Frostige Zeiten für Roy Keane

Ob ehrlich wirklich am längsten währt, wird sich möglicherweise am Wochenende herausstellen. Roy Keane, ehemaliger Kapitän und Mittelfeldstar von Manchester United, ist ein ehrlicher Mann. Der jetzige Ipswich Town-Trainer hätte es sich einfach machen und die Schuld an der jüngsten Heimniederlage gegen Swansea Schiedsrichter Andy D’Urso geben können. Zumal dieser Unparteiische mit Keane schon während dessen Spielerkarriere Auseinandersetzungen hatte und auch Ipswich nicht immer wohlgesonnen schien.

An der Portman Road stand es am Samstag wenige Minuten vor Schluss 1:2, als Towns Flügelspieler Carlos Edwards im Strafraum mit einem Griff zu Fall gebracht wurde. Ein eindeutiger Elfmeter, wenn man es mit dem vergleicht, was teilweise bei Tacklings im Strafraum so gepfiffen wird. In diesem Fall ertönte jedoch kein Pfiff und quasi im direkten Gegenzug erhöhte Swansea durch einen tollen Schuss von Craig Beattie auf 1:3. Man konnte den Gastgebern vorwerfen, zu lange lamentiert zu haben, aber die Elfmeterchance wurde ihnen geraubt. Keane wies jedoch nach der Partie fast ausschließlich auf die eigenen Versäumnisse hin. Trotz zeitweiser spielerischer Unterlegenheit hatte sich Ipswich die besseren Chancen erarbeitet, jedoch nur eine genutzt. Beim Ausgleich der Gäste nach einem Freistoß war Torwart Murphy beim Herauslaufen nicht an den Ball gekommen, vor dem 1:2 hatte der junge Abwehrspieler Tommy Smith den Ball im Fünfmeterraum auf leichtsinnigste Weise vertändelt.

Roy Keanes Ehrlichkeit ehrt ihn, aber ob sie ihm hilft, seinen Job zu behalten? Gegen Swansea erlitt Ipswich die fünfte Liga-Niederlage in Folge. Nach einem gelungenen Start in die Championship-Saison ist der Verein auf Platz 17 abgerutscht, zudem haben drei niedriger positionierte Clubs noch ein Nachholspiel (die 2. Liga hat 24 Vereine). Immerhin erreichte Town unter der Woche als einziger Club außerhalb der Premier League das Halbfinale des Carling Cups (Ligapokal), mit einem Sieg über den gut gestarteten EPL-Aufsteiger West Bromwich Albion. Der Wettbewerb steht aber klar im Schatten der Liga und des FA-Cups. Die Fans sind in der Trainerfrage gespalten, aber der kollektive Daumen scheint sich eher zu senken. In den Kommentaren beim populären Online-Fanzine „Those were the days“ werfen zahlreiche Besucher Keane vor, seit seiner Ernennung vor gut 1 1/2 Jahren mit viel Geld wenig erreicht zu haben.

Besonders kritisch sind natürlich Derbyniederlagen. Am vorletzten Spieltag ging das Duell beim großen Lokalrivalen Norwich City mit 1:4 verloren. Es ist das mit Abstand ‚heißeste‘ Spiel der Region und wird auch „Old Farm Derby“ genannt – aufgrund der landwirtschaftlichen Prägung der Grafschaften Norfolk (Norwich) und Suffolk (Ipswich), die Ipswich Town auch den Spitznamen ‚Tractor Boys‘ eingebracht hat.

Keane hat es also mit einer schwierigen Gemengelage zu tun. Ipswich hatte stets einen Zuschauerschnitt von (teilweise deutlich) über 20.000. In den letzten Partien kamen beträchtlich weniger, was auch, aber nicht nur, mit dem Winterwetter zu tun hat. Der Trainer kann zu Recht darauf verweisen, dass einige erfahrene Stammspieler verletzungsbedingt fehlen und er deshalb viele junge Spieler aus der anerkannten Jugendakademie des Vereins einbauen musste. Die kritischen Fans werfen ihm wiederum eine suboptimale Transferpolitik vor – besonders im Sturm und auf der Rechtsverteidiger-Position seien keine adäquaten Leute geholt worden. Außerdem verlasse sich Keane zu sehr auf junge Leihspieler.

