Kein Blues auf dem Platz

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1. Bundesliga, 1. Spieltag / VfL Wolfsburg 0 BVB 3

Von Verunsicherung und Trübsal keine Spur: Borussia Dortmund gelingt trotz aller Nebengeräusche ein Traumstart in die neue Bundesligasaison und die Ära Bosz. Vieles von dem, was sich der neue Trainer vorstellt, funktionierte in Wolfsburg – auch dank der Gastgeber.

Drei Gedanken zum Spiel

So schnell geht Fußball: Pulisic ist der neue Dembelé. Das ist ein wenig übertrieben, aber natürlich ist das gut und fühlt sich gut an, wenn ausgerechnet der Vertreter des schmollenden Franzosen solch ein Spiel abliefert. Christian Pulisic hat sich erst neulich zu Schwarz-Gelb bekannt. Gestern schoss er ein Tor, das dem von Dembelé gegen Bayern ähnelte und er flankte für Auba, wie es auch Dembelé tut. Christian’s on fire, their defence was terrified.

Alle baten um Geduld, doch Peter Boszs 4-3-3 funktioniert. Thomas Tuchel gilt als der taktisch kreativere und vielfältigere Trainer, doch wenn eine Mannschaft ein System verinnerlicht, kann man allein damit weit kommen. In der Vorbereitung lief das alles noch nicht perfekt, aber in Wolfsburg sah es sehr gut aus. Endlich wieder eine Viererkette. In der Zagadou seine Sache mit ganz wenigen Ausnahmen gut machte – aber ich bin ja eh niemand, der Schmelle schnell vermisst. weiterlesen

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Bleibende Eindrücke

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2016 hat es einem nicht leicht gemacht. Der globale Gesamteindruck, der bleibt, sorgt nicht gerade für Zuversicht. Weitaus positiver fällt da der Rückblick auf den Lieblingsverein aus – bei allem Gesprächsstoff und Anlässen für Kritik, die es in der ersten Saisonhälfte 2016/17 gab. Man sollte ja nie vergessen wo man herkommt.

Auf den ersten Blick kann die Zwischenbilanz nicht ganz zufriedenstellen. Platz 6, deutlicher Rückstand auf gleich zwei Vereine, die Champions League mit Bravour gemeistert, dafür national nicht genügend Konstanz gezeigt. Doch erinnern wir uns daran, dass viele, die sich bei Borussia Dortmund auskennen, genau davor gewarnt haben. Es ist trotz allem Geld schwer, drei Schlüsselspieler gleichzeitig zu ersetzen.

Fragen nach der Transferpolitik sind trotzdem erlaubt, wenn man noch keine abschließenden Antworten erwartet. Reden wir also vom Bisher! Ousmane Dembele hat sich als einziger echter Volltreffer erwiesen – aber was für einer. Junge Neuzugänge wie Bartra und Mor haben vollkommen verständlicherweise Licht und Schatten dabei gehabt. Emre hat gute Ansätze gezeigt, war manchmal zu ungestüm oder eigensinnig. Der Unterschied zu Bartra: Er war noch nicht als Stammkraft eingeplant. Auch bei Marc sieht man das Potenzial, aber seine Fehler wiegen schwerer.

Am meisten hat man natürlich von den gestandenen Spielern Schürrle, Götze und Rode erwartet. Über den weniger prominenten Zugang vom FCB fällt das Urteil schwer, von einem Stammplatz ist er jedenfalls weit entfernt. Die teuersten Einkäufe waren bisher keine entscheidende Verstärkung. Während Mario immerhin die Fans wieder weitgehend hinter sich gebracht hat, wird der  Schürrle-Transfer am intensivsten diskutiert werden. Sicher, Andre hatte Verletzungspech. Aber geht man von der bisher unbewiesenen Prämisse aus, dass er vor allem ein Tuchel-Transfer war, ist der Trainer hier angreifbarer als bei den Themen Rotation oder Schiedsrichter-Kritik, die letztlich Eintagsfliegen waren.

