Die Farce ist vollendet

RB Salzburg spielt in der nächsten Saison Champions League – wenn es mal mit der Qualifikation klappen sollte. Man hieße dann plötzlich FC Salzburg. Denn nicht dass es zu Verwechslungen kommt: Ein ‚Verein‘ namens RB Leipzig spielt 2017/18 auf jeden Fall Champions League. Das hat die UEFA nun zugelassen.

Man musste naiv sein, um etwas anderes zu erwarten. Schließlich arbeiten gut bezahlte Anwälte seit einem Jahrzehnt daran, Red Bull den Weg in den Profifußball zu ebnen. Die UEFA hat wahrscheinlich gemäß ihrer Statuten richtig entschieden – nur hätten diese schon längst geändert werden müssen, um die Wettbewerbsintegrität zu schützen.

Man muss auch naiv oder ein Fanboy/-girl sein, um an die Unabhängigkeit von RB Salzburg auf der Entscheidungsebene zu glauben. Jetzt werden manche Beschwichtiger wieder auf die sportlich so tollen Leistungen in Leipzig hinweisen, auf die fairen Fans, auf die angeblich vorbildliche Nachwuchsarbeit. Abgesehen davon, dass diese Idealbilder schon Kratzer bekommen haben (Timo Werner, Auflösung der zweiten Mannschaft): Wenn sich die Frage konkret stellt, ob RB Leipzig gegen RB Salzburg in einem Pflichtspiel eine sportlich faire Begegnung sein kann, wird das Unbehagen zurückkommen. Egal, was die Statuten sagen: Ein solches Spiel sollte unmöglich sein.

Die UEFA kann die Sportlichkeit im Fußball nicht schützen. Vielleicht will sie es auch gar nicht ernsthaft, schon gar nicht in der Champions League. Nun muss man sich als Fußballfan herkömmlicher Prägung überlegen, wie man sich gegenüber dem Produkt Champions League verhalten möchte, das womöglich zwei Produkte von Red Bull beinhaltet. Ich hoffe für die Fans der Letzteren, dass sie sich bei einem RB-internen Duell wenigstens ein klein bisschen unwohl fühlen.

Alle Kritiker, die sich zu einem CL-Boykott durchringen können, obwohl sie etwa BVB- oder Bayern-Fans sind, haben meinen Respekt. Dass der Wettbewerb in Deutschland bald nicht mehr im Free-TV zu sehen sein wird, ist gegen diese UEFA-Entscheidung eine Fußnote.

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Wohin Red Bull expandieren möchte

Bisher hatte man geglaubt, die Fußballabteilung des österreichischen Brausekonzerns schaue sich besonders die englische Landkarte intensiv an – auf der Suche nach einem Verein, den sie mit viel Geld, neuen Farben und gebrandetem Rasenballsport beglücken kann. Doch möglicherweise gibt es im Mutterland des Fußballs zu viel Konkurrenz oder Tradition. Denn nun wurde bekannt, dass sich Red Bull auch in den Niederlanden umsehen könnte. Nicht bei der Nationalmannschaft, die es vielleicht nötig hätte, sondern im Vereinswesen. Es soll unter anderem Gespräche mit AZ Alkmaar und Twente Enschede gegeben haben.

Der Holland-Chef von Red Bull, Jan Smilde, geht mit dem Vorhaben recht offen um: „Our philosophy is to have ownership of everything: the club, the name and the stadium“, sagte er dem Radiosender BNR. Der Konzern möchte also Besitzer und Bestimmer sein – ist das nicht genau das, was künftig in Salzburg nicht mehr gelten soll? Stichwort Champions League…

Allerdings scheint der niederländische Fußballverband KNVB prinzipienfester zu sein als der deutsche – und klarere Regeln zu haben. Zumindest wenn man den Worten von Sprecher Koen Adriaanse vertrauen will:

The Dutch rules are clear: It is not possible for a party like Red Bull to become shareholder of a Dutch professional football organization if Red Bull is also directly or indirectly tied as shareholder, director or commissioner to another professional football club which is a member of UEFA.

Wenn ein Unternehmen oder Investor bereits an einem anderen Verein im Bereich der UEFA direkt oder indirekt beteiligt ist, kann es/er in den Niederlanden keine Anteile an einem Fußballklub kaufen. Genau so müsste es auch in Deutschland sein. Wobei natürlich noch abzuwarten bleibt, ob der Brausekonzern nicht auch bei unseren Nachbarn ein Schlupfloch findet. Eine offizielle Bestätigung für die Holland-Pläne, etwa von RB-Welt-Fußballchef Oliver Mintzlaff, gibt es allerdings nicht.

