Und wir kritisieren euch doch!

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Über Dortmund zieht das sich schon am Sonntag ankündigende Gewitter hinweg und lässt die BVB-Verantwortlichen sowie die große Mehrheit der friedlichen und anständigen Fans im Hagelschauer stehen. Eingebrockt haben uns das wohl egoistische, unverbesserliche Teile der Ultra-Szene sowie die neuen Hooligans. Ja, es wurden Grenzen überschritten, physisch und verbal. Mit diesen Überschreitungen waren vermutlich mindestens 24.500 der 25.000 Südtribünen-Besucher so nicht einverstanden. Diese wurden und werden nun neben allen anderen BVB-Fans von zwei Seiten in Geiselhaft genommen: Einerseits von den widerlichen Kriminellen aus den eigenen Reihen, andererseits durch Medien, Polizei, Politik und natürlich den Gegner vom Samstag.

Denn leider gab es die erwartbare Überreaktion und nur wenige differenzierende Stimmen, nachdem die Polizei Dortmund die Wortwahl vorgegeben hatte – in dieser Form vielleicht auch, um von der Tatsache abzulenken, dass man die Partie gegen RB Leipzig unverständlicherweise nicht als Hochrisikospiel deklariert hatte. Nun wird also allen Ernstes Hans-Joachim Watzke eine moralische Mitschuld an den Ausschreitungen gegeben, weil er sich in der Vergangenheit kritisch zum Dosenklub geäußert hat. Die Vorwürfe kommen nicht nur von organisierten RB-Fans, sondern auch von der Gewerkschaft der Polizei und anderen.

Wie vorhergesagt schlüpft nun RB Leipzig in die Opferrolle, nachdem der Schein der Normalität vorerst nicht mehr aufrechtzuerhalten ist. Um eines klar zu sagen: Auch in Dortmund muss sich etwas ändern. Der Radikalisierung eines kleinen Teils der Fanszene muss Einhalt geboten werden, denn diese Fraktion hat das Potenzial, großen Schaden anzurichten – auch an der Dortmunder Fankultur. Vielleicht kann der Selbstreinigungsprozess tatsächlich nur durch einen einmaligen Zuschauer-Teilausschluss der besonders betroffenen Blöcke angestoßen werden. Ich schreibe das mit Fragezeichen und Bauchschmerzen – aber wir brauchen eine kritische Masse, die sich den Gewalttätern und Idioten gegenüberstellt.

Die wichtigste Erkenntnis ist jedoch: Trotz all dem dürfen und müssen wir weiter das Modell RB Leipzig kritisieren. Das taten übrigens schon bisher nicht nur Fans aus Dortmund oder von anderen großen Traditionsvereinen, sondern auch die Anhänger vieler kleinerer Klubs. Selbst in Leipzig gibt es fußballbegeisterte Menschen, die sich nicht von Mateschitz, Rangnick und Co. „zwangsbeglücken“ lassen wollen – wie ein großartiges Blog beweist. Es gibt ja nach wie vor genügend Anlässe für Kritik und diese liegen nicht nur in der Vergangenheit. So war bereits in österreichischen und deutschen Medien nachzulesen, wie der Brause-Konzern dafür sorgen will, dass RB Leipzig und RB Salzburg trotz UEFA-Beschränkungen im Europapokal starten dürfen. Da wird Red Bull mal eben zum bloßen Hauptsponsor der Salzburger herabgestuft – angeblich ohne direktes Mitspracherecht in Vereinsgremien. Und die sportlich gesinnten Fußballfans fragen sich, was passiert, wenn die beiden RB-Klubs in Champions oder Europa League direkt aufeinandertreffen.

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8 Gedanken zu “Und wir kritisieren euch doch!

  1. Alexander Wolff

    Watzke hat bis heute SPORT nicht verstanden. Über den Gegner äussert sich ein Sportler immer respektvoll – um ihn dann sportlich zu besiegen. Aber: nobel und Watzke, die beiden haben sich nie kennengelernt.

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  2. Meines Wissens hat sich Watzke immer respektvoll gegenüber der sportlichen Leistung und den sportlich Verantwortlichen von RB geäußert. Es ging ihm bei der Kritik um die Konstruktion und Entstehung des Vereins. Die Defizite bei der Sportlichkeit liegen doch eher bei RB – siehe mein letzter Absatz.

