnung sein kann, wird das Unbehagen zurückkommen. Egal, was die Statuten sagen: Ein solches Spiel sollte unmöglich sein.

Die UEFA kann die Sportlichkeit im Fußball nicht schützen. Vielleicht will sie es auch gar nicht ernsthaft, schon gar nicht in der Champions League. Nun muss man sich als Fußballfan herkömmlicher Prägung überlegen, wie man sich gegenüber dem Produkt Champions League verhalten möchte, das womöglich zwei Produkte von Red Bull beinhaltet. Ich hoffe für die Fans der Letzteren, dass sie sich bei einem RB-internen Duell wenigstens ein klein bisschen unwohl fühlen.

Alle Kritiker, die sich zu einem CL-Boykott durchringen können, obwohl sie etwa BVB- oder Bayern-Fans sind, haben meinen Respekt. Dass der Wettbewerb in Deutschland bald nicht mehr im Free-TV zu sehen sein wird, ist gegen diese UEFA-Entscheidung eine Fußnote.

Das Leben nach Eriksson

Sven-Göran Eriksson, ehemaliger Trainer der englischen Nationalmannschaft, ist unter der Woche beim chinesischen Zweitligisten Shenzhen FC entlassen worden. Per Gedicht. Der Klub veröffentlichte eine Ode in Reimen an seinen früheren Coach Wang Baoshan, der nun wieder von Eriksson übernehmen wird.

Es war nicht das einzige bizarre Kapitel in der Karriere des 69-jährigen Schweden. 2009 übernahm er den Posten des Sportdirektors beim englischen Viertligisten Notts County, dem 1862 gegründeten ältesten Profiklub der Welt. Natürlich hatte es Eriksson nicht allein die Tradition angetan. Die ‚Magpies‘, nicht zu verwechseln mit Newcastle United, die den selben Spitznamen tragen, waren gerade von einem vermeintlich finanzstarken Konsortium namens Munto Finance übernommen worden. Damals wurde verbreitet, dass wohlhabende Familien aus dem Mittleren Osten, ja sogar das katarische Königshaus über das hinter Munto stehende Unternehmen Qadback Investments zu den Investoren gehörten. Mit Hilfe der großen Geldspritze sollte der Traditionsverein den schnellsten Weg nach oben antreten.

Große Namen an der Meadow Lane

Tatsächlich wurde mächtig eingekauft. Neben diversen bei uns weniger bekannten Spielern wechselten ein junger Torwart namens Kasper Schmeichel und der 34-jährige Sol Campbell nach Nottingham. Letzterer bekam gleich einen Fünfjahresvertrag. Während sich der Kader von County füllte, blieben die vermeintlichen reichen Gönner im Hintergrund. Eine Untersuchung von Unregelmäßigkeiten bei der Übernahme des Vereins brachte schließlich die bittere Wahrheit ans Licht: Hinter Munto und Qadback steckten keine wohlhabenden Scheichs, sondern ein Netzwerk von Betrügern. Sie hatten den Magpies zwar eine Reihe von fähigen Spielern besorgt, die trotz dem Chaos hinter den Kulissen den Aufstieg in die League One schafften. Doch sie hatten auch innerhalb weniger Monate rund 10 Millionen Euro Schulden angehäuft. Weiterlesen →

Leipzig lässt die Maske fallen

Lange genug hat man Kritik erduldet und Bescheidenheit geheuchelt. Nun geht RB Leipzig-Vorstandschef Oliver Mintzlaff in die Offensive, natürlich bei Bild. Die Kritiker des Brausevereins sind von gestern oder „vermummte 18- bis 25-jährige, die sich nicht benehmen können“. Ansonsten ist der Tenor: Wir sind die Guten, weil wir erfolgreich sind. Mit Mintzlaffs Worten:

Wir haben was Historisches erreicht. Und Klischees wie Geld, Tradition und Abneigung gehören der Vergangenheit an. Dass hat auch der Letzte kapiert, wenn er es denn gedanklich zulässt.

Die Zusammenfassung des Grauens gibt es unter anderem bei Spox.com.