Wenn man derzeit Jürgen Klopp mit Liverpool Erfolge feiern sieht, ist da ein klein wenig Wehmut. Aber Thomas Tuchel macht einen guten Job und mMn auch keine schlechte Figur. Taktisch könnte man allenfalls über die Dreierkette diskutieren, die der ohnehin noch nicht stabilen Abwehr keine Sicherheit verleiht. Hier bleibt zu hoffen, dass in der restlichen Winterpause noch fleißig geübt wird. Dann gibt es auch keinen Bedarf an Verstärkungen.

Ein gutes neues Jahr euch allen!

Bayern endlich wieder schlechte Verlierer

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1. Bundesliga, 11. Spieltag / BVB 1 FC Bayern 0

Das Spiel ist aus. Vier Bayern-Spieler, darunter Mats Hummels und Manuel Neuer, bedanken sich bei den Fans. Die anderen verabschieden sich geschwind in die Katakomben. Was ist passiert? Der FCB hat mal wieder gegen den BVB verloren. Zeit wurde es ja.

Für die Schwarz-Gelben war das Topspiel die Riesenchance, noch mal in Kontakt zur Ligaspitze zu kommen. Dementsprechend akribisch war sicherlich Thomas Tuchels Matchplan vorbereitet. Der ging zwar nicht über 90 Minuten auf, die Taktik allerdings schon. Drei Innenverteidiger (Bartra, Sokratis und Ginter) entlasteten die Außen Schmelzer und Piszczek von der gröbsten Defensivarbeit. Mit Adrian Ramos lief neben Aubameyang ein zweiter Stürmer auf, der sehr engagiert und flexibel agierte und vor allem in der Anfangsphase für Belebung und Überraschung sorgte.

Nicht zum ersten Mal in den letzten Wochen wirkte der FC Bayern zu Beginn einer Partie nicht unverwundbar. Diesmal konnte das der Gegner ausnutzen. Natürlich war es Pierre-Emerick Aubameyang, der sogar per Hacke für Piszczu vorgelegt hatte, ehe der Ball über  Mario Götze zum Torjäger zurückkam, der ’nur noch‘ das Bein hinhalten musste. Den Bayern ging das in dieser Spielphase zu schnell. Dass Mario entscheidend beteiligt war: sweet. Ein weiterer sehenswerter Spielzug wurde nicht von Erfolg gekrönt.

Von der 25. bis zur 45. und von der 50. bis zur 80. Minute dominierten die Bayern. Zeitweise kam Schwarz-Gelb kaum noch nennenswert in die gegnerische Hälfte. Die echten Chancen für die Gäste lassen sich trotzdem an einer Hand mit fehlenden Fingern abzählen. Kribbelig war es trotzdem, gerade weil Auba in der 71. Minute auch noch allein gegen Neuer vergab.

Am Ende interessiert es keinen Schwarz-Gelben, dass der FCB mehr vom Spiel hatte und dass Marc Bartra bei sehr strenger Regelauslegung hätte Gelb-Rot sehen können. Die Chancen für den BVB waren da, eine wurde genutzt, der FCB war in dieser Hinsicht quantitativ und qualitativ schlechter. Ein enger, aber nicht unverdienter Sieg gegen die Bayern. Genau das hat der Verein, haben wir Fans jetzt gebraucht.

Die Aufstellung: Bürki – Ginter, Sokratis, Bartra – Weigl – Piszczek, Schmelzer (88. Pulisic) – Götze (77. Castro), Schürrle (68. Durm) – Aubameyang, Ramos. Gelbe Karten: Bartra, Götze, Ramos. Tor: Aubameyang

Kein Streichergebnis gegen Freiburg

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1. Bundesliga, 5. Spieltag / BVB 3 SC Freiburg 1

Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss: Drei Tage nach Wolfsburg stand die schwarz-gelbe Borussia am Freitagabend schon wieder gegen den Sportclub Freiburg auf dem Platz. Respekt und Bewunderung für den Verein und Trainer Christian Streich sind bei mir gerade in Tagen wie diesen besonders ausgeprägt – das war schon vor der Partie so.

Thomas Tuchel ließ eine Elf beginnen, deren Zusammenstellung keinerlei Anlass zum Meckern bot. Eine Startelf-Chance für Mor über außen, die überfällige Rückkehr von Castro, die Heimpremiere für Götze, Piszczek nach Torerfolg erneut hinten rechts – alles richtig gemacht, auch rückblickend.

Die erste Chance hatten allerdings die Gäste: Vincenzo Grifo konnte allein vor Bürki den BVB-Keeper mit einem harmlosen Schuss allerdings nicht gefährden. Wer von den Schwarz-Gelben pure Dominanz sehen wollte, kam auch in der Folge nur phasenweise auf seine Kosten. Aber sind wir wirklich schon so arrogant, dass wir die nötig haben? Nach meinem Verständnis von Sport sind 6:0-Siege nur etwas zum Feiern, wenn sie nicht Alltag werden. weiterlesen

Der Albtraum wird wahr

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1. Bundesliga, 2. Spieltag / RB Leipzig 1 BVB 0

Die Boykotteure werden sich sagen: „Alles richtig gemacht.“ BVB-Fans, die ins Zentralstadion gereist sind, erlebten eine Horrorshow. Ausgerechnet gegen die Borussia gewinnt der Verein, der eigentlich keiner ist, sein erstes Spiel in der 1. Bundesliga. Durch einen Treffer in der 89. Minute. Nach einem vorausgegangenen Handspiel vorbereitet durch 15-Millionen-Mann Oliver Burke und vollendet durch 15-Millionen-Mann Naby Keita.

Nun hat niemand unserem neuen 55-Millionen-Offensivduo verboten, schon vorher zu treffen. André Schürrle traf zumindest die Latte, hätte in der Szene aber auch abgeben können. Ein Problem sind ja weniger die großen Summen, die RB zur Verfügung hat. Da läuft man argumentativ gegen die Wand, wenn man sich immer nur darauf beruft – gerade als BVB-Fan, wie der Auftritt von Jan-Henrik Gruszecki bei Kicker TV auf Eurosport vor Kurzem zeigte. Denn andere Vereine bekommen eben auch viel Geld von Sponsoren.

Das Problem ist, dass der Verein so gar nicht hätte entstehen dürfen. Dass er keine Mitglieder will. Dass er mit anderen Vereinen eng verflechtet ist – was sogar die RB Salzburg-Fans nun nicht mehr so cool finden. Naby Keita kam von eben dort.Und diese Fakten werden nicht zur Vergangenheit, nur weil Zeit vergeht. Auch nicht, wenn wir RBL im Rückspiel aus dem Stadion schießen.

Natürlich hätte es die Borussia gestern besser machen müssen. Ich konnte das Spiel nur teilweise sehen, aber soviel ist klar. In der Abwehr passte es beim Gegentreffer gar nicht. Marc Bartra ließ Keita sträflich aus den Augen. Zu viele Schwarz-Gelbe konzentrierten sich auf Burke. Thomas Tuchel nannte außerdem die Präzision als Problem, Marcel Schmelzer sprach von den nicht genutzten Räumen. Und wer weiß, was passiert wäre, wenn der Trainer Dembélé früher gebracht hätte.

Dennoch: Es fühlt sich nicht richtig an, was da passiert. Mehr dazu bald. Und wenn jemand Respekt kriegt, dann der andere Aufsteiger aus Freiburg, der die andere Borussia nach Rückstand mit 3:1 bezwang.

Die Aufstellung: Bürki – Piszczek, Sokratis, Bartra, Schmelzer – Rode, Weigl – Castro (71. Dembélé), Götze, Schürrle (71. Guerreiro) – Aubameyang (85. Ramos). Gelbe Karten: Castro, Bartra

Götzes Rückkehr

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Es war nicht das Westfalenstadion, sondern nur die Cashpoint-Arena in Altach (oder viel hübscher: das Schnabelholz). Mario Götze wird es nicht unrecht gewesen sein, dass sein erster Auftritt in schwarz-gelb nach seinem Münchener Seitensprung fernab der Heimat stattfand. Die Rückkehr verlief sehr unspektakulär: Größere Reaktionen der Zuschauer auf Götzes Einwechslung nach 67 Minuten im Testspiel gegen den Premier League-Klub AFC Sunderland blieben aus. Anschließend war von der Nummer 10 kaum etwas zu sehen. Die ebenfalls in der zweiten Hälfte eingewechselten Neuzugänge André Schürrle und Emre Mor fielen deutlich mehr auf.