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  3. Catenaccio 07

    Ausgewogener Blogartikel, dafür Respekt. Allerdings kann sich Watzke tatsächlich nicht ganz aus der Kritik stehlen. Auch wenn seine Äußerungen über Red Bull in der Tat nie hetzerisch oder dergleichen waren, so musste ihm doch bekannt sein, auf welch fruchtbaren Boden sie bei Teilen der Anhängerschaft – den beschriebenen Idioten – fallen. Aber das Kind ist nun in den Brunnen gefallen, es wird dauern den entstandenen Schaden (Ansehen) wieder zu beheben.
    P.S.: Nein, ich hege keinerlei Sympathie für Red Bull. Aber hier ist eine rote Linie überschritten worden, es gibt eigentlich keinen Relativierungsspielraum.

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  4. Guter und differenzierter Text, auch wenn ich beim Thema „Teil-Ausschluss“ nicht deiner Ansicht bin. Vielleicht hast du sogar Recht, dass es im besten Fall eine Art Selbstreinigungsprozess anstoßen würde (ich bin da allerdings skeptisch…), aber ich halte eine derartige Maßnahme prinzipiell für nicht rechtens. Es kann nicht sein, dass Straftaten, die durch Einzelne verübt werden, eine Bestrafung tausender Menschen, die sich nichts haben zu Schulden kommen lassen, zur Folge hat. Das gibt’s im deutschen Strafrecht nicht und das sollte es auch im Fußball nicht geben. In diesem Fall reden wir auch noch über Straftaten, die außerhalb des Stadions verübt worden sind. Es ist sicherlich wahrscheinlich, dass die entsprechenden Leute Karten für die Süd hatten, aber genau wissen tun wir es doch nicht. Möglicherweise waren einige von ihnen auch gar nicht im Stadion, weil sie längst Stadionverbot haben. Ich finde, dass ein Teil-Ausschluss in keinster Weise zulässig ist.. Letztlich hat das Ganze auch noch eine vertragsrechtliche Seite: ich habe mit dem Kauf der Eintrittskarte einen Vertrag mit dem BVB abgeschlossen, ich habe eine gültige Karte und habe Anspruch darauf, mit dieser dann auch Einlass ins Stadion zu erhalten, sofern nicht Gründe dagegen sprechen, die in meinem eigenen Verhalten liegen. Dieses Verhalten kann nicht darin bestehen, dass ich auf einer bestimmten Tribüne zu stehen pflege.

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  5. @Catenaccio 07: Diese Kausalitätskette von Watzke zu den Gewalttätern, die sehe ich nach wie vor nicht, auch wenn sich viele prominente Stimmen so äußern. Ich glaube nicht, dass er irgendeinen Einfluss auf gerade diese Leute hat, die sich gerade von ihm nichts sagen lassen würden.

    @Sylvia1985: Du hast eigentlich vollkommen recht. Ein Teilausschluss wäre nicht fair, nicht gerecht und vielleicht nicht mal rechtmäßig. Ich habe hier mal die opportunistische Sichtweise angenommen, die vielleicht auch der Hilflosigkeit entspringt, die du in deinem Blog beschreibst. Es geht mir gar nicht um die eigentliche Gewalt außerhalb des Stadions – für die kann der Verein zurecht nicht verantwortlich gemacht werden. Es geht mir um den Einfluss bestimmter Gruppen, um die häßlichen unter den Bannern, um die ewige Zündelei. Vielleicht würden durch einen Zuschauerausschluss die Mitläufer bei solchen Aktionen zur Reflexion angeregt und die harten Jungs endlich isoliert. Es ist nur eine Hoffnung und sie käme zu einem Preis. Aber die Einheit der Südtribüne um jeden Preis brauche ich nicht. Und noch scheint leider keine der anderen Maßnahmen entscheidend gewirkt zu haben – aber da bist du vielleicht näher dran.