Perversion des Finanzmarkts ist schuld am BVB-Attentat

Es war nach jetzigem Stand ein einzelner Mensch, der sich entschieden hat, Fußballspieler zu töten, um damit Geld zu verdienen – die Idee eines kranken und vor allem extrem bösartigen Hirns. Doch die Voraussetzung für das Entstehen dieser Idee war, dass es eine Möglichkeit gibt, mit fallenden Aktienkursen Geld zu verdienen. Mit der Art von Optionsscheinen, die der mutmaßliche Attentäter Sergej W. erwarb, hätte er umso mehr gewonnen, umso tiefer der Kurs der BVB-Aktie gefallen wäre. Es ist abgrundtief zynisch, aber je mehr Spieler gestorben wären, desto gewinnbringender für den 28-Jährigen.

Keine Frage, ermöglicht wurde dieser Plan auch dadurch, dass Aktien von Borussia Dortmund überhaupt an der Börse gehandelt werden. Doch der springende Punkt ist: Warum gibt es überhaupt die Option, auf fallende Aktienkurse zu setzen? Warum sollte jemand davon profitieren, wenn es einem Unternehmen schlechter geht? Die FAZ erklärt, dass die Idee hinter diesen Finanzprodukten ursprünglich war, das eigene Aktiendepot für schwierige Zeiten abzusichern und Verluste auszugleichen. Doch schon vor zehn Jahren während der Finanzkrise zeigte sich, dass solche und ähnliche Produkte vor allem für Zocker interessant waren. Das Spiel- und Wettelement ist den Optionsscheinen immanent – und leider auch die Möglichkeit, Wettmanipulation zu begehen.

Wird sich durch diesen besonders krassen Fall des Missbrauchs etwas am weltweiten Finanzsystem ändern? Wohl kaum. Vielleicht denken zumindest diejenigen unter den Fußballfans noch mal nach, die glauben, deutsche Vereine sollten bei allem, was Geld bringt, mitmachen. Mehr als ein frommer Wunsch?

Der Fußball hat verloren

Champions League, Viertelfinale / BVB 2 AS Monaco 3

Die Borussia verliert ein Spiel, das zu diesem Zeitpunkt besser gar nicht stattgefunden hätte. Ja, Monaco hat eine gute Mannschaft und der BVB sein bewundernswertes Bestes gegeben. Doch der Einfluss äußerer Faktoren auf den Spielverlauf ist unbestreitbar.

Drei Gedanken zum Spiel

Es wurde und wird auch weiterhin über die Terminierung dieser Begegnung geredet. Wäre man weniger standhaft gegenüber dem Terrorismus gewesen, wenn sie weiter verschoben worden wäre? Ich denke nicht. Zu einem späteren Zeitpunkt hätte man mindestens genauso viel Entschlossenheit spüren können – bei Fans und Spielern. Klar gibt es ein Dilemma, nicht nur für die UEFA, sondern auch wegen der Gästefans. Aber sportlich und menschlich gesehen war die Austragung gestern Abend die falsche Entscheidung. Lassen wir die Frage mal beiseite, ob Sven Bender kurz vor seinem Eigentor nicht doch strafwürdig getroffen wurde. Hätte er, selbst ohne Spielpraxis, in einem normalen Spiel den Ball so im eigenen Netz versenkt?

Man kann jetzt lange diskutieren, welche Fehler den Schwarz-Gelben auch unbelastet von einem Bombenanschlag passiert wären. Es ist natürlich fruchtlos. Neben dem Eigentor gab es den Fehlpass von Piszczek vor dem 1:3. Die Borussia ließ sich viel zu oft auskontern. Umso unglücklicher ist es an einem solchen Tag, wenn der erste Gegentreffer durch eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters bzw. seines Assistenten fällt. Nachdem der BVB zuvor ordentlich begonnen und ein vertretbarer Elfmeter für die Gäste nichts eingebracht hatte. Das Abseits von Mbappé vor dem 0:1 war deutlich; allenfalls sein komischer Bewegungsablauf könnte als kleine Entschuldigung für den Mann an der Seitenlinie gelten.

Reden wir heute über die Taktik? Ja, weil es zu diesem Sport dazu gehört und weil Thomas Tuchel seinen Spielern wohl kaum gesagt hat: Spielt wie ihr wollt und schaut mal wie ihr zurechtkommt. Ich wiederhole das ja regelmäßig: Unsere Dreierkette hinten behagt mir noch nicht. Sie ist anfällig. Ganz besonders gegen konterstarke Mannschaften, die über außen kommen. Gegen den AS Monaco fehlte da einfach die Absicherung. Ein Fehlpass und schon bestand höchste Gefahr, weil die Abwehrreihe auch gestern sehr hoch stand.