Der AFC Sunderland, unter dem neuen englischen Nationaltrainer Sam Allardyce knapp dem Abstieg entronnen, wird nun vom ehemaligen Man United-Trainer David Moyes angeleitet. Neue Spieler wird der neue Mann auf der Bank in den nächsten Wochen suchen; seine erste Verpflichtung war gestern der letzte Saison an Werder Bremen ausgeliehene Verteidiger Papy Djilobodji vom FC Chelsea. Gegen Dortmund gelang es den „Black Cats“ am Freitag, die Zahl der gegnerischen Großchancen überschaubar zu halten. Selber nach vorne aktiv wurden die Nordostengländer jedoch selten. In Erinnerung bleiben vor allem Roman Weidenfellers elfmeterverdächtiges Tackling gegen Duncan Watmore bei der ersten Aktion des Keepers sowie Sunderlands Ausgleich durch Kone nach einem Freistoß von links.

David Moyes wird dennoch sicher zufrieden sein; Thomas Tuchel war es nicht ganz. Die Ansätze sind da – erneut zu sehen etwa bei Dembélé. Manche Spieler zeigen starke Frühform – etwa Gonzalo Castro. Doch die Überlegenheit gegen ein mit einem durchschnittlichen Bundesligisten vergleichbares Team wie Sunderland muss besser ausgespielt werden. Im Idealfall gelingt das, wenn nicht mehr munter durchgewechselt werden darf und die besten Elf auf dem Platz stehen. Selten wird die Aufstellung so spannend wie beim ersten Ligaspiel der neuen Saison gegen Mainz.

Nach diesem Beitrag ist bei Any Given Weekend erst mal zwei Wochen Pause wegen Urlaubs. Hier geht es weiter nach dem Pokalspiel am 22. August.

Ist Mario Götze der verlorene Sohn?

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Er ist wieder da: Der Kicker vermeldet heute Abend, dass die Rückkehr von Mario Götze zu Borussia Dortmund perfekt sei – für einen „Basisbetrag“ von 26 Millionen Euro. Bayern-Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge hatte am Rande des Testspiels gegen Manchester City verlauten lassen, dass morgen eine Einigung erfolgen könne. So scheint tatsächlich wahr zu werden, was sich viele nicht vorstellen konnten und viele nicht vorstellen wollten. Wobei die erste Gruppe nicht ganz kongruent mit letzterer ist.

Des Weiteren sollen auch die Verhandlungen mit dem VfL Wolfsburg wegen André Schürrle weit gediehen sein. Es ist wahrscheinlich, wenn auch noch nicht komplett sicher, dass die beiden Protagonisten des WM-Siegtors von 2014 bald in schwarz-gelb spielen. Für die zwei Freunde Schürrle und Götze dürfte der BVB dann rund 56 Millionen ausgegeben haben. Diese Transfers würden in Dortmunder Fankreisen polarisieren wie kaum eine andere Vereinsentscheidung der letzten Jahre. Zeit für einige Diskussionsanstöße.

Woher dieser Hass?

Wer in den letzten Monaten Internetforen oder die Leserkommentare in Sportportalen zum Thema BVB-Transfers gelesen hat, wird zweifellos auf eine Reihe äußerst kritischer bis gehässiger Beiträge zu Mario Götze und André Schürrle gestoßen sein. Während Götze sich nachweislich ungeschickt bis unfein aus Dortmund verabschiedet hat, ist Schürrles einziges Vergehen, dass er zeitweise seine Leistung nicht abrief und der BVB nun viel Geld für ihn bezahlen soll. weiterlesen

