Schlafender Riese oder Lachnummer: Schafböcke am Scheideweg

Es war Weihnachten, als sich Any Given Weekend zuletzt mit Derby County beschäftigte, einen Tag vor der Partie der „Rams“ gegen Preston North End in der zweitklassigen englischen Championship (Endstand 0:1). Beiden Vereinen geht es heute nicht besser als damals; in Derby sieht es sogar noch deutlich düsterer aus. Immerhin weiß der Verein noch im FC Hollywood-Style zu unterhalten – doch dazu später mehr.

Zum besseren Verständnis der Lage empfehle ich ganz uneigennützig die Lektüre des oben verlinkten Artikels. Nicht geändert haben sich seither zwei entscheidende Personalien: Wayne Rooney ist weiterhin Trainer der „Rams“ und Mel Morris Eigentümer des Clubs. Ausnahmsweise ist in diesem Fall der Verbleib des Manns an der Seitenlinie weniger überraschend als der des Besitzers. Morris, ein eingefleischter Fan, wollte Derby County schon seit einiger Zeit loswerden – aus gesundheitlichen, aber auch finanziellen Gründen. Monatelang stand, wie berichtet, eine Übernahme durch einen Scheich aus den Vereinigten Arabischen Emiraten „kurz bevor“. Der Mann hatte früher schon erfolglos versucht, Newcastle United zu kaufen – und auch der Deal mit Derby scheiterte.

Herbeifantasierte Übernahme

Im Frühjahr erfolgte dann ein Übernahmeversuch durch den Spanier Erik Alonso. Auch dieser wurde vom Verein als fast perfekt gemeldet – nur die Zustimmung des Ligaverbands EFL fehle noch. Doch auch Alonso konnte letztendlich nicht glaubhaft darlegen, dass er den Verein längerfristig hätte finanzieren können. Wenige Monate zuvor war er noch beim ebenfalls krisengeschüttelten und inzwischen abgestiegenen Konkurrenten Sheffield Wednesday als Berater tätig gewesen. Als sich Club-Besitzer Dejphon Chansiri von ihm trennte, unternahm Alonso einen eher komischen als ernsthaften Versuch, die „Owls“ zu übernehmen. Der renommierte Fußball-Finanzexperte Kieran Maguire vom exzellenten Podcast Price of Football hat den Spanier sicher nicht leichtfertig einen „Fantasten“ genannt. Mel Morris hatte also auch mit seinem zweiten Kandidaten innerhalb eines Jahres kein Glück.

Das Thema Übernahme bleibt aktuell, nur haben Morris und seine Helfer eines schmerzhaft gelernt: Sie reden nicht mehr voreilig darüber. Und so bleiben den lokalen wie nationalen Medien nur Spekulationen. Immer wieder ist von einer US-amerikanischen Gruppe die Rede, mit der man in Verhandlungen stehe – wie weit Morris & Co auf dem Weg schon gekommen sind, ist ungewiss.

Dabei ist die Zeit durchaus knapp: Wegen diverser Verfehlungen – darunter ungenügende und verspätete Bilanzunterlagen – steht der Verein unter einem „soften“ Transferembargo. Wayne Rooney darf nur vertragslose oder Leihspieler für ein bzw. ein halbes Jahr verpflichten; die Gehaltskosten sind dabei streng gedeckelt. Zudem darf der Kader nur 23 als Profis eingestufte Spieler umfassen. So konnte Rooney bisher lediglich die vertragslosen Probespieler Richard Stearman (Innenverteidigung), Ryan Allsop (Tor) und Ravel Morrison (offensives Mittelfeld) verpflichten. Außerdem bekam Abwehrmann Curtis Davies, zuletzt bei Derby lange verletzt, einen neuen Vertrag.

Verletzungspech und Klatschgeschichten

Demgegenüber stehen der wochenlange Ausfall des jungen Mittelfeldmanns Jason Knight, den Wayne Rooney höchstpersönlich bei einem Tackling im Training verletzte, und eine wohl noch schwerere Verletzung, die Stürmer Colin Kazim-Richards am Samstag in Peterborough erlitt. Bei einer Partie, welche die Rams nach Führung durch zwei Tore in der Nachspielzeit mit 1:2 verloren. Es wäre also höchste Zeit, die Finanzen in Ordnung zu bringen, um den zu einem guten Teil mit Nachwuchsspielern aufgefüllten Kader zu verstärken. Ansonsten droht Derby nach Ansicht vieler Experten und Fans ein Abstiegskampf, der weniger positiv enden könnte als mit einer Rettung durch ein Unentschieden gegen den direkten Konkurrenten am letzten Spieltag, wie in der Vorsaison.

Wayne Rooney ist sicher nicht zu beneiden. Man muss den Trainernovizen aber auch nicht für denjenigen halten, der mit einem schlechten Blatt noch das Beste für Derby County rausholt. Doch solange keine Übernahme vollzogen ist, dürfte Rooney schon aus finanziellen Gründen auf seinem Posten bleiben. Ich persönlich mag ihn nicht besonders und würde mir einen anderen für den Verein wünschen, mit dem ich schon länger sympathisiere. Rooney macht es sich selber auch nicht einfach – und da wären wir jetzt bei Hollywood: Im Juli tauchten Bilder von ihm in den sozialen Medien auf, die ihn schlafend auf einem Stuhl zeigen, während leicht bekleidete Frauen neben ihm posen. Dem Derby-Coach werden dabei keine unsittlichen Dinge vorgeworfen, eher ein bisschen Naivität beim privaten Ausgehverhalten. Rooney hat sich im Nachgang beim Club dafür entschuldigt.

Einen ersten Hinweis auf die nähere Zukunft von Derby County dürfte der Mittwoch bringen. Nicht nur, weil die Rams da zum nächsten Ligaspiel beim Aufsteiger Hull City antreten. Vor allem sind für diesen Tag die Bilanzunterlagen für mehrere vergangene Jahre angekündigt, die der Verein auf Druck der EFL überarbeiten musste. Zuvor hatte Derby als einziger Club im englischen Profifußball die Amortisierung von Spieler-Transfers (Genaueres gerne bei Price of Football nachhören) anders berechnet als der Rest – dem Ligaverband gefiel das nicht. Entscheidend wird nun sein, ob die Rams nach der Überarbeitung der Unterlagen im Rahmen des Financial Fair Play bleiben. Warten auf die Übernahme, auf finanzielle Stabilität und die Entwicklung auf dem Platz – es bleibt spannend in den East Midlands.

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