Spannung ohne Drama

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1. Bundesliga, 10. Spieltag / BVB 0 VfB Stuttgart 0

Es wäre ein guter Tag gewesen, um Geschichten zu schreiben. Nach dem legendären 4:4 zwischen BVB und VfB in der Vorsaison wünschte sich die Fußball-Öffentlichkeit eine würdige Fortsetzung. Julian Schieber, Doppel-Torschütze vom Frühjahr, hätte sich in schwarz-gelb fünf Minuten nach seiner Einwechslung in die Schlagzeilen schießen können. Robert Lewandowski hatte in der 89. Minute das Last-Minute-Drama auf dem Fuß, traf aber mit einem tollen Drehschuss aus Abseitsposition nur die Latte. So wird von dem spannenden und guten Spiel längerfristig allenfalls der lupenreine Ellbogencheck gegen Sebastian Kehl in Erinnerung bleiben, in dessen Folge der Übeltäter Holzhauser nur Gelb sah und der BVB-Kapitän die Partie beenden musste. Und dann ist da noch die Erkenntnis, dass der Stuttgarter Rechtsverteidiger Gotoku Sakai stark an Nelson „bitte schieß uns in die Champions League“ Valdez erinnert. Rein vom Aussehen her – fast schon ein Lookalike.

Beim Verfolgen der Begegnung, übrigens mitten im Schwabenland unter lauter VfB-Fans, fühlte ich mich wirklich gut unterhalten, auch wenn diesmal die Tore fehlten. Doch wie nach dem 4:4 bleibt natürlich das Gefühl zurück, dass man ein Heimspiel gegen Stuttgart auch gewinnen kann. Die Chancen waren allemal da, es hätte wieder torreich werden können, auf beiden Seiten. Den Gästen ist zu bescheinigen, dass sie den schwachen Saisonauftakt vergessen gemacht haben – sie legten einen starken Auswärts-Auftritt hin. Blitzsauber kann man ihn leider nicht nennen; der völlig unnötige Ellbogenschlag von Holzhauser gegen Kehl trübte das Bild ebenso wie eine Attacke von Kvist gegen Lewandowskis Fuß. Beide Fouls wurden mit Gelb bestraft – ersteres wäre nach der seit einigen Jahren geltenden Regelauslegung eigentlich ein klassischer Fall für Rot gewesen.

Kehls Auswechslung war eine Schwächung, die die defensive Stabilität sinken ließ. Moritz Leitner und Ilkay Gündogan machten ihre Sache im Mittelfeld ordentlich, konnten aber nicht verhindern, dass die Borussia durch die im Laufe des Spiels immer sporadischeren Gegenstöße der Stuttgarter in Gefahr geriet. Die Schwarz-Gelben hatten ab der 20. Minute mehr vom Spiel und drängten die Schwaben in der zweiten Hälfte zeitweise hinten rein. Doch leider fehlten gestern hier und da ein paar Prozent, um die formstarken und gut stehenden Gäste noch öfter in Verlegenheit zu bringen. Niedermeier und Tasci, aber auch Linksverteidiger Boka machten beim VfB einen ausgesprochen wachen Eindruck.

Der BVB war den drei Punkten dennoch mehrmals nahe. Auf der Haben-Seite stehen neben guten Schüssen von Schmelzer und Götze vor allem eine Doppel-Chance von Hummels per Kopf sowie die schon erwähnten Schüsse von Schieber (geklärt von Ulreich) und Lewandowski. Mats Hummels war einer der Borussen, die gestern ein wenig unter ihrem Limit blieben. Bei seiner Torgelegenheit in der 29.Minute hatte er vor allem Pech, dass zunächst Ulreich mit einem Reflex den Ball an die Latte lenkte und dann Boka auf der Linie klärte. In anderen Szenen traf Mats jedoch vorne wie hinten die eine oder andere falsche Entscheidung – zweimal hätte Vedad Ibisevic dies beinahe ausgenutzt. Kevin Großkreutz war zwar wieder fleißig wie eh und je, aber nicht gerade effektiv und Marco Reus fand erst spät in die Partie.