Und wir kritisieren euch doch!

Über Dortmund zieht das sich schon am Sonntag ankündigende Gewitter hinweg und lässt die BVB-Verantwortlichen sowie die große Mehrheit der friedlichen und anständigen Fans im Hagelschauer stehen. Eingebrockt haben uns das wohl egoistische, unverbesserliche Teile der Ultra-Szene sowie die neuen Hooligans. Ja, es wurden Grenzen überschritten, physisch und verbal. Mit diesen Überschreitungen waren vermutlich mindestens 24.500 der 25.000 Südtribünen-Besucher so nicht einverstanden. Diese wurden und werden nun neben allen anderen BVB-Fans von zwei Seiten in Geiselhaft genommen: Einerseits von den widerlichen Kriminellen aus den eigenen Reihen, andererseits durch Medien, Polizei, Politik und natürlich den Gegner vom Samstag.

Denn leider gab es die erwartbare Überreaktion und nur wenige differenzierende Stimmen, nachdem die Polizei Dortmund die Wortwahl vorgegeben hatte – in dieser Form vielleicht auch, um von der Tatsache abzulenken, dass man die Partie gegen RB Leipzig unverständlicherweise nicht als Hochrisikospiel deklariert hatte. Nun wird also allen Ernstes Hans-Joachim Watzke eine moralische Mitschuld an den Ausschreitungen gegeben, weil er sich in der Vergangenheit kritisch zum Dosenklub geäußert hat. Die Vorwürfe kommen nicht nur von organisierten RB-Fans, sondern auch von der Gewerkschaft der Polizei und anderen.

Wie vorhergesagt schlüpft nun RB Leipzig in die Opferrolle, nachdem der Schein der Normalität vorerst nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Um eines klar zu sagen: Auch in Dortmund muss sich etwas ändern. Der Radikalisierung eines kleinen Teils der Fanszene muss Einhalt geboten werden, denn diese Fraktion hat das Potenzial, großen Schaden anzurichten – auch an der Dortmunder Fankultur. Vielleicht kann der Selbstreinigungsprozess tatsächlich nur durch einen einmaligen Zuschauer-Teilausschluss der besonders betroffenen Blöcke angestoßen werden. Ich schreibe das mit Fragezeichen und Bauchschmerzen – aber wir brauchen eine kritische Masse, die sich den Gewalttätern und Idioten gegenüberstellt.

Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Trotz all dem dürfen und müssen wir weiter das Modell RB Leipzig kritisieren. Das taten übrigens schon bisher nicht nur Fans aus Dortmund oder von anderen großen Traditionsvereinen, sondern auch die Anhänger vieler kleinerer Klubs. Selbst in Leipzig gibt es fußballbegeisterte Menschen, die sich nicht von Mateschitz, Rangnick und Co. „zwangsbeglücken“ lassen wollen – wie ein großartiges Blog beweist. Es gibt ja nach wie vor genügend Anlässe für Kritik und diese liegen nicht nur in der Vergangenheit. So war bereits in österreichischen und deutschen Medien nachzulesen, wie der Brause-Konzern dafür sorgen will, dass RB Leipzig und RB Salzburg trotz UEFA-Beschränkungen im Europapokal starten dürfen. Da wird Red Bull mal eben zum bloßen Hauptsponsor der Salzburger herabgestuft – angeblich ohne direktes Mitspracherecht in Vereinsgremien. Und die sportlich gesinnten Fußballfans fragen sich, was passiert, wenn die beiden RB-Klubs in Champions oder Europa League direkt aufeinandertreffen.

Der Albtraum wird wahr

1. Bundesliga, 2. Spieltag / RB Leipzig 1 BVB 0

Die Boykotteure werden sich sagen: „Alles richtig gemacht.“ BVB-Fans, die ins Zentralstadion gereist sind, erlebten eine Horrorshow. Ausgerechnet gegen die Borussia gewinnt der Verein, der eigentlich keiner ist, sein erstes Spiel in der 1. Bundesliga. Durch einen Treffer in der 89. Minute. Nach einem vorausgegangenen Handspiel vorbereitet durch 15-Millionen-Mann Oliver Burke und vollendet durch 15-Millionen-Mann Naby Keita.

Nun hat niemand unserem neuen 55-Millionen-Offensivduo verboten, schon vorher zu treffen. André Schürrle traf zumindest die Latte, hätte in der Szene aber auch abgeben können. Ein Problem sind ja weniger die großen Summen, die RB zur Verfügung hat. Da läuft man argumentativ gegen die Wand, wenn man sich immer nur darauf beruft – gerade als BVB-Fan, wie der Auftritt von Jan-Henrik Gruszecki bei Kicker TV auf Eurosport vor Kurzem zeigte. Denn andere Vereine bekommen eben auch viel Geld von Sponsoren.