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  6. kmr

    1. Opferrolle? ich habe mir das nicht ausgesucht. Es würde mir nicht im Leben Einfallen, einen Fan, egal woher kommt, mal so anzuspucken oder, wenn gerade zur Hand, einen Bierbecher zu schmeißen.
    2. Den „freundlichen“ Tapeten nach zu urteilen, reichen 500 Leute nicht aus.
    3.Wie wollen Sie es nennen, wenn man haßverzerrten Gesichtern gegenübersteht?
    4. Radikalität nur einer kleinen Gruppe ist ein Traum. Ich bin über 20 Jahre in kein Leipziger Fußballstadion gegangen, weil es einfach immer unerträglicher wurde – kein Respekt, keine Empathie – eben ital. Verhältnisse.
    5. Noch regieren in Lpz. nicht die Ultra´s die Szenerie, heißt, es fahren noch keine B oder C-Fans mit zu Auswärtsspielen. Leider könnte sich das ändern.
    6. Herr Watzke, als Analgie durchaus. Es gibt genügend Beispiele in der Geschichte – aus dem Wort wird die Tat. Dies ist nicht nur im Sport zu erkennen.Es ist einfach die Frage, wen mal verbal zuneigen will und/oder muß(?). Nicht alle sind der Sprache mächtig (ich meine Deutsche)
    7. verweise ich gerne auf den Spiegel-online Artikel „Morgens Schlipsträger, Abends Schläger“. So sah es für mich am letzten Samstag auch aus.
    8. wenn Sie Differenzierung anmahnen, bleibt die Frage, warum, z.B., der Stadionsprecher auf diese wiederwärtigen Tapeten (sind wir uns da einig?) nicht reagiert hat? Hat der Verein kein Hausrecht?
    9. Zwangsbeglückung? auch in Leipzig, gibt es durchaus Menschen, die sich mit Sachverhalten kritisch auseinandersetzen können. Arroganz der eigenen Unfehlbarkeit von „Traditonsvereinen“? Ich könnte es meinen. Der genannte Blogg inspiriert mich eher, aber nur auf Grund seiner scheinbaren Unfehlbarkeit :-)
    10. Vorschlag: alle GmbH´s und AG´s aus dem Spielbetrieb (bis 3.Liga) ausschließen. Mal sehen wie die Welt sich dann dreht.
    11. Die ganze Polemik (nicht Ihre) erinnert mich immer an die Maschinenstürmer des vorletzten Jahrhundert. Immer, immer, ging es um den Untergang des Abendlandes. Am Ende hat es eigentlich immer mehr Gewinner gegeben (wenn man den will :-))
    12. ich bin NICHT organisiert, dass musste(!) ich zu DDR Zeiten, fand den ganzen Abend nur wiederwärtig. Ja, ich wollte die Gelbe Wand endlich live erleben. Nochmal brauche ich das nicht.

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  7. @kmr: Zunächst mal: schön, dass ein RB-Fan hier so ausführlich schreibt – das meine ich ehrlich. Ich kann nicht zu allem etwas sagen, nur so viel:
    1. Mit der Opferrolle meine ich nicht die Fans, die z.T. allen Grund haben, sich zu beklagen. Aber für den „Verein“ ist das Mitleid, das er nun bekommt, natürlich angenehm. Endlich muss man sich nicht mehr rechtfertigen.
    2. Nicht jedes der Banner war verurteilenswert. Ein paar ’normale‘ Beschimpfungen muss man als Fußball- und besonders als RB-Fan schon ertragen. Manche haben auch einfach nur pointiert Kritik geübt, ohne Beleidigungen.
    6. Noch mal: Was Watzke geäußert hat, war Kritik. Das muss in einem freien Land möglich sein, wenn sie nicht diffamierend gegenüber Personen ist. Mir ist nicht ganz klar, warum seine Kritiker nicht verstehen wollen, dass Gewalttäter, Leute, die wegen den Randalen zum Fußball gehen, keinen brauchen, der sie anstiftet.
    8. Hier sehe ich ein Versäumnis. Man hätte zur Entfernung der Banner aufrufen sollen. Sie aus dem Block zu holen, wäre allerdings deutlich schwieriger gewesen. Und sie wurden ja auch nicht das ganze Spiel gezeigt.
    10. Die „GmbHs und AGs“ kommen nun von RB-Fans und -Verteidigern immer als Gegenpolemik zur Kritik an RB. Man kann den eigenen Kommerz und die ausgelagerten Fußballabteilungen natürlich kritisieren und ein Teil der BVB-Fans macht das auch. Aber was RB macht, ist noch mal eine ganz andere Hausnummer. Das kann durch diese Vergleiche nicht verharmlost werden. Ich nenne nur drei Stichpunkte: Entstehung, Mitgliederzahl und Farmteam in Österreich, das womöglich bald im europäischen Wettbewerb auf den inzwischen großen Bruder trifft.

    Abschließend: Ich kann mir vorstellen, dass Ihr Besuch in Dortmund nicht schön war. Wenn die RB-Fans es schaffen, friedlich und laut zu bleiben wie bisher, ist das das Einzige, wofür ich den Verein respektiere und sogar ein bisschen beneide.

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