Hier kommt die Vereinsführung ins Spiel. Ipswich Town gehört seit drei Jahren zu 87,5% dem Multimillionär Marcus Evans. Dieser hat den Club vor argen finanziellen Schwierigkeiten bewahrt und stellt jährlich Gelder für neue Spieler zur Verfügung. Evans ist allerdings Mister Unbekannt. Er zieht es vor, möglichst wenig in der Öffentlichkeit zu stehen und möglichst nicht fotografiert zu werden, auch wenn es der „Daily Mail“ schon nebenbei gelungen ist, als eigentlich Edgar Davids das Motiv war. Das eigentliche Gesicht der Vereinsführung ist jedoch CEO Simon Clegg, der vom britischen olympischen Kommittee kam und noch nicht im Fußballbereich gearbeitet hat – was die Fans ebenfalls kritisch kommentieren. Clegg steht zwar im ständigen Kontakt mit Evans, muss aber die Entscheidungen alleine vertreten.

Vor der Saison hieß die Direktive, der Kader solle verkleinert werden. Durchaus verständlich angesichts von Verlusten in Höhe von 14 Millionen Pfund im vorangegangenen Geschäftsjahr. Evans, Clegg und Keane waren sich einig, dass der momentane Kader (dem auch neu verpflichtete Spieler angehören) ausreichen sollte, um um die Play-Off-Plätze mitzuspielen. Keane war jedoch womöglich etwas weniger überzeugt. Das Risiko eines solchen halben Sparkurses dürfte jedem Fußballfan bekannt sein: Häufen sich die Verletzungen, hat es sich schnell mit der Konkurrenzfähigkeit.

Trotzdem darf auch über den Trainer weiter debattiert werden, denn Keane wird nicht nur Ehrlichkeit, sondern auch ein wenig Eigensinn nachgesagt. Startaufstellungen und Auswechslungen waren für die interessierten Fans nicht immer nachvollziehbar. Der gute Auftritt von Rechtsverteidiger Jaime Peters im Carling Cup wurde am Samstag nicht mit einem Startplatz belohnt, der erfahrene Verteidiger Damien Delaney nach einer Sperre nicht mal in den Kader berufen und Torschütze Andros Townsend ausgewechselt.

Wie sehen Keanes Perspektiven aus? Gestern nahm der Trainer freiwillig an der Jahreshauptversammlung der Rest-Anteilseigner des Clubs teil. Er und Clegg stellten sich deren Fragen und vor allem Keane konnte mit seinen ehrlichen Einschätzungen offensichtlich punkten. Sein Vertrag läuft im Sommer aus und er räumte ein, dass er nicht wisse, wie lange er noch im Amt sein werde und ob das sein letztes ‚Annual General Meeting‘ sei. Von den 150 anwesenden Anteilseignern forderte niemand Keanes Rücktritt, aber die Stimmung dürfte in weiten Teilen der Anhängerschaft deutlich angespannter sein.

Momentan scheint es vor allem darum zu gehen, ob Keane seinen Vertrag erfüllt oder vorzeitig gehen muss. Clegg und Evans unterstützen Keane, aber ersterer gab zu, dass es einen Punkt gäbe, an dem man neu überlegen müsse. Die Rede war von 20 weiteren sieglosen Spielen, aber das war natürlich eine Übertreibung. Schon am Wochenende könnte es eng werden, wenn die Tractor Boys auch beim Tabellenletzten Preston North End verlieren sollten. Deren Trainer steht genauso unter Druck und hat ebenfalls eine Verbindung zu Manchester United: Er heißt Darren Ferguson und ist der Sohn von Sir Alex.

(Eine gute Zusammenfassung zur Lage bei Ipswich Town gibt es auch hier.)

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Ein Kommentar

  1. […] Der Hintergrund von Hopps Äußerungen: Nach Jahren der Investitionen will er die TSG mit Hilfe von Transfererlösen ‘auf eigene Beine stellen’. Es ist nicht davon auszugehen, dass er vor hat, eventuelle Gewinne abzuschöpfen. Trotzdem ähnelt sein Verhalten dem eines x-beliebigen Investoren, der Geld in einen englischen Verein steckt. Die Nichteinmischung ins operative Geschäft, die die 50+1-Regel zum Ziel hat, konterkariert Hopp mit seinen Äußerungen deutlich. Er mischt sich sogar so deutlich ein, wie es die Investoren in England eher selten tun. Gerade die Mehrheitseigentümer, die auch Fans ihres Clubs sind, lassen in der Regel die sportliche Führung, der sie vertrauen, in Ruhe arbeiten. Und es gibt diejenigen, die wie Ipswich Town-Besitzer Marcus Evans überhaupt kein Interesse daran haben, in der Öffentlichkeit zu stehen. […]

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