Das Problem ist, dass der Verein so gar nicht hätte entstehen dürfen. Dass er keine Mitglieder will. Dass er mit anderen Vereinen eng verflechtet ist – was sogar die RB Salzburg-Fans nun nicht mehr so cool finden. Naby Keita kam von eben dort.Und diese Fakten werden nicht zur Vergangenheit, nur weil Zeit vergeht. Auch nicht, wenn wir RBL im Rückspiel aus dem Stadion schießen.

Natürlich hätte es die Borussia gestern besser machen müssen. Ich konnte das Spiel nur teilweise sehen, aber soviel ist klar. In der Abwehr passte es beim Gegentreffer gar nicht. Marc Bartra ließ Keita sträflich aus den Augen. Zu viele Schwarz-Gelbe konzentrierten sich auf Burke. Thomas Tuchel nannte außerdem die Präzision als Problem, Marcel Schmelzer sprach von den nicht genutzten Räumen. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn der Trainer Dembélé früher gebracht hätte.

Dennoch: Es fühlt sich nicht richtig an, was da passiert. Mehr dazu bald. Und wenn jemand Respekt kriegt, dann der andere Aufsteiger aus Freiburg, der die andere Borussia nach Rückstand mit 3:1 bezwang.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Bartra, Schmelzer – Rode, Weigl – Castro (71. Dembélé), Götze, Schürrle (71. Guerreiro) – Aubameyang (85. Ramos). Gelbe Karten: Castro, Bartra

Schlag auf Schlag: Kampl kommt aus Salzburg

Die Verantwortlichen des BVB haben keine Zeit verstreichen lassen und zwei Tage nach dem katastrophalen Ende der Hinserie sowie Stunden nach der Bekanntgabe des Ji-Abschieds die erste Neuverpflichtung getätigt. Der 24-jährige slowenische Mittelfeldspieler Kevin Kampl kommt von RB Salzburg und unterschreibt einen Vertrag bis 2019. Der „Kicker“ berichtet von einer Ablösesumme von 12 Millionen Euro.

Kampl ist Nationalspieler, erzielte für Salzburg in 109 Spielen 29 Tore und bereitete 54 vor. Ob man sich jetzt freuen soll, dass man dem unsäglichen Brause-Imperium einen fähigen Mann weggeschnappt hat, der auch bei der Filiale Leipzig im Gespräch war, oder sich ärgert, dass man ihnen 12 Millionen hinblättert, bleibt jedem selbst überlassen.

Die Notwendigkeit, neue Mittelfeldspieler zu holen, habe ich gerade erst bezweifelt. Was trotz der Rückkehr von Reus und Mkhitaryan sowie der ’neuen‘ Option Kuba den Ausschlag für den Transfer gegeben haben könnte, sind Kampls kolportierte Defensivqualitäten inklusive Gegenpressing und Zweikampfverhalten. Diese Fähigkeiten haben im offensiven Mittelfeld so höchstens Großkreutz und eben Kuba, auf die man derzeit offensichtlich nicht zu 100 Prozent bauen kann. Kampl könnte auf allen Positionen hinter der Spitze spielen, aber auch zentraler im Mittelfeld.

Der Werdegang des neuen Mannes, der in Solingen geboren wurde, liest sich noch nicht wie ein Who-is-Who des europäischen Fußballs. In der Jugend war er zwar bei Bayer Leverkusen, absolvierte aber später kein Pflichtspiel für die Profis, sondern landete über die Stationen Osnabrück und Aalen im Sommer 2012 bei RB Salzburg. Es ist also durchaus ein gewisses Risiko dabei, 12 Millionen für Kampl zu investieren, auch wenn Michael Zorc beteuert, dass man den Spieler schon sehr lange beobachte und er mit seiner Spielweise ausgezeichnet ins Anforderungsprofil passe.

Es ist sicher glaubhaft, dass Kampl kein klassischer Schnellschuss war, auch wenn die frühe Bekanntgabe des Transfers nahelegt, dass der Verein möglichst schnell positivere Schlagzeilen produzieren wollte. Der Preis eines solchen Wintertransfers ist jedoch der Preis. Laut den „Salzburger Nachrichten“ profitiert der BVB bei der Verpflichtung von einer Ausstiegsklausel in Kampls Vertrag, der erst im Sommer bis 2019 verlängert worden war. Das Blatt bzw. die Nachrichtenagentur APA bezeichnen den Slowenen als den „wohl wichtigsten Spieler“ von RB. Die lobenden Töne sind schön zu hören, doch sollten Klopp, Zorc und Watzke sich nun auch kurz- oder mittelfristig der Position widmen, auf der es seit längerem an Qualität mangelt: in der Außenverteidigung.