Warum Watzke bei Mkhitaryan kein Vorwurf zu machen ist

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Einer Lüge muss man sich bewusst sein. Als BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sagte, dass in diesem Sommer nicht gleichzeitig Mats Hummels, Ilkay Gündogan und Henrikh Mkhitaryan den Verein verlassen würden, konnte er sich das jedoch tatsächlich nicht vorstellen. Wenn man ihm etwas vorwerfen will, dann eine Fehleinschätzung oder meinetwegen ein gebrochenes Versprechen. Doch eigentlich weiß der aufgeklärte Fußballfan ja, wie kurzlebig die Branche ist und dass Aussagen ihrer Protagonisten nicht für die Ewigkeit getätigt werden. Immerhin behält durch den bevorstehenden Mkhitaryan-Abgang eine andere Aussage ihre Gültigkeit: Borussia Dortmund werde nach Robert Lewandowski keinen wertvollen Spieler mehr ablösefrei gehen lassen.

Nun scheint die Sache also durch zu sein – auch wenn laut BBC Henrikh Mkhitaryan noch keinen Medizincheck bei Manchester United absolviert hat und weitere Formalitäten zu klären sind. Da Miki in Dortmund noch ein Jahr Vertrag hat, soll die Borussia vom reichen Tabellenfünften der Premier League eine Ablöse in Rekordhöhe bekommen. Kolportiert werden 42,5 Millionen Euro – das wäre sowohl die höchste vom Verein als auch für einen Spieler mit einem Jahr Vertragslaufzeit erzielte Summe.

Watzke und der BVB wollten mit Mkhitaryan ernsthaft verlängern, sie wurden aber vom Spieler und dessen Berater Mino Raiola hingehalten, bis sich die Tür nach Manchester öffnete. Dagegen ist man als ein Verein mit dem Standing der Borussia nicht gefeit. Nach dieser vergangenen Saison war es keinesfalls naiv, sondern einfach zwingend, alles zu versuchen, um Mkhitaryan zu halten. Als die Vertragsverlängerung vom Tisch war, erwies sich Aki Watzke als Mino Raiola – oder zumindest Manchester United – ebenbürtig und lehnte einen Transfer in diesem Sommer zunächst ab.

Was jetzt wohl für die Borussia herausspringen wird, ist verdammt viel Geld. Enttäuscht darf man vielleicht von Miki sein – viele hatten ihn für einen charakterlich anderen Typen gehalten. Wer jetzt von den Regeln des Geschäfts und den Fußballern als Unternehmern anfangen will, hat natürlich nicht Unrecht – trotzdem sind alle im Business Menschen und keine Maschinen. Die einzige Lehre, die die BVB-Führung aus der Geschichte ziehen könnte, ist, die Zusammenarbeit mit Spielerberatern wie Raiola zu hinterfragen.

Sportlich bedeuten die drei Abgänge selbstverständlich einen herben Verlust. In der Form der letzten Spielzeit könnte Miki der herbste sein. Borussia Dortmund hat bereits vielversprechende Verpflichtungen getätigt und wird mit den sprudelnden Millionen mindestens eine weitere tätigen. Die Frage, wie gut die stark umgebaute Mannschaft 2016/17 funktionieren wird, ist eine so spannende, dass auch ein Wechsel von Andre Schürrle zum BVB die Ungewissheit nicht mehr sonderlich erhöhen würde. Ich für meinen Teil würde ihn lieber in schwarz-gelb sehen als Mario Götze – nicht aus Unversöhnlichkeit, sondern weil Letzterer selbst nach wie vor keine Anstalten macht, sich für eine Rückkehr zu erwärmen. Ob Schürrle allerdings immer noch mehr als 30 Millionen wert ist, wage ich zu bezweifeln. Vielleicht sprechen wir bald noch über ganz andere Namen.

Nie wieder Clasico

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1. Bundesliga, 13. Spieltag / BVB 0 Bayern München 3

Natürlich, die deutschen Sportmedien und – allgemeiner gesprochen – die hiesige Fußball-Szene hätten gerne den Glamour und die internationale Bedeutung eines ‚Clasico‘. Und der Fakt, dass die gestrige Begegnung zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern in 209 Ländern übertragen wurde, legt nahe, dass sehr viele Augen auf das Topspiel der deutschen Bundesliga gerichtet waren. Doch ein echter Clasico, sofern man das Wort überhaupt international verwenden will, verlangt zweierlei: Er muss Tradition als Spitzenspiel haben – deswegen steckt das Wort „klassisch“ drin. Daher muss er ein Duell auf Augenhöhe sein – langfristig. Beides ist in Deutschland nur bedingt bis gar nicht gegeben.

Dass die Bundesliga in den letzten Jahren verstärkt internationale Aufmerksamkeit bekam, war zu einem guten Teil Borussia Dortmund zu verdanken. Der Spielweise und der Art des Vereins sowie der Tatsache, dass mit dem BVB ein ernstzunehmender Konkurrent für die Bayern zu erwachsen schien, der die Liga spannender gestalten können würde. Vielen war eigentlich klar, dass der FCB dabei nicht zuschauen würde – trotzdem war der Wunsch nach langfristiger Spannung offensichtlich so groß, dass man den ‚Clasico‘ importieren musste. Das gestrige Topspiel war zwar nur ein Spiel, in dem drei Punkte vergeben wurden und auch keine echte Vorentscheidung in der Meisterschaft fallen konnte, aber es hat gezeigt, dass sich an der Lage in der Liga strukturell nichts ändern wird.

Es gibt da manchmal einen Verein, der dem FC Bayern ein paar Probleme bereiten kann, derzeit die Borussia, aber mit Hilfe ihrer Finanzkraft schaffen es die Münchener immer, einen zeitweise geschrumpften Abstand wiederherzustellen. Ihre Qualität quer durch den gesamten Kader wird sich im Vergleich früher oder später bemerkbar machen. Unvermeidlich und exemplarisch war, dass der vom Konkurrenten geholte Mario Götze mit seinem Tor den Auswärtssieg der Bayern einleitete – Robert Lewandowski wird ihm möglicherweise bald in die bayerische Landeshauptstadt folgen. Schade, dass Uli Hoeneß momentan sicher wenig Zeit hat, sich Vorschläge gegen die Einseitigkeit der Liga auszudenken.

Sprechen wir also nicht vom Clasico, sprechen wir von einem Spiel, das lange Zeit spannend war. In dem die Bayern deutlich mehr Ballbesitz hatten, das die Gastgeber jedoch nach 15, 20 Minuten offen gestalten konnten. In dem die Borussen die besseren Chancen hatten, diese aber nicht nutzten. Selbst die improvisierte Viererkette mit Kevin, Sokratis, Manuel Friedrich und Eric Durm machte ihre Sache über eine Stunde sehr ordentlich. Bis Müller von rechts zu Götze im Strafraum passen konnte und der sonst überragende Sokratis ein wenig zu weit weg vom Ex-Dortmunder stand. Im Anschluss zeigte sich dann ein paar Mal, dass den vier Abwehrleuten die Eingespieltheit fehlte. Sicher, der Traumpass von Thiago auf Robben war schwer zu verteidigen – Tatsache bleibt aber, dass diese BVB-Defensive verwundbarer ist als die A-Lösung.

Reus, Lewandowski und Mkhitaryan hatten vor und nach Bayerns 0:1 Chancen, einen Treffer für die Schwarz-Gelben zu erzielen. Das Spiel hätte dann anders ausgehen können. Doch es war nicht das erste Mal in dieser Saison, dass ein Team zeitweise dem FCB ebenbürtig war und am Ende unterlag. Der BVB muss sich auch keine Sorge um die Offensive machen – die wird wieder treffen, vielleicht schon gegen Neapel. Nur werden die Wochen, in denen Mats Hummels der Abwehr fehlt, lang. Man muss kein Pessimist sein, um den ein oder anderen Punktverlust zu prophezeien. Das Saisonziel, erneut die Champions League zu erreichen, ist nun hoffentlich für jeden ersichtlich kein Understatement mehr.

Der Satz „und am Ende gewinnen immer die Bayern“ scheint also wieder Gesetz zu sein. Die Fans der Roten freuen sich verständlicherweise darüber. Das sollen sie. Solange sie nicht vom Rest der Liga verlangen, wieder spannungsarme Spielzeiten nur deswegen gutzuheißen, weil der FCB sein Geld ja mit harter Arbeit verdient hat.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Großkreutz, Friedrich, Sokratis, Durm – Bender (79. Piszczek), Sahin – Blaszczykowski (71. Aubameyang), Mkhitaryan (71. Hofmann), Reus – Lewandowski. Gelbe Karten: Großkreutz, Mkhitaryan

Was als Nächstes geschehen könnte

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Tag 2 nach dem verlorenen Champions League-Finale und dem Blick zurück folgt der in die Zukunft. Jürgen Klopp peilt trotz aller Enttäuschung bereits neue Ziele an. 2015 findet das Endspiel im Berliner Olympiastadion statt und spätestens dann soll ein neuer Anlauf in Richtung Europas Fußball-Krone erfolgen.

Man muss die Niederlage vom Samstag nicht dramatisieren, man braucht sie aber auch nicht schönzureden. Ob der BVB in den nächsten Jahren erneut die Chance haben wird, ganz am Ende um den Henkelpott mitzuspielen, ist ungewiss; Roman Weidenfellers Gedanken sind daher nachvollziehbar:

Man bekommt nicht jedes Jahr die Möglichkeit, dieses Endspiel zu bestreiten. Mir war nach dem Abpfiff bewusst, dass es vielleicht meine letzte Chance war, diesen Pott zu gewinnen.

Der springende Punkt ist: Die Borussia steht vor einem größeren personellen und möglicherweise taktischen Umbruch als in den letzten Sommern. Wie sich dieser auswirken wird, kann man nicht seriös vorhersagen.

Mario Götzes Abschied ist ein Einschnitt. Er war an guten Tagen der Mann für die genialen Momente, die das schwarz-gelbe Offensivspiel so schwer beherrschbar machten. Möglicherweise hätte sein Mitwirken in Wembley kombiniert mit dem intensiven Druck der Borussia zu einem anderen Spielausgang geführt. Sein Bekenntnis zum BVB nach seiner Vertragsverlängerung hätte sich Mario im nachhinein besser gespart, wenn er eigentlich Bayern-Fan ist. Ansonsten ist er einfach dem Geld und der größtmöglichen Erfolgswahrscheinlichkeit gefolgt – wie schon unzählige Fußballprofis vor ihm. Wir Fans müssen uns wohl mit dem Ende der romantischen Wohlfühl-Ära in Dortmund abfinden.

Dass diese Ära zu Ende gehen würde, war vorauszusehen, ja nahezu unweigerlich. Dass die Bayern bei ihrem Ende eine Rolle spielen würden, ebenso. Jetzt zeichnet sich ab, dass diese Rolle größer ausfallen wird als erwartet. Lewandowski-Berater Cezary Kucharski hat – erneut im polnischen Fernsehen – bestätigt, dass sich der polnische Stürmer und Beinahe-Torschützenkönig mit dem FCB einig sei. Kucharski geht davon aus, dass der Wechsel in diesem Sommer erfolgen wird – wenn sich die Borussia an ein angeblich Robert gegebenes Wort halte.

Auf Dortmunder Seite wurde dieses Thema bisher so dargestellt, dass man Lewandowski zugesagt habe, über einen Wechsel zu sprechen, wenn bis 15. Mai ein verbindliches Angebot eingehe, das den eigenen Erwartungen entspricht. Laut Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke ist das bis heute nicht geschehen. Watzke hat bisher außerdem immer nahegelegt, dass ein Transfer des Stürmers zu den Bayern vor Ablauf der Vertragslaufzeit nicht in Frage käme. Interessant wäre es nun zu erfahren, ob bei dem ‚Versprechen‘ an Lewandowski die Bayern als Interessenten ausdrücklich ausgeschlossen wurden. Obwohl der Rekordmeister derzeit auch Meister in Sachen Geheimdiplomatie ist, hat man leider das Gefühl, dass die BVB-Verantwortlichen ebenfalls nicht mehr komplett ehrlich gegenüber den eigenen Fans auftreten. Was ist aus der bewährten Alternative zur Irreführung geworden: einfach keinen Kommentar abgeben? weiterlesen