Wir Ahnungslosen

Vor einem Jahr wussten wir Bescheid: Im schwarz-gelben Fußball-Universum war Ende Juni trotz Weltmeisterschaft in Brasilien lediglich unklar, ob Matthias Ginter als Ergänzung für die Defensive zu Borussia Dortmund wechseln würde. 2015 sieht es eine knappe Woche vor Trainingsauftakt ganz anders aus. In allen Mannschaftsteilen stellen sich Fragen: Wer den Verein verlässt, wer bleibt, oder zumindest, wer künftig zur Startelf zählt und wer am Rand steht.

Selbstverständlich ist diese Ungewissheit bis zu einem gewissen Maß unvermeidbar. Schließlich hat die Borussia einen neuen Trainer – das sind wir eben nur nicht mehr gewöhnt. Völlig klar, dass Thomas Tuchel zunächst seine Spieler kennenlernen muss. Und zwar persönlich und im Training, nicht nur am Telefon. Doch bei so vielen Fragezeichen wächst auch die Sorge, dass manche Personalie nicht zufriedenstellend geklärt werden könnte. Wagen wir noch mal den Überblick.

Tor. Roman Bürki ist gekommen, Mitch Langerak wird aller Voraussicht nach bleiben und sich mit ihm einen Zweikampf um die Nummer 1 liefern. Für Roman Weidenfeller soll es Interessenten geben und die Tendenz geht dahin, dass sich der langjährige Dortmunder Keeper auf einen Wechsel einlässt. Hendrik Bonmann wird nach Zlatan Alomerovics Abgang die neue Nummer Drei.

Abwehr. Hier ist die Situation deutlich weniger entspannt. Zwar ist quantitativ alles im Lot und alle Spieler haben noch mindestens ein Jahr Vertrag. Doch aufgrund des deutlichen allgemeinen Leistungsabfalls im letzten Spieljahr bleiben Fragen nach der Qualität. Mit Neven Subotic wurde verlängert, der Wechsel von Matthias Ginter nach Gladbach abgeschmettert. Diese Entscheidungen sollten nun aber nicht dazu führen, dass sich der alles in allem konsistenteste Innenverteidiger Sokratis verabschiedet. Über die Rangfolge in der IV muss Thomas Tuchel sehr gewissenhaft nachdenken.

Leider spricht derzeit noch nicht viel dafür, dass man im Verein auch ernsthaft über Verstärkungen auf den Außenpositionen nachdenkt, die abgesehen von der Kehl-Position das drängendste Problem der Schwarz-Gelben darstellen. Aber das mag noch kommen.

Mittelfeld: In diesem Bereich haben die Verantwortlichen bereits gehandelt und eigentlich alle Baustellen geschlossen. Castro und Weigl sind gekommen. Dass nun Johannes Geis zum FC Schalke geht, muss uns nicht schmerzen. Der BVB hat im Mittelfeld derzeit keinen Bedarf mehr. Vor allem, wenn sich im Fall Ilkay Gündogan nun tatsächlich eine Wende abzeichnen sollte. Ilkays Berater und Onkel Ilhan hat der „Süddeutschen Zeitung“ gesagt, dass sein Neffe ernsthaft über einen Verbleib in Dortmund nachdenkt, der dann wohl mit einer Vertragsverlängerung einhergehen müsste. Ilkay fände Tuchels Pläne spannend; außerdem „spricht ja einiges dafür, dass İlkay es in einem gewohnten, angenehmen Umfeld leichter fällt, wieder auf sein altes Niveau zu kommen“, so Onkel Gündogan.

Auch mit viel Wohlwollen für den zuletzt formschwachen Spieler: Es bleibt der Eindruck, dass die Borussia für die Gündogans nicht mehr als die bequeme Option dritter oder vierter Wahl ist. Sollte es tatsächlich nicht zu einem Transfer kommen, müssen Zorc und Watzke bei den Vertragsbedingungen die Vereinslinie weitestgehend durchsetzen. Natürlich kommt es vor, dass ein Spieler wechseln will und nicht kann. Doch bleibt Gündogan, könnte sich angesichts des überbesetzten Mittelfelds wiederum Sven Bender Gedanken machen – auch das wäre nicht wünschenswert.

Sturm: Drei Stürmer, drei Fragezeichen: Was passiert mit Ciro Immobile und Adrian Ramos? Beide würden wohl bei entsprechenden Angeboten gehen dürfen, aber ob es die geben wird? Und würde es nicht Sinn machen, zumindest Immobile noch eine Spielzeit zu geben? Pierre-Emerick Aubameyang war einer der Wenigen, die uns in einer eher trostlosen Saison doch Freude bereitet haben. Wer ihn nun anzweifelt und ihm vergebene Chancen vorhält, hat nur sehr begrenzt Ahnung von Fußball. Auch wenn es bisher reine Boulevard-Gerüchte sind, spricht manches dafür, dass es in der kommenden Transferphase noch Interesse an ihm geben wird – aus England oder von anderswo. Bleibt zu hoffen, dass die Dortmunder Schmerzgrenze in diesem Fall sehr hoch ist.

Interessant für die künftige Zusammensetzung der Offensive und die Zahl der Stürmer ist natürlich auch, mit welcher taktischen Formation Thomas Tuchel künftig plant. Also doch mehr als drei Fragezeichen.

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