Willkommen in Dortmund, Kevin II.!

Aki und der Feind seines Feindes

Ende letzten Monats kritisierte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke das Transfergebaren des Red Bull-Konzerns und seiner Fußballvereine, nachdem ein Spieler aus Österreich per Auslands-Ausstiegsklausel von RB Leipzig verpflichtet und dann direkt zu RB Salzburg weiterverschoben wurde. Nur wenige Tage später verkündete er, wenn die DFL die „demokratischen Regeln des Fußballs“ überwache, sei er „überhaupt kein Gegner von RB Leipzig“. Nun machte er sich gegenüber der „FAZ“ erneut für das Leipziger Projekt stark:

Leipzig wird in meinen Augen ein richtig großer Verein. Ein großer Verein ist für mich nicht derjenige, der zweihundert Jahre alt ist, ein großer Verein ist in meinen Augen ein Klub, der die Herzen vieler Fans bewegt, die regelmäßig in großer Zahl ins Stadion gehen oder auch Sky-Abos kaufen und so dazu beitragen, den deutschen Fußball in Gänze zu stärken.

Vor nicht allzu langer Zeit hatte Watzkes neuer Intimfeind Karl-Heinz Rummenigge vor einer Missachtung der Financial Fair Play-Regeln durch RB Leipzig gewarnt. Dass dabei das stetige Bemühen der Bayern-Granden, einen künftigen Konkurrenten klein zu halten, auch eine Rolle gespielt haben dürfte, ist naheliegend

Macht ‚Aki‘ mit seinem Eintreten für den Ost-Fußball also nur wieder Front gegen die Bayern? So einfach ist es – leider – nicht. Über solche Kinderspielchen könnte man hinwegsehen. Doch Watzke vertritt nicht zum ersten Mal eine rein betriebswirtschaftlich geprägte Auffassung des Sports, die auf dem Recht des Stärkeren, dem Recht des Erfolgreichen basiert – und sich damit gerade doch an die beim Kontrahenten im Süden verbreiteten Denkmuster anlehnt.

Weil er in Leipzig ein so großes Potenzial an Fans, Stadiongängern und „Sky“-Kunden ausmacht, geht er in seinen jüngsten Äußerungen über die keineswegs demokratischen Strukturen des Klubs hinweg. RB verlangte bisher bekanntlich horrende Mitgliedsbeiträge, um eine Mitbestimmung durch dem Imperium nicht ergebene Personen auszuschließen. Bei der DFL muss der Werksverein, den es eigentlich nicht mehr hätte geben dürfen, noch ein Konzept vorlegen, wie an diesem Punkt nachgebessert werden kann. Von weichen Werten und Wettbewerbsverzerrung braucht man da eigentlich gar nicht mehr anzufangen.

Doch Hans-Joachim Watzke scheint mal wieder nur die Euro-Zeichen zu sehen. So war es auch bei dem von ihm selbst im FAZ-Artikel noch mal erwähnten Vorschlag, bei der Verteilung der Fernsehgelder Faktoren wie Tradition und Zuschaueraufkommen zu berücksichtigen – „Any Given Weekend“ kommentierte das bereits 2009. Dass er mit dem populistischen Vorschlag nicht nur die einstmals ungeliebten Hoffenheimer und Wolfsburger, sondern auch Klubs wie Paderborn und Augsburg träfe, die gerade aus eigener Kraft ihren sportlichen Traum leben und versuchen, möglichst lange nicht aufzuwachen, ist ihm scheinbar egal. Seine ohnehin kaum umsetzbare Idee – wie misst man Tradition, wenn selbst die TSG Hoffenheim angeblich 115 Jahre alt ist? – würde auch Vereine aus dünner besiedelten Regionen benachteiligen.

Nein, Aki, bei dieser rein profitorientierten Haltung, die wesentliche Werte außer Acht lässt, kann ich nicht mit. Die Aussagen über RB Leipzig dürften für viele Fußballfans – auch und gerade von Ost-Traditionsvereinen – wie Hohn klingen. Was uns in der neuen Brause-Welt noch alles blühen könnte, ist doch gar nicht so schwer auszumalen: Was passiert eigentlich, wenn eines (hoffentlich fernen) Tages RB Leipzig und RB Salzburg in eine Champions League-Gruppe gelost werden und einer der beiden Klubs noch ein bestimmtes Ergebnis braucht?