In der letzten Minute der Nachspielzeit

1.Bundesliga, 9. Spieltag / BVB 2 Bayern München 2

Es war einer der Momente, die einen für den Augenblick mit dem Profifußball und der mäßig spannenden 1. Bundesliga versöhnen: Mit der letzten Aktion der Partie köpft – ausgerechnet – Anthony Modeste den Ausgleich für den BVB. Es war nicht ganz so spektakulär wie Malaga mit gleich zwei späten Toren, es war weniger spektakulär als Bremen aus Bremer Sicht. Doch im Kontext der ganzen Duelle der letzten Jahre gegen den FCB, die alle verloren wurden oder eher bedeutungslos waren, war das am Samstag groß. Ganz späte Glücksgefühle und zur Abwechslung auch mal Glück mit dem Schiedsrichter – was will man mehr?

Spielen gegen den FC Bayern muss man keinen geklauten Begriff wie „Classico“ geben; für die Borussia sind sie ohnehin der ultimative Härtetest und sportlich die wichtigsten Partien der Saison – zumindest, um zu sehen, wo man steht. Nun liegen die Schwarz-Gelben nach der stellenweise hitzigen Begegnung punktgleich nur knapp hinter dem Rekordmeister – das ist zu diesem Zeitpunkt ein ordentliches Zwischenergebnis.

Bayerische Sichtweisen bei Sky

Als Sky-Zuschauer war es interessant zu beobachten bzw. mitzuhören, wie sich nach der Partie zwei Narrative verselbständigten, die Akteure oder Ehemalige des FCB lanciert hatten. Zum einen war da die von Lothar Matthäus stammende Darstellung, die Bayern hätten die ersten 70 Minuten dominiert und der BVB wäre erst danach, also kurz vor dem Anschlusstreffer, in die Partie gekommen. Eine bestenfalls sehr oberflächliche, aber eigentlich unzutreffende Einschätzung. Die Gäste hatten zwar schon in der ersten Halbzeit mehr Ballbesitz und wirkten insgesamt passsicherer. Doch kamen sie bis zur Pause inklusive Goretzkas Tor nur auf einen Expected Goals-Wert von 0,05, die Borussia immerhin auf 0,26. Dass die Bayern dementsprechend vor dem Tor sehr effektiv waren, ist eine andere Sache.

In der zweiten Hälfte war die bayerische Dominanz dafür eindeutig – und nicht nur bis zur 70. Minute. Es gab den Dortmunder Anschlusstreffer nach 73 Minuten durch die Stürmer-Kombination von Modeste und Moukoko. Und es gab die Nachspielzeit nach der Gelb-Roten Karte von Coman. Dazwischen gab es die eine fast hundertprozentige Gelegenheit von Modeste im Fünf-Meter-Raum (laut xG-Wert war es eine 51%-Chance). Aber eigentlich ließen die Bayern den BVB nach dem Anschlusstreffer die meiste Zeit laufen, ohne dass die Schwarz-Gelben an den Ball kamen. Tatsächlich können sich die Roten vorwerfen, dass sie die Führung etwas zu arrogant verwalten wollten. Aber bis in die Schlussminuten gelang ihnen das recht souverän.

Das zweite Narrativ, das bei Sky am Ende hängen blieb, war natürlich, dass Jude Bellingham für seinen Tritt in Alphonso Davies‘ Gesicht eigentlich Rot, aber zumindest zwingend Gelb-Rot hätte sehen müssen. So sahen es Julian Nagelsmann und Lothar Matthäus, nach Ansicht der Bilder wenig überraschend auch Manuel Neuer. Zwischendurch hatten Schiedsrichter-Experte Axel Feuerherdt von Collinas Erben und der tatsächliche Mann an der Pfeife Deniz Aytekin versucht zu erklären, warum die Gelb-Rote Karte möglich, aber nicht zwingend war. Aber für subtile Zwischentöne ist Lothar Matthäus sicher nicht der richtige Ansprechpartner.

Aytekins Weisheit und Dortmunder Ängste

Natürlich war es nicht das erste Mal, dass ein Schiedsrichter bei der Entscheidung über einen Platzverweis das bisherige Auftreten eines Spielers mit einbezog. Und zweifellos war die gegebene Gelbe Karte gegen Bellingham sehr hart – man kann sogar darüber streiten, ob überhaupt ein Foul vorlag, da Jude vor allem den Ball traf. Wenn der Spieler später unabsichtlich seinen Gegenspieler, den er gar nicht richtig sehen kann und der den Kopf ein Stück nach unten nimmt, im Gesicht trifft, ist das sicher nicht der „Glatt-rot“-Fall aus der sommerlichen Regelschulung, die Julian Nagelsmann anführte. Es gab zwei andere Entscheidungen von Aytekin, die er falsch für den BVB pfiff und die das ZDF später zeigte. Es gab auch Szenen, in denen es die Bayern härter hätte treffen können. Alles in allem durften am Samstag wahrscheinlich die Schwarz-Gelben glücklicher mit dem Schiedsrichter sein. Und es wurde auch Zeit!

Die Probleme des BVB hingen am Samstag vor allem mit der respektvollen Zweikampfführung zusammen. Gegen die Bayern wird da eher auf passives Begleiten und Abschirmen gesetzt. Natürlich wird das von Edin Terzic nicht so vorgegeben, aber in vielen Szenen hatte man den Eindruck, die schwarz-gelben Jungs hatten Bedenken, aktiv in den Zweikampf zu gehen. Womöglich aus Angst, ihn zu verlieren, zu foulen oder zu spät zu kommen. So waren die Borussen eben auch zu weit weg, als Goretzka und Sané trafen – nicht gerade aus Nahdistanz.

Meyer und Märchen

Auch BVB-Fans können übrigens vorschnell und oberflächlich sein. In der jüngsten Ausgabe des BVB-Podcasts der Ruhr Nachrichten hatte ein Hörer gefragt, ob Alexander Meyer nicht der beste BVB-Ersatztorwart seit Jahren sei – natürlich vor dem Hintergrund seines starken Auftritts in Sevilla. Aber zu diesem Ergebnis kann man nicht kommen, wenn man Meyers bisherige Einsätze in der Liga betrachtet. Ja, sein einziger größerer Fehler war wohl der City-Ausgleich in Manchester. In der Liga hat sich Meyer noch keine offensichtlichen Patzer geleistet, aber eben auch nicht nur unhaltbare Treffer kassiert. Gegen die Bayern erschien keines der beiden Gegentore komplett unhaltbar, wobei das zweite deutlich machbarer für den Keeper aussah. Alexander Meyer ist ein ordentlicher zweiter Mann, aber man darf sich schon auf die Rückkehr von Gregor Kobel freuen.

Das Ende war dann einfach märchenhaft: Der BVB wirft in der Nachspielzeit doch noch mal alles, inklusive Alexander Meyer, nach vorne. Nico Schlotterbeck hat diese bockstarke Aktion, bei der er erst den Ball vor der Torauslinie rettet und ihn dann in hohem Bogen auf Anthony Modestes Kopf am langen Pfosten befördert. Der viel Hinterfragte trifft. Wahnsinn. Enthemmung. Bier in der Luft. Genialer Moment. Aus!

Die Aufstellung: Meyer – Süle, Hummels (46. Wolf), Schlotterbeck, Guerreiro – Bellingham, Can, Özcan (54. Adeyemi) – Brandt, Malen (70. Modeste) – Moukoko (89. Hazard). Gelbe Karten: Bellingham, Can, Adeyemi. Tore: Moukoko, Modeste

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