Ein paar Prozent Leistung und ein paar Spieler weniger als gewohnt reichen dem BVB momentan nicht, um gegen formstarke Mannschaften drei Punkte zu holen. Jedenfalls nicht regelmäßig. Das war so zu erwarten und ist mit Blick auf die Tabelle derzeit kein Drama – obwohl die Schwarz-Gelben mehr Boden auf den Tabellenzweiten hätten gutmachen können. Eher noch ärgerlicher als der erneute Punktverlust gegen den VfB wäre ein Ausfall von Sebastian Kehl im Champions League-Spiel in Madrid am Dienstag. Die Ärzte haben festgestellt, dass der Kapitän sein Nasenbein ’nur‘ angebrochen hat. Vorbereitungen für seinen Einsatz in der spanischen Hauptstadt sind bereits angelaufen: Heute fertigt ein Sanitätshaus eine Gesichtsmaske für Kehl an. Jürgen Klopp sprach gestern allerdings nur von einer kleinen Möglichkeit, dass der Kapitän am Dienstag mitwirken kann. Hoffentlich nur ein wenig Understatement.

Die Aufstellung: Weidenfeller – Piszczek, Subotic, Hummels, Schmelzer – Gündogan, Kehl (20. Leitner) – Reus (76. Perisic), Götze, Großkreutz (56. Schieber) – Lewandowski

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8 Gedanken zu “Spannung ohne Drama

  1. Andy

    Was mich mal wieder sehr geärgert hat ist die Tatsache, das von den 3 min. Nachspielzeit, lediglich eine Minute wirklich Fussball gespielt wurde.. Aber statt die Zeit dann oben drauf zu packen pfeifft der Schiri nach drei Minuten ab. Desweiteren hätte auch Ibisevic nach seiner Aktion gegen Schmelle Rot sehen können.
    Im Endeffekt geht das remis aber in Ordnung. Klar hätte man das Spiel mit ein wenig Glück auch gewinnen können, doch wirklich zwingend waren die Offensivaktionen nicht. Momentan fehlt sehr vielen einfach die nötige Konstanz.
    Mal sehen wie die Mannschaft in Madrid auftritt. Wäre toll wenn entweder Manni oder Kehl einsatzfähig wären.

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  2. Ist wirklich unverständlich, die hiesige Auslegung der Nachspielzeit. Es kommt einem so vor, als ob die Schiedsrichter Auswechslungen als gespielte Zeit werten. Da wäre die Konsequenz mal wirklich gefragt, die häufig bei der Bestrafung von ‚Bekleidungsvergehen‘ an den Tag gelegt wird.
    Die Szene mit Ibisevic und Schmelzer habe ich nicht mehr im Kopf.

    Drei Punkte wären sicherlich nicht unverdient gewesen, ein Punkt für den VfB ist es aber auch nicht. Mehrere Spieler und (ich glaube) auch Klopp haben es ja gesagt: Wir hatten die Chancen, es hätten aber noch mehr sein können.

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  3. Danke für den guten Link! Man könnte so argumentieren, wie du das beschreibst, aber aus dem Artikel geht hervor, dass ja sogar schriftlich fixiert ist, dass Auswechslungen als Nachspielgrund gelten. Dies steht nach wie vor im Regelwerk – habe ich noch mal überprüft.
    Bei Toren ist das nicht festgelegt; da könnte man sagen, die gehören wie Einwürfe und Abstöße zum Spiel, so dass deswegen nur nachgespielt wird, wenn sie zu besonders langen Unterbrechungen, z.B. durch exzessiven Jubel, geführt haben.

    Da natürlich Auswechslungen im Gegensatz zu Toren planbar sind und offensichtlich zum Zeitschinden genutzt werden, wäre es gerade hier sinnvoll, eine Faustregel wie im Artikel vorgeschlagen einzuführen. 30 Sekunden für eine Auswechslung obendrauf klingen vernünftig.

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  4. trurll

    Da hast du absolut recht, ich finde es auch ein bisschen verdreht zu sagen, Auswechslungen und Tore sind normale Spielzeit und nicht nachspielzeitrelevant.
    In England gab es doch in letzter Zeit ein paar Spiele, in denen erheblich nachgespielt wurde. Müsste ich mal nachschauen, aber ich glaube, ein Spiel ging über 100 Minuten (keine Verlängerung). Könnte man sich ein bisschen ein Beispiel dran nehmen, das würde diese unsäglichen taktischen Auswechslungen mit sich vom Platz schleppenden Spielern zum Zeitschinden ausrotten.

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  5. Die späten Auswechslungen finde ich als taktisches Mittel durchaus legitim – um den Spielfluss des Gegners zu unterbrechen, wenn der einen in der Schlussphase hinten einschnürt o.ä. Aber sie dürfen eben nicht zum Zeitschinden dienen, also muss die Zeit nachgespielt werden.

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