In der zweiten Hälfte drehten die Schwarz-Gelben mit Blick auf die Süd zum Glück noch mal auf. Dank der eingewechselten Sahin und vor allem Pulisic, aber auch dank Ousmane Dembelé und Shinji Kagawa. Insgesamt war es unter den Umständen eine Klasseleistung.

Und doch werden die Ereignisse vom Dienstag weiter Nachwirkungen haben. Wie verarbeiten Spieler, Trainer und andere im Verein das Gefühl der Verwundbarkeit? Sportlich gesehen wird uns Marc Bartra für den Rest der Saison fehlen. Gestern hätte er der Borussia wohl gut getan. Keine schönen Aussichten für die verbleibenden Saisonziele. Es bleibt die Hoffnung, dass die Mannschaft mal wieder über sich hinauswächst. Gute Besserung, Marc!

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Bender (46. Sahin) – Weigl, Guerreiro – Ginter, Kagawa, Dembelé, Schmelzer (46. Pulisic) – Aubameyang. Gelbe Karten: Sokratis, Ginter. Tore: Dembelé, Kagawa

Wohin Red Bull expandieren möchte

Bisher hatte man geglaubt, die Fußballabteilung des österreichischen Brausekonzerns schaue sich besonders die englische Landkarte intensiv an – auf der Suche nach einem Verein, den sie mit viel Geld, neuen Farben und gebrandetem Rasenballsport beglücken kann. Doch möglicherweise gibt es im Mutterland des Fußballs zu viel Konkurrenz oder Tradition. Denn nun wurde bekannt, dass sich Red Bull auch in den Niederlanden umsehen könnte. Nicht bei der Nationalmannschaft, die es vielleicht nötig hätte, sondern im Vereinswesen. Es soll unter anderem Gespräche mit AZ Alkmaar und Twente Enschede gegeben haben.

Der Holland-Chef von Red Bull, Jan Smilde, geht mit dem Vorhaben recht offen um: „Our philosophy is to have ownership of everything: the club, the name and the stadium“, sagte er dem Radiosender BNR. Der Konzern möchte also Besitzer und Bestimmer sein – ist das nicht genau das, was künftig in Salzburg nicht mehr gelten soll? Stichwort Champions League…

Allerdings scheint der niederländische Fußballverband KNVB prinzipienfester zu sein als der deutsche – und klarere Regeln zu haben. Zumindest wenn man den Worten von Sprecher Koen Adriaanse vertrauen will:

The Dutch rules are clear: It is not possible for a party like Red Bull to become shareholder of a Dutch professional football organization if Red Bull is also directly or indirectly tied as shareholder, director or commissioner to another professional football club which is a member of UEFA.

Wenn ein Unternehmen oder Investor bereits an einem anderen Verein im Bereich der UEFA direkt oder indirekt beteiligt ist, kann es/er in den Niederlanden keine Anteile an einem Fußballklub kaufen. Genau so müsste es auch in Deutschland sein. Wobei natürlich noch abzuwarten bleibt, ob der Brausekonzern nicht auch bei unseren Nachbarn ein Schlupfloch findet. Eine offizielle Bestätigung für die Holland-Pläne, etwa von RB-Welt-Fußballchef Oliver Mintzlaff, gibt es allerdings nicht.

Und wir kritisieren euch doch!

Über Dortmund zieht das sich schon am Sonntag ankündigende Gewitter hinweg und lässt die BVB-Verantwortlichen sowie die große Mehrheit der friedlichen und anständigen Fans im Hagelschauer stehen. Eingebrockt haben uns das wohl egoistische, unverbesserliche Teile der Ultra-Szene sowie die neuen Hooligans. Ja, es wurden Grenzen überschritten, physisch und verbal. Mit diesen Überschreitungen waren vermutlich mindestens 24.500 der 25.000 Südtribünen-Besucher so nicht einverstanden. Diese wurden und werden nun neben allen anderen BVB-Fans von zwei Seiten in Geiselhaft genommen: Einerseits von den widerlichen Kriminellen aus den eigenen Reihen, andererseits durch Medien, Polizei, Politik und natürlich den Gegner vom Samstag.

Denn leider gab es die erwartbare Überreaktion und nur wenige differenzierende Stimmen, nachdem die Polizei Dortmund die Wortwahl vorgegeben hatte – in dieser Form vielleicht auch, um von der Tatsache abzulenken, dass man die Partie gegen RB Leipzig unverständlicherweise nicht als Hochrisikospiel deklariert hatte. Nun wird also allen Ernstes Hans-Joachim Watzke eine moralische Mitschuld an den Ausschreitungen gegeben, weil er sich in der Vergangenheit kritisch zum Dosenklub geäußert hat. Die Vorwürfe kommen nicht nur von organisierten RB-Fans, sondern auch von der Gewerkschaft der Polizei und anderen.

Wie vorhergesagt schlüpft nun RB Leipzig in die Opferrolle, nachdem der Schein der Normalität vorerst nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Um eines klar zu sagen: Auch in Dortmund muss sich etwas ändern. Der Radikalisierung eines kleinen Teils der Fanszene muss Einhalt geboten werden, denn diese Fraktion hat das Potenzial, großen Schaden anzurichten – auch an der Dortmunder Fankultur. Vielleicht kann der Selbstreinigungsprozess tatsächlich nur durch einen einmaligen Zuschauer-Teilausschluss der besonders betroffenen Blöcke angestoßen werden. Ich schreibe das mit Fragezeichen und Bauchschmerzen – aber wir brauchen eine kritische Masse, die sich den Gewalttätern und Idioten gegenüberstellt.

Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Trotz all dem dürfen und müssen wir weiter das Modell RB Leipzig kritisieren. Das taten übrigens schon bisher nicht nur Fans aus Dortmund oder von anderen großen Traditionsvereinen, sondern auch die Anhänger vieler kleinerer Klubs. Selbst in Leipzig gibt es fußballbegeisterte Menschen, die sich nicht von Mateschitz, Rangnick und Co. „zwangsbeglücken“ lassen wollen – wie ein großartiges Blog beweist. Es gibt ja nach wie vor genügend Anlässe für Kritik und diese liegen nicht nur in der Vergangenheit. So war bereits in österreichischen und deutschen Medien nachzulesen, wie der Brause-Konzern dafür sorgen will, dass RB Leipzig und RB Salzburg trotz UEFA-Beschränkungen im Europapokal starten dürfen. Da wird Red Bull mal eben zum bloßen Hauptsponsor der Salzburger herabgestuft – angeblich ohne direktes Mitspracherecht in Vereinsgremien. Und die sportlich gesinnten Fußballfans fragen sich, was passiert, wenn die beiden RB-Klubs in Champions oder Europa League direkt aufeinandertreffen.

Wie RB Leipzig normal werden soll

Wir schreiben das Jahr 2016. Der deutsche Fußballalltag sieht mittlerweile so aus: Zehn Spieltage der Bundesliga-Saison sind absolviert. Auf Platz 1 steht der FC Bayern, punktgleich auf Platz 2 RB Leipzig. Was bedeutet der schnelle sportliche Erfolg für die Wahrnehmung des ungeliebten Emporkömmlings? Und welche Strategie verfolgt der Brauseklub bei seiner Selbstdarstellung?

Einerseits bestätigt der aktuelle Tabellenstand schlimmste Befürchtungen. Bei denen, die „das Konstrukt“ ohnehin ablehnen. Wird die Liga schon in absehbarer Zeit zu einem Zweikampf zwischen Dauermeister und Retortenklub? So weit ist es vielleicht noch nicht. Doch für die Akzeptanz beim neutralen oder nur leicht skeptischen Publikum ist die sportliche Situation Gold wert. Auch von BVB-Fans habe ich schon gehört, dass RB ja einen gepflegten Ball spiele. Und das im ersten Jahr in der höchsten Spielklasse, mit jungem Kader und einem Gehaltsbudget im Mittelfeld der Liga, wie Sportdirektor Ralf Rangnick gerne betont.

Der schnelle Erfolg ist eine gute Argumentationshilfe für die Leipziger Verantwortlichen, zumindest gegenüber dem Mainstream-Publikum. Denn noch kann ja nicht die Rede davon sein, dass etablierte Vereine wie der BVB, Schalke oder Gladbach von RBL wirtschaftlich überrollt werden. Dass viel Geld auch in die Strukturen und die Infrastruktur geflosen ist, die den derzeitigen Erfolg begünstigen, wird gerne übersehen. So kann dann unkritisch vom frischen Wind fabuliert werden, den der Klub in der Liga und natürlich im Osten verbreite. Einige Medien sind schon auf diesen Trip gekommen. Weiterlesen →

Pokalfinale mit Eskalationsstrategie

Brandenburg-Pokal, Finale / FSV Luckenwalde 1 SV Babelsberg 03 3

Überharter Polizeieinsatz bei Luckenwalde v Babelsberg

Ende eines Pokalendspiels: Während der SVB 03 feiert, fährt ein Krankenwagen aufs Spielfeld und selbst Ordner müssen ihre Augen spülen.

Ein Pokalfinale, frühsommerliches Wetter und eine Fahrt von rund 45 Kilometern – drei gute Gründe, sich am Samstag auf den Weg nach Luckenwalde zu machen. Im Endspiel des Brandenburg-Pokals: der aufgrund des Losentscheids gastgebende FSV und mein ‚Heimatverein‘, der SV Babelsberg 03. Das Werner-Seelenbinder-Stadion in Luckenwalde ist ein nicht unsympathisches Provinzstadion mit 3000 Plätzen und einer kleinen altmodischen Haupttribüne. Die Gästefans stehen auf der Gegengeraden hinter einem Zaun.

Vor der Partie und 90 Minuten lang war das überhaupt kein Problem. Gute Stimmung, gute Würste, kühles Bier. Zwar kein hochklassiges Finale, aber ein souveräner SVB gegen nervöse und unterlegene Gastgeber. Babelsberg hat die Saison in der Regionalliga Nordost auf Platz 6 beendet, Luckenwalde wurde 16. und bleibt nur drin, weil der FSV Zwickau gestern aufgestiegen ist. So ähnlich waren die Kräfteverhältnisse, auch wenn sich 03 phasenweise vom Niveau des FSV anstecken ließ.

Liga-Toptorjäger Andis Shala gelang in der ersten Hälfte per Kopf das 1:0. Das 2:0 in Hälfte 2 sah für wohl jedermann auf der flachen Tribüne wie ein Eigentor aus, es wurde jedoch Lovro Sindik zugeschrieben. Doch wenige Minuten vor Schluss fiel der Anschlusstreffer; ein Sonntagsschuss nach einem Standard. Zum Glück wurde nur begrenzt gezittert: In der Nachspielzeit überlupfte Onur Uslucan den FSV-Keeper zum Endstand – ein ähnlicher Treffer war 03 auch im Ligaspiel gegen denselben Gegner, aber im heimischen Karl-Liebknecht-Stadion gelungen. Weiterlesen →

Warum RB Leipzig nicht Normalität wird

Der nun unvermeidliche Aufstieg von Rasenballsport Leipzig in die 1. Bundesliga hat zu einer erneuten Auseinandersetzung der Medien mit dem Konstrukt geführt, das bald den deutschen Fußball aufmischen will. Die Mehrheit der Artikel in Tages- und Sportpresse steht dem Klub von Milliardär Dietrich Mateschitz neugierig oder wohlwollend gegenüber, auch wenn hier und da die Schattenseiten pflichtschuldig benannt werden. Eine Ausnahme bildet der Kommentar von René Hofmann bei Sueddeutsche.de.

Unter den RB-Apologeten kristallisieren sich unterdessen drei Argumentationslinien heraus, die eine genauere Betrachtung lohnen:

  1. Leipzig macht die Bundesliga wieder spannend. Ein sportlich gesehen nachvollziehbarer Wunsch, der nach den letzten paar Spielzeiten Konjunktur hat. Red Bull verfügt mit Sicherheit über die Mittel, langfristig den FC Bayern anzugreifen. Doch darf man sich keinen Illusionen hingeben: Der Vorsprung der Bayern ist immens. Der Rekordmeister wird abgesehen von seinem Festgeldkonto von einer Reihe potenter Sponsoren unterstützt. Und auch der Ruf des FCB wird ihn auf viele Jahre hinaus attraktiver machen als den Emporkömmling aus Sachsen. Früher könnte es RB gelingen, Vereine wie Wolfsburg, Leverkusen, Gladbach oder Schalke einzuholen. Und auch den BVB, wenn weiterhin regelmäßig Topspieler den Verein verlassen. Mateschitz‘ Ziel ist ohne Frage, das höchste Niveau zu erreichen und möglichst bald Champions League zu spielen. Mit RB Salzburg ist er daran regelmäßig gescheitert. Nun soll es also im Land des Weltmeisters gelingen. Die entscheidende Frage in diesem Punkt ist jedoch: Wollen wir überhaupt einen Zweikampf Bayern gegen RB? Soll das die Lösung für den deutschen Liga-Fußball mit seinen vielen anderen beliebten Vereinen sein? Hieße das nicht, den Teufel mit Beelzebub auszutreiben?
  2. Eigentlich ähnelt RBL dem englischen Sensationsmeister Leicester. Über den grandiosen Erfolg von Leicester City in der Premier League jubelt die Fußballwelt. Vor allem den Romantikern gibt der Titelgewinn der Foxes wieder ein wenig Hoffnung. Nun zieht mancher Kommentator, etwa Dominik Bardow im Tagesspiegel, den Vergleich zum Brauseklub. Hat nicht auch Leicester einen ausländischen Mäzen, der womöglich sogar versteckte Zahlungen geleistet hat, um das Financial Fair Play zu umgehen? Bardow selbst nennt einen gewaltigen Unterschied: Vichai Srivaddhanaprabha hat in einen 1884 gegründeten Verein investiert. Kaum ein Fußballfan hierzulande würde sich echauffieren, wenn Dietrich Mateschitz unter Beachtung der 50+1-Regel sein Geld in einen Traditionsverein wie Dynamo Dresden oder Lok Leipzig gesteckt hätte. Dass der Thailänder Srivaddhanaprabha auch Vereinsvorsitzender in Leicester sein kann, hat mit der ganz anders ausgeprägten Fußball-Vereinskultur in England zu tun. Diese kennt keinen vergleichbaren Schutzmechanismus wie „50+1“. Und trotz der beachtlichen Investitionen des Besitzers ist Leicester finanziell gesehen noch viel mehr Außenseiter als RBL.
  3. Es gibt wieder Hoffnung für den Fußball im Osten. Und nicht nur das: Die Region Leipzig wird am Aufstieg kräftig mitverdienen, wie Wirtschaftswissenschaftler Henning Zülch der Leipziger Volkszeitung erklärt hat. RB ist außerdem bisher nicht durch Problemfans aufgefallen, wie einige der ehemals großen Namen im Ost-Fußball. Also Sport für die ganze Familie, ohne lästige Nebenschauplätze? So weit, so gut – fragt sich nur, was der Rest vom Osten davon hat. Schon heute suchen die Talentscouts von RB Leipzig bundesweit nach Spielern und definieren den Begriff „aus der Region“ großzügig. Das haben sie nicht exklusiv. Aber es spricht einiges dafür, dass Mateschitz‘ Klub für viele junge Fußballer der einzige strahlende Stern im Osten sein und schon früh potenzielle Stars anlocken wird. Sowohl was Fans als auch Spieler angeht, müssen sich die anderen Vereine gegen den Bundesligisten RB Leipzig erst mal behaupten. Dynamo Dresden und Erzgebirge Aue haben die Rückkehr in die zweite Liga geschafft – doch wo werden die Talente hingehen? Es bleibt die äußerst vage Hoffnung, dass RBL als Vorbild für andere Investoren dienen könnte, die dann einen der Ost-Traditionsvereine unterstützen möchten.

Man kann die drei Punkte positiver oder optimistischer sehen. Man kann auch die fatalistische Auffassung vertreten, dass der Siegeszug des Kommerzes ohnehin nicht aufzuhalten ist und man besser die Show genießen sollte. Trotzdem bleiben die eklatanten Geburtsfehler beim Konstrukt RB Leipzig. Egal wie rechtmäßig die ganze Sache nun abgelaufen ist: Ein Verein, der Mitglieder mit anfänglich vierstelligen Jahresbeiträgen abzuschrecken versucht, ist keiner. Bis heute kann man bei RB als Außenstehender kein stimmberechtigtes, sondern nur Fördermitglied werden. Es gibt auch keine Anteilseigner außer Red Bull.

Etwas mehr Respekt hätte der Quasi-Alleinherrscher Mateschitz verdient, wenn er mit seinem „Verein“ in der Kreisklasse eingestiegen wäre, wie es bei einer Neugründung üblich ist. Aber da ihm dieser Weg wohl zu lange war, übernahm man die Oberliga-Lizenz des Umland-Klubs SSV Markranstädt – welche Summen dabei geflossen sind, ist unbekannt. Der SSV wurde nicht etwa aufgelöst, sondern spielte nach einem Jahr als RB Leipzig mit seiner zweiten als neue erste Mannschaft weiter. Heute steht man wieder in der Oberliga. Läuft